Von Marc Oliver Schäfer
(Kleist-Archiv Sembdner der Stadt Heilbronn, Die Wissenschaftsseite)"Die Heilige Cäcilie oder die Gewalt der Musik", eine der beiden Legenden, die Kleist kurz vor dem Doppelselbstmord am kleinen Wannsee 1811 schrieb, hat seit jeher die Gemüter der Interpreten bewegt. Es ist dies wohl teils auf den religiösen Charakter dieser Novelle, teils auf deren strukturelle Brüchigkeit zurückzuführen. Der Ausgangspunkt all dieser Brüche, gleichsam deren Auslöser, Dreh- und Angelpunkt scheint immer und immer wieder die Musik zu sein, eben jene Musik, von deren "Gewalt" der Untertitel dem Leser kündet.
Musikalische, kompositorische Prinzipien als strukturelles Element bei Kleist zu suchen, scheint zunächst überraschend, hat er sich doch als Musiker, außer als Klarinettist und Hausmusikant, so wenig hervorgetan. Doch mit Blick auf den Essay "Empfindungen vor Friedrichs Seelandschaft" und die darin angesprochene, gleichsam geforderte Stofflichkeit in der Landschaftsmalerei, im folgenden Substantiation genannt, lassen sich Rückschlüsse ziehen, die es möglich machen, daß Kleist musikalische Gesichtspunkte im Sinn hatte, als er die "Heilige Cäcilie" niederschrieb.
In der "Heiligen Cäcilie" wie auch in den "Empfindungen vor Friedrichs Seelandschaft" geht es um die Frage: "Ist die Empfindung von Erhabenheit durch Kunst, durch ein einzelnes Kunstwerk darstellbar oder gar vermittelbar?" Wahr ist, daß es sich in beiden Texten um zwei im Kantschen Sinne unterschiedliche Arten des Erhabenen handelt; beschäftigt sich der Caspar-David-Friedrich-Essay mit dem dynamisch Erhabenen, so ist der Gegenstand der "Cäcilien"-Erzählung das mathematisch Erhabene. Maßgeblich ist jedoch weniger die Art des Erhabenen, als vielmehr dessen Vermittlung, auf sie zielt die Fragestellung beider Texte hin.
Nach den theoretischen Überlegungen im Friedrich-Essay scheint es doch nur zu offensichtlich, daß Kleist von dem Gedanken, das Gefühl des Erhabenen zu transportieren, fasziniert war. So ist es durchaus einleuchtend, warum er sich in einer späteren Arbeit, die sich ausschließlich mit einem Kunstwerk und dessen "Gewalt" befaßt, den Gedanken an die Substantiation erneut aufgreifen und ihn realisieren sollte.
Dies zu tun bedarf einer Form. Besonders eine Form erfreute sich in der Romantik größter Beliebtheit: die Sonatenhauptsatzform oder Sonatenform. Entstanden gegen Ende der Wiener Klassik im Streichquartett, wurde sie in der Romantik, wegen ihrer in der Durchführung gebotenen Freiräume, in den berühmtesten Beispielen wohl bei Beethoven, oft benutzt. Diese Form ob ihrer Innovation und ihrer oben genannten Möglichkeiten dürfte Kleist wohl am meisten von allen musikalischen Formen gereizt haben. Ziel der Arbeit "Die Gewalt der Musik" ist somit, die Struktur des Sonatenhauptsatzes in Kleists Novelle von der "Heiligen Cäcilie" nachzuweisen und so sein Gedankenexperiment zur Vermittlung des Erhabenen in der Kunst - oder besser: zur Vermittlung einer erhabenen Empfindung durch ein Kunstwerk nachzuvollziehen.
Marc Oliver Schäfer, Jahrgang 1971, seit 1993 Studium der Germanistik und Anglistik an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen