Kleist-Archiv Sembdner, Heilbronn Pressemeldung Nr. 52/6. 5. 2004 (Sie finden diese und frühere Pressemeldungen unter www.kleist.org/presse) --------------------------------------------------------- Verehrte Kollegin, geehrter Kollege, dieses "Mein hoher Herr", seit Fontanes "Effi Briest" schwer ins Gerede gebracht, zeitigt vornehmlich in Heilbronn immer wieder die Frage, wie aktuell denn noch Kleists "Käthchen von Heilbronn" sei. Lange schon tragen wir uns daher mit dem Gedanken eines aktuell versandten Pressespiegels zu herausragenden aktuellen Inszenierungen dieses Stückes, um zu zeigen, daß sich immer wieder bedeutende Regisseure damit beschäftigen und daß vielleicht doch "was dran sein" könnte an diesem Schauspiel. Pech nur: mal liegen die Artikel nicht digital vor, d. h. man müßte sie erst scannen, mal sind sie zu groß, als daß sie auf unser DIN-A-4-Fax passen. Aber heute finden wir (über Paperball) einen leicht bearbeitbaren Artikel über das Berliner Theatertreffen und den nach dorthin eingeladenen Regisseur Nicolas Stemann, dessen "Käthchen"-Inszenierung am Deutschen Theater Berlin eine irrsinnig breite Presseresonanz gefunden hat. In diesem Artikel gibts auch noch einige zitable Sätze zum Heilbronner Leib- und Magenstück, die man mal durch den hohlen Zahn inhalieren sollte - Wohlan (einige Auslassungen haben wir uns und Ihnen zugestanden): Zitat: Kein Leben ohne Gott Star des Berliner Theatertreffens: Regisseur Nicolas Stemann setzt auf die alten menschlichen Werte Von Reinhard Wengierek Nicolas Stemann ist der Mann der Stunde: Am Deutschen Theater Berlin machte er Furore mit Kleists "Käthchen" - dort wird er auch künftig gastieren. Beim Theatertreffen ist er jetzt mit seiner Jelinek-Inszenierung vom Burgtheater vertreten. Dort wird er demnächst Hausregisseur. [...] Meistens jedoch polarisiert es das Publikum. Beispielsweise bei Kleists "Käthchen von Heilbronn" im Deutschen Theater Berlin. Das Märchen handelt von Gottvertrauen, von unerschütterlicher Treue zu einer großen, mithin bedingungslosen Liebe in einer gefährlichen Welt. Dem einen erschien das Idealische, das Utopische nur banal, den anderen stürzte es in Verzückung. "Mit diesem Stück wollte ich bestimmte Fragen stellen, die heutzutage als ziemlich uncool gelten: nämlich die Frage nach Glauben, Vertrauen, Liebe. Dabei wird doch längst immer deutlicher, dass ein Leben etwa ohne Glauben sehr defizitär ist. Andererseits kann man nicht einfach ins Stadium der Unschuld zurückkehren, alle Abgeklärtheiten, Ironien, Zynismen lax beiseite schieben." Dieses Dilemma erfühlte schon Kleist: "Die Tradition über den Haufen geworfen, der Mensch zum Maß aller Dinge erhoben, sein Ausweg: die Kugel am Wannsee." Theatralisch macht Stemann dieses Dilemma deutlich durch ironische Brechungen und tief emotionale, auch musikalisch gestützte Überhöhungen. Nicht durchs schlichte Vom-Blatt-Spiel. Nicht durch naturalistisches Textbebildern, durch kaum noch nachvollziehbare sprachliche Einfühlung. Stemann nennt das: dem Stadttheater das Stadttheatern austreiben. Man darf getrost sagen, Nicolas Stemann gehört zu den wenigen Regisseuren, die es verstehen, uns mit so leichter wie gezielter Hand sonderlich die Verwegenheit verwehter Texte plausibel zu machen. Sie ins Heute zu treiben, also lebendig zu halten. Mit Stemann haben wir einen Prediger und Fantasten, einen Regisseur, der bestimmte menschliche Werte wieder kenntlich und wichtig machen will, indem er das Gefühl für ihren Verlust beschwört. [...] Zitatende (Quelle: http://morgenpost.berlin1.de/inhalt/feuilleton/story676564.html, aufgerufen 6. 5. 2004) --------------------------------------------------------- Impressum: Kleist-Archiv Sembdner · Direktor: Günther Emig · Berliner Platz 12 (Theaterforum K3) · D-74072 Heilbronn · E-Mail: kleist@kleist.org · Fax (07131) 56-3699 · Tel. (07131) 56-2668 · Internet: www.kleist.org