Kleist-Archiv Sembdner, Heilbronn Pressemeldung Nr. 102 - 6. 10. 2004 (Sie finden frühere Pressemeldungen unter www.kleist.org/presse) --------------------------------------------------------- Verehrte Kollegin, geehrter Kollege, wenn's stimmt, was uns vor einer halben Stunde per Mail als Nachricht erreicht hat, dann melden wir uns hier gleich mit Elfriede Jelineks Stellung zu Heinrich von Kleist, die sie uns für unsere Heilbronner Kleist-Blätter 13 exklusiv geschrieben hat und die ja auch ein Stück Poetologie ist... Und wir gratulieren selbstredend "unserer" Autorin :-) Günther Emig, Herausgeber jener N° 13 Auf unsere Frage "Wie stehst du zu Kleist" im Anschluß an eine gleichlautende Rundfrage aus dem Jahr 1927, auf die u. a. der Nobelpreisträger (!) Thomas Mann geantwortet hat, schrieb mir Elfriede Jelinek, Autorin, 17. 5. 2002 Was mich an Kleist am meisten fasziniert, ist diese Mischung aus Ekstase und rationaler Überlegung. Einer, der im wahrsten Sinn des Wortes außer sich geraten kann, aber auch: denken. Er beobachtet, wie sich die Menschen gegenseitig das Herz herausreißen (und es essen), wie sie einander die Brust aufreißen, aber er schaut sich auch sehr genau an, was da zutage gefördert wird. Er hat diese großen Erkenntnisse, die aus genauer Beobachtung kommen, er er-faßt seinen Gegenstand, zerdrückt ihn förmlich zwischen den Fingern oder er kriecht gleich ganz hinein, aber dann kann er auch, beim Verfertigen von Gedanken oder im Marionettentheater, die kompliziertesten Erkenntnisse gewinnen, analysieren und benennen, als wollte er ein Lexikon menschlichen Denkens und Verhaltens verfassen, Erkenntnisse, aus denen dann jedoch wieder, ganz plötzlich und unerwartet, die Ekstase hervorstößt, brüllend und fauchend, wie die Flamme, die den Heißluftballon vom Boden abheben läßt, vor dem er sich hütet, in dem er aber gleichzeitig auch begraben bleiben muß. Vielleicht faßt dieses Bild den Dichter: An den Seilen rütteln wie eine geballte Faust, aber doch genau beobachten, wie die Knoten gebunden sind, die ihn festhalten. Einmal muß man sie durchschneiden, und das macht der Dichter dann auch noch. Ach ja, die Ausgabe 13 der HKB ist noch lieferbar. 7,50 Euro plus Versand. Beim Kleist-Archiv Sembdner unter www.kleist.org/hkb/hkbinhalt.htm --------------------------------------------------------- Impressum: Kleist-Archiv Sembdner · Direktor: Günther Emig · Berliner Platz 12 (Theaterforum K3) · D-74072 Heilbronn · E-Mail: kleist@kleist.org · Fax (07131) 56-3699 · Tel. (07131) 56-2668 · Internet: www.kleist.org