Der untergegangene Odysseus

Umrisse einer ’bildtreuen’ Inszenierungslehre, dargestellt an Kleists "Käthchen von Heilbronn"

Abstract

Von Matthias Schumann

(Kleist-Archiv Sembdner der Stadt Heilbronn, Die Wissenschaftsseite)

Gegen das sichere Wohlbefinden im Theater zur opponieren, haben sich viele Theatermacher auf die Fahnen geschrieben. Dabei gehen sie oft den Weg einer vermeintlichen Provokation, im Bewußtsein der ursprünglichen zerstörerischen Kraft der Theaters, dessen Herkunft im Dunkel des Mythos und des Rituals liegt. Diese Ursprungskraft des theatralen Moments besteht, das Theater versucht sich immer wieder — mit sehr wechselhaften Erfolgen — auf sie zu besinnen.

Der bürgerliche Rezipient hingegen, gefestigt in seiner ordnenden Welt, will sich der Unruhe, der Verunsicherung entziehen und versucht diesen zu entkommen. Dazu errichtet er sich neue Ordnungssysteme und schafft Institutionen der "Theaterverwaltung". Das Werkzeug dieser Ordnungsstiftung wird mit dem Begriff "Werktreue" eingeführt und dient als Hauptargument gegen das allzu zersetzende Potential des Theaters und wird oft als "schlagende" Waffe gegen Theatermacher eingesetzt.

Die vorliegende Arbeit setzt sich mit dem Umfeld der Diskussion um werktreues Theater und bürgerlicher Erwartungshaltung auseinander. Der allgemein gängigen historische Absicherung einer als "texttreu" verstandenen Bewahrung des dichterischen Werkes wird ein eher theaterbezogener Entwurf entgegengesetzt, die sogenannte "Bildtreue". Die Orientierung an historischen Bildlichkeiten versteht sich als Impuls, die verfestigte Debatte um das "das-hat-der Dichter-so-gewollt" und das "das-steht-nicht-im-Text" zu lösen und nach neuen Ausrichtungen zu suchen, die dem komplexen (Zeichen-)System einer Aufführung näherkommen.

Jürgen Flimms schon legendäre Kölner Inszenierung des "Käthchen von Heilbronn" von 1979 steht exemplarisch für eine mögliche Deutung dieser Art Die historische Verankerung von Text, Autor und Inszenierung erklärt sich über die genauere Untersuchung der Kleistschen Bilderwelten, der bildenden Kunst und der ästhetischen Debatten seiner Zeit und der in den erhaltenen Briefen gemachten Lebensäußerungen Heinrich von Kleists.

Die Inszenierung als Medium scheint auf diese Weise in der Lage zu sein, verschiedene literarische und historische Ebenen miteinander zu verknüpfen, gewissermassen einen panoramischen Blick auf Autor, Werk und Historie zu ermöglichen — eine Wahrnehmung, die sich von der musealen Konservierung durch "werkgetreue" Inszenierungen weit entfernt.

Matthias Schumann, geb. 1965, Studium der Literaturwissenschaft, Philosophie und evangelischen Kirchengeschicht an der Universität Hamburg, Magister im Jahre 1993 mit der vorliegenden Arbeit bei Jan Hans und Marianne Schuller, zur Zeit Doktorand in Hamburg bei Marianne Schuller und Matthias Kroeger mit einer Arbeit über Jakob Michael Reinhold Lenz. Themenschwerpunkte: Literatur und Theater des ausgehenden 18. Jahrhunderts, historische und literarische Entwicklung in Wandel- und Wechselzeiten, interdisziplinäre Verbindungen zwischen Literatur, Theater und bildender Kunst


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