Der Kaufmann als Held

Zum Problem der bürgerlichen Identität in Kleists Michael Kohlhaas

Von Michael Hetzner

(Kleist-Archiv Sembdner der Stadt Heilbronn, Die Wissenschaftsseite)
Aber die alte Welt der Helden ist nun vergangen. Die Himmel über uns sind dunkel von Sentimentalität [...] nichts bleibt uns zu vergöttern als die Masse, die blinde, unausgeformte und unersättliche Masse; Nebel und Sumpfland vor uns, werden wir im verwesenden Morast einsinken, umgeben von Geschöpfen des Schlamms und des Schilfs.1

Was George Moore, offensichtlich ein naher Verwandter Nietzsches, hier mit dem emphatischen Duktus des 'Geistesaristokraten' beklagt, ist ein Motiv, das in der Literatur der Jahrzehnte vor und nach der Wende zu unserem Jahrhundert immer wieder auftaucht. Seine Metaphorik, mit der er die bürgerliche Massengesellschaft umschreibt, ist von Begriffen geprägt, die alle amorphe und nicht formbare Mengen bezeichnen, bei denen es nichts einzelnes, nichts individuell Unterscheidbares gibt ("Nebel und Sumpfland", "verwesenden Morast", "Geschöpfe[] des Schlamms und des Schilfs"). Sein elegischer Angesang ist freilich anachronistisch. Denn Moores Emphase übersieht, daß der Welt des Heldentums spätestens im 18. Jahrhundert die (ökonomische) Grundlage entzogen wurde. Moores Apologetik ist ein blindes, historisch unreflektiertes Aufbäumen gegen eine Entwicklung, die nicht umkehrbar ist. Die Welt des Heldentums, nach der er sich zurücksehnt, ist mit dem Aufkommen des bürgerlichen Marktes und seiner nivellierenden Tendenzen unwiederbringlich vorbei. Mit der fortschreitenden Industrialisierung und dem damit verbundenen Anwachsen der Städte sowie der Auflösung des traditionellen Welt- und Wertsystems kommt es zu einer fundamentalen Identitätskrise: zur zunehmenden Negation bürgerlicher Individualität und nivellierender Entpersonalisierung. Identität läßt sich nun nicht mehr problemlos aus einem allgemeinverbindlichen Sinnzusammenhang ableiten. Und dieser Nivellierungsprozeß betrifft, mit zunehmender Dynamik, nicht nur den Heroismus, sondern auch und vor allem das bürgerliche Individuum. So kann George Orwell einige Jahrzehnte nach Moore folgendes schreiben:

Wir sind alle tot. Tote Menschen in einer toten Welt [...] das Leben im verfaulenden Kapitalismus ist totenähnlich und bedeutungslos [...] Schau dir all diese verfluchten Häuser an mit ihren bedeutungslosen Menschen! Manchmal glaube ich, daß wir alle Leichen sind. Nur daß wir im Stehen verfaulen.2

Das Verschwinden des Heroismus und der Bedeutungsverlust des Individuums, den Orwell hier konstatiert ("tot", "totenähnlich und bedeutungslos", "Leichen", "im Stehen verfaulen"), sind zwei Seiten ein und derselben Medaille. Und je mehr das Vertrauen in die traditionellen Sinngefüge schwindet, desto problematischer wird die bürgerliche Identität.

Doch was hat all das mit Kleists Michael Kohlhaas zu tun? Worin besteht der Zusammenhang zwischen diesen Zitaten und Kleists Novelle? Ich denke, daß der Sinn- und Bedeutungsverlust des bürgerlichen Individuums in der aufkommenden Massengesellschaft und die so entstehenden Identitätskrise des Bürgers zentrale, wenngleich nicht auf den ersten Blick erkennbare Motive von Kleists Novelle sind. Nur wenn man diese Motive berücksichtigt, läßt sich das in der Literaturwissenschaft so breit wie kontrovers diskutierte Gerechtigkeitsmotiv sinnvoll erfassen. Außerdem besteht ein enger Zusammenhang zwischen diesen Motiven und der erstaunlich modernen Struktur von Kleists Erzählung. Einer Struktur, in der ansatzweise bereits zentrale Merkmale der literarischen Moderne zu finden sind.

Markt, Abstraktion und die Identitätskrise des Bürgers

Lisbeth, sein Weib, erblaßte bei diesen Worten. Sie wandte sich, und hob ihr Jüngstes auf, das hinter ihr auf dem Boden malte, bei den roten Wangen des Knaben vorbei, der mit ihren Halsbändern spielte, auf den Roßkamm, und ein Papier werfend, das er in der Hand hielt.

Die Frau ging in der Stube auf und ab; ihre Brust flog, daß das Tuch, an welchem der Knabe gezupft hatte, ihr völlig von der Schulter herabzufallen drohte (S. 20).3

Erbleichen, Erröten, Erblassen - das sind jene Chiffren, die uns in der Novelle etwas über den inneren Zustand und die Gefühle der Figuren verraten. Selbst in den zitierten Passagen, die einen der Wendepunkte der Erzählung markieren, ist uns ihr Inneres nicht direkt zugänglich. Der Text beschreibt, in wenigen Worten und Wendungen, allein ihre äußeren Reaktionen. Und das gilt nicht nur für die Nebenfiguren, sondern - von wenigen Ausnahmen abgesehen - auch für Kohlhaas selbst.

Kohlhaas sagte, bleich im Gesicht, mit erzwungener Schelmerei: hast du auch nicht entweichen wollen, Herse? (S.15)

Eine dunkle Röte stieg in sein Antlitz empor (S. 37).

Kohlhaas legte, mit dem Ausdruck schmerzlicher Empfindung, seine beiden Hände auf die Brust (S. 41).

Kohlhaas, während er das, ihm auf den Wink des Erzkanzlers eingehändigte Konklusum, mit großen, funkelnden Augen überlas (S. 90).

Selbst dort, wo der Chronist mit knappen, fast kargen Worten über den Seelenzustand des Protagonisten berichtet (" bleich im Gesicht", "dunkle Röte","schmerzlicher Empfindung" etc.), gelangen die Schilderungen über einige formelhafte, weitgehend austauschbare Begriffe nicht hinaus. Bohrer spricht in diesem Zusammenhang von einer "vergleichsweise stereotyp wiederholten, nur geringfügig alternierenden Begrifflichkeit der Emotion."4

Doch die Novelle bedient sich noch anderen Stilmittel, um die aufs Äußerlich-Funktionelle verengte Charakterisierung der Figuren deutlich zu machen:

ein plötzlich furchtbarer Regenguß, der die Fackeln verlöschend, auf das Pflaster des Platzes niederrauschte, löste den Schmerz in seiner unglücklichen Brust; er wandte, indem er kurz den Hut vor der Dame rückte, sein Pferd, drückte ihm, mit den Worten: folgt mir meine Brüder; der Junker ist in Wittenberg! die Sporen ein, und verließ das Stift (S. 29).

Das erste Satzgefüge dieses Zitats ist so komplex verschränkt, daß es die Hauptfigur der Novelle ganz an den Rand drängt. Das Naturereignis, ohnehin Subjekt des Hauptsatzes, wird zum eigentlichen Träger des Geschehens, dessen Dynamik durch zwei Attribute scharf herausgestellt wird ("ein plötzlich furchtbarer Regenguß"). Und weder in der daran anknüpfenden finalen Partizipialgruppe ("die Fackeln verlöschend") noch in dem eingeschobenen Relativsatz ("der...auf das Pflaster des Platzes niederrauschte") taucht Kohlhaas auf. Erst die Präpositionalgruppe des Objekts ("in seiner unglücklichen Brust") erwähnt ihn. Indem das Naturereignis zum handlungsbeherrschenden Moment dieser Szene wird, tritt das Getriebene von Kohlhaas, die Zwanghaftigkeit, mit der er den äußeren Ereignissen unterworfen ist, markant zutage. Analog dazu gibt das folgende Satzgefüge seinen rauschhaften Eifer, seine euphorische Leidenschaft und Raserei wieder. Und zwar durch die Interpunktion und direkte Rede ("folgt mir meine Brüder; der Junker ist in Wittenberg!") sowie durch die raschen Perspektivwechsel und die komplexen, fast zeugmatischen Verknüpfungen ("er wandte, indem er", " sein Pferd, drückte, ihm, mit den Worten", "die Sporen ein, und verließ das Stift"). Hier steigert sich jener Eindruck, den der erste Teil des Zitats vermittelt: Bei aller Dynamik wirkt Kohlhaas hier eher als Marionette seiner blinden Erregung und Leidenschaft denn als eine seiner selbst mächtige Persönlichkeit.

Diese Reduktion der Figuren aufs Äußerliche, ihr aufs Funktionelle verengter Zuschnitt wird bei den anderen Figuren noch deutlicher. Von Herse, dem treuen Knecht, erfahren wir außer seinem Namen gerade so viel, wie für daß Verständnis der Handlung unbedingt notwendig ist. Und auch die Gegenspieler von Kohlhaas bleiben merkwürdig blaß. Bevor der "Junker von Tronka" (S. 6) zum ersten Mal erwähnt wird, weist der Text indirekt auf dessen Charakter und Einstellung hin - freilich nur, soweit sie für das folgende von Interesse sind: durch das Verhalten des Zöllners und Burgvogts. Und das gilt auch für Tronkas Vettern Hinz und Kunz (bei denen schon der Name ihre Austauschbarkeit signalisiert), für die einzelnen Edelleute sowie für den mächtigen Gegenspieler von Kohlhaas, den Kurfürst von Sachsen. Von ihnen allen berichtet die Novelle nur, was für die Motivation und den Fortgang der Handlung unabdingbar ist. Damit wird deutlich: alle Figuren der Novelle sind austauschbare Funktionsträger, denen der Text keine echte Individualität zubilligt. Ganz in diesem Sinn stellt Bohrer fest, daß die Figuren der Novelle "bloß durch Handlungen und Gebärden definiert" sowie vom jeweiligen "Situations-Mechanismus"5 determiniert sind.

Diese Funktionalität ist Ausdruck jenes Prozesses, der im Namen von Vernunft, Fortschritt und Rationalität antritt, um die Welt kalkulierbar zu machen, um den Menschen dem Einfluß seiner irrationalen Triebe und der Abhängigkeit von Welt und Natur zu entziehen. Das modellhafte Vorbild dieses auf Triebverzicht angelegten Lebens findet das 18. Jahrhundert im Stand des Kaufmanns. Thorowgood, die Hauptfigur in Lillos The London Merchant (1731) - dieses Stück wird noch von Goethe im 13. Buch von Dichtung und Wahrheit als ein literarisches Grundmodell des 18. Jahrhunderts angesehen -, charakterisiert diesen Stand so:

see how it is founded in reason und the nature of things, how it has promoted humanity [...]; promoting arts, industry, peace and plenty;"6

Diese Auffassung läßt unschwer erkennen, daß die rationale Lebensführung ("founded in reason") das zentrale Moment des (früh-)kapitalistischen Geistes ist. Für Lillo sind Handel und Geschäft nicht allein die Quelle von Wohlstand und Reichtum, sondern vielmehr Instrumente "der Humanisierung von Natur und der zivilisatorischen Verbesserung der Lebensumstände aller Menschen."7 Durch sie gewinnt das Bürgertum sein konturiertes Identitätsprofil, weil es nun, im Kontext einer feudal ausgerichteten Hierarchie, seine gesellschaftliche Stellung und Funktion spürbar aufwerten kann. Wer "humanity", "arts, industry, peace, and plenty" befördert, kann eine angemessene Teilhabe am Kräftespiel der Gesellschaft einfordern. Der Zielpunkt dieser Emanzipation - und das erweist sich im Verlauf des 18 und 19. Jahrhunderts als äußerst problematisch - ist also nicht allein auf zunehmende ökonomische, sondern auch auf gesellschaftliche und politische Partizipation angelegt. Exakt in dem Moment, wo sich diese Partizipation als illusionär erweist, wird die Tatsache, "daß der Markt nicht nach Geburt fragt",8 zum Problem. Denn diesen Vorteil "hat der Tauschende damit bezahlt, daß er seine von Geburt verliehenen Möglichkeiten von der Produktion der Waren, die man auf dem Markte kaufen kann, modellieren läßt."9 Nun wird (gerade aufgrund der verhinderten Teilhabe an der Macht) deutlich, daß die Bürger "zu bloßen Gattungswesen, einander gleich durch Isolierung in der zwanghaft gelenkten Kollektivität"10 reduziert werden.

Diese Identitätsproblematik tritt in dem Jahren nach der Wende zum 18. Jarhundert - 1806 endet beispielsweise das Heilige Römische Reich Deutscher Nation - besonderts deutlich zutage. Möller spricht von dieser Zeit als einer "Übergangsepoche, in der sich die alten Formen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens allmählich auflösten, ohne daß neue Formen sich schon durchgesetzt hätten."11 In dieser "'Anlaufperiode' der Industrialisierung"12 wird nicht "nur die Beziehung von Individuum und Staat",13 sondern

auch die Stellung des Individuums in der Gesellschaft [...] zunehmend dynamisiert. Die mit dem Aufstieg der Bürgerlichen einsetzende allmähliche Aushöhlung der überkommenen ständisch-hierarchischen Struktur, in der der einzelne seinen festen und im Prinzip nicht zu verändernden sozialen Platz hatte, [...] setzte [die gesellschaftlichen] Antagonismen frei. Rechtsgleichheit war nicht identisch mit sozialer Gleichheit. Doch war dadurch die prinzipielle Chance eröffnet, [...] den sozialen Rang in der Gesellschaft selbst zu bestimmen. Auch hier klaffte freilich zwischen Anspruch und Wirklichkeit ein nur schwer überwindbarer Abgrund.14

Aufgrund der abstrahierenden Reduktion des Marktes verfügt das Wirtschafts- und Sozialgefüge, das so entsteht, über den einfachsten und konsequentesten Identitätsbegriff, der überhaupt denkbar ist. Die grundsätzlichen Anforderungen und Ich-Profile werden nach und nach überall gleichermaßen verbindlich. Massenidentität schafft absolute Transparenz. Aufgrund ihrer Abstraktion vereinheitlicht sie auf umfassende Art und Weise. Das Massensubjekt soll sein Leben den bereitgestellten Schablonen anpassen. Damit bleibt es aber von einem wesentlichen Teil seines Selbst abgeschnitten. Seine gesellschaftlich durchkonstruierte Identität erweist sich als fragmentarisch. Der Preis der potentiellen Gleichheit des Marktes ist die Aufspaltung der Persönlichkeit, die Abspaltung der affektiv-emotionalen Momente von den kognitiv-rationalen.

Im Zusammenhang mit der modernen Massengesellschaft des 20. Jahrhunderts - die ja in den Versachlichungs- und Rationalisierungstendenzen der Aufklärung angelegt ist - beschreibt Arno Gruen diese Abstraktionsmechanismen so:

Was übrigbleibt, ist eine Identität, welche nur wie eine Montage an einem Fließband zusammengesetzt werden kann, die nach den Regeln montiert wird, welche von den abstrakten Vorstellungen einer Gesellschaft verlangt werden. Wenn wir diese ablehnen, riskieren wir, ausgestoßen zu werden. Und wenn wir dadurch genügend geschwächt werden, riskieren wir unsere Existenz.15

Diese Abstraktionsmechanismen lassen sich in Kleists Michael Kohlhaas beobachten. Hier sind alle Figuren auf ihre gesellschaftliche (und poetologische) Funktion reduziert.16 Ihre Gefühle, in der bürgerlichen Welt dem Privaten zugeordnet, bleiben weitgehend ausgespart. Die Gattung in der diese Problematik ihren ästhetisch angemessenen Ausdruck findet, ist nicht das bürgerliche Trauerspiel, in dem es um das Ausloten des bürgerlichen Innen- und Außenraums geht. Es ist auch nicht die Tragödie der deutschen Klassik, in der die Frage nach der gesellschaftlichen Stellung des Bürgers qua idealistische Überhöhung 'gelöst' wird. Denn in ihr ist "die historische Bewegung der bürgerlichen Gesellschaft zum Stillstand gekommen",17 hier hat sich der ehemals aktuelle gesellschaftlich-soziale Bezug der Literatur ins Allgemein-Menschliche verflüchtigt Die zentrale Problemtaik bürgerlicher Identität manifestiert sich vielmehr in der Novelle, mit ihrer handlungskonstituierten Prägnanz. Wenn Aust feststellt, daß Kleist "wirkungsgeschichtlich gesehen [...] der typische, maßgebende und 'erste' Novellist" sei,18 so verweist er damit exakt auf jene historische Grundkonstellation, die sich in Kleists Michael Kohlhaas widerspiegelt. Die unerwarteten Wendungen und das plötzliche Umschlagen bei Kleist sind der ästhetische Reflex der Identitätskrise des Bürgers um 1800. Es ist nicht allein "das wahrhaft Neue, das Seltne und Außerordentliche in Charakteren, Begebenheiten, Lagen und Verhältnissen"19 - so hat Wilhelm Grimm bereits 1812 Kleists Novellen charakterisiert - es ist vielmehr das durchgängige Paradoxon als konstitutives Grundprinzip, das Michael Kohlhaas kennzeichnet. Darauf weisen bereits die einleitenden Worte hin, wenn von der Titelfigur als vom "rechtschaffensten zugleich und entsetzlichsten Menschen" (S. 3) die Rede ist.

Gerechtigkeit als Vorwand und Selbstillusion

da habt Ihr recht, Herr! antwortete er; denn einen Schwefelfaden, den ich durch Gottes Fügung bei mir trug, um das Raubnest, aus dem ich verjagt worden war, in Brand zu stecken, warf ich, als ich ein Kind darin jammern hörte, in das Elbwasser, und dachte: mag es Gottes Blitz einäschern; ich wills nicht! (S. 12)

flogen, unter dem Jubel Hersens, aus den offenen Fenstern der Vogtei, die Leichen des Schloßvogts und Verwalters, mit Weib und Kindern, herab (S. 26).

Was sich Herse, der Knecht, aus moralischen Bedenken versagt, stellt für Kohlhaas, als er sich erst einmal entschlossen hat, als Held und Rächer aufzutreten, kein Hindernis mehr dar. Da die Novelle einmal von einem "Kind", dann von "Weib und Kindern" spricht, stellt sie - in der bewußten Parallele dieser Begriffe - den Widerspruch, in dem sich Kohlhaas befindet, markant heraus: Um sich Recht zu verschaffen, ist er bereit, Unrecht zu begehen. Ja sogar größeres Unrecht als ihm selbst widerfahren ist. Ob der Mord an der Familie des Schloßverwalters, die mehrfache Einäscherung Wittenbergs oder die Taten seines Heerhaufens - beispielsweise die "Notzucht und andere Schelmereien" des Nagelschmidts (S. 59), für die Kohlhaas ja auch verantwortlich ist - zwischen Ursache und Folgen, zwischen Zweck und Mitteln besteht ein krasses Mißverhältnis. Und das ist bereits erkennbar, bevor der Roßhändler zu seinem Feldzug für 'Gerechtigkeit' aufbricht. Denn er interpretiert den Tod seiner Frau,20 der endgültige Auslöser für seine folgenden Taten, als letztes Glied einer linear aufsteigenden Kausalkette, aus der er die Legitimation seines maßlosen Handelns bezieht. Doch der Text - exakter: der Bericht des Chronisten - stützt diese Auffassung keineswegs, wenn er schildert, daß die Frau von Kohlhaas "ohne Verschulden desselben [= des Landesherrn], von dem bloßen rohen Eifer einer Wache, die ihn umringte, einen Stoß, mit dem Schaft einer Lanze, vor die Brust" erhielt (S. 24), an dem sie schließlich stirbt. Außerdem heißt der Kurfürst von Brandenburg, das verdeutlicht der weitere Verlauf der Handlung, das Unrecht, das Kohlhaas widerfahren ist keineswegs gut. Er unternimmt sogar die entscheidenden Schritte, um ihm schließlich zu seinem Recht zu verhelfen. Und bereits die Zeilen, die der Schilderung ihres Todes unmittelbar folgen, enthalten einen wichtigen Hinweis auf das wirkliche Motiv der Rache von Kohlhaas: "'so möge mir Gott nie vergeben, wie ich dem Junker vergebe!'" (S. 24) In dieser Maßlosigkeit - Luther hält ihm das später vor21 - wird er zum Über-Gott. Und diese Selbstüberhöhung wird einige Zeilen weiter verstärkt, wenn es von ihm heißt "und [er] bestellte ein Leichenbegängnis, das weniger für sie [= seine Frau], als für eine Fürstin, angeordnet schien" (S. 25).

Wenn Barthel betont, daß "Kleist in seiner Novelle gerade unendlich viel Mühe" aufwende, "um die Rechtlichkeit und Notwendigkeit der Selbsthilfe Kohlhaasens aufzuzeigen",22 so trifft das nur auf eine Ebene dieses Motivs zu. Die durchgängig paradoxe Struktur dieses Motivs läßt sich so jedoch nicht erfassen. Denn die obigen Textstellen weisen in eine andere Richtung. So dezidiert der Text die von Kohlhaas erlittenen Rechtsbeugungen, Kränkungen und Rückschläge herausstellt, so deutlich zeigt er auch, daß dessen Taten für die Wiedergutmachung des erlittenen Unrechts letztlich nicht ausschlaggebend sind. Die Intervention des Kurfürsten von Brandenburg wäre auch ohne den Rachezug des Roßhändlers möglich gewesen. Und auf die für seine Sache günstigen politischen Umstände in Verbindung mit der "Krone Polen" (S. 68) hat er ohnehin keinen Einfluß. Als Brandenburgischer Untertan hätte er von Anfang an jenen Weg einschlagen können, der ihm an Ende zu seinem Recht verhilft. Nicht die "viele Mühe", mit der Kleist "die Rechtlichkeit und Notwendigkeit der Selbsthilfe Kohlhaasens" (s.o.) aufzeigt, nicht der Streit "mittelalterliche[r] und frühabsolutistische[r] Rechtsvorstellungen"23, nicht die komplizierte "Verschränkung rechtsphilosophischer Gedanken des Mittelalters, des Absolutismus, der Aufklärung und der Romantik"24 oder "die Verklärung des Rechts"25 (am Ende der Erzählung) bestimmen die Grundstruktur des Werks. Genauso wenig trifft es zu, daß Kohlhaas "für die Rechtsordnung des Reiches und damit für den ewigen Frieden der Welt"26 kämpft und stirbt. Und Bogdal betont, daß das Rechtsgefühl für Kohlhaas "handlungsleitendes Merkmal",27 und der "Kerngedanke des Naturrechts" in Kleists Novelle "handlungskonstituierend" 28 sei.In Wirklichkeit wird die Grundstruktur der Novelle vom scharfen Kontrast, vom konsequent ausgestaltete Paradoxon zwischen erlittenem und verübtem Unrecht bestimmt. Der (auktoriale) Chronist, der freilich nur noch sehr bedingt ein verläßlicher Kommentator der Ereignisse ist,29 distanziert sich immer wieder von der Argumentation der Hauptfigur. Das wird unter anderem deutlich, wenn Kohlhaas den Tod seiner Frau als wichtige Triebfeder seines Handelns nennt (s. Anm. 20). Tatsächlich jedoch hatte er seinen Feldzug bereits vor ihrem Tod detailliert geplant und alle notwendigen Schritte eingeleitet.

Parallel zur Begründung des Roßhändlers entfaltet der Text eine Argumentationskette, die sein wirkliches Hauptmotiv offenlegt.

daß wenn der ganz Vorfall [...], bloß abgekartet sein sollte, er mit seinen Kräften der Welt in der Pflicht verfallen sei, sich Genugtuung für die erlittene Kränkung, und Sicherheit für zukünftige seinen Mitbürgern zu verschaffen (S. 11).

Bereits an der Reihenfolge der Begriffe ("erlittene Kränkung, und Sicherheit") läßt sich ablesen, was bei Kohlhaas im Vordergrund steht. Damit wird der private Charakter der "Pflicht", der er sich verfallen sieht, offenkundig. Dieses Gefühl der eigenen Ohnmacht, das Bedürfnis, die "erlittene Kränkung" zu rächen, sind zentrale Motive seiner kriegerischen Aktionen. Doch das ist nicht alles. Im Gespräch mit Luther weist er auf ein weiteres Motiv hin:

Verstoßen, antwortete Kohlhaas, indem er die Hand zusammendrückte, nenne ich den, dem der Schutz der Gesetze versagt ist! Denn dieses Schutzes, zum Gedeihen meines friedlichen Gewerbes, bedarf ich; ja, er ist es, dessenhalb ich mich, mit dem Kreis dessen, was ich erworben, in diese Gemeinschaft flüchte, und wer mir ihn versagt, der stößt mich zu den Wilden der Einöde hinaus (S. 38).

Hier legt der Text eine weitere Triebfeder von Kohlhaas offen. "Verstoßen" ist hier nichts anderes als ein Synonym für einen seiner gesellschaftlichen Identität Beraubten. Bohrer spricht in diesem Zusammenhang - und er meint damit gleichermaßen den Dichter wie seine Helden - von der "Reaktion eines extrem Einsamen". Diese Einsamkeit ist "historisch genauer beschreibbar [...] durch die Metaphern der modernen Existenz" und zwar als "die Einsamkeit des aus jedem gesellschaftlichen Verband Gefallenen, der zum unverbundenen Atom in der großstädtischen Menge wurde."30 Für Kohlhaas ist seine Identität, der er sich durch den Rechtsbruch beraubt sieht, eng, ja untrennbar mit seinem Gewerbe, seinen Stand als Kaufmann und Händler verbunden. Dessen rationales Kalkulieren, sein sachlicher Weltbezug duldet keine Rechtlosigkeit und Willkür, kann sie - um den Preis des eigenen Untergangs - nicht dulden. Die Welt außerhalb dieses Kreises gilt als gefährlich und feindlich. Aus ihr hilft nur Flucht. Flucht in den Frieden des kanonisierten und etablierten Rechts, das allein in der Lage ist, dem bürgerlichen Individuum Geltung und Entfaltungsraum zu gewährleisten.

Kohlhaas vertritt das offizielle Ideal bürgerlicher Autonomie 31und muß seine eigene Ohnmacht erfahren. Aus diesem Trauma heraus erwächst sein radikaler, alle Schranken sprengender Haß. Ein Haß, den er sich freilich nicht eingestehen, über den er nicht reden kann, der einen Vorwand braucht, um sich zu artikulieren. Denn offen eingestandene Haßgefühle würden das harmonische Grundmodell der bürgerlichen Gesellschaft, das dem einzelnen - zumindest vordergründig - seinen festen Platz, seine Bedeutung und damit auch seine Identität zuweist, in Frage stellen. Exakt diesen fundamentalen Widerspruch verleugnet er. Und aus dieser durchgängigen Verleugnung und Verdrängung speist sich seine Selbstillusion, die ins Absolute zielende Stilisierung seiner Taten. (Davon wird noch zu reden sein.)

Da der Text deutlich macht, daß die Gerechtigkeit Kohlhaas primär als Vorwand und Selbstillusion dient, muß jede Interpretation, die versucht, das Gerechtigkeitsmotiv in ein stimmiges Konzept einzupassen, das nur auf einer Ebene angesiedelt ist, scheitern. Denn dieses Motiv ist durchgängig antagonistisch, ja paradox angelegt. Seine divergierenden Ebenen sind nicht zur Deckung zu bringen:

OberflächenstrukturTiefenstruktur
Kampf um Gleichheit und Gerechtigkeitneue Ungerechtigkeit entsteht
Kampf gegen Willkür und Unterdrückungbetonte Ungleichheit durch die Willkürakte von Kohlhaas
RechtssicherheitUnsicherheit für die Betroffenen (Einäscherung Wittenbergs etc.)

In Kleists Novelle geht es zwar vordergründig um Gerechtigkeit, freien Marktzugang, Rechtssicherheit sowie um die Legitimation staatlicher Macht. Doch dahinter verbirgt sich noch etwas anderes: Der Zusammenbruch der bürgerlichen Identität bei der unausweichlichen Konfrontation mit der eigenen (gesellschaftlichen) Bedeutungslosigkeit. Damit läßt sich die Novelle als Ausdruck jener Ich-Spaltung des Bürgers lesen, die die spezifischen Züge des (frühen) 19. Jahrhunderts trägt. Und in der Radikalität, in der der Text diese Identitätskrise vor Augen führt, liegt (unter anderem) seine forcierte Modernität begründet.

Das Gespenst der Ehre

Er [= der Mann von Ehre] schafft sich ebenso willkürliche Zwecke, stellt sich in einem gewissen Charakter vor und macht sich dadurch bei sich und anderen zu dem verbindlich, wozu an sich keine Verbindlichkeit und Notwendigkeit statthat. Dann legt nicht die Sache, sondern die subjektive Vorstellung Schwierigkeiten und Verwicklungen in den Weg, da es zur Ehrensache wird, den einmal angenommenen Charakter zu behaupten.32

Das Willkürliche der Zwecke, von denen Hegel hier spricht, liegt darin begründet, daß für das Ehrprinzip historisch gesehen keine "Verbindlichkeit und Notwendigkeit" mehr besteht. Diesen historisch obsoleten Kern des traditionellen Ehrbegriffs hatte bereits Lessing entlarvt, wenn er Minna von Barnhelm zu Tellheim folgendes sagen läßt: "O, über die wilden, unbiegsamen Männer, die nur immer ihr stieres Auge auf das Gespenst der Ehre heften!"33 Der Ausdruck "Gespenst" zeigt, wo die Ehre historisch anzusiedeln ist: in der Vergangenheit. Als antiquiertes, historisch überholtes Relikt, dem die materielle Grundlage im 18. Jahrhundert nach und nach entzogen wird, geistert sie durch die Vorstellungswelt, auch die des Bürgers. Im Kontext des bürgerlichen Maßstabs von Nutzen und Rationalität kann selbst der Ehrbegriff eines Baron von Tellheim, dessen Schwierigkeiten sich ja in erster Linie auf seine finanzielle Schieflage gründen, nur noch komische Züge annehmen. Wo aber die konkrete historische Notwendigkeit fehlt, muß der eingebildete, subjektiv gesetzte Zweck - nach Hegel die Willkür - einspringen. Deshalb läßt sich dieser Begriff philosophisch forciert nur noch 'modern' denken:

In der Ehre aber haben wir nicht nur das Festhalten an sich selber und das Handeln aus sich, sondern die Selbständigkeit ist hier verbunden mit der Vorstellung von sich selbst; und diese Vorstellung gerade macht den eigentlichen Inhalt der Ehre aus, so daß sie in dem Äußerlichen und Vorhandenen das Ihrige und sich darin ihrer ganzen Subjektivität nach vorstellt. Die Ehre ist somit die in sich reflektierte Selbständigkeit, welche nur diese Reflexion zu ihrem Wesen hat und es schlechthin zufällig läßt, ob ihr Inhalt das in sich selbst Sittliche und Notwendige oder das Zufällige und Bedeutungslose ist.34

Hier zeigt sich "die täuschende [...] Ähnlichkeit des Ehrprinzips mit dem bürgerlichen Prinzip des Subjekts."33 Ist ersteres willkürlich, tautologisch, anachronistisch und leer geworden, so gilt das für die bürgerliche Subjektivität zunächst nicht. Doch auch sie erweist sich, mit der Ausweitung des Marktes, der konsequenten Umsetzung von Abstraktion und Rationalität und der damit einhergehenden Nivellierung der bürgerlichen Gesellschaft als gefährdet. Eine (langfristig freilich nicht sehr erfolgreiche) Strategie, dieser Gefahr zu begegnen, besteht darin, die alte Vorstellung der Ehre mit bürgerlichen Vorzeichen zu versehen, und sie so mit neuem Leben zu füllen. Und genau das läßt sich bei Kohlhaas beobachten:

Er setzte sich nieder und verfaßte einen Rechtsschluß, in welchem er den Junker Wenzel von Tronka, kraft der ihm angeborenen Macht, verdammte, die Rappen [...] binnen drei Tagen nach Sicht, nach Kohlhaasenbrück zu führen, und in Person in seinen Ställen dick zu füttern (S. 25).

Die angeborene Macht, von der hier die Rede ist, kommt Kohlhaas nicht aufgrund seiner adligen Abstammung zu, er kann sie nur aus seiner bürgerlichen Herkunft ableiten. Das aber ist nur unter den Vorzeichen einer auf (abstrakter) Gleichheit und Rationalität angelegten Gesellschaft möglich, in der die alten Standesprivilegien keinen Platz mehr haben. Gleichwohl greift er in dem Rechtsschluß, den er verfaßt, um die Legitimation seines Handelns wenigstens formal zu begründen, auf alte, vorbürgerliche Verkehrs- und Legitimationsformen zurück. Daß Kohlhaas, der Bürger und Kaufmann, in dem Moment, wo er seine Subjektivität unter Beweis stellen will, sich dieser historisch obsoleten Formen bedienen muß, zeigt das Dilemma der bürgerlichen Gesellschaft um 1800: Der Versuch, eigenständige Lebensformen zu entwickeln und das Bürgertum als geschichtstragende Klasse zu etablieren, sind vorerst gescheitert. Und noch ein weiteres Moment seines Verhaltens zeigt das: Die bürgerliche Rationalität kennt - zumindest im äußeren Verkehr - nur noch die Gleichheit. Das Äquivalent ist eines ihrer tragenden Prinzipien. Insofern könnte es Kohlhaas völlig egal sein, wer seine Rappen dickfüttert. Indem er jedoch darauf besteht, daß dies "in Person" des Junkers selbst zu geschehen habe, stellt er eine Bedingung, von der er genau weiß, daß sie für den Junker (will er nicht sein Gesicht verlieren) unerfüllbar ist. Hier herrscht eben gerade keine Rationalität und Wertgleichheit, hier hat sich der Roßhändler "kraft der ihm angeborenen Macht", seiner bürgerlichen Subjektivität, zum Weltrichter eingesetzt. Konsequent auf der einen Seite: wo alle Gleichheit beanspruchen wird die Angelegenheit des einzelnen zur Sache aller. Inkonsequent auf der anderen: Wo Gleichheit regieren soll, haben elementare Haß- und Rachetriebe keinen Platz mehr.

In seiner Interpretation des Textes zeigt Kreutzer, daß die Erzählung eine Vielzahl von Handlungssträngen und Motiven aufweist (die chiliastischen Züge der Hauptfigur, die Darstellung des Kurfürsten von Sachsen, die Forderung nach allgemeingültigen, für alle gleichermaßen verbindlichen Gesetzen etc.), die auf die aktuelle Situation des 18. und 19. Jahrhunderts verweisen. Doch in dem letzten Zitat weicht die Erzählung signifikant von diesem Zeitbezug ab. Denn im Kontext der Naturrechtsdiskussion müßte das letzte Zitat wie folgt lauten: "kraft des ihm angeborenen Rechtes".36 Indem der Text die "Macht" an die Stelle des "Rechtes" setzt, radikalisiert er die Modernität im Verhalten der Hauptfigur in einer Weise, die - überspitzt formuliert - ins 20. Jahrhundert weist. Denn "wo alleine das Recht der Stärke gilt, ist jedwede menschliche Ordnung aufgehoben. Michael Kohlhaas könnte Rousseau und Kant das Fürchten lehren."37

Durch die Verabsolutierung des eigenen Machtanspruchs sowie durch die Unterwerfung unter ein formales, gleichwohl aber absolut gesetzten Ziels kann das disoziierende Ich (der Moderne) seine Schwäche als Heldentum maskieren. Denn losgetrennt von allen Gefühlen (auch von den eigenen) ist es in der Lage, Schrecken und Greuel (auch die eigenen) mit Gleichmut zu betrachten. Sie sind ja durch eine höheres Ziel legitimiert. Diese Abstraktion von den unmittelbaren Folgen des eigenen Tuns kann also "dazu führen, daß des Mörders eigene Mordlust verhüllt bleibt. Dadurch bleiben die Beweggründe [seines] Verhaltens unzugänglich."38 Die Kehrseite dieser Medaille "ist die Angst vor Hilflosigkeit, Schwäche und Verwundbarkeit. Er kann sie sich aber nicht eingestehen", denn seine "Selbstachtung ruht [...] auf dem Image seiner Wichtigkeit."39 Und das ist wohl auch der Grund, daß "der Ausbruch der Gewalt" in der Novelle für Kohlhaas als "befreiend und lustvoll dargestellt"40 wird. Um sich seine Ohnmacht und Schwäche nicht einzugestehen, muß der Roßhändler in dem Moment, in dem er seinen Feldzug beginnt, seine Überhöhung ins Maßlose treiben.

Er nannte sich in dem Mandat, das er, bei dieser Gelegenheit, ausstreute, "einen Statthalter Michaels, der Erzengels, der gekommen sei, an allen, die in dieser Streitsache des Junkers Partei ergreifen würden, mit Feuer und Schwert, die Arglist, in welcher die ganze Welt versunken sei, zu bestrafen". (S. 34)

Eben kam er, während das Volk von beiden Seiten schüchtern auswich, in dem Aufzuge, der ihm, seit seinem letzten Mandat, gewöhnlich war, von dem Richtplatz zurück: ein großes Cherubsschwert, auf einem rotledernen Kissen, mit Quasten von Gold verziert, ward ihm vorangetragen, und zwölf Knechte, mit brennenden Fackeln folgten ihm (S. 37).

Hier sind Apotheose und Nobilitierung gleichermaßen vollzogen. Durch die ins Absolute zielende Stilisierung seiner Taten zeigt sich sein Legitimierungszwang in voller Schärfe. Indem er auf religiöse Vorstellungen zurückgreift, verstärkt sich jedoch nur die Problematik der Begründung seines Handelns. Denn das religiöse Moment bleibt im Verlauf der gesamten Novelle peripher. Der Titel, den er sich zulegt, die Anspielung aufs Weltgericht, das "Cherubsschwert" sowie die Zahl der Knechte - in der Bibel hat die Zahl zwölf ja eine große symbolische Bedeutung41 - all das belegt anschaulich den aufgesetzt-scheinhaften Formalismus seiner Argumentation. Und damit zeigt sich, wie unsicher letztlich die Begründung seines Handelns ist.

Nicht nur die Selbstüberhöhung des Titelhelden, sein primär von privater Rache bestimmtes Handeln sowie seine Besessenheit und das Zwanghaft-Getriebene seiner Aktionen lassen erkennen, daß sein Heldentum illusionärer Schein und fixe Idee sind, die ins Leere stoßen. Das belegt auch die Rolle, die der Zufall als treibendes Moment der Handlung immer wieder spielt So heißt es an einer Stelle, als die entscheidende Wende zum Guten greifbar nahe ist:

das Unglück aber Herrn Wenzels, und noch mehr des ehrlichen Kohlhaas wollte, daß es der Abdecker aus Döbbeln war. (S. 50)

Und als die Sache von Kohlhaas am Sächsischen Hof bereits rettungslos verloren und sein Tod unabwendbar scheint, tritt wie aus dem Nichts - quasi als deus ex machina - plötzlich der Kurfürst von Brandenburg auf den Plan:

So standen die Sachen für den armen Kohlhaas in Dresden, als der Kurfürst von Brandenburg zu seiner Rettung aus den Händen der Übermacht und Willkür auftrat (S. 67).

Und dieser 'Rettungsversuch' des Kurfürsten - er führt schließlich zum Tod von Kohlhaas - gelingt nur, weil er zufällig die politischen Umstände auf seiner Seite hat:42

Es traf sich aber, daß die Krone Polen gerade damals, indem sie mit dem Hause Sachsen [...] im Streit lag, den Kurfürsten von Brandenburg, in wiederholten und dringenden Vorstellungen anging, sich mit ihr in gemeinschaftlicher Sache gegen das Haus Sachsen zu verbinden; dergestalt, daß der Erzkanzler [...] wohl hoffen durfte, [...] dem Kohlhaas, es koste was es wolle, Gerechtigkeit zu verschaffen (S. 68).

Das Heldentum von Kohlhaas läuft letztlich ins Leere, da es immer wieder vom Zufall überspielt wird. Damit erweist sich die Negation seines Heroismus als ein zentrales Prinzip der Novelle. So sehr sie ihn vordergründig immer wieder herausstellt: er ist und bleibt gebrochen. Jeder Versuch, Helden- und Bürgertum zu versöhnen oder auch nur zu vermitteln, mündet ins Paradoxe. In letzter Konsequenz führt er nur noch zur Selbstvernichtung als Preis schrankenloser Haß-, Rache- und Omnipotenzgefühle.

Auch die Sprache der Novelle unterläuft das Heldentum von Kohlhaas immer wieder. So macht er Luther gegenüber geltend: "hochwürdiger Herr! es hat mich meine Frau gekostet" (S. 39, Hervorh. v. Verf.). Und auch den materiellen Schaden weiß er Luther gegenüber genau aufzurechnen:

Hersens alte Mutter wird eine Berechnung der Heilkosten, und eine Spezifikation dessen, was ihr Sohn in der Tronkenburg eingebüßt, beibringen; und den Schaden, den ich wegen Nichtverkaufs der Rappen erlitten, mag die Regierung durch einen Sachverständigen abschätzen lassen (S. 39).

Kohlhaas handelt also nicht nur (und vor allem nicht durchgängig) als Held, er ist und bleibt auch Kaufmann. Ja sein gesamtes Heldentum ist von Anfang an untrennbar von seinem Kaufsmannsgeist durchdrungen. Die dialektische Verschränkung beider Rollen macht die hohe (ästhetische) Qualität der Novelle aus. Um die strikte Trennung der bürgerlichen und der heldischen Lebensform aufzuzeigen, markiert die Novelle die jeweiligen Übergänge im Leben und Handeln des Titelhelden scharf. Das gilt sowohl für die Begründung des Rachefeldzugs durch die Schlagbaum-Episode und die nachfolgenden Ereignisse beim Sächsischen Hof als auch für den Tod seiner Frau. Hier agiert Kohlhaas als Bürger. Noch der Beginn der heldischen Aktionen wird von einem scharf kalkulierenden Kaufmann in die Wege geleitet. Der Verkauf seiner sächsischen Güter einschließlich einer exakt festgelegten Rückkaufsklausel, die Forderung nach freiem Geleit und der sofortige Abbruch seiner Kriegshandlungen nach ihrer Zusicherung sowie seine Bereitschaft, sich in Berlin einem fairen Prozeß zu stellen - all das zeigt uns Kohlhaas als redlichen Kaufmann und Händler. Und die Merkmale bürgerlichen Lebens, Haus, Grundbesitz, Frau und Kinder, dienen hierbei jeweils als markante Signale.

so verkaufte Kohlhaas des Haus, schickte die Kinder, in einen Wagen gepackt, über die Grenze (S. 25).

Er versicherte freudig dem Erzkanzler, indem er aufstand, und die Hand auf seinen Schoß legte, daß sein höchster Wunsch auf Erden erfüllt sei; trat an die Pferde heran, musterte sie, und klopfte ihren feisten Hals; und erklärte dem Kanzler [...] heiter: "daß er sie seinen beiden Söhnen Heinrich und Leopold schenke!" (S. 90)

Diese beiden Stellen kennzeichnen jeweils - die eine am Anfang, die andere am Ende seiner kriegerischen Aktionen - den Übergang von Bürger- und Heldentum so prägnant, daß der Kontrast, die paradoxe Unvereinbarkeit beider Positionen nicht zu übersehen ist. Und damit sie in der gesamten Novelle nicht aus dem Blick gerät, wird sie immer wieder herausgestellt.

Kohlhaas, der inzwischen von dem wackern Amtmann zu Kohlhaasenbrück seine Meierei gegen eine geringe Vergütigung [...] käuflich wieder erlangt hatte (S. 60)

so verfertigte er, mit Hülfe eines Notars, zu seiner Kinder Gunsten ein Testament, und setzte den Amtmann zu Kohlhaasenbrück, seinen wackern Freund, zum Vormund derselben ein (S. 88).

Im Antagonismus von Bürger- und Heldentum, von Kaufmannsgeist und Heroismus finden die beiden konträren Ebenen des Gerechtigkeitsmotivs ihre Analogie.

KaufmannHeld
Gleichheit der bürgerlichen Verhältnissesouveränes, eigenverantwortliches Handeln
potentiell frei, jedoch vom Markt abhängigkeinem Gesetz unterworfen
unbedeutendbedeutend
Massenidentität / der Willkür anderer unterworfenvon der Masse abgehoben

In der scharfen Dialektik von bürgerlicher Lebensform und Heroismus wird jenes Harmoniemodell aufgekündigt, das im 18. Jahrhundert eine große Rolle spielte. Als sein ästhetisches Paradigma gilt bis heute Lessings Nathan der Weise. Jenes Modell, das bereits in Lillos Merchant angelegt war - die englischen Kaufleute verhindern durch ihre Geschäftsbeziehungen zur Bank von Genua eine spanische Invasion in England - kommt in Lessings Gesellschaftsmärchen voll zur Entfaltung. Hier tritt Nathan, der Kaufmann, Saladin, dem Herrscher, nicht nur ebenbürtig, zur Seite, er erweist sich ihm vielmehr als überlegen. Vernunft, Rationalität und Sachlichkeit sind die Grundpfeiler einer (freilich erst noch zu entwickelnden) ausgewogenen Gesellschaft.

Bei Kleist hingegen bleibt der paradoxe, unüberbrückbare Gegensatz von bürgerlicher und heldischer Lebensführung bis zum Ende der Novelle gewahrt. Die Kapsel der Zigeunerin ermöglich Kohlhaas fast bis zum Schluß die Wahl. Er könnte als Bürger weiterleben, wenn er nur bereit wäre, sich mit dem Kurfürst von Sachsen zu arranigeren, also in eine emotionsfreie-sachliche Beziehung zu treten. Oder aber, und diesen Weg wählt er schließlich, er stirbt und vernichtet dabei auch seinen mächtigen Gegenspieler. Die Anklänge an das antike Helden- und Opfertum sind hier nicht zu übersehen. Daß Kohlhaas aber beides will - versöhnendes Recht und unversöhnlich-absolute Rache, zeigt, wie wenig sinnvoll der bis ins extreme Paradox getriebene Versuch ist, den Antagonismus von Bürger- und Heldentum in Einklang bringen zu wollen.

In der Unvereinbarkeit und Widersprüchlichkeit von Bürger- und Heldentum, im plötzlichen Umschlagen der einen Rolle in die andere, in den zufälligen Wendungen der Handlung manifestiert sich nicht allein die Aufspaltung des modernen Individuums in unterschiedliche Aspekte und Persönlichkeitsmomente. Hier zeigt sich vor allem: Das bürgerliche Ich ist von allem ein bißchen, von vielem ein wenig und vor allem nichts Ganzes und Ungeteiltes mehr. Für die gesellschaftliche Situation um die Wende zum 19. Jahrhundert gilt:

ihre arbeitsteilige Organisation erlaubt nicht mehr die Totalität des Menschseins, aus der heraus einst der Heros gehandelt hatte. Odysseus war Krieger, Seefahrer, Handwerker, Koch, Schattenbeschwörer und Erzähler in einer Person; die Tat, die aus solch ungeteilter Ganzheit des archaischen Menschen entsprang, umfaßte auch im Ergebnis wieder die Ganzheit menschlicher Ordnungen, während die Tätigkeit des bürgerlichen Spezialisten [...] stets nur den Teil zustandebringt, der aus seiner speziellen Fähigkeit stammt; blind und ohnmächtig bleibt er gegenüber dem Ganzen, das aus Bausteinen im mechanischen System des abstrakten Staates erst zusammengesetzt wird.43

Und genau dieses Mechanische schlägt auch wieder auf den Menschen zurück. Es macht nicht allein jegliches Heldentum obsolet, es läßt den einzelnen auch zum bloßen Funktionsträger schrumpfen. Die Funktionalität der Figuren in Kleists Novelle ist Ausdruck dieser historischen Problematik: Selbst das erlittene Unrecht, die Kränkungen und Rechtsbeugungen können den Heroismus nicht mehr sinnvoll begründen. Und die Zigeuner-Episode unterstreicht das noch. Hier wird die Legitimation des Handelns von Kohlhaas - das sich ja aus seiner Macht über den Kurfürsten von Sachsen durch den Besitz der Kapsel ergibt - ins Unbestimmte und Rätselhafte verlegt (s. Anm. 16). Und es ist nicht weniger bezeichnend, daß es sich bei der Zigeunerin, die Kohlhaas die Macht über den Kurfürsten von Sachsen zukommen läßt, um eine Figur handelt, die traditionell am Rand der Gesellschaft angesiedelt ist. Das aber kann nur heißen: In der konkreten, historisch aktuellen Geschichte ist das Heroische nur noch als Gespenst, als überholtes Relikt denkbar. Kleist selbst hat das Position in einem Brief an Adolfine von Werdeck im November 1801 prägnant formuliert:

Ordentlich ist heute die Welt; sagen Sie mir, ist sie noch schön? Die armen lechzenden Herzen! Schönes und Großes möchten sie tun, aber niemand bedarf ihrer, alles geschieht jetzt ohne ihr Zutun. Denn seitdem man die Ordnung erfunden hat, sind alle großen Tugenden unnötig geworden. [...] - Wohl dem Arminius, daß er einen großen Augenblick fand. Denn was bliebe ihm heutzutage übrig, als etwa Lieutenant zu werden in einem preußischen Regiment?44

Die Unvereinbarkeit der bürgerlichen und der heldischen Lebensform zeigt sich auch an einem anderen Strukturmerkmal der Novelle: an ihrem plötzlichen Umschlagen der Handlung und ihren überraschenden Wendungen. Auch hier wird deutlich, wie sehr die Figuren dem Äußeren und Willkürlichen der jeweiligen Umstände unterworfen sind, wie wenig sie in Wirklichkeit Herr ihres Lebens und ihrer Handlungen sind.

In der Struktur der Novelle läßt hierbei eine Grundtendenz ausmachen: Macht und Ohnmacht von Kohlhaas - und komplementär dazu Ohnmacht und Macht seiner Gegenspieler - wechseln häufig und unvermittelt:

Ohnmacht:Schlagbaum-Episode
Versuche, sich am Hof von Sachsen und von Brandenburg Recht zu verschaffen
Macht:Angriff auf die Tronkenburg Angriffe auf Wittenberg / militärische Erfolge
Ohnmacht:Bruch des freien Geleits in Dresden abhängig von der Intervention des Kurfürsten von Brandenburg
Macht:Kapsel der Zigeunerin Wiederherstellung des Rechts / Wiedergutmachung des Schadens durch das kaiserliche Urteil
Ohnmacht:Todesurteil

Die schnellen, oft überraschenden Wechsel der Situationen, das plötzliche Umschlagen von einem Extrem ins andere finden ihre Parallele in dem reflexionslosen Agieren außengesteuerter Figuren. Beides sind zwei Seiten ein und derselben Medaille: der Korrespondenz von Ich- und Weltzerfall. Wenn Bohrer feststellt, daß sich der Zynismus der Titelfigur (angesichts der Entschlossenheit, mit der Kohlhaas in den Tod geht, obwohl ihn der Kursfürst von Sachsen doch retten könnte) in Kleists Novelle als "grenzenlose Unbekümmertheit gegenüber den herrschenden Normen"45 manifestiert, so legt das doch die Frage nach dem Ursprung dieses Zynismus nahe. Was als Unbekümmertheit erscheint, ist in Wirklichkeit Ausdruck eines tiefen Traumas. Das Versinken im machtlosen Nichts bürgerlicher Massenidentität bleibt als durchgängige Bedrohung für Kohlhaas präsent. Wer als Reaktion darauf das Heldentum, wenngleich in gebrochener (als historisch einzig möglicher) Form einmal durchlebt hat, kann sich nicht mehr in die bürgerlicher Existenz bescheiden. Wer sich seiner Subjektivität vergewissern muß, indem er bis an die Grenzen seiner Möglichkeiten vorstößt - dabei die eigene Bedeutungslosigkeit als Bürger immer vor Augen - kann und will nicht mehr so weiterleben, als hätte er diesen Erfahrungsraum nie durchschritten. Für ihn gibt es weder ein Vor noch ein Zurück. Das aber ist nichts anderes als die radikale Absage an die bürgerlichen Harmoniemodelle der Aufklärung. Noch bevor der deutsche Idealismus zu seinem Ende kommt, weist Kleist den Weg in die literarische Moderne.

Kohlhaas - ein Großneffe K.'s: Kleist und die literarische Moderne

Kohlhaas fragte: der Paßschein? Er sagte, ein wenig betreten, daß er, soviel er wisse, keinen habe; daß man ihm aber nur beschreiben möchte, was dies für ein Ding des Herrn sei: so werde er vielleicht zufälligerweise damit versehen sein. Der Schloßvogt, indem er ihn von der Seite ansah, versetzte, daß ohne einen landesherrlichen Erlaubnisschein, kein Roßkamm mit Pferden über die Grenze gelassen würde. Der Roßkamm versicherte, daß er siebzehn Mal in seinem Leben, ohne einen solchen Schein, über die Grenze gezogen sei; daß er alle landesherrlichen Verfügungen, die sein Gewerbe angingen, genau kennte; daß dies wohl nur ein Irrtum sein würde, wegen dessen er sich zu bedenken bitte, und daß man ihn, da seine Tagereise lang sei, nicht länger unnützer Weise hier aufhalten möge. Doch der Vogt erwiderte, daß er das achtzehnte Mal nicht durchschlüpfen würde, daß die Verordnung deshalb erst neuerlich erschienen wäre, und daß er entweder den Paßschein hier noch lösen, oder zurückkehren müsse, wo er hergekommen sei. (S. 6)

Insgesamt neun subjunktive "daß" sind es, die auf den ersten Blick hier auffallen. Doch nicht weniger markant ist der Wechsel von der direkten Rede ("Kohlhaas fragte: der Paßschein") zur indirekten ("daß er, soviel er wisse..."), die den Rest dieser Textstelle bestimmt. Damit schiebt sich der Chronist mit vermittelnder Distanz ins Geschehen ein. In der Dialogstruktur des deutschen Trauerspiels würden die beiden Positionen viel härter aufeinanderprallen. Hier würden die Figuren Argument auf Argument wechseln. Ihre emotionale Beteiligung und ihre innere Betroffenheit kämen - im Text durch eine kurze Regieanweisung des Autors, in einer Aufführung durch die Modulation der Stimmen - viel unmittelbarer zum Ausdruck. Nicht so bei Kleist. Allein die knappen Kommentierungen des Chronisten ("ein wenig betreten", "indem er ihn von der Seite ansah", "Der Roßkamm versicherte") deuten den emotionalen Gehalt dieser Szene an. Und auch der Konjunktiv dämpft die Dramatik des Dialogs und nimmt ihm einen Teil seiner Schärfe.

Im Kontext der gesamten Schlagbaum-Episode wirkt der Wechsel von der direkten zur indirekten Rede retardierend. Die Dynamik der Episode hält einen Augenblick inne. In der reihenden Aufzählung der einzelnen Argumente kommt die Handlung kurzzeitig zum Erliegen. Allein im Wechsel der Sprecher bleibt die Dynamik, freilich deutlich gezügelt, zurückgenommen und im emotionalen Gehalt eingeschränkt, noch gewahrt. Dieses oftmals überraschende Wechselspiel des dynamischen und des retardierenden Moments ist das grundlegende Strukturprinzip der gesamten Schlagbaum-Episode. Insgesamt neunmal schwankt sie hin und her zwischen der Frage 'Darf Kohlhaas nun seines Weges ziehen oder nicht?' Und diese Zick-Zack-Bewegung bestimmt nicht nur die Exposition der Novelle, sondern das gesamte Werk. In ihr kommt seine paradoxe Grundstruktur prägnant zum Ausdruck.

So nimmt das Geschehen nach der Schlagbaum-Episode, angefangen bei den wortreichen und umständlichen Erklärungen Herses, einen langsamen, fast gemächlichen Gang. Es dauert nahezu ein Jahr, bis Kohlhaas erfährt, daß seine Klage beim Hof in Dresden abgewiesen wurde. Und daran schließt sich - in der bis heute für Rechtsverhältnisse bekannten Dauer - zunächst sein Versuch an, sein Anliegen am Hof von Brandenburg durchzusetzen. Als auch das nichts fruchtet, bewirkt seine Frau einen letzten Aufschub seiner kriegerischen Aktionen. In diesen Szenen der Novelle wird die Sprache - freilich finden sich hier immer wieder Einsprengsel der "aufgeschobenen Katastrophe"46 - von einem sachlich-nüchternen Duktus bestimmt. Wir lesen von Klageschriften, die unter der Mithilfe von Rechtsgelehrten verfaßt werden, von juristischen Beschwerden, gesetzmäßiger Bestrafung, von einem Kaufkontrakt sowie einer Bittschrift.

Doch als auch der Vermittlungsversuch von Lisbeth fehlschlägt, also nach einer Vielzahl retardierender Geschehnisse, schlägt die Handlung in extreme Dynamik um:

Er fiel auch [...] schon, beim Einbruch der dritten Nacht, den Zollwärter und Torwächter [...] niederreitend, in die Burg, und während, unter plötzlicher Aufprasselung aller Baracken im Schloßraum, die sie mit Feuer bewarfen, Herse, über die Windeltreppe, in den Turm der Vogtei eilte, und den Schloßvogt und Verwalter [...] mit Hieben und Stichen überfiel, stürzte Kohlhaas zum Junker Wenzel ins Schloß. Der Engel des Gerichts fährt also vom Himmel herab;

Kohlhaas, der, beim Eintritt in den Saal, einen Junker Hans von Tronka, der ihm entgegen kam, bei der Brust faßte, und in den Winkel des Saals schleuderte, daß er sein Hirn an den Steinen versprützte

hob dieser plötzlich [...] den Fuß, daß der Tritt, wenn er ihn getan hätte, sein Tod gewesen wäre: bestieg, ohne ihm zu antworten, seinen Braunen (alle Zitate: S. 26f)

Der Verbalstil dieser Zitate - bei den Verben handelt es sich meist um Intensiva, die ja alle eine gesteigerte Bewegung anzeigen - belegt die Dynamik dieser Szene äußerst anschaulich. Doch bereits bei dieser Aktion wird der Rache des Roßhändlers ein erster Einhalt geboten. Wenzel von Tronka, und das wiederholt sich noch mehrmals, kann in letzter Minute entkommen. Bei aller Dynamik läuft also die Aktion ins Leere. Und dieser aktionistische Leerlauf gilt auch für die folgenden Unternehmungen: für das Auftauchen von Kohlhaas vor Erlabrunn, seinen mehrfachen Sturm auf Wittenberg sowie sein Agieren am Dresdner Hof.

In diesen häufig überraschenden Wechseln des dynamischen und des retardierenden Moments, in ihrem plötzlichen Umschlagen kündigt sich die Identitätsproblematik der modernen bürgerlichen Gesellschaft an: Echte Individualität besitzt Kohlhaas nur noch im Handeln, in der Aktion. Nur solange er agiert, hat er Bedeutung. Cum grano salis könnte man sagen: Hier wird bereits der Aktionismus sowie der identitätsstiftende Streß ("Ich habe Streß, also bin ich!") der Industrie- und Automationsgesellschaft unserer Tage metaphorisch umrissen.

Es ist jedoch nicht so, daß die Hauptfiguren und Helden in Kleists Novellen über keinerlei Wahlmöglichkeiten oder Entscheidungsfreiheit verfügen würden. Nur führen ihr Handlungen und Entschlüsse nie (unmittelbar) - und das tritt neben Michael Kohlhaas vor allem in den Novellen Die Marquise von O. und Der Zweikampf markant zutage - zum gewünschten Erfolg. Was auch immer sie unternehmen, sie kommen ihrem Ziel dadurch manchmal näher, manchmal entfernen sei sich von ihm. Denn als mächtiger, unkalkulierbarer Mitspieler steht ihnen immer der Zufall zur Seite. Dieser überwaltet als dunkles, verworrenes, ihnen durchaus nicht grundsätzlich unfreundlich gesonnenes Etwas all ihr Tun. Er greift sowohl negativ als auch positiv in ihr Leben ein. Die Welt, die sie umgibt, ist nicht beherrschbar oder auch nur halbwegs zu kalkulieren. Sie verfügt durchaus noch über einen positiven Sinn, aber er ist nicht eindeutig zu entziffern, er läßt sich nicht unmittelbar für die eigenen Ziele einsetzen. Doch sowenig die Figuren bei Kleist ihre Ziele linear verwirklichen können, in Sprüngen, Wechseln und überraschenden Wendungen kommen sie ihnen doch näher. Ihr Handeln führt weder unmittelbar zum Erfolg, noch ist es (wie in der Literatur der Moderne des 20. Jahrhunderts) sinnlos und tautologisch.

Die Einheit von Zeit und Handlung in Lessings Dramen, die enge Verzahnung der einzelnen Szenen, die kontinuierlich-dramaturgische Verknüpfung des Geschehens, bei der jeder Auf- und Abtritt, alle Figuren wie die Rädchen eines Uhrwerk eng verzahnt ineinander greifen, kennt Kleist nicht. Doch auch nicht die radikale Dissoziation des Geschehens und der Figuren, wie sie für die Moderne charakteristisch ist. Sein Werk markiert exakt den Übergang von der aufklärerisch-klassisch-organologischen Form zur parataktisch-offen-fragmentarischen. Das läßt sich sehr anschaulich an einem interessanten Pendant der Schlagbaum-Episode bei Kafka aufzeigen:

Es war spät abend als K. ankam. Das Dorf lag in tiefem Schnee. Vom Schloßberg war nichts zu sehn, Nebel und Finsternis umgaben ihn, auch nicht der schwächste Lichtschein deutete das große Schloß an. Lange stand K. auf der Holzbrücke die von der Landstraße zum Dorf führt und blickte in die scheinbare Leere empor.

Dann ging er ein Nachtlager suchen; im Wirtshaus war man noch wach [...].

Aber kurze Zeit darauf wurde er schon geweckt. Ein junger Mann, städtisch angezogen, mit schauspielerhaftem Gesicht, die Augen schmal, die Augenbrauen stark, stand mit dem Wirt neben ihm. [...] Der junge Mann entschuldigte sich sehr höflich K. geweckt zu haben, stellte sich als Sohn des Schloßkastellans vor und sagte dann: "Dieses Dorf ist Besitz des Schlosses, wer hier wohnt oder übernachtet, wohnt oder übernachtet gewissermaßen im Schloß. Niemand darf das ohne gräfliche Erlaubnis. [...]"

K. hatte sich halbaufgerichtet [...] und sagte: "In welches Dorf habe ich mich verirrt? Ist denn hier ein Schloß?" "Allerdings", sagte der junge Mann langsam, während hier und dort einer den Kopf über K. schüttelte, "das Schloß des Herrn Grafen Westwest."

[...]

"Dann werde ich mir also die Erlaubnis holen müssen", sagte K. gähnend und schob die Decke von sich, als wolle er aufstehn. "Ja von wem denn?" fragte der junge Mann.

"Vom Herrn Grafen", sagte K., "es wird nichts anderes übrig bleiben."

"Jetzt um Mitternacht die Erlaubnis vom Herrn Grafen holen?" rief der junge Mann [...]

"Ist das nicht möglich?" fragte K. gleichmütig. "Warum haben Sie mich also geweckt?"

Nun geriet aber der junge Mann außer sich "[...] Ich habe Sie deshalb geweckt um Ihnen mitzuteilen, daß Sie sofort das gräfliche Gebiet verlassen müssen."

"Genug der Komödie", sagte K. [...], "Sie gehn junger Mann ein wenig zu weit und ich werde morgen noch auf Ihr Benehmen zurückkommen. [...] lassen Sie es sich gesagt sein, daß ich der Landvermesser bin, den der Graf hat kommen lassen. [...]"47

Im Gegensatz zur Schlagbaum-Episode ist die Hauptfigur von Kafkas Roman nicht auf der Durchreise, sie sucht einen dauerhaften Aufenthalt. Und sie verfügt auch nicht über Gegenspieler mit eindeutig zugeordneter Kompetenz. Im unendlichen Weg der Instanzen gehen alle Argumente von Anfang an - K. ist sich dessen freilich nicht bewußt - ins Leere. Kafkas Hauptfigur hat absolut nichts Dynamisches mehr an sich. Ihr ganzes Dasein ist nur noch vom retardierenden Moment permanenter Verhinderungen bestimmt. Alle Gespräche des Romans führen zu keinem Ziel mehr, denn bereits die einfachsten alltäglichen Implikationen - die Basis einer sinnvollen Kommunikation - werden permanent in Frage gestellt. Deshalb verdienen die Argumente der Figuren diesen Namen auch nicht mehr. Letztlich führen sie nur Selbstgespräche, deren Inhalt sich freilich auch ständig ändert und keine klare Linie mehr erkennen läßt.

In dem Maß, wie sich bei Kafka die seelische Einheit der Figuren auflöst, zerfällt auch das Kontinuum von Ich und Welt. Denn die psychische Konsistenz war eine notwendige Voraussetzung für den (literarischen) Entwurf eines geschlossenen Weltsystems, basiert dieser doch auf der Überzeugung von individuell und gesellschaftlich gleichermaßen sinnvollen Entfaltungs- und Entwicklungsmöglichkeiten. So wenig in Kafkas Fragment noch eine echte Kommunikation zwischen den einzelnen Romanfiguren stattfindet, so wenig kann von einer sinnvollen Korrespondenz zwischen der Hauptfigur und der ihn umgehenden Welt die Rede sein. Seine unkalkulierbar-grotesk strukturierte Umwelt erweist sich als extrem widerständig und brüchig. Damit verliert sie für ihn jegliche Stabilität, und er ist ihr hilflos ausgeliefert. In zermürbendem Beharren kann K. höchstens noch versuchen, seine Existenz als widerwillig Geduldeter zu fristen. Martin Walser hat das sehr prägnant beschrieben:

Aber so klein er sich auch macht, er stört immer noch. [...] In dem Bemühen, sich anzupassen, opfert er allmählich seine Persönlichkeit, sein Selbst, um dessentwillen er doch alles auf sich nimmt. [...] Du bist überflüssig. Besonders wenn du beweisen willst, daß du es nicht bist. Da zu sein, heißt überflüssig sein. Also hör endlich auf, da zu sein.48

Es gibt für K. exakt eine Existenzform, die nicht hindert und stört: die des gesichtslosen Nichts, des wohlfunktionierenden Rädchens im Getriebe einer radikal anonym gewordenen Welt. Wer auf einem eigenem Persönlichkeitspofil und einer identitätsstiftenden unverwechselbaren Ich-Kontur besteht, hat von vornherein verloren. Er will, was er nicht kriegen kann, was es gar nicht mehr gibt. Identität und Individualität sind nur noch leere Hüllen, die bei keiner Instanz eingeklagt werden können, denn diese Instanz ist selbst verschwunden. Der Wirt und der junge Städter "mit schauspielerhaftem Gesicht" sind nicht einmal eines Namens mehr wert. Auch die Hauptfigur trägt ihr Monogramm wohl nur noch um der leichteren Referenzialisierbarkeit (und der biographischen Andeutung) willen. Und selbst die letzte Instanz des Schlosses, der Graf "Westwest" hat einen sinnlosen Namen. Denn dieser gibt eine Himmelsrichtung an, deren Verdoppelung angesichts der Tatsache, daß kein Kompaß den Weg zu ihm weist, daß es für K. nicht einmal einen Weg gibt, der zum Schloß führt, besonders grotesk wirkt. Vom Paradoxon zur Groteske - so läßt sich (unter anderem) der Weg der literarischen Entwicklung von Kleist zu Kafka beschreiben. Beides, das Paradoxe wie das Groteske, lassen keine feste, eindeutig fixierte Perspektive mehr zu. Doch die Paradoxa Kleists erlauben einen (zumindest als Utopie entworfenen) positiv faßbaren Sinnhorizont. Am Schluß der Erzählung kommt der Prozeß des Roßhändlers immerhin zu einem auch für ihn akzeptablen Ergebnis. (Wenngleich sowohl der Prozeßverlauf als auch die Macht, die Kohlhaas durch die Kapsel der Zigeunerin zuwächst, es keineswegs erlauben, dieses Urteil als ungebrochenes Fazit der Erzählung aufzufassen.) Für die unendliche Permutation der grotesken Erlebnisse K.'s gilt das nicht mehr. Sein Prozeß entwickelt sich nicht, er dreht sich ständig im Kreis. Das Todesurteil der Hauptfigur in Kafkas Prozeß ist nicht nur völlig überraschend und willkürlich, es läßt sich auch nicht mehr sinnvoll begründen. In der radikalen Dekonstruktion der Figuren, der völligen Dissoziation von innerem Zustand und äußerer Handlung, von Ich und Welt, in der auf die Spitze getriebenen Auflösung des Sinntotals sowie dem Entwurf einer fragmentarischen Welt zeigt sich der historische Abstand von Kafka zu Kleist. Bei Kafka bleibt einzig der sinnlose Reflex, das nutzlose Insistieren auf dem, was (zumindest potentiell) einmal Persönlichkeit, freie Entfaltung und harmonisch-stimmige Ich-Entwicklung hieß.


1 George Moore: Confessions of a Young Man. London 1888. Zit. nach: John Carey: Haß auf die Massen. Intellektuelle 1880-1939. Göttingen 1996. Hier: S. 74.

2 George Orwell: Keep the Apidistra Flying. o.O. 1936. Zit. nach: Carey a.a.O. S. 21.

3 Heinrich von Kleist: dtv-Gesamtausgabe. 7 Bd. Hrg. von H. Sembdner. München 71976. Hier: Band 4, S. 19. Im folgenden weise ich die Zitate von Kleists Novelle direkt im Text nach.

4 Karl Heinz Bohrer: Augenblicksemphase und Selbstmord. Zum Plötzlichkeitsmotiv Heinrich v. Kleists. In: Karl Heinz Bohrer: Plötzlichkeit. Zum Augenblick des ästhetischen Scheins. Frankfurt/Main 1981. S. 161-179. Hier: S. 168.

5 Bohrer a.a.O. S. 170.

6 George Lillo: The London Merchant. Ed. by William H. McBurney. Lincoln 1965. Regents Restoration Drama Series. Hier: III,I.

7 Manfred Durzak: Das bürgerliche Trauerspiel als Spiegel der bürgerlichen Gesellschaft. In: Propyläen Geschichte der Literatur. Bd. IV. Hrg. von Erika Wischer. Frankfurt/Main, Berlin 1988. S. 118-139. Hier: S. 124.

8 Max Horkheimer / Theodor W. Adorno: Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente. Frankfurt/Main 1969. Hier: S. 19.

9 Horkheimer / Adorno a.a.O. S. 19.

10 Horkheimer / Adorno a.a.O. S. 43.

11 Horst Möller: Epoche - sozialgeschichtlicher Abriß. In: Deutsche Literatur. Eine Sozialgeschichte. Bd. 5. Zwischen Revolution und Restauration: Klassik, Romantik. 1786-1815. Hrg. von Horst Albert Glaser. Hamburg. 1980. S. 14-29. Hier: S. 15.

12 Möller a.a.O. S. 15.

13 Horst Möller: Vom Aufgeklärten Absolutismus zu den Reformen des 19. Jahrhundert. In: Deutsche Literatur. Eine Sozialgeschichte. Bd. 5. Zwischen Revolution und Restauration: Klassik, Romantik. 1786-1815. Hrg. von Horst Albert Glaser. Hamburg. 1980. S. 30-44. Hier: S. 43.

14 Möller: Vom Aufgeklärten Absolutismus...S. 43f.

15 Arno Gruen: Der Verrat am Selbst. Die Angst vor Autonomie bei Mann und Frau. München 41988. Hier: S. 76.

16 Bezeichnenderweise wird die Frau von Kohlhaas indirekt, aufgrund ihrer verblüffenden Ähnlichkeit mit der alten Zigeunerin genau dort näher geschildert, wo es um den poetologischen Begründungszusammenhang der Novelle geht: um das Rätselhafte und Wunderbare (a.a.O. S. 85). In den Textpassagen davor bleibt sie ein unauffällig-blasses Wesen ohne charakteristische äußere Züge.

17 Heinz Schlaffer: Der Bürger als Held. Sozialgeschichtliche Auflösung literarischer Widersprüche. Frankfurt/Main 31981. Hier: S. 139.

18 Hugo Aust: Novelle. Stuttgart 21995. Hier: S. 79.

19 Zit. nach Aust a.a.O. S. 79. Hervorh. im Original.

20 So sagt er zu Luther: "hochwürdiger Herr! es hat mich meine Frau gekostet; Kohlhaas will der Welt zeigen, daß sie in keinem ungerechten Handel umgekommen ist" (a.a.O. S. 39).

21 "wer anders als Gott darf ihn [= den Landesherrn] wegen der Wahl solcher Diener zur Rechenschaft ziehen" (a.a.O. S. 39)

22 Wolfgang Barthel: Heinrich von Kleists "Michael Kohlhaas" (1808/1810). Werden und Wirkung. Facetten. Bei Gelegenheit der Ausstellungseröffnung am 31. August 1993 in der Stadtbücherei Heilbronn. Heilbronn 1993. Hier: S. 9.

23 Paul Michael Lützeler: Heinrich von Kleist: 'Michael Kohlhaas (1810). In: Romane und Erzählungen der deutschen Romantik. Neue Interpretationen. Hrg. von Paul Michael Lützeler. Stuttgart 1981. S. 213-239. Hier: 230.

24 Lützeler a.a.O. S. 233.

25 MICHAEL KOHLHAAS. Aus einer alten Chronik. Lexikonartikel ohne Autorennennung. In: Kindlers neues Literaturlexikon. Hrg. von Walter Jens. München 1988ff. Bd. 9 S. 480-481. Hier: S. 481.

26 Wolf Kittler: Der ewige Friede und die Staatsverfassung. In: Heinrich von Kleist. Text und Kritik. Sonderband. Hrg. von Ludwig Arnold. München 1992f. S. 134-150. Hier: S. 149.

27 Klaus-Michael Bogdal: Heinrich von Kleist. Michael Kohlhaas. München 1981. Hier: S. 37.

28 Bogdal a.a.O. S. 40. Allerdings führt Bogdal den Rechtsgedanken an anderer Stelle auf die spezifisch historisch-soziale Situation um 1800 zurück, wenn er betont, daß sich beim "Versuch individueller Seblstbestimmung" die "reale Ohnmachtserfahrung des Bürgers" zeige (a.a.O. S. 48).

29 Lützeler a.a.O. S. 217f.

30 Alle Zitate: Bohrer a.a.O. S. 179.

31 Die Problematik bürgerlicher Autonomie und Identität wird bereits bei Rousseau, Schiller, Kant etc. breit entfaltet. Dennoch wird hier - beispielsweise in Schillers Briefen Über die ästhetische Erziehung des Menschen und in Kants kritischen Schriften die prinzipielle Möglichkeit einer Versöhnung von Ich und Welt sowie die evolutionäre Entfaltung eines harmonischen Gesellschaftsgefüges noch bejaht.

32 Georg Friedrich Wilhelm Hegel: Ästhetik. 2 Bd. Hrg. von Friedrich Bassenge. Frankfurt/Main o.J. Hier: Bd. 1 S. 536.

33 Gotthold Ephraim Lessing: Werke. 3 Bd. Hrg. von Kurt Wölfel. Frankfurt/Main 1967. Hier: Bd. 1 S. 355.

34 Hegel a.a.O. S. 539. Hervorh. im Original.

35 Schlaffer a.a.O. S. 89.

36 Hans Joachim Kreutzer: Wann lebte Michael Kohlhaas? Über die ästhetische Einheit der Erzählung Kleists. In: Gerhard Schulz/Tim Mehigan (Hrg.): Literatur und Geschichte 1788-1988. Bern 1990 S. 67-79. Hier: S. 75.

37 Kreutzer a.a.O. S. 75f.

38 Gruen a.a.O. S. 67.

39 Gruen a.a.O. S. 50.

40 Bogdal a.a.O. S. 41.

41 Ich denke hier beispielsweise an die zwölf Söhne Jakobs, die zwölf Stämme Israels, die zwölf Apostel Jesu, sowie die zwölf Sterne und die zwölf Tore des Neuen Jerusalem in der Offenbarung des Johannes.

42 Vgl. Lützeler S. 224f.

43 Schlaffer a.a.O. S. 43.

44 Kleist a.a.O. Bd. 6 S. 224f. Hervorh. im Original.

45 Bohrer a.a.O. S. 178.

46 Bohrer a.a.O. S. 167.

47 Franz Kafka: Das Schloß. Hrg. von Malcolm Pasley. (= Schriften, Tagebücher, Briefe. (Kritische Ausgabe.) Ohne Bandangabe. New York, Frankfurt/Main 1982. Hier: S. 7ff.

48 Martin Walser: Des Lesers Selbstverständnis. In: Martin Walser: Vormittag eines Schriftstellers. Frankfurt/Main 1994. S. 163-200. Hier: S. 193f.


©1998 Michael Hetzner, Heilbronn


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