Einleitung

Zu den vielen wohlfeilen Erwerbungen, auf die eine durch jene nachmals zu Lohn und Arbeit gelangende Literaturwissenschaft zurückblicken kann, gehört der zweite Band von Kleists 'Erzählungen', der im August 1811 im Verlag der Berliner Realschulbuchhandlung erschienen ist. Dem Preis von hundert Talern hat der Verleger Georg Reimer nach der zweiten von insgesamt vier Raten zugestimmt und damit ein immerhin doppelt so hohes Honorar wie für den rund ein Jahr zuvor herausgekommenen ersten Band gezahlt, dessen Erfolg den Vertrag über einen zweiten erst in die Wege geleitet haben dürfte: "Ein zweiter Band war zunächst nicht geplant, denn der erste trägt nur den Titel ‹Erzählungen›, der zweite dagegen den Untertitel «Zweiter Theil»".

Von den fünf Erzählungen, die in dem letzten von Kleist selbst veröffentlichten Werk versammelt sind, war die 'Verlobung in St. Domingo' schon vorher, allerdings in einem nur wenige Monate umfassenden Zeitraum, zweimal ohne größere Abweichungen gegenüber der Buchfassung in Zeitschriften abgedruckt worden; hatte das 'Bettelweib von Locarno' noch ohne die vereinzelten und feinen, aber wirkungsvollen späteren Änderungen ebenso Aufnahme in die 'Berliner Abendblätter' gefunden, wie eine gut um die Hälfte kürzere Fassung der 'heiligen Cäcilie'. Neu hinzu treten in der Sammlung der 'Findling' und der 'Zweikampf'. Letzterer kennt zwar gröbere thematische Entsprechungen zu der gleichermaßen in den 'Abendblättern' erschienenen Anekdotenbearbeitung 'Geschichte eines merkwürdigen Zweikampfs', die aber von den Finessen der Erzählung nicht das mindeste erahnen und sich deshalb keineswegs als Vorstufe bezeichnen läßt.

In der äußerlichen Zusammengehörigkeit des Quintetts liegt jedoch nicht der Grund dafür, daß hier entgegen sonst üblicher Aufteilungen lediglich der zweite Band der 'Erzählungen' zum Vorwurf einer Untersuchung wird. Anlaß für diese Beschränkung ist vielmehr die zentrale Position, welche die Begriffe Raum und Zeit nur in jenen fünf späten Texten einnehmen. Die Schilderung der räumlichen Gegebenheiten und die Anlage zeitlicher Verhältnisse ließen sich gewiß auch im übrigen narrativen oder im dramatischen Werk analysieren; über das unumgängliche Maß an temporalen und lokalen Rahmenbedingungen hinaus aber stehen, das soll gezeigt werden, die Begriffe Raum und Zeit im Mittelpunkt des zweiten Sammelbandes, insofern, allgemein gesprochen, diesen Begriffen Immanentes - etwa Kontinuität der Zeit, Mehrdimensionalität des Raumes und Diskretion seiner Teile - sich in verschiedenartiger und erfindungsreicher Weise als gemeinsamer Fokus in den einzelnen Erzählungen behauptet. In jeder von ihnen scheint außerdem die spezifische Rolle jener beiden Begriffe illustrativen Charakter zu haben, jeweils zu Aspekten eines einzigen Gegenstandes zurückzukehren. Diesen Zusammenhang nachzuzeichnen, das Thema zu umgrenzen, das zu den Variationen über Raum und Zeit gespielt wird, ist ein weiteres Anliegen der Untersuchung.

Wiewohl die Betonung der äußeren und der zu erörternden inneren Einheit der fünf Erzählungen diesen Eindruck erwecken mag, besteht nicht die Absicht, eine starke Zäsur zu den früheren Texten zu errichten, die zwischen 1807 und 1810 veröffentlicht worden sind. Zwar sind im 'Michael Kohlhaas' wie in der 'Marquise von O...' oder dem 'Erdbeben in Chili' keinerlei Vorzeichen der systematischen Stellung auszumachen, welche den genannten Begriffen in dem zweiten Band zukommt. Andererseits ist die oftmals bemerkte Homogenität des erzählerischen Werks zu deutlich, als daß sie angesichts jener partiellen eigentümlichen Behandlung von Raum und Zeit übersehen werden könnte. Daß die hier vorgenommene Abgrenzung diese Einheitlichkeit nicht verkennt, findet auch Ausdruck in der Berücksichtigung der Verbindungen, die sich zu dem ersten Prosaband sowie zu den Briefen und den journalistischen Arbeiten Kleists angeben lassen. Was die Parallelen betrifft, die im folgenden mitunter zu Schriften anderer Autoren gezogen werden, so sehen sich solche Hinweise der Schwierigkeit ausgesetzt, die sich in der vielfach geäußerten Klage über Kleists "Quellenheimlichkeiten" niedergeschlagen hat. So wenig nun das hartnäckige Schweigen Kleists bezüglich seiner Lektüre zu willkürlichen Spekulationen berechtigt, so wenig kann es davon entbinden, desto aufmerksamer auch entlegenere Vergleichspunkte in Erwägung zu ziehen. Spekulativerer Natur ist im Grunde die Annahme, daß bloß einige Reisebeschreibungen und die immer wieder beigebrachten drittrangigen Geschichten aus den zeitgenössischen Almanachen Spuren in den späten Erzählungen hinterlassen haben.

Von der Möglichkeit, vor dem Hintergrund selbst einer minder forcierten Behauptung der Zusammengehörigkeit der fünf Texte erneut an die leidigen Datierungsfragen anzuknüpfen, ist weitgehend abgesehen worden. Die leitende Begrifflichkeit enthält Interessanteres als das Moment, aus jener einen indirekten Nachweis für die gemeinsame Entstehungszeit abzuleiten. Überdies ist mit den Überlegungen Hans Joachim Kreutzers, inwieweit gegen seine "Arbeitshypothese, daß die Stücke des zweiten Bandes alle erst in Kleists letztem Lebensjahr, also zwischen Herbst 1810 und Frühjahr 1811, entstanden sind, (...) keine äußeren Gegengründe angeführt werden" können, den bisweilen albernen Vorschlägen und Mutmaßungen ein überzeugendes Ende bereitet worden. - Gleichfalls außer acht geblieben sind die konventionellen Arbeiten zur Funktion des Raumes und vornehmlich der Zeit, der Erzählzeit etc., in literarischen Texten; sind die dort aufgestellten Kategorien zu vage, um dem Versuch einer Näherung an die filigranen Techniken Kleists hilfreich zu sein, so vermöchten eher die Erzählungen jene Arbeiten als ergänzungsbedürftig erscheinen lassen, als daß von diesen her die besagten Besonderheiten zu fassen wären.

Obschon mit dem vor kurzem begonnenen Unternehmen der 'Berliner Kleist-Ausgabe' zumindest für die 'Verlobung in St. Domingo' eine sorgfältiger betreute und merklich verbesserte Textgrundlage zu Verfügung steht, wird aus Gründen der Übersichtlichkeit durchgehend nach der Edition Helmut Sembdners (sechste Auflage, 1977) zitiert. Auf den zweiten Band dieser Ausgabe beziehen sich die Seitenzahlen, die ohne weitere Spezifikation Zitaten aus den Erzählungen und deren Varianten beigefügt sind, während ansonsten römische Ziffern zusätzlich über den jeweiligen Band Auskunft geben.


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