Wenn Gott ins Bürgertum einfällt

Zur Inszenierung des Erhabenen in Kleists Marquise von O...

Abstract

Von Martin Mittelmeier

(Kleist-Archiv Sembdner der Stadt Heilbronn, Die Wissenschaftsseite)
Kleists Marquise von O... verläuft entlang einer Abfolge von Erschütterungen, deren Angriffsfläche sich zunehmend verengt. Der Krieg gelangt als Metaphorisierung der gräflichen Werbung in die Familie; der Vater antwortet der Tochter mit Pistolenschüssen wie zuvor dem Feind; zuletzt scheint sich der Schauplatz der Aggression gänzlich in die Figur der Marquise hinein zu verinnerlichen. Was hat es mit diesen Ausformungen von Gewalt auf sich, und was motiviert deren Veränderung?

Das Kantische Konzept des Erhabenen ermöglicht eine theoretische Bestimmung des Bedürfnisses, der Strategie und der Struktur der Gewalttätigkeit der Marquise. Was da an Erschütterung aufgeboten wird, speist sich aus einem Unbehagen an der empirischen Verfaßtheit des Subjekts. Adorno liest die Kantische Einschränkung der Erkenntnisvermögen aufs kategorial Vorgeformte (deren Bedauern als Kant-Krise Kleists berühmt geworden ist) als bürgerliche Ideologie. Die Attacke des Erhabenen richtet sich dann gegen sämtliche Manifestationen bürgerlicher Subjektivität, die in der Marquise vor allem im Bereich familiären Fortbestands und häuslicher Einrichtung aufzuspüren sind.

Bei Kant garantiert der Eingriff des Erhabenen eine Versicherung des intelligiblen Bereichs der Ideen. Wenn Kleist von diesem Angebot innerhalb seiner Kant-Krise keinen Gebrauch macht, dann deutet das an, wie das Vertrauen in den übersinnlichen Bereich zu sinken vermag. Adorno will die Bereitstellung eines intelligiblen Subjekts nicht anders als 'prolongierte Selbsterhaltung' verstehen. Auch die daraus resultierende Veränderung des Erhabenen hin zur bestimmten Negation ist in der Marquise auszumachen. Von der affirmativen Qualität wie sie den Kriegshandlungen zukommt, verschiebt es sich zur Negation des jeweils Bestehenden wie zuletzt in dem verzweifelten, ortlosen Aufbegehren der Marquise.

Martin Mittelmeier

geb. 1971, ist Student der Komparatistik, Neueren deutschen Literatur und Philosophie in Berlin


© 1998 Martin Mittelmeier
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