Der Kaufmann als Held

Zum Problem der bürgerlichen Identität in Kleists Michael Kohlhaas

Abstract

Von Michael Hetzner

(Kleist-Archiv Sembdner der Stadt Heilbronn, Die Wissenschaftsseite)
Michael Kohlhaas - bis heute steht dieser Name als Synonym für einen schrankenlosen, alle Grenzen sprengenden Gerechtigkeitsfanatismus. Ganz analog zu diesen Alltagsverständnis hat auch die Literaturwissenschaft Kleists gleichnamige Erzählung häufig einseitig nur unter dem Aspekt des Gerechtigkeitsmotivs betrachtet.

Doch so intensiv man dieses Motiv auch diskutiert - Kleist hat es so konsequent widersprüchlich und durchgängig antagonistisch angelegt, daß eine Betrachtungsweise, die allein auf der Ebene dieses Motiv verharrt, keinen sinnvollen Ansatzpunkt finden kann. Aus diesem Grund versucht meine Studie, diesen literarischen Antagonismus sozialgeschichtlich aufzulösen.

Dabei erweist sich Kleist Text als Chiffre einer tiefen Identitätskrise des Bürgers um 1800. Einer Krise, die durch die bürgerliche Massengesellschaft, die sich um diese Zeit abzuzeichnen beginnt, bestimmt wird. Die widersprüchlichen Lebenskonzeptionen des Bürgers sind (unter anderem) durch die immer mehr um sich greifenden Ökonomisierungszwänge sowie ein zunehmend abstrakteres Gesellschaftsgefüge bedingt. Das spiegelt sich in Kleists Text deutlich wieder. Und zwar nicht nur in der auf äußerliche Funktionalisierung beschränkten Schilderungen der Figuren, sondern auch in dem widersprüchlichen Verhalten der Hauptfigur, die zum einen als bürgerlich kalkulierender Kaufmann, zum andern als feudalistisch souveräner Held zu agieren sucht.

Doch das Heldentum von Kohlhaas, das in der von ihm betriebenen Selbsterhöhung sowie in der Verabsolutierung seines Machtanspruchs zum Ausdruck kommt, erweist sich als illusionär. Denn seine Aktionen stoßen nicht nur ins Leere, sie werden auch immer wieder vom Zufall, seinem stärksten Antagonisten, überspielt.

In den schnellen, oft überraschenden Wechseln der Handlung, in dem reflexionslosen Agieren der außengesteuerten Figuren, in dem schwankenden, oftmals von einem Extrem ins andere umschlagenden Verhalten der Hauptfigur sowie in ihrem aktionistischen Leerlauf finden sich bereits deutlich sichtbare Zeichen der literarischen Moderne. Damit kommt in Kleists Erzählung jene Korrespondenz von Ich- und Weltzerfall zum Ausdruck, die für die Literatur des 20. Jahrhunderts so konstitutiv ist. So gesehen kann man Michael Kohlhaas als einen Großneffen der (Haupt-)Figuren Kafkas betrachten.

Vom Paradoxon zur Groteske - so läßt sich (unter anderem) der Weg der literarischen Entwicklung von Kleist zu Kafka beschreiben. Beides, das Paradoxe wie das Groteske, lassen keine feste, eindeutig fixierte Perspektive mehr zu. Doch die Paradoxa Kleists erlauben einen (zumindest als Utopie entworfenen) positiv faßbaren Sinnhorizont. Am Schluß der Erzählung kommt der Prozeß des Roßhändlers immerhin zu einem auch für ihn akzeptablen Ergebnis. (Wenngleich sowohl der Prozeßverlauf als auch die Macht, die Kohlhaas durch die Kapsel der Zigeunerin zuwächst, es keineswegs erlauben, dieses Urteil als ungebrochenes Fazit der Erzählung aufzufassen.)

Für die unendliche Permutation der grotesken Erlebnisse K.'s gilt das nicht mehr. Sein Prozeß entwickelt sich nicht, er dreht sich ständig im Kreis. Das Todesurteil der Hauptfigur in Kafaks Prozeß ist nicht nur völlig überraschend und willkürlich, es läßt sich auch nicht mehr sinnvoll begründen. In der radikalen Dekonstruktion der Figuren, der völligen Dissoziation von innerem Zustand und äußerer Handlung, von Ich und Welt, in der auf die Spitze getriebenen Auflösung des Sinntotals sowie dem Entwurf einer fragmentarischen Welt zeigt sich der historische Abstand von Kafka zu Kleist. Bei Kafka bleibt einzig der sinnlose Reflex, das nutzlose Insistieren auf dem, was (zumindest potentiell) einmal Persönlichkeit, freie Entfaltung und harmonisch-stimmige Ich-Entwicklung hieß.

Michael Hetzner, Jahrgang 1955, studierte Deutsch, Musikerziehung und Pädagogik an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg; anschließend Studium der Fächer Germanistik und Pädagogik. Im Jahre 1991 promoviert er zum Dr. phil., 1995 zum Dr. paed. Veröffentlichungen: Gestörtes Glück im Innenraum. Über Ehe und Familie bei Wilhelm Busch (1991); Identität im Umbruch. Wilhelm Buschs autobiographische Skizzen im Vorfeld der Moderne (1994), Ästhetische Textstruktur und Identität. Autobiographisch-literarische Texte als Interpretationsmuster von Bildungs- und Transformationsprozessen (1996), Aufsätze zur Alltagskommunikation, Literaturwissenschaft und Pädagogik. Er arbeitet heute als Berater und pädagogischer Mitarbeiter der Postbank.


© 1998 Michael Hetzner
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