Die Fortsetzung des Satzes lautet: "(...) und vernichtet durch die Vorwürfe, womit wir sie verschonen, verzweifeln". Mit der komplexeren rhetorischen Figur dieses Satzes - dessen ambivalenter erster Teil offen läßt, ob nicht Littegarde diejenige Entrüstung (ver)ehrt, die verbalisiert wird, während der zweite Teil eine Kardinalstelle in einer noch zu schreibenden Untersuchung zu Präsenz und Abwesenheit im Werk Kleists erhalten könnte - geht ein hörbarer Wohlklang einher, zu dem der koordinierte Einsatz von Labiodentalen (sechsmal w, viermal v und zweimal f) sowie von ü-Lauten beiträgt. Was die letzteren und den Vokalismus in den Erzählungen im allgemeinen betrifft, so gebührt Friedrich Koch das Verdienst, auf diesen Aspekt überhaupt einmal eingegangen zu sein (a.a.O., S. 310 ff; Koch ist der Auffassung, daß in "der späten Prosa Kleists [für Koch ist dies die 'Marquise' und der 'Michael Kohlhaas'] (...) der A-Laut mit solcher Häufigkeit auftritt, daß er alles in seinen Bann zieht"). Ansonsten hat lediglich Sembdner in einer Anmerkung zum 'Erdbeben in Chili' die Wahl eines "falschen Pronomen(s)" (seinen statt ihren Fluten, der Quelle nämlich, an der das Weib Josephe den kleinen Philipp reinigt; 148) auf ein "wahrscheinliches" Bedürfnis Kleists "nach ei-Lauten an dieser Stelle" zurückgeführt (siehe Kommentar, S. 903). Die These, daß einzelne Vokale, und zwar Umlaute und Diphthonge, in bestimmten Erzählungen dominant sind, kann im folgenden nur flüchtig umrissen werden. Die grundsätzliche Schwierigkeit einer ausführlicheren Beschäftigung mit dem Vokalismus würde darin bestehen, daß die Befunde nicht über ein bloßes Durchzählen zu erreichen sind. Mithilfe der sprachstatistischen Tabellen Helmut Meiers (Deutsche Sprachstatistik, Hildesheim 1967) läßt sich leicht berechnen, daß auf einer Druckseite der Sembdner-Ausgabe der Umlaut ü durchschnittlich ein dutzendmal vorkommen müßte. Dieser Wert wird im 'Zweikampf' zwar auf mehreren Seiten beträchtlich überschritten, über die ganze Erzählung gemittelt dagegen dürfte die Anzahl der genannten Laute nur unwesentlich über der statistischen Häufigkeit liegen. Eine Unterscheidung wäre zu treffen zwischen dem relativ gleichbleibenden Vorkommen solcher Wörter wie würde, müßte, dürfte etc. und einesteils denjenigen, die eine ausgezeichnete Stellung im Hinblick auf den zentralen Gegenstand des Textes behaupten und jenen Umlaut aufweisen: wie etwa das für den 'Zweikampf' fundamentale Wortpaar stützen und stürzen, oder solche gleichfalls mit Bewegung zusammenhängende Wörter wie Flügel, Füße oder Führer; andernteils dem gesucht wirkenden Gebrauch des ü-Lauts - nach fünf Monden läuft die Erklärung aus Straßburg ein, mit Akten ist Friedrich überschüttet, die Hölle anzuschauen ist Littegarde süßer als der Frühling des ihr in Liebe zugekehrten Angesichts des Kämmerers (251) -, welcher Gebrauch mitunter in ansehnliche Ballungen mündet. Aus dem Hause Alt-Hüningen stammt die Gattin des Herzogs Wilhelm, der aus Worms zurückkehrt, wo er die Legitimation eines natürlichen Sohnes ausgewirkt hat. Der Pfeilschuß bricht aus dem Dunkel der Gebüsche hervor, der Herzog wird mit Hülfe einiger Ritter zu seiner bestürzten Gemahlin gebracht. Die Vasallen erfüllen den letzten Willen Wilhelms und erkennen die Herzogin als Vormünderin an (229). Über den Hofraum wankt Littegarde der Schloßpforte zu, wo Rudolf ihr ein Bündel mit Wäsche hinausreichen läßt und selbst hinter ihr, unter Flüchen und Verwünschungen, die Torflügel verschließt. Dieser plötzliche Sturz, von der Höhe eines fast ungetrübten Glücks in die Tiefe eines gänzlich hülflosen Elends, ist mehr, als Littegarde ertragen kann (238; allein auf dem Rest dieser Seite erscheint der Vokal ü noch weitere neun Male). Und über die Folgen des Zweikampfs urteilt Jakob: "Denn er [Friedrich], von drei Wunden (...) getroffen, blüht (...) in Kraft und Lebensfülle; indessen ein Hieb von seiner Hand, der kaum die äußere Hülle meines Lebens zu berühren schien, in langsam fürchterlicher Fortwirkung den Kern desselben selbst getroffen (...) hat" (259). Verständlich wird, weshalb der heilige Remigius für das Ausgangsdatum des Textes in Frage kommt: die zwei letzten Silben dieses zwölfmal genannten Namens halten die beiden für den favorisierten Umlaut konstitutiven Vokale fest.

Während der bereits im Titel der 'heiligen Cäcilie' auftauchende Umlaut der Günstling dieser Erzählung zu sein scheint - in der es ja kaum Eigennamen gibt, die Berufs-, Nationalitäts- und Gruppenbezeichnungen "Prädikant", "Tuchhändler", "Äbtissin", "Niederländerin" und "jämmerliche Schwärmer" (221) dadurch besonderes Gewicht haben, und gründlicheres Verweilen bei den ä-Lauten dieses Textes seinen Ausgangspunkt bei solchen Sätzen nähme: "(...) man hatte einige Troßknechte, die an den Portälen standen, auf die unanständigste Weise geneckt, und sich die frechsten und unverschämtesten Äußerungen gegen die Nonnen erlaubt, die sich hin und wieder, in frommen Geschäften, einzeln in den Hallen blicken ließen (...)" (218); "(...) das Kloster [hat] noch bis an den Schluß des dreißigjährigen Krieges bestanden (...), wo man es, vermöge eines Artikels im westfälischen Frieden, gleichwohl säkularisierte" (219) -, hat der Diphthong ei in der 'Verlobung in St. Domingo' Vorrang in der oben skizzierten Weise; eventuell auch quantitativ, vor allem aber aufgrund des Umstandes, daß dieser Laut Bestandteil exponierter Wörter der Erzählung ist: Weißer, Schweizer, Freiheit, Eigentum, Reise, Heirat etc. Sollte sich einmal erweisen, daß der imaginäre Geier um Gustavs Herz, das Auspeitschen Babekans und die Streifereien Hoangos (161), die Titulierung "Greis" für Herrn Strömli und die Erwähnung des Rheins wie die oftmalige des Möwenweihers auch Momente einer vokalischen Strategie sind, so wird die zweimalige Nennung der Stadt Marseille ihren eigenen Reiz haben.

Kleist tüftelt.


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