Von Martin Mittelmeier
(Kleist-Archiv Sembdner der Stadt Heilbronn, Die Wissenschaftsseite)Das Kantische Konzept des Erhabenen ermöglicht eine theoretische Bestimmung des Bedürfnisses, der Strategie und der Struktur der Gewalttätigkeit der Marquise. Was da an Erschütterung aufgeboten wird, speist sich aus einem Unbehagen an der empirischen Verfaßtheit des Subjekts. Adorno liest die Kantische Einschränkung der Erkenntnisvermögen aufs kategorial Vorgeformte (deren Bedauern als Kant-Krise Kleists berühmt geworden ist) als bürgerliche Ideologie. Die Attacke des Erhabenen richtet sich dann gegen sämtliche Manifestationen bürgerlicher Subjektivität, die in der Marquise vor allem im Bereich familiären Fortbestands und häuslicher Einrichtung aufzuspüren sind.
Bei Kant garantiert der Eingriff des Erhabenen eine Versicherung
des intelligiblen Bereichs der Ideen. Wenn Kleist von diesem Angebot
innerhalb seiner Kant-Krise keinen Gebrauch macht, dann deutet
das an, wie das Vertrauen in den übersinnlichen Bereich zu
sinken vermag. Adorno will die Bereitstellung eines intelligiblen
Subjekts nicht anders als 'prolongierte Selbsterhaltung' verstehen.
Auch die daraus resultierende Veränderung des Erhabenen hin
zur bestimmten Negation ist in der Marquise auszumachen.
Von der affirmativen Qualität wie sie den Kriegshandlungen
zukommt, verschiebt es sich zur Negation des jeweils Bestehenden
wie zuletzt in dem verzweifelten, ortlosen Aufbegehren der Marquise.
Martin Mittelmeier
geb. 1971, ist Student der Komparatistik, Neueren deutschen Literatur und Philosophie in Berlin