Kleist-Archiv Sembdner, Heilbronn Pressemeldung Nr. 21 /6.2.2004 (Sie finden diese und frühere Pressemeldungen als ASCII- und RTF-Datei unter www.kleist.org/presse) ------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------ Terminankündigung mit der Bitte um Bekanntgabe Einladung zur Berichterstattung Der Traum vom Rosenfest - H. v. Kleists "Penthesilea" in der Musik Veranstaltungsreihe des Kleist-Archivs Sembdner mit Dr. Nanna Koch (Württembergisches Kammerorchester) "Denn wer das Käthchen liebt, dem kann die Penthesilea nicht ganz unbegreiflich sein, sie gehören ja wie das + und - der Algebra zusammen und sind ein und dasselbe Wesen, nur unter entgegengesetzten Beziehungen gedacht", so der Dichter Heinrich von Kleist in einem Brief vom 8. Dezember 1808 an den österreichischen Autor Heinrich Joseph von Collin. Nachdem sich Frau Dr. Koch bereits im letzten Jahr bei mehreren Terminen mit dem "Käthchen" in der Musik beschäftigt hat, geht es diesmal also um das "Gegenstück", die Penthesilea. Wieder erwarten uns viele interessante Informationen mit Hörbeispielen, die bewußt auch den "Nicht-Kleistianer" und den "nur" musikalisch Interessierten ansprechen sollen. Die Termine und ihre (vorläufigen) Inhalte: Donnerstag, 19. Februar, 19.30 Uhr: Von den frühen Ouvertüren und Bühnenmusiken bis zum melodramatischen Experiment Karl Goldmark: Penthesilea, Ouvertüre nach Kleist op. 31 (1879) Felix Draeseke: Penthesilea, Symphonisches Vorspiel nach Kleist op. 50 (1888) Fritz Behrend: Penthesilea, Vorspiel op. 31 zum Drama von H. Kleist (1926) Giancarlo Schiaffini/Robert Ashley/Henning Christiansen: Musik zu Rosenfest, Fragment XXX nach Heinrich von Kleist (Berliner Künstlerprogramm des DAAD 1984) Donnerstag, 4. März, 19.30 Uhr: Individuelle musikalische Aufarbeitung des Geschehens Beispiele: Hugo Wolfs Symphonischer Dichtung Penthesilea (1883/84) und Dieter Schnebels Komposition für fünf Frauenstimmen a cappella Amazones (1992/93). Dazu ein Komponist "neuer" Musik: Manfred Stahnke (Jg. 1951), 3. Streichquartett Penthesilea. Donnerstag, 18. März, 19.30 Uhr: Das literarische Werk unter der Lupe Die Opern Penthesilea (1927) von Othmar Schoeck und SzenePenthesileaEinTraum (1999/2000) von Christian Ofenbauer (Auftragskomposition für die Wiener Festwochen) Veranstaltungsort: Heilbronn, Kleist-Archiv Sembdner, K3, 2. OG (Berliner Platz 12) Und weil wir nicht davon ausgehen, daß Sie alle auf Knopfdruck präsent haben, worum es bei der erst 1876 uraufgeführten "Penthesilea" geht (Zitat daraus: "Küsse, Bisse, /Das reimt sich, / und wer recht von Herzen liebt, / Kann schon das Eine für das Andre greifen."), fügen wir "servicehalber" eine kleine Inhaltsangabe bei: Während des Trojanischen Krieges erscheinen die Amazonen mit ihrer Königin Penthesilea auf dem Schlachtfeld, um sich zur Erhaltung ihres Geschlechts junge und starke Männer einzufangen. (!!) Als Penthesilea den griechischen Helden Achill erblickt, empfindet sie zum erstenmal glühendes Liebesverlangen (was "regelwidrig" ist, denn es geht nicht um die personelle Liebe, sondern - wenn dieser Begriff nicht zu befrachtet wäre - um "Begattung" und "Arterhaltung"). Auch Achill ist entschlossen, die Stolze heimzuführen. Penthesilea muß aber nach dem Gesetz der Amazonen den Mann der Wahl im Kampf erobern (bevor es dann beim Rosenfest zur Sache gehen kann). Und so bleibt sie auf dem Schlachtfeld, obwohl ihre Mitstreiterinnen zur Heimkehr drängen. In einer neuen Kampfpause unterliegt sie Achill und bricht ohnmächtig zusammen. Um sie vor der Schmach des Besiegtseins zu bewahren, bittet die Amazonenfürstin Protoe den Helden, ihre Königin als Siegerin anzuerkennen. Er geht darauf ein, und die erwachende Penthesilea ist überglücklich, den Geliebten heimführen zu können. Die weitere Entwicklung zwingt Achill jedoch zu dem Geständnis, daß Penthesilea eigentlich seine Gefangene ist. Durch das Kampfgetümmel von ihr getrennt, läßt er die Amazonenkönigin zu neuem Kampf fordern, in welchem er sich unbewaffnet besiegen lassen will, um ihr folgen zu können. Penthesilea durchschaut seine Absicht nicht, sie hält es für Verrat. In blinder Haßliebe zieht sie ihm entgegen, durchbohrt ihn mit einem Pfeil, hetzt die Hunde auf ihn, die ihn zerfleischen, schlägt selber, ihren Hunden gleich, ihre Zähne in seinen Leib und trinkt sein Blut. Aus ihrem Wahnsinnsrausch erwacht, gibt sie sich den Tod. Ende der Inhaltsangabe. Beginn einiger Hinweise: 1. Wer die Klassik immer in Verbindung bringt mit "edler Einfalt und stiller Größe", erlebt bei Kleists im Juli 1808 erschienenem Werk (bei Cotta in Tübingen) die andere Seite der Antike: Rausch, Ekstase, Leidenschaft, Unmaß, Wahnsinn. 2. Nimmt man mal das antike Brimborium weg, bleibt ein "ewiges" Modell des Geschlechterkampfs, so daß sich 3. niemand mehr verwundert sein kann, daß insbesondere die amerikanische feministische Literaturwissenschaft bis heute in Penthesilea ihre bevorzugte Schwester sieht. 4. Erst kürzlich hat die Edition Mnemosyne (Neckargemünd/Wien) eine Doppel-CD mit einer historischen Aufnahme (Maria Becker u. a.) auf den Markt gebracht, die als Hörbuch des Monats ausgezeichnet worden ist und die wir nur empfehlen können. 5. Uns interessiert nun die Rezeption in der Musik - die vielleicht nicht ganz so feministisch daherkommt. Man wird sehen... --------------------------------------------------------- Impressum: Kleist-Archiv Sembdner · Direktor: Günther Emig · Berliner Platz 12 (Theaterforum K3) · D-74072 Heilbronn · E-Mail: kleist@kleist.org · Fax (07131) 56-3699 · Tel. (07131) 56-2668 · Internet: www.kleist.org