E-Mail an Kleist-Archiv Sembdner der Stadt Heilbronn


Heinrich von Kleist

Der Zerbrochne Krug, V. 1126-1221


1126 Frau Marthe: Was soll das? Dreist heraus jetzt mit der Sprache!

Eve: O liebste Mutter!

Frau Marthe:                 Du -! Ich rate dir!

Ruprecht: Mein Seel, 's ist schwer, Frau Marthe, dreist zu sprechen,
Wenn das Gewissen an der Kehl uns sitzt.

1130

Adam: Schweig Er jetzt, Nasweis, mucks Er nicht.

Frau Marthe:                                     Wer wars?

Eve: O Jesus!

Frau Marthe: Maulaffe, der! Der niederträchtige!
O Jesus! Als ob sie eine Hure wäre.
Wars der Herr Jesus?

Adam:                            Frau Marthe! Unvernunft!
Was das für -! Laß Sie die Jungfer doch gewähren!
Das Kind erschrecken - Hure - Schafsgesicht!
So wirds uns nichts. Sie wird sich schon besinnen.

Ruprecht: O ja, besinnen.

Adam:                            Flaps dort, schweig Er jetzt.

Ruprecht: Der Flickschuster wird ihr schon einfallen.

Adam: Der Satan! Ruft den Büttel! He! Hanfriede!

1140

Ruprecht: Nun, nun! Ich schweig, Herr Richter, laßts nur sein.
Sie wird Euch schon auf meinen Namen kommen.

Frau Marthe: Hör du, mach mir hier kein Spektakel, sag ich.
Hör, neunundvierzig bin ich alt geworden
In Ehren: funfzig möcht ich gern erleben.
Den dritten Februar ist mein Geburtstag;
Heut ist der erste. Mach es kurz. Wer wars?

Adam: Gut, meinethalben! Gut, Frau Marthe Rull!

Frau Marthe: Der Vater sprach, als er verschied: Hör, Marthe,
Dem Mädel schaff mir einen wackern Mann;

1150 Und wird sie eine liederliche Metze,
So gib dem Totengräber einen Groschen,
Und laß mich wieder auf den Rücken legen:
Mein Seel, ich glaub, ich kehr im Grab mich um.

Adam: Nun, das ist auch nicht übel.

Frau Marthe: Willst du Vater
Und Mutter jetzt, mein Evchen, nach dem vierten
Gebot hoch ehren, gut, so sprich: in meine Kammer
Ließ ich den Schuster, oder einen dritten,
Hörst du? Der Bräutgam aber war es nicht.

Ruprecht: Sie jammert mich. Laßt doch den Krug, ich bitt Euch;

1160 Ich will'n nach Utrecht tragen. Solch ein Krug -
Ich wollt ich hätt ihn nur entzwei geschlagen.

Eve: Unedelmütger, du! Pfui, schäme dich,
Daß du nicht sagst, gut, ich zerschlug den Krug!
Pfui, Ruprecht, pfui, o schäme dich, daß du
Mir nicht in meiner Tat vertrauen kannst.
Gab ich die Hand dir nicht und sagte, ja,
Als du mich fragtest, Eve, willst du mich?
Meinst du, daß du den Flickschuster nicht wert bist?
Und hättest du durchs Schlüsselloch mich mit

1170 Dem Lebrecht aus dem Kruge trinken sehen,
Du hättest denken sollen: Ev ist brav,
Es wird sich alles ihr zum Ruhme lösen,
Und ists im Leben nicht, so ist es jenseits,
Und wenn wir auferstehn ist auch ein Tag.

Ruprecht: Mein Seel, das dauert mir zu lange, Evchen.
Was ich mit Händen greife, glaub ich gern.

Eve: Gesetzt, es wär der Leberecht gewesen,
Warum - des Todes will ich ewig sterben,
Hätt ichs dir Einzigem nicht gleich vertraut;

1180 Jedoch warum vor Nachbarn, Knecht' und Mägden -
Gesetzt, ich hätte Grund, es zu verbergen,
Warum, o Ruprecht, sprich, warum nicht sollt ich,
Auf dein Vertraun hin sagen, daß dus warst?
Warum nicht sollt ichs? Warum sollt ichs nicht?

Ruprecht: Ei, so zum Henker, sags, es ist mir recht,
Wenn du die Fiedel dir ersparen kannst.

Eve: O du Abscheulicher! Du Undankbarer!
Wert, daß ich mir die Fiedel spare! Wert,
Daß ich mit einem Wort zu Ehren mich,

1190 Und dich in ewiges Verderben bringe.

Walter: Nun -? Und dies einzge Wort -? Halt uns nicht auf.
Der Ruprecht also war es nicht?

Eve: Nein, gnädger Herr, weil ers denn selbst so will,
Um seinetwillen nur verschwieg ich es:
Den irdnen Krug zerschlug der Ruprecht nicht,
Wenn ers Euch selber leugnet, könnt Ihrs glauben.

Frau Marthe: Eve! Der Ruprecht nicht?

Eve: Nein, Mutter, nein!
Und wenn ichs gestern sagte, wars gelogen.

Frau Marthe: Hör, dir zerschlag ich alle Knochen!
(Sie setzt den Krug nieder.)

1200

Eve: Tut, was Ihr wollt.

Walter (drohend): Frau Marthe!

Adam: He! Der Büttel! -
Schmeißt sie heraus dort, die verwünschte Vettel!
Warum solls Ruprecht just gewesen sein?
Hat Sie das Licht dabei gehalten, was?
Die Jungfer, denk ich, wird es wissen müssen:
Ich bin ein Schelm, wenns nicht der Lebrecht war.

Frau Marthe: War es der Lebrecht etwa? Wars der Lebrecht?

Adam: Sprich, Evchen, wars der Lebrecht nicht, mein Herzchen?

Eve: Er Unverschämter, Er! Er Niederträchtger!
Wie kann Er sagen, daß es Lebrecht -

Walter: Jungfer!

1210 Was untersteht Sie sich? Ist das mir der
Respekt, den Sie dem Richter schuldig ist?

Eve: Ei, was! Der Richter dort! Wert, selbst vor dem
Gericht, ein armer Sünder, dazustehn -
- Er, der wohl besser weiß, wer es gewesen!
(Sich zum Dorfrichter wendend:)
Hat Er den Lebrecht in die Stadt nicht gestern
Geschickt nach Utrecht, vor die Kommission,
Mit dem Attest, die die Rekruten aushebt?
Wie kann Er sagen, daß es Lebrecht war,
Wenn Er wohl weiß, daß der in Utrecht ist?

1220

Adam: Nun wer denn sonst? Wenns Lebrecht nicht, zum Henker -
Nicht Ruprecht ist, nicht Lebrecht ist - - Was machst du?


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