Die blaue Blume

Die schönsten romantischen Erzählungen
Gelesen von Cornelia Bielefeldt
3. bis 31. Juli 2003, jeweils montags und donnerstags, 17 Uhr

Heilbronn, Hefenweiler, Inselspitze beim Insel-Hotel, unter der Flügelnuß
Wieder ein Projekt des Kleist-Archivs Sembdner, Heilbronn


Ludwig Tieck: Der blonde Eckbert

Inhalt


Auf einer Burg im Harz lebt der Ritter Eckbert mit seiner Frau Berta in kinderloser, aber glücklicher Ehe, und nur ein Freund, Philipp Walter, ist öfters bei ihnen zu Besuch. An einem nebligen Herbstabend sitzen die drei am Kamin, das Gespräch kommt auf Bertas Jugend, und Berta erzählt:

Als Kind von ihrem Vater, einem armen Hirten, hart behandelt, ist sie sie achtjährig in den Wald geflüchtet und dort einer alten Frau begegnet, die sie mit in ihre Hütte nimmt. Sie lernt spinnen und lesen und muß den Hund und einen herrlich singenden Vogel betreuen, der täglich ein Ei mit einer Perle oder einem Edelstein legt. Sechs Jahre verbringt Berta so bei der Alten, die mit ihr sehr zufrieden ist. Immer größer aber wird ihre Sehnsucht nach der Welt der Ritter, die sie aus ihrer Lektüre kennt, und eines Tages flüchtet sie mit einem Gefäß voll von Edelsteinen, läßt den Hund zurück und erwürgt unterwegs den Vogel, der sie mit seinem Lied in Angst versetzt hat. Als sie in ihrem Heimatdorf erfährt, daß ihre Eltern gestorben sind, zieht sie in die Stadt und vermählt sich später mit dem Ritter Eckbert.

Soweit Bertas Geschichte. Als Walter aufbricht, nennt er zu ihrem Entsetzen unvermutet den Namen des Hundes, auf den sie sich trotz allen Bemühens nie mehr besinnen konnte. Das nährt Eckberts Mißtrauen und Argwohn gegen Walter, und Berta erkrankt lebensgefährlich. Eckbert erschießt schließlich seinen Freund im Wald, und Berta stirbt in Seelenqual.

Einige Zeit später gesellt sich zu dem schwermütigen Eckbert ein Ritter namens Hugo. Ihm vertraut sich Eckbert an, erkennt aber plötzlich in ihm den ermordeten Walter. Verzweifelt stürzt er in den Wald und kommt zu der Hütte der Alten, die ihm entgegenruft: "Siehe, das Unrecht bestraft sich selbst. Ich war dein Freund Walter, dein Hugo ...“ Der Hund bellt, der Wundervogel singt, und Eckbert stirbt im Wahnsinn, als er hört, daß Berta seine Schwester war.


Erschienen in: Volksmährchen. Herausgegeben von Peter Leberecht [Pseudonym für Ludwig Tieck,]. 3 Bde. Berlin: Nicolai, 1797.


Ludwig Tieck (1773-1853) gilt als Mitbegründer der Frühromantik. Durch seine Interessen für altdeutsche Dichtung, für Märchen, Sagen und Volksbüchern und seine Begeisterung für Shakespeare war er einer der großen Anreger seiner Zeit. Tieck ist u. a. Herausgeber von Kleists „Hinterlassenen Schriften“ (1821). Ihm ist die Überlieferung des „Prinz Friedrich von Homburg“ zu verdanken. (Später noch Herausgeber von Kleists „Gesammelten Schriften“, 3 Bände, 1826).


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