Jedes der das Buchstabenspiel betreffenden Details reitet also einen Angriff auf die Glaubwürdigkeit von Existenz und Stellung dieses Spiels. Aus diesem Strukturmerkmal ergibt sich ein Anknüpfungspunkt zu dem Kapitelschluß eines Werks, an dem sich Kleist möglicherweise bei der Schilderung des Buchstabenspiels orientiert hat. Der Vergleich gestattet auch, eine Antwort darauf zu versuchen, was den Ausschlag für die Wahl des Materials Elfenbein gegeben haben könnte. - Das sechste Buch von Vergils 'Aeneis' berichtet von der Fahrt des Helden in die Unterwelt. Aeneas unternimmt diese Reise, um seinen toten Vater Anchises um Rat zu fragen, während es bei Kleist umgekehrt der Vater ist, der seinen toten Adoptivsohn in der Hölle aufsuchen will; zwar nicht um eines Rates, sondern um der Fortsetzung seiner Rache willen (214), aber wenn Aeneas dreimal vergeblich versucht, das Schattenbild seines Vaters zu umarmen, so ist jener wie auch Piachi der Ansicht, daß die Toten einen Leib haben, den man eben umarmen oder an dem man sich rächen kann (die Begrüßungsszene bei Vergil VI 684 ff.; zitiert wird im folgenden nach der zweisprachigen Ausgabe der Sammlung Tusculum, herausgegeben und übersetzt von Johannes Götte, München 1983). Nachdem Aeneas Prophezeiungen über seine Zukunft, die der Stadt Rom und ihrer Herrscher von Anchises erfahren hat, führt dieser seinen Sohn zu den beiden Pforten des Traumgottes. Die eine ist aus Horn, und ihr entstammen die "wahren Träume" (veris umbris), die andere besteht aus dem Material, das im 'Findling' irritiert: "schimmernd aus gleißendem Elfenbein ist die andre vollendet, /falschen Traum aber senden aus ihr zum Himmel die Manen" (altera candenti perfecta nitens elephanto, /sed falsa ad caelum mittunt insomnia manes; 695 f.). Daß Anchises gegen Ende des sechsten Buchs Aeneas gerade durch die Elfenbeinpforte aus der Unterwelt zu den Gefährten entläßt, hat Kommentatoren von der Antike an zu Interpretationen herausgefordert. Diejenigen der lateinischen Autoren Servius und Macrobius (bibliographische Angaben in: Virgil, Aeneid VI, edited with introduction and commentary by Sir Frank Fletcher, Oxford 1955) im vierten beziehungsweise fünften Jahrhundert (Servius: et poetice apertus est sensus: vult enim intelligi falsa est quae dixit) wie Eduard Norden, der 19O3 den bis heute ausführlichsten Kommentar zum sechsten Buch der Aeneis veröffentlicht hat, als "unsinnige symbolische Erklärungen" abzutun, wird schon deshalb nicht überzeugen, weil Nordens eigener Vorschlag: "Es war ein verbreiteter Glaube, daß die falschen Träume vor und die wahren nach Mitternacht kämen (...). Wenn Aeneas also durch das Tor der falschen Träume entlassen wird, so liegt darin nichts weiter als die Zeitbestimmung 'vor Mitternacht'" (S. 348) - zur Voraussetzung hat, daß dieser "verbreitete Glaube" ausgerechnet den in größerer zeitlicher Nähe zu Vergil stehenden lateinischen Kommentatoren unbekannt gewesen ist. - Es ist wahrscheinlich ein gerüttelt Maß an englischem Pragmatismus erforderlich, um wie Fletcher zu erwägen, daß Vergil schlicht auf die Frage zu antworten hatte, wie Aeneas aus der Unterwelt zurückkehrt, "and it might seem a matter of indifference by which gate he [Aeneas ist "neither a 'true ghost' nor a 'false dream'"] came out" (S. 1O1). Allerdings verwirft Fletcher seine eigene Erklärung wie die Nordens und auch eine dritte ("The gate of horn is the eye: the ivory gate represents the teeth. Virgil is telling, not what his own eyes have seen, but what he has heard from others") als unbefriedigend: "No decisive answer can be given: the interpretation must be left to the feeling and imagination of the reader" (ebd.). Bei einen Leser zu Kleists Zeit, der von diesen philologischen Bemühungen und dem Eingeständnis ihrer Vergeblichkeit noch verschont ist, wird die Elfenbeinpforte jedenfalls den Eindruck erweckt haben, den schon der Servius-Kommentar festhält: die Hadesfahrt, die während ihr geführten Gespräche und vorgetragenen Prophezeiungen geraten zu falschen Träumen. Die Mutmaßung, daß Kleist auf diesen Effekt mit den elfenbeinernen Buchstaben anspielt, wird sowohl durch die Umkehrung in der Konstellation des seinen Adoptivsohn in der Unterwelt aufsuchen wollenden Piachi gestützt; als auch durch den unten erörterten spezifischen Einsatz von Türen in der Erzählung, von denen es im 'Findling' mehr als die zwei gibt, die aus Vergils Hades führen.


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