Von Peter Klandt
(Kleist-Archiv Sembdner der Stadt Heilbronn, Die Wissenschaftsseite)In der äußerlichen Zusammengehörigkeit des Quintetts liegt jedoch nicht der Grund dafür, daß entgegen sonst üblicher Aufteilungen lediglich der zweite Band der 'Erzählungen' zum Vorwurf einer Untersuchung wird. Anlaß für diese Beschränkung ist vielmehr die zentrale Position, welche die Begriffe Raum und Zeit nur in jenen fünf späten Texten einnehmen. Über das unumgängliche Maß an temporalen und lokalen Rahmenbedingungen hinaus stehen hier die Begriffe Raum und Zeit im Mittelpunkt, insofern ihnen Immanentes - etwa Kontinuität der Zeit, Mehrdimensionalität des Raumes und Diskretion seiner Teile - sich in verschiedenartiger und erfindungsreicher Weise als gemeinsamer Fokus in den einzelnen Erzählungen behauptet. In jeder von ihnen scheint außerdem die spezifische Rolle jener beiden Begriffe illustrativen Charakter zu haben, jeweils zu Aspekten eines einzigen Gegenstandes zurückzukehren. Diesen Zusammenhang nachzuzeichnen, das Thema zu umgrenzen, das zu den Variationen über Raum und Zeit gespielt wird, ist ein weiteres Anliegen der Untersuchung.
Wiewohl die Betonung der äußeren und der zu erörternden inneren Einheit der fünf Erzählungen diesen Eindruck erwecken mag, wird keine starke Zäsur zu den früheren Texten errichtet, die zwischen 1807 und 1810 veröffentlicht worden sind. Zwar sind im 'Michael Kohlhaas' wie in der 'Marquise von O...' oder dem 'Erdbeben in Chili' keinerlei Vorzeichen der systematischen Stellung auszumachen, welche den genannten Begriffen in dem zweiten Band zukommt. Andererseits ist die oftmals bemerkte Homogenität des erzählerischen Werks zu deutlich, als daß sie angesichts jener partiellen eigentümlichen Behandlung von Raum und Zeit übersehen werden könnte. Daß die hier vorgenommene Abgrenzung diese Einheitlichkeit nicht verkennt, findet auch Ausdruck in der Berücksichtigung der Verbindungen, die sich zu dem ersten Prosaband sowie zu den Briefen und den journalistischen Arbeiten Kleists angeben lassen.
Gänzlich außer acht bleiben die konventionellen Arbeiten
zur Funktion des Raumes und vornehmlich der Zeit, der Erzählzeit
etc., in literarischen Texten; sind die dort aufgestellten Kategorien
zu vage, um dem Versuch einer Näherung an die filigranen
Techniken Kleists hilfreich zu sein, so vermöchten eher die
Erzählungen jene Arbeiten als ergänzungsbedürftig
erscheinen lassen, als daß von diesen her die besagten Besonderheiten
zu fassen wären.
Peter Klandt
Geboren 1961. Studium - Germanistik, Philosophie, Theaterwissenschaften - in Berlin und Bonn, Magisterarbeit zu Heinrich von Kleist. Seit 1992 wissenschaftlicher Mitarbeiter bei Bundestagsabgeordneten. Freiberufliche Tätigkeit als Vater (1991 und 1995), Übersetzer (1991 Thomas De Quinceys Essay über Jean Paul, 1997 De Quinceys Literarische Porträts von Schiller, Herder, Lessing und Goethe), Lektor (1993 Biographie von Al Capone) und Rezensent im Internet (1996 Laurie Andersons CD 'Bright Red').