Kleist war der Widerstands-Schriftsteller par excellence. Kaum eines seiner Werke, in dem nicht direkt und indirekt das Thema des Widerstands gegen politische Gewalt, gegen soziale Ungerechtigkeit und Unterdrückung thematisiert würde. Sein Widerstandsgeist entzündete sich gerade an der Napoleonischen Unterwerfungspolitik. In drei Ansätzen versuchte Napoleon, Frankreich als Weltmacht zu etablieren: im Ausgriff auf Asien im Ägypten-Feldzug, im Griff nach Amerika bei der Rückeroberung der Insel St. Domingue und schließlich bei der Eroberung Europas, dessen Abschluß der Rußland-Feldzug bilden sollte. Kleist sah im erfolgreichen Kampf des ehemaligen Sklaven Dessalines auf St. Domingue einen Geistesverwandten von Hermann dem Cherusker. Indem Kleist 1811 in seiner Novelle "Die Verlobung in St. Domingo" auf die Niederlage Napoleons und den erfolgreichen Widerstand gegen den Kaiser hinweist, bringt er die Verwundbarkeit des seinerzeit für unbesiegbar gehaltenen Gegners zur Sprache. Es geht aber nicht nur um die Person Napoleons, sondern auch um die Kritik an einem europäischen Kolonialsystem, dessen Mechanismen und Widersprüche Kleist besonders an dem Verhältnis zwischen Toni und Gustav verdeutlicht.
Prof. Dr. Paul Michael Lützeler
Autor von acht Büchern und zahlreichen Editionen zu Themen der deutschen
und europäischen Literatur vom 18. bis zum 20. Jahrhundert. Forschungsschwerpunkte: Hermann Broch, Exilliteratur, europäische
Identität, Romantik, Gegenwartsliteratur, Literatur und Geschichte. Lehre
als Rosa May Distinguished University Professor in the Humanities an der
Washington University, wo er ein European Studies Program und ein Zentrum
für deutschsprachige Gegenwartsliteratur leitet.