Die Rezeptionsgeschichte dieses schwindelerregenden Satzes ist überraschend schmalbrüstig: Kurt Günther vergleicht die "'heikle' Stelle" mit dem bekannten Passus aus der 'Marquise von O...' ("Hier - traf er [Graf F...] (...) Anstalten, einen Arzt zu rufen (...)"; 1O6): "In der 'Verlobung' scheint es mir so, wie es ausgedrückt ist, plumper zu sein als der Gedankenstrich, den ich auch nicht unbedingt schätze. In der 'Verlobung' kommt es mir doch fast wie ein Wink mit dem Zaunpfahl vor" (a.a.O., S. 318). Johannes Pfeiffer notiert, daß die "künstlerische Schwäche des (...) rührend-unbeholfenen Satzes (...) auf der Hand" liege: "statt aussparend zu verwirklichen, gibt er eine umschreibende Verlegenheitsfloskel" (Wege zur Erzählkunst. Über den Umgang mit dichterischer Prosa, Hamburg 1953, S. 156, Anmerkung 3). Für "auffällig" hält Wolfgang Kayser die "Bemerkung, weil sie eine der ganz wenigen Stellen ist, an denen der Erzähler überhaupt mit einem Leser rechnet" (Kleist als Erzähler, in: Die Vortragsreise, Studien zur Literatur, Bern 1958, S. 17O). Bestimmt ist der Satz von raffiniertem Kalkül, doch mit welchem Leser wird wohl gerechnet, wenn dieser liest, was der Erzähler nicht erzählt? - Roland Reuß hat der Formulierung die gebührende Aufmerksamkeit gewidmet und läßt mit dem Satz den zweiten von drei Teilen beginnen, in die Reuß den Text, von dem ersten, als Einleitung aufgefaßten Absatz der Erzählung abgesehen, gliedert. Den Beginn des ersten beziehungsweise des dritten Teils markieren jene Sätze, die mit den Worten: "Nun weiß jedermann, daß im Jahre 18O3 (...)" (161) respektive "Aber wer beschreibt das Entsetzen (...)" (184) anfangen. Bei allen drei Teilen handelt es sich für Reuß "um exemplarische Ausbildungen von Erzählen, die in ihrer Aufeinanderfolge systematisch und doch frei auseinander hervorgehen" (a.a.O., S. 31). So einleuchtend die subtilen Beobachtungen zu den initiierenden Sätzen im einzelnen sind, so bedenklich erscheint die These hinsichtlich des Gefüges, in das Reuß jene Sätze stellt, hinsichtlich des Prozesses, der an ihnen ablesbar sein soll. Die letzte Stufe dieser Entwicklung - "Aber wer beschreibt das Entsetzen" - wird so gekennzeichnet: "Wenn der dritte Teil des Kleistschen Textes mit einem Kolon beginnt, welches mit allem Nachdruck nach dem beschreibenden Subjekt fragt (und dahinter versteckt: nach der Möglichkeit beschreibender Rede überhaupt), so ist (...) dies nicht etwa ein äußerlich rhetorisches Tun: Der Text artikuliert mit dieser Frage konzise die fortgeschrittene Problematik des Erzählens, und demgemäß ist auch die Rede vom 'Entsetzen' in der Nachfolge und auf dem Hintergrund der entsprechenden vom 'Platz' ["Nun weiß jedermann, daß im Jahre 18O3, als der General Dessalines mit 3O OOO Negern gegen Port au Prince vorrückte, alles, was die weiße Farbe trug, sich in diesen Platz warf, um ihn zu verteidigen"] und der 'Stelle' ["weil es jeder, der an diese Stelle kommt, von selbst liest"] zu lesen" (a.a.O., S. 37). Nun findet sich jene Formulierung aber wörtlich in der 'heiligen Cäcilie' ("Aber wer beschreibt das Entsetzen der armen Frau (...)", 22O) und im 'Zweikampf' ("Aber wer beschreibt das Entsetzen der unglücklichen Littegarde (...)", 25O). Das heißt, es wäre darzulegen, weshalb diese Wendung nicht eine von Kleist häufiger gebrauchte Floskel ist, und inwiefern ihr nur in der 'Verlobung' die Frage nach dem beschreibenden Subjekt (im emphatischen, nicht bloß rhetorischen Sinn) und das Bedeutsame der Rede vom "Entsetzen" zu entnehmen ist. Oder Reuß müßte zeigen, daß in den beiden anderen Erzählungen jener Formulierung gleichfalls diese ausgezeichnete Bedeutung zukommt. Der Umstand, daß auch im 'Michael Kohlhaas' ähnlich gefragt wird ("Aber wer beschreibt, was in seiner Seele vorging (...)", 44. "Aber wer beschreibt das Erstaunen, das ihn ergriff (...)", 1OO), würde allerdings ein solches Vorhaben noch zusätzlich erschweren.


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