Parther oder Perser (Der Zweikampf)

Die wechselnden Aushöhlungen des Zeitbegriffs einerseits und die facettenreiche Rolle des Raumes andererseits konnten in den vorangegangenen Betrachtungen zu den ersten vier Texten des zweiten Bandes der 'Erzählungen' jeweils getrennt voneinander behandelt werden. Der die Sammlung beschließende 'Zweikampf' nun enthält zwar auch einige die Zeitgestaltung angehende Wunderlichkeiten. So ließe sich als vereinfachende Reminiszenz an die kunstvolle Verzögerung des Dunkelwerdens in der 'heiligen Cäcilie' jene Schilderung nach Littegardes Vertreibung aus der väterlichen Burg ansehen, in der Littegarde, noch ehe sie den Eingang des verstreut im Tale liegenden Dörfchens erreicht hat, entkräftet niedersinkt und "wohl eine Stunde" liegenbleibt: völlige Finsternis deckt "schon die Gegend", als sie erwacht (238). Mehrere mitleidige Einwohner des Ortes umringen sie, man bietet ihr an, sie wieder auf das Schloß hinaufzuführen, doch Littegarde will ihre Wanderung fortsetzen. Unerachtet der Dauer, die der längere Disput mit den Leuten beanspruchen müßte, ist es dann aber die "Dunkelheit der hereinbrechenden Nacht", trotz derer Littegarde Anstalten macht, sich allein auf den Weg zu begeben. Weiterhin wird der mit Hilfe von Namenstagen und kirchlichen Festen genau fixierte Zeitverlauf der Erzählung durch die natürliche zeitliche Ausdehnung der Schwangerschaft der Kammerzofe Rosalie außer Kraft gesetzt. Das Kind des Grafen Rotbart hat die Zofe spätestens in der "Nacht des heiligen Remigius", am 30. September oder 1. Oktober, empfangen: pflegt der Graf auch "lange, ehe seine Begierde sich auf Frau Littegarde stellte", Rosalie "zur Nachtzeit auf sein Zimmer" zu ziehen (256), so weicht er nach der fraglichen Nacht "einer zweiten Zusammenkunft aus" (257). Das heißt, daß die Zofe, der eigens angeführten üblichen Entwicklung der Dinge gemäß "nach Verlauf von neun Monaten" (258), also spätestens nach dem 1. Juli, den Beistand der heiligen Margarete, der Patronin der Schwangeren, nicht mehr benötigt. Die Gerichte, bei denen die am Rhein wohnenden Eltern Rosalies wegen Unterhaltung des Kindes einkommen, beeilen sich, die "Entdeckung (...) zur Kenntnis des Tribunals" in Basel zu bringen. Die rheinischen Richter könnten sich jedoch viel Zeit lassen, denn der Zweikampf zwischen Jakob und Friedrich findet erst am "Margarethentag", dem 20. Juli, statt; nach diesem Termin ziehen sich die Genesung des einen und die Krankheit des anderen Kämpfers ("ein äußerst verderbter Zustand" der "Säfte" verhindert von Woche zu Woche die Heilung Jakobs; 255) in die Länge, so daß allerdings "nicht allzuviel an einem Jahreslaufe" als zeitlichem Rahmen der Erzählung "fehlen wird". Nur daß Beginn und Ende dieses Zeitstranges, der sich vom Remigiustag über die nach "fünf Monden" aus Straßburg eintreffende Erklärung, den "Montag nach Trinitatis" (234) und den Margarethentag bis zu dem erst nach mehreren Wochen ersichtlichen Resultat des Zweikampfs erstreckt, mit dem Beginn und Ende von Rosalies Schwangerschaft zusammenfallen, welche Schwangerschaft folglich einzigartigerweise gleichfalls ein Jahr dauern müßte.

Diese wenigen zeitlichen Irritationen aber bleiben isoliert, sind nicht wie in den anderen vier Texten in weitere Zusammenhänge eingebunden. Wofür der 'Zweikampf' sich hingegen in beeindruckendem Ausmaß interessiert, ist der "Begriff (...) der Bewegung, welcher beide Stücke [i. e. Raum und Zeit] vereiniget". Es scheint, daß Kleist sonst nur in der 'Marquise von O...' mit dem Moment der Bewegung systematisch operiert hat: liest man lediglich die Absatzenden dieser früheren Erzählung, so fällt auf, daß jene bis auf zwei oder drei Ausnahmen allesamt von bestimmten Bewegungen handeln: "(...) und kehrte in den Kampf zurück" (106), man "sah ihn (...) sich gegen die Übrigen verneigen und sich entfernen" (113), "(...) kehrte erst kurz vor der Abendtafel dahin zurück" (115), "(...) bat sie, über diese Äußerung nicht weiter nachzudenken, und reiste ab" (119), "(...) trug sie (...) in den Wagen, und fuhr ab" (126), "(...) eilte auf die Rampe, und verschwand" (129), "(...) schob die Papiere über einander, und ging weg" (131), "(...) entfernte sich aus dem Zimmer, und ließ sie allein" (138), "(...) stieg (...) in den Wagen, und fuhr dahin ab" (142) - dieser Auszug mag genügen, um den größeren Teil der Absatzenden der 'Marquise' als in die Prosa übernommene Schlüsse von Theaterszenen zu charakterisieren, als Abgänge, wie es denn auch zweimal heißt: "(...) verneigte sich ihr noch einmal, und ging ab (120); "(...) empfahl sich dem Forstmeister, (...) und ging ab" (128). Vor diesem Hintergrund bekommt das Vergessen, von dem am Ende des vierten und des fünften Absatzes die Rede ist (109), ebenso den Anstrich einer Bewegung im übertragenen Sinn, wie der Schlußsatz der Erzählung den vielen Abgängen - insbesondere des Grafen F... - einen Auftritt desselben in figürlicher Bedeutung entgegensetzt: bei seiner ersten Erscheinung ist der Graf der Marquise "wie ein Engel vorgekommen".

Im 'Zweikampf' ist methodisch eingesetzte Bewegung nicht bloß das gleichartige, eine spezielle Form räumlicher Veränderung in der Zeit auswählende Merkmal hervorgehobener Textpartien, sondern ein allseits und in zahlreichen Spielarten präsenter Faktor. Zu nennen wären zunächst solche Bewegungen auf der vertikalen Achse, wie sie im 'Bettelweib' und in der 'heiligen Cäcilie' anzutreffen sind: der Herzog Wilhelm legt sich nieder und stirbt; im nächsten Satz wird mitgeteilt, daß die Herzogin den Thron besteigt (229). Von oben bis unten zerreißt Herr Friedrich das Schreiben der Brüder Littegardes (242), die von der "Höhe eines heiteren und fast ungetrübten Glücks, in die Tiefe eines unabsehbaren und gänzlich hülflosen Elends" stürzt (238). Der Kaiser erhebt sich leichenblaß und steigt betroffen vom Altan herab (259), und wie das Bettelweib von Locarno erhebt sich Littegarde von dem Stroh, "das ihr untergeschüttet war" (250). Bezeichnend für den 'Zweikampf' ist aber, daß der Text sich nicht auf diese Eindimensionalität beschränkt, sondern der Raum zur Tiefe und Breite hin ausgezogen und so die Voraussetzung für allseitige Bewegungen geschaffen wird. Symptome dafür sind in den häufigen Angaben der entsprechenden räumlichen Relationen zu erkennen. Die Torflügel schließt Rudolf hinter seiner Schwester Littegarde; diese gewinnt ihre Besinnung wieder beim Anblick der Burg, die hinter ihr verschlossen ist (238). Frau Helena befindet über Littegarde: "Entrüstung, die sie der Worte würdigt, ehrt sie; unsern Rücken mag sie erschaun (...)" (252). Es wird nicht geklärt, weshalb Herzog Wilhelm sein Schloß - anscheinend gewohnheitsmäßig, denn der von Jakob gedungene "Bösewicht" hat sich darauf eingerichtet - nicht von vorne betritt; möglicherweise ist der Herzog auf der Suche nach dem Paradies, jedenfalls nähert er sich seinem Schloß über "den Park, der hinter" dem Gebäude liegt (229). - Breite des Raumes wird vor allem dadurch vermittelt, daß immer wieder von der Seite gesprochen wird, dem Nebeneinander von Figuren und Gegenständen, und zwar deutlich über das in handlungsbedingten Erfordernissen gründende Maß hinaus: ohne derartige Notwendigkeiten wird Jakob (der Rotbart hat seine unbärtigen Söhne genötigt, "an seiner Seite den alten Herzog, ihren Oheim, (...) zur Gruft zu bestatten"; 230) als dem Gericht "zur Seite" stehender Angeklagter bezeichnet (242), sieht Littegarde "Herrn Friedrichs Mutter und Schwestern zur Seite eintreten" (244). Rudolf wirft "seine eigene Frau (...) rasend auf die Seite" (237); das Schlußtableau läßt die Regentin "an der Seite des Kaisers" stehen, der zuvor an den "ihm zur Seite stehenden Arzt" eine Frage gerichtet hat (260). Nicht überraschen wird mithin, daß Rosalie sich mit Jakob auf "dem zur Seite stehenden Ruhebette" niederläßt (257), das sich in dem Seitengemach (252) eines Seitenflügels (257) befindet.

Den auf diese Weise konturierten Dimensionen des Raumes gemäß werden Vertikalbewegungen mit solchen verbunden, die räumliche Breite und Tiefe in Anspruch nehmen. Wenn, wie oben angeführt, Littegarde sich von dem ihr untergeschütteten Stroh erhebt und den Kämmerer Friedrich eintreten sieht, so wirft sie sich "rückwärts (...) zurück(...)" auf die Decken ihres Lagers; Friedrich stellt sich daraufhin ihr "zur Seite" (250). Vor dem Zweikampf steht Littegarde - sie hat vor Frau Helena ein Knie gebeugt (244) - vom Boden auf und führt Friedrichs Mutter und deren Töchter auf einige Sitze, die hinter dem Sessel aufgestellt sind, auf dem sie sich selbst niederläßt (245). Die erste Begegnung zwischen Littegarde und Friedrich, die ausführlicher geschildert wird - die Zusammenfassung der Vorgeschichte beider versäumt nicht, das Moment der Bewegung einzufügen: der Kämmerer hat Littegarde "einst auf der Jagd gegen den Anlauf eines verwundeten Ebers" das Leben gerettet (235) - steht ganz im Zeichen vertikaler Ortsveränderungen, die um horizontale und die Tiefe des Raumes nutzende bereichert werden. Es ist "ohngefähr Mitternacht", als Littegarde in der Trotenburg ankommt (239). Sie schickt einen Diener des Hauses, der ihr entgegenkommt, hinauf, um der Familie ihre Ankunft anzumelden. Unmittelbar darauf treten Friedrichs Schwestern vor die Tür, da sie "zufällig, in Geschäften des Haushalts, im untern Vorsaal" sind (welche "Geschäfte des Haushalts" auch immer ohngefähr um Mitternacht getätigt werden). Die Schwestern heben Littegarde vom Wagen und führen sie zu ihrem Bruder hinauf, der in Akten, womit ihn ein Prozeß überschüttet, versenkt, an einem Tisch sitzt. Auf das Geräusch, das sich hinter ihm erhebt, wendet der Kämmerer sein Antlitz und sieht Littegarde vor ihm auf Knien niedersinken. (Es ließe sich darüber streiten, ob jemand, der lediglich das Gesicht und nicht den Körper nach hinten dreht, einen anderen vor oder immer noch hinter sich sieht; die Schwierigkeit bleibt auch dann bestehen, wenn mit der Betonung gelesen wird, daß Littegarde vor Friedrich - und nicht vor den Akten oder dem Tisch - auf Knien niedersinkt.) Der Kämmerer steht auf und erhebt Littegarde vom Fußboden; nachdem diese sich auf einen Sessel niedergelassen hat, erzählt sie, was vorgefallen ist, und bittet Herrn Friedrich um einen Rechtsgehilfen, der ihr zur Seite stehen könne. Friedrich bietet sich selbst als Anwalt an und führt Littegarde zu seiner Mutter hinauf: Frau Helena hat sich bereits in ihr Schlafzimmer zurückgezogen. - Das Ergebnis der bewegten Unterredung von Wittib und Kämmerer ist, daß Friedrich sich drei Tage später auf einer Reise befindet.

Es hat den Anschein, daß das Reisen der natürliche Zustand jeder der Figuren der Erzählung ist. Aus der Lokalisierung des Tribunals und des Zweikampfs in Basel (sie werden in dieser Stadt angesiedelt, weil der Kaiser dorthin wegen "Verhandlungen mit der Eidgenossenschaft" gereist ist: 234) ergeben sich schon für Jakob, Littegarde und Friedrich nebst Mutter und Schwestern wiederholte Anlässe, eine Reise anzutreten. Darüberhinaus reist "fast die gesamte Ritterschaft von Schwaben und der Schweiz" zu dem Zweikampf nach Basel (243), und der rheinische Ratsherr erhält den Brief mit der gerichtlichen Aussage Rosalies, weil er "eben (...) in öffentlichen Geschäften nach" Basel abgeht (258). Beim Empfang der Nachricht von den Brüdern Littegardes, daß diese "wahrscheinlich (...) in der Welt umherirre", schickt Jakob heimlich Reiter aus (241). Hinzu kommen die vorgeblichen und vorgeschlagenen Reisen: Rosalie bittet sich unter einem Vorwand einen Urlaub aufs Land aus (256); "unfern ihrer väterlichen Burg an den Ufern des Rheins" soll Littegarde den Platz als Äbtissin in einem Frauenstift einnehmen (236), und Frau Helena legt ihr nahe, sich auf eines der Trotaschen Güter "jenseits des Rheins" zu begeben (244). Kann jemand nicht mehr reisen, so wie Jakob der Rotbart, der am Ende einer "Bahre" (258) bedarf, um sich fortzubewegen, dann wird zumindest die in rötlichen Flammen aufprasselnde "Leiche des Elenden (...) vom Hauche des Nordwindes in alle Lüfte verstreut und verweht" (260 f.).

Den Reisen an dem gröberen Ende der Bewegungsskala wären die feineren Ausformungen entgegenzusetzen: der Schloßvogt erinnert Frau Helena, daß "so viele Gemütsbewegungen" ihrem Sohn schädlich werden könnten (254). Wilhelm von Breysach ist nicht Fürst oder Markgraf, sondern tritt mit demjenigen Adelstitel in die Erzählung, der mit dem bevorzugten Objekt des 'Zweikampfs' in Verbindung steht: Herzog ist ja ursprünglich, wer das Heer zieht, in Bewegung versetzt. Und nach seiner Zusammenkunft mit dem Kaiser blickt dieser Herzog freudiger in die Zukunft, als während "des ganzen Laufs" seiner Regierung (227). Auch die Erklärung des Straßburger Pfeilmachers (231) und das Schreiben der Herren von Breda (241) laufen ein, statt einzutreffen oder anzukommen; im "Verlauf des Schreibens" an den Landdrost bezeichnet das Gericht "die Stunde und den Ort, in welchem der Graf (...) bei Frau Littegarde seinen Besuch" abgestattet hat (236). Die "natürliche(...) Wendung der Dinge" (232), die "sonderbar plötzliche(...) Wendung der Gesinnung" Jakobs (233), die "ganze Wendung, die die Sache" genommen hat (261), die Unwissenheit Littegardes, "wohin sie sich wenden solle" (238) und die Formulierung, daß Jakob "mit Übergehung der ersten, (...) gänzlich unauflöslichen Frage" dem Gericht antwortet (234), weisen gleichfalls Spurenelemente von Bewegung auf, an der auf ihre Art der Pfeil aus der Rüstkammer des Grafen Rotbart - nicht nur infolge der engeren Funktion eines solchen Gegenstandes - sowie die beiden Ringe von Jakob und Littegarde partizipieren.

In Straßburg angefertigt, reist zunächst "ein Schock (...) Pfeile" (231) zu dem Grafen; der eine Pfeil, der sich "aus dem Dunkel der Gebüsche" hin zu der Stelle "dicht unter dem Brustknochen" Herzog Wilhelms bewegt, ist mit einer derart ausführlichen Beschreibung bedacht, daß man geneigt ist, die Kennzeichnung "auf befremdende Weise" (231) weniger auf die Zierlichkeit und Prächtigkeit der Verarbeitung des Pfeils (was wäre befremdlich daran, daß ein Pfeil "zierlich und prächtig gearbeitet" ist?), als auf die Detailfreudigkeit der Schilderung dieser Waffe zu beziehen: keinem Requisit im erzählerischen Werk Kleists wird soviel Aufmerksamkeit gewidmet, und um den Umstand wahrscheinlich werden zu lassen, daß ein Pfeilmacher seine Arbeit wiedererkennt, bedürfte es gewiß nicht eines solchen Reichtums an Einzelheiten. Mit je drei Attributen sind Federn (stark, kraus, glänzend) und Stiel (schlank, kräftig, von dunklem Nußbaumholz) versehen. Zwei Verwendungsmöglichkeiten werden erwogen: der Pfeil scheint einem Mann zu gehören, der "entweder in Fehden verwickelt, oder ein großer Liebhaber von der Jagd" ist. Zwischen Zwei- und Dreizahl bewegt sich die Beschreibung des "vorderen Endes", dessen Bekleidung aus "glänzendem Messing" besteht, während die äußerste Spitze "scharf wie die Gräte eines Fisches" und "von Stahl" ist. Ohne daß damit die sonderbare Hervorhebung des Pfeiles geklärt wäre, mag ein Grund für dieselbe der sein, daß dieser Gegenstand eine weitere Reise als alle Figuren der Erzählung antritt, wobei er nicht auf die übliche Fortbewegungsweise eines Pfeiles angewiesen ist: die Herzogin schickt ihn auf Anraten des Kanzlers "in alle Werkstätten von Deutschland umher".

So wie Littegarde "von ihrem verstorbenen Gemahl" einen Ring empfangen hat (236), ist dem Grafen Jakob "von seiner verstorbenen Gemahlin" ein Ring verehrt worden (257). Drei Tage vor der Nacht des heiligen Remigius (252) - somit in der Nacht des heiligen Wenzel, der von seinem Bruder ermordet wurde -, läßt Rosalie im Namen der mit ihren Brüdern abgereisten Littegarde jenen Zettel an den Grafen zurück, worin sie ihn einlädt, sie in der Remigiusnacht in der väterlichen Burg zu besuchen (256). Am Morgen nach dieser Nacht steckt Rosalie Jakob den Ring Littegardes an den Finger, während der Graf drei Tage später seinen Ring auf das Bredasche Schloß schickt (257). Neben diesen Parallelen haben die beiden Ringe gemeinsam, daß sie ständig unterwegs sind. Der Ring Littegardes gelangt zuerst von der Burg ihres Vaters zu derjenigen Jakobs, der das Andenken anscheinend mit nach Basel nimmt: das dortige Gericht sendet den Ring zusammen mit dem Schreiben an den Landdrost (236). Den umgekehrten Weg zwischen den beiden Burgen macht hingegen Jakobs Ring, bevor er mit Rosalie bei deren am Rhein wohnenden Eltern eintrifft. Dort unternimmt das Kleinod kürzere Reisen: aus Furcht, für eine Diebin gehalten zu werden, kann die Zofe den Ring "nur sehr schüchtern zum Verkauf anbieten" und hat "seines großen Werts wegen niemand gefunden, der ihn zu erstehen Lust gezeigt hätte" (258). Die rheinischen Gerichte schließlich lassen durch den Ratsherren das Geschenk des Grafen zu diesem nach Basel befördern (ebd.).

Die unbelebten Objekte gelangen in den Sog der ubiquitären Ortsveränderungen. Diese werden weiterhin hervorgekehrt - als sei ein Anliegen der Erzählung, gegen die die menschlichen Körperbewegungen betreffenden Schlußfolgerungen der Geulincxschen 'Ethik' anzurennen -, indem der 'Zweikampf' mit Nachdruck von Schritten und Füßen in wörtlicher wie figürlicher Bedeutung berichtet. Jakob der Rotbart enthält sich "aller und jeder Schritte", den letzten Willen des Herzogs umzustoßen (230). Dessen Gattin schreitet nach "Beseitigung" der ersten Interessen zur Erfüllung ihrer zweiten Regentenpflicht (ebd.), und das Gericht macht sich bereit, in bezug auf den ihm "zur Seite" stehenden Angeklagten zu einer förmlichen Ehrenerkärung zu schreiten (242). Littegarde hat alle Ursache, "den Schritt, den Herr Friedrich" für sie tut, wohl zu überlegen (244). Über den Schritt, den Jakob getan hat (256), sind die Brüder Littegardes entrüstet; der jüngere jedoch stellt dem älteren vor, wie bedenklich der Schritt sei, sich mit dem Zettel des Grafen in dessen Gemach zu verfügen (253). Eine direkte Verbindung zu Füßen zieht der Satz, in dem die Herzogin sich glücklich preist, "mit dem Grafen, ihrem Schwager, auf einem so freundschaftlichen Fuß zu stehen, und nichts mehr" fürchtet, "als seine Empfindlichkeit durch unüberlegte Schritte zu reizen" (232). Nahezu groteske Ausformungen nimmt jener Konnex an, wenn Littegarde "auf Knien" mehrere Schritt weit vor Friedrich zurückbebt (250), um wenig später ihr Gesicht "ganz zwischen die Sohlen seiner Füße" zu bergen (251). Wie es in dieser Erzählung möglich ist, gleich mehrere Schritt weit auf Knien zurückzubeben, die Rede von Schritten sich somit noch da durchsetzt, wo der Kontext sie aufhebt, so wird an anderer Stelle der Boden einer Landschaft zum Fußboden: Littegarde wankt den Felsenpfad von dem Schloß ihres Vaters hinab, um sich für die einbrechende Nacht ein Unterkommen zu verschaffen. Doch ehe sie den Eingang des Dörfchens im Tal erreicht hat, sinkt sie schon auf den "Fußboden" nieder (238). Ist der Fußboden nicht mehr nur der "unterste boden" in einem "zimmer, überhaupt einem raum eines für menschen bestimmten gebäudes (...), der dazu ist dasz man darauf geht", dann tritt mit der den Unterschied verwischenden Bezeichnung dieser Aspekt an jedem Boden hervor, daß er für die Füße bestimmt ist, "dasz man darauf geht", sich auf ihm bewegt. Auf den Fußboden im üblichen Sinn (den aber der soeben zitierte Passus gerade zunichte macht) ist zuvor Littegardes Vater niedergeschlagen, mit "gelähmten Gliedern" übrigens (236), und Friedrich hebt Littegarde vom Fußboden empor, indem er selbst aufsteht (239). Mit "Füßen" stößt Rudolf seine Schwester von sich (237), während Graf Jakob mit Rosalie auf einem "nichtswürdige(m) Fuß" gelebt hat (256).

Daß Littegarde jenen Felsenpfad hinabwankt, nachdem sie über den Hofraum gewankt (237) und ihr Vater im Zimmer umhergewankt ist (236), das Volk in seinem Wohlwollen ebenso wankt (242) wie Friedrichs Knie "unter dem Gefühl" der "wunderbaren Rettung" wanken (259 f.), ist Ausdruck eines Bewegungsmodus, bei dem sich drohendes Fallen und der Versuch, dieses Fallen zu verhindern, die Waage halten. Für die beiden Konstituenten des Wankens hat Kleist ein den Text durchziehendes Wortpaar gefunden, dessen zwei Glieder sich in einem einzigen Konsonanten voneinander unterscheiden: stürzen und stützen. Es ist nach dem erwähnten "Sturz" von der Höhe eines heiteren Glücks in die Tiefe eines hülflosen Elends, daß Littegarde den Weg über den Felsenpfad nimmt, und zwar "gestützt am Geländer"; die Einwohner des Dörfchens, die sich dann ihrer annehmen, sind bestürzt, "sie in einer so trostlosen Lage zu wissen". Herzog Wilhelm hat noch die Kraft, die kaiserliche Legitimationsakte in den Armen seiner bestürzten Gemahlin vorzulesen, welche die beiden Klagpunkte gegen den Grafen Jakob "samt dem, worauf sie sich stützen sollten", an den Kaiser schickt (232). Der Graf (gegen Ende seines Lebens stützt er sich auf den Prior (259) und den Schoß des Arztes: 260) stützt seine Hände auf das Geländer, während er über die Gründe spricht, auf die das Gericht seine Anklage stützt (234); die Brüder Littegardes "heben" ihren Vater bestürzt vom Boden "auf" (236) und sind der Ansicht, daß die Schande ihrer Schwester den Vater ins Grab gestürzt habe (241). Auf das allgemeine Recht eines jeden Zuschauers gestützt, bittet sich Friedrich den Brief der Brüder zur Durchsicht aus (242); später stellt sich der Kämmerer, der wie Frau Helena in Besorgnis (244, 249) oder Verzweiflung (249) gestürzt wird, Littegarde zur Seite: "gestützt auf seine Mutter" (250). Diese meint, daß Littegarde - sie stützt kurz darauf ihr Haupt auf ihre Knie (252) - ihren Freund ins Verderben stürze (248). Und ihr Gesicht birgt Littegarde "mit verzweiflungsvoll vorgestützten Händen" zwischen die Sohlen der Füße Friedrichs, der bei den Worten seiner Freundin in Ohnmacht fällt, so daß Bertha und Kunigunde "jammernd über ihren entseelten Bruder" stürzen (251).

Zwischen Bewegung und Ruhe, den Polen, welche die beiden homöonymen Verben gegenwärtig halten, schwankt auch das auf der Ebene der Fabel zentrale Geschehen der Erzählung. In der Beschreibung des Zweikampfs von Jakob und Friedrich werden ferner die bislang skizzierten Fäden: die um Breite und Tiefe erweiterten Vertikalbewegungen und die mit ihnen einhergehenden Formeln "Seite", "Wendung", "vor und zurück" etc., die Ausprägungen allseitiger Bewegungen und die Rede von stürzen und stützen sowie von Füßen und Schritten, zu einem beeindruckenden Knoten geschürzt. Nachdem die Ritter aufeinander losgegangen sind, verwundet Herr Friedrich gleich auf den ersten Hieb Jakob den Rotbart; der Graf springt zurück und untersucht die Wunde, findet aber, daß die Haut nur obenhin geritzt ist. Er dringt wieder vor, und der Streit wogt zwischen beiden Kämpfern, "wie zwei Sturmwinde einander begegnen, wie zwei Gewitterwolken, ihre Blitze einander zusendend, sich treffen, und (...) getürmt um einander herumschweben". Der Kämmerer steht, Schild und Schwert vorstreckend, auf dem Boden, "als ob er darin Wurzel fassen wollte"; bis an die Knöchel und Waden gräbt er sich in dem absichtlich aufgelockerten Erdreich ein und wehrt die tückischen Stöße Jakobs ab, der "gleichsam von allen Seiten zugleich" angreift. Der Kampf hat schon, die Augenblicke der Ruhe mitgerechnet, fast eine Stunde gedauert, als sich ein Murren unter den auf dem Gerüst befindlichen Zuschauern erhebt. Es scheint, daß dieses Murren Herrn Friedrichs Einpfählung auf einem und demselben Fleck gilt. Jener ändert daraufhin seine Taktik, tritt mit einem mutigen Schritt aus der "Art natürlicher Verschanzung, die sich um seinen Fußtritt gebildet" hat, hervor und schmettert über das Haupt seines Gegners, dessen Kräfte schon zu sinken anfangen, mehrere Streich danieder, die der Graf jedoch unter geschickten Seitenbewegungen aufzufangen weiß.

Die Schilderung der "ersten Momente dieses dergestalt veränderten Kampfs" stellt, das einzige Mal in dem Text, die Vorgänge des Stürzens und Stützens (dem letzteren ist ein Tiefe des Raumes evozierendes Präfix beigegeben) in einem Satz nebeneinander: Friedrich hat ein Unglück, das die Anwesenheit höherer, über dem Kampf waltender Mächte nicht eben anzudeuten scheint; er stürzt, den Fußtritt in seinen Sporen verwickelnd, stolpernd abwärts, und während er, unter der Last des Helms und des Harnisches, die seine oberen Teile beschweren, mit "in dem Staub vorgestützter Hand" in die Knie sinkt, stößt Jakob ihm das Schwert in die bloßgegebene Seite. Der Kämmerer springt von der Erde empor. Er versucht zwar, das Antlitz rasch seinem Gegner wieder zuwendend, den Kampf fortzusetzen, aber während er sich auf seinen Degen stützt, stößt der Graf noch zweimal dicht unter dem Herzen zu; worauf Herr Friedrich zu Boden schmettert, und Schwert und Schild neben sich niederfallen läßt. Nachdem Jakob die Waffen über die Seite geschleudert hat, setzt er seinem Gegner, unter einem dreifachen Tusch der Trompeten, den Fuß auf die Brust; und "inzwischen alle Zuschauer (...), unter dumpfen Ausrufungen des Schreckens und Mitleidens, von ihren Sitzen" aufstehen, stürzt sich Frau Helena über ihren Sohn. Weder die ohnmächtig auf den Boden des Gerüsts gesunkene Littegarde, noch Friedrich, an dessen Haupt die Mutter niederkniet, ihren Sohn vom Boden aufhebt und das aus der Brust vordringende Blut zu stillen sucht, verweilen im Zustand der Bewegungslosigkeit: die Szene schließt damit, daß Littegarde aufgehoben und in ein Gefängnis getragen wird, während man Friedrich, als einen dem Gesetz Verfallenen, auf eine Bahre legt ("unter Beihülfe einiger Ärzte") und ebenso in ein Gefängnis trägt.

Mit diesem Strudel von Bewegungen kulminiert auf einer materialen Seite des Textes ein Moment, das sich gleichfalls hinsichtlich formaler Kriterien geltend macht. So antizipiert die Exposition des 'Zweikampfs' die Anlage der Fabel, welche auch in bezug auf erzähltechnische Aspekte unter dem Diktum der Bewegung steht. Die zahlreichen Informationen, die bereits der erste Satz über den Herzog Wilhelm vermittelt, lenken das Interesse auf diese Figur lediglich, um es abrupt wieder von ihr abzuziehen; berechtigte die prägnante Beschreibung der Situatiuon des Herzogs zu der Erwartung, daß von ihm im folgenden berichtet wird, so legt jener sich am Ende des kühn entworfenen einleitenden Absatzes nieder und stirbt. Die Verlagerung der Geschichte auf die Witwe und ihre Suche nach dem Mörder ist nur von kurzer Dauer und weicht der Friedrich-Littegarde-Handlung vollständig, indem das verknüpfende Element, die Frage nach der Täterschaft Jakobs, gänzlich aus dem Blickfeld verschwindet. Es ist nur noch um die Wahrscheinlichkeit der Anwesenheit des Grafen bei Littegarde in der Remigiusnacht zu tun, nicht mehr jedoch um die davon abhängige Möglichkeit, den Rotbart als Mörder in Betracht zu ziehen: daß und inwiefern Jakob einer Täuschung erlegen ist, wird ausführlich dargelegt, während das Bekenntnis des Grafen: "ich bin der Mörder meines Bruders" (260), zum Aperçu auf der Totenbahre gerät.

Ein subtiles Korrelat dieses schwankenden Rahmens der Erzählung ist der Modus der verba dicendi, die nur selten das Feststehende indikativischer Aussagen aufweisen. Bemerkenswert ist, daß in dem Text so häufig anzutreffende Verben wie vorgeben, meinen etc. ohne die Unterscheidung verwendet werden, ob der Sprecher etwa tatsächlich etwas vorgibt, oder ob er sich mit seiner Behauptung durchaus in Einklang mit den zu rekonstruierenden Fakten der Erzählung befindet, ohne Rücksicht darauf also, in welchem Verhältnis der Sprecher zu dem Wahrheitsgehalt seiner Aussage steht: übergeht zum Beispiel Jakob vor dem Tribunal die erste, ihm, wie er (nur) vorgibt, unauflösliche Frage (234), so wird andererseits die von dem Turmwächter übermittelte Antwort Littegardes durch das nachmalige Verhalten derselben plausibel; trotzdem heißt es, daß der Wächter jene Antwort empfangen zu haben vorgibt (25O). Auf diese Weise erhält das Versichern, Beteuern, Vorgeben den Status, der normale Modus des Aussagens zu sein; das solchermaßen gekennzeichnete Reden aber bleibt gewissermaßen ständig in der Schwebe, ist so offen für Richtigstellungen wie die Fabel für Schwerpunkte. Mehrere Ritter meinen, die "abgeschlossene Gemütsart" des Grafen Jakob zu durchschauen (230), Herr Godwin hingegen kennt, "wie er meinte", den Edelmut des Grafen zu gut, als daß er ihn der Ermordung des Herzogs für fähig hält (231). Die Brüder Littegardes erinnern sich, daß ihre Schwester den von ihrem Gemahl stammenden Ring auf einem Spaziergang verloren zu haben vorgegeben hat (237), beteuern, vergeblich Nachforschungen nach Littegarde angestellt zu haben, und sind der Meinung, daß die Schwester in der Welt umherirre (241). Jenen Ring, den aus Littegardes Hand empfangen zu haben Jakob versichert - er gibt später vor, den Turmwächter bestochen zu haben (255) -, schickt das Gericht an den Landdrost zusammen mit dem angeführten Schreiben, in dessen "Verlauf" man dem Vater "die Stunde und den Ort" bezeichnet, "in welchem der Graf, seinem Vorgeben gemäß", seinen Besuch heimlich abgestattet haben will (im Park des Herzogs will man "eine ganze Schar" Mörder wahrgenommen haben: 230). Unter dem Vorgeben, daß ein Gewitter heranziehe, findet sich Rosalie wieder auf der Burg ein, und die Zofe gebietet Jakob Schweigen: unter dem Vorgeben, daß das Schlafzimmer des Bruders ganz in der Nähe sei (257).

Die schwankende Redeweise der Figuren teilt der Erzähler, indem auch er Meinungen äußert. Die Herren von Breda geben ihre Schwester der Verfolgung der Gesetze preis, und die erzählende Instanz vermag nicht zu beurteilen, ob die Brüder Littegarde "wirklich für schuldig" halten, oder ob sie "sonst Gründe haben mochten, sie zu verderben" (241). Ferner wird an zentraler Stelle der Schilderung des Zweikampfs, an seinem Wendepunkt, kundgetan, daß Friedrich das Verfahren, sich eines eigenen Angriffs zu enthalten, der Forderung der Zuschauer aufopfert, obschon jenes Verfahren "auf guten Gründen beruhen mochte" (246). Selbst wenn der Erzähler nur vorgeben sollte, nichts über die Ursache der zunächst gewählten Kampftaktik Friedrichs zu wissen, steht er damit in einer Reihe mit den quecksilbrige Reden führenden Gestalten.

Der Kern, um den sich die zwischen täuschendem Vorgeben und richtigen Angaben bewegenden, der Verifikation harrenden Mitteilungen von Figuren und Erzähler gruppieren, ist offensichtlich die Frage nach dem Wahrheitsgehalt dessen, was Jakob beziehungsweise Littegarde bezüglich der Remigiusnacht vorbringen. Beide Positionen, die dem Anschein nach nicht nebeneinander bestehen können, werden unter dem Stichwort Wahrhaftigkeit vorstellig. Weder das Gericht in Basel (241) noch die Brüder Littegardes (237) zweifeln an der "Wahrhaftigkeit" der "Aussage" des Grafen, der die "Wahrhaftigkeit dessen, was er vor Gericht gegen" Littegarde "angebracht", auskämpft (253), dem Prior die "Wahrhaftigkeit der Angabe" beschwört (252) und "das heilige Sakrament auf die Wahrhaftigkeit seiner Aussage" nimmt (255). Den Kontrapunkt hierzu bildet das uneingeschränkte "Vertrauen in die Wahrhaftigkeit" der Versicherungen Littegardes, welches der "Lebenswandel dieser Dame" zu erfordern scheint (243 f.), sowie die schließliche Bestätigung dieses Scheins dadurch, daß die "Wahrhaftigkeit" der "Aussage" Rosalies nicht in Zweifel gezogen werden kann (258). Klammert man den verhältnismäßig gleichgültigen Komplex aus, daß Jakob trotz der Unvereinbarkeit seiner Behauptung mit der Littegardes nicht im eigentlichen Sinn gelogen hat, daß der Ausgang des Gottesurteils für den Grafen - er will ausdrücklich bloß die Wahrhaftigkeit "dessen, was" er, "Frau Littegarde betreffend, notgedrungen verlautbart, im ehrlichen ritterlichen Zweikampf beweisen" (242) - eine tüchtige Ungerechtigkeit ist, so bleiben zwei interessante Momente im Zusammenhang mit der als göttliche titulierten Entscheidung über die beiden Positionen: das Urteil, Kondensat der Entscheidungen, deren die vielen anderen Versicherungen, Beteuerungen und Meinungen bedürfen, wird mit dem Begriff der Auslegung verbunden und ferner mit einem spezifischen zeitlichen Index versehen, so daß eine Ursache für das Interesse des Textes an Bewegungen erkenntlich wird.

Das Gespräch Friedrichs mit seiner Mutter über die angemessene Deutung des Ergebnisses des Zweikampfs (248 f.) eröffnet der Kämmerer mit der Bemerkung: "(...) wo ist der Sterbliche, und wäre die Weisheit aller Zeiten sein, der es wagen darf, den geheimnisvollen Spruch, den Gott in diesem Zweikampf getan hat, auszulegen?" Wiewohl im 'Bettelweib von Locarno' und vor allem in der 'heiligen Cäcilie' mannigfache Formen und Komposita des Wortes "legen" erscheinen, wird nur in dem letzten Text des zweiten Bandes der 'Erzählungen', und nur dieses eine Mal im gesamten narrativen Werk, vom Auslegen gesprochen. Diesem Auslegen verleiht schon die Erwiderung Helenas ambivalente Qualitäten, indem der Verlauf der Erzählung deutlich machen wird, daß, der Auffassung der Sprecherin entgegen, ihre Frage keine rhetorische ist: "Hast du nicht, auf eine nur leider zu bestimmte und unzweideutige Weise, dem Schwert deines Gegners im Kampf unterlegen?" Wandelt sich in der Erwiderung das "Auslegen" der Bemerkung Friedrichs zu einem "Unterliegen", so tritt die wiederum mit dem Spruch Gottes verknüpfte "Weisheit aller Zeiten" gleichsam auseinandergezogen in der ebenfalls als Frage formulierten Überlegung des Kämmerers hervor, ob er nicht hoffen dürfe, sich "mit dem Schwert einen ganz andern Spruch Gottes zu erkämpfen, als den, der jetzt beschränkter und kurzsichtiger Weise dafür angenommen wird?" Und eine vierte nicht als solche gemeinte Frage, von Friedrich an Littegarde gestellt (254), bringt abermals die wahre Exegese in ein Abhängigkeitsverhältnis zum Lauf der Zeit, wobei die Rede vom "Auslegen" und "Unterliegen" noch durchschimmert: "Wo liegt die Verpflichtung der höchsten göttlichen Weisheit, die Wahrheit im Augenblick der glaubensvollen Anrufung selbst, anzuzeigen und auszusprechen?" Man wird die auf diese Weise charakterisierte Möglichkeit einer Wahrheit beanspruchenden Exegese um so mehr für ein Unterliegen halten, als bei derart beweglichen Relationen gar nicht mehr abzusehen ist, wie eine Deutung in den Genuß kommen sollte, verläßlich die wahre zu sein.

Reflexe auf die Bedeutung der Gegenüberstellungen verschiedener Zeitpunkte sind über den Text verstreut zu bemerken. So entschuldigt das in seinem Wohlwollen für den Grafen Jakob ja wankende Volk "jetzt", was es "früherhin" schwer gemißbilligt hat (242); der Graf hat, auf eine "schon damals" sehr anstößige Weise, vor allen anderen Frauen Littegarde ausgezeichnet (237). Diese versichert Friedrich, daß ihr die Behauptung Rotbarts nicht unerwarteter aus dem Munde eines "Parthers oder Persers, den sie nie mit Augen gesehen", hätte kommen können (240). Es kann kein Zweifel bestehen, daß Littegarde so wenig einen Parther mit Augen gesehen hat, wie sonst jemand nach der Beendigung der parthischen Herrschaft durch die Sassaniden im dritten Jahrhundert: wie denn entweder der Name Perser als Oberbegriff für die historischen Völker des Iran aufzufassen ist (die Disjunktion wäre in diesem Fall sinnlos), oder mit Parthern und Persern Angehörige der gleichen Volksgruppe, nur zu verschiedenen Zeiten, bezeichnet sind. Solche Konfrontationen differenter Zeitpunkte werden unmittelbar auf den Bereich des Verstehens und Auslegens gewendet, wenn Littegarde ein Knie vor Frau Helena beugt, "sobald sie [Littegarde] die Bedeutung dieser Worte [des Vorschlags, eines der Trotaschen Güter als Geschenk anzunehmen] in ihrem ganzen Umfang verstanden" hat (244). Ein "der ganzen damaligen Heilkunst unbekannter Eiter" frißt "bis auf den Knochen herab im ganzen System" der Hand des Grafen Rotbart um sich, so daß man genötigt ist, die Hand und "späterhin" den Arm selbst abzunehmen; aber "auch dies, als eine Radikalkur gepriesene Heilmittel vergrößerte nur, wie man heutzutage leicht eingesehen haben würde, statt ihm abzuhelfen, das Übel" (255). Und die Mutter Friedrichs bedauert, während sie ihren Sohn im Gefängnis besucht, einem Wort keinen Glauben geschenkt zu haben, das ihr der Prior noch kurz vor Eröffnung des Gottesgerichts anvertraut hat (251 f.).

Daß Frau Helena Informationen, die für die Deutung der Vorgänge um den Zweikampf von Wichtigkeit sind, mit dieser zeitlichen Verzögerung bekanntgibt, wiederholt sich nicht nur bei Littegarde (252 f.) und Rosalie (256 f.). Auch der Erzähler behält sich vor, dem Leser erläuternde Mitteilungen nachzureichen. Die Ähnlichkeit der Formel, mit welcher dies zweimal geschieht, täuscht über die Entwicklung, die zwischen den Einleitungen der beiden Rückgriffe stattfindet, eine Entwicklung, die das Nutzlose einer den Augenblick des Anzeigens und Aussprechens der Wahrheit willkürlich wählenden Weisheit nachzeichnet: "Nun muß man wissen" (235), mit diesen Worten wird Littegarde eingeführt und das für den Fortgang der Handlung Notwendige nachgetragen. Erfolgt die Beschreibung der Lage Littegardes direkt auf die erstmalige Nennung ihres Namens, so wird angesichts des Zeitpunkts, zu dem der Erzähler die Geschichte Rosalies anfügt, der Leser sich ähnlich chancenlos wie Jakob beim endlichen Ausgang des Gottesurteils in die Irre geleitet vorkommen. Der lakonische Tonfall ist nicht zu überhören, wenn, längst nachdem die Zofe erstmals aufgetaucht ist (237), verkündet wird: "Man muß nämlich wissen, daß der Graf schon lange, ehe seine Begierde sich auf Frau Littegarde stellte, mit Rosalien (...) auf einem nichtswürdigen Fuß lebte (...)" (256). Nun, das hätte man in der Tat wissen müssen; immerhin erfährt man es noch. Nicht so dagegen, ob der Graf, der seine Freunde "Brüder" nennt (232), der "Bruder" (234, 260) oder der "Halbbruder" (229) des Herzogs ist; ob Rosalie den Rotbart in ein "Seitengemach des unbewohnten Schloßturms" (252) führt oder "in eines der prächtigsten Gemächer des Schlosses selbst" (257); ob die Zofe einen Besuch "bei ihren Eltern" (237) vorschützt, oder sich "unter dem Vorwand, daß ihre Schwester krank sei, und daß sie dieselbe besuchen wolle", einen Urlaub ausbittet (256); und was Littegardes Mutter getan hat, bevor ihr die ohnmächtige Tochter in den Armen liegt (259). Der Augenblick tritt nicht ein - diese zeitliche Vagheit ist eben das der Auslegung Hohn sprechende Element -, da gesagt würde: "Nun muß man wissen, daß Rosalies Schwester bei ihren Eltern lebte", oder: "Man muß nämlich wissen, daß Littegardes Mutter" etc.

Diese Einzelheiten können schlechthin nicht verstanden werden, und gegen Ende der Erzählung sorgt ein abgründiger Satz der Herzogin für eine bestürzende Verallgemeinerung dieses Befundes. Wird zu Beginn des Textes dargelegt, daß die Regentin "lebhaft ihr Mißfallen" über die Papiere des Kanzlers äußert und "der Meinung" ist, "daß ein Irrtum oder eine Verleumdung dabei statt finden müsse" (232), so geraten diese Hinweise, der nachgereichten Geschichte Rosalies vergleichbar, zu Auslegungsmanipulationen, wenn die Herzogin nach dem Bekenntnis von Jakob und dessen Tod eine solche, ein Mehr an Wissen enthüllende, Mitteilung macht wie Frau Helena ihrem Sohn im Gefängnis: "Ha, die Ahndung meines Gemahls, des Herzogs selbst! (...) mir noch im Augenblick des Todes, mit gebrochenen Worten, die ich gleichwohl damals nur unvollkommen verstand, kund getan!" (260). Die Bemerkung, die ein letztes Mal in der Erzählung verschiedene Zeitpunkte gegeneinander ausspielt, schlägt nicht nur einen kleineren, zwielichtigen Bogen über den Text, sowie einen größeren zu den syntaktischen Mehrdeutigkeiten der 'Verlobung in St. Domingo' ("im Augenblick des Todes der Regentin" ist die Lesart, welche sich in der Erwiderung des Kaisers - er versetzt "in Entrüstung", antwortet also der Herzogin - fortsetzt: "so soll der Arm der Gerechtigkeit noch deine Leiche ereilen!"). Entscheidend ist die frappierende Opposition der "gebrochenen Worte" zu dem "gleichwohl", die sich in dem Satz formiert. Gerade gebrochene Worte, so wäre zu erwarten, sind nicht gut zu verstehen. Werden sie nur unvollkommen verstanden, gleichwohl es sich um gebrochene Worte handelt, dann sind die beiden möglichen Schlußfolgerungen aus der so geschilderten Opposition gleichermaßen desaströs. Entweder werden die klaren und vernehmlichen Worte zu denjenigen, die selbstredend nur unvollkommen verstehbar sind, oder der Unterschied zwischen deutlichen und gebrochenen Worten stellt sich als gänzlich bedeutungslos dar: in jedem Fall wird nur unvollkommen verstanden. In dem durch das Kundtun, durch den Verlauf des Schreibens bewirkten Zweikampf ist die Deutung je schon unterlegen.


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