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Heinrich von Kleist und Haiti - St. Domingo

 

Mitwirkende: 7

Moderation: Tanja Langer / evtl. Rainer Rubbert

Sopran: Silja Schindler (Käthchen / Marquise von O.)
Alt: Evelyn Krahe (Penthesilea)
Bariton: Thorbjörn Björnsson (Heinrich von Kleist)
Baß: Marc Coles (Maler aus Santo Domingo)
Klavier: Martin Schneuing

Die "Beziehung" des deutschen Dichters Heinrich von Kleist (1777-1811) zu der Karibikinsel San Domingo / Haiti ist sicher einer der prominentesten in der Literatur zwischen diesen beiden Ländern. Sie könnte der Auftakt dafür sein, die Geschichte dieses Verhältnisses neu zu schreiben.

Der deutsche Dichter Heinrich von Kleist nahm sich am 21.11.1811 zusammen mit Henriette Vogel am Wannsee in Berlin das Leben. 2011 jährt sich dieser Todestag zum 200. Mal - eine gute Gelegenheit, sich noch einmal neu mit dem verrückten, radikalen Dichter zu befassen, dessen Weitblick über Preußen und Europa hinaus bis nach Haiti und Chile reichte; der in seinen Erzählungen und Dramen eine höchst komplexe Sicht auf eine im Umbruch begriffene Welt präsentierte; der Mißtrauen und Verrat, Liebesleidenschaft und Todessehnsucht, unbändigen Freiheitswillen und das Scheitern menschlicher Hoffnungen in höchst origineller Weise thematisierte. Sein Einfluß auf SchriftstellerInnen, MusikerInnen und bildende KünstlerInnen ist bis heute ungebrochen.

Heinrich von Kleist kam im Februar 1807 als Kriegsgefangener für einige Wochen in das besonders gesicherte Fort de Joux im Jura. Briefen zu Folge arbeitete er dort heftig an seinem Drama "Penthesilea"; er wurde dort jedoch vermutlich auch stark inspiriert zu seiner Novelle "Die Verlobung von Santo Domingo", die erstmalig 1811 erschien. Denn im Fort de Joux hatte wenige Jahre vor Kleist der haitianische Revolutionär Toussaint Louverture eingesessen, sowie Jean und Zamor Kina, André Rigaud und Martial Besse, ebenfalls Anführer der Aufstände auf der karibischen Insel. Kleist begann sich leidenschaftlich für die Insel, die gegen Napoleon den Aufstand probte und die erste schwarze Republik wurde, zu interessieren - höchst ungewöhnlich für seine Zeit.

Dieser besondere Zusammenhang wurde vom Berliner Komponisten Rainer Rubbert und seiner Librettistin Tanja Langer für ihre 2008 uraufgeführte Oper "Kleist" aufgegriffen: sie zeigen Kleist im dritten Akt in dieser Gefangenschaft im Fort de Joux, wo er gemeinsam mit seinen Figuren Penthesilea, Käthchen etc. dichtet und ihn der "Maler aus Santo Domingo" porträtiert und ihm zugleich  von seiner Heimat erzählt.

Diese Figur greift Tanja Langer in ihrer Novelle "Wir sehn uns wieder in der Ewigkeit" über die letzte Nacht Kleists und Henriette Vogels am Wannsee 1811 im Maler Émile Liberté wieder auf. Dieser erzählt von den Verhältnissen auf Haiti, den komplizierten Kämpfen, dem Elend der Bevölkerung, aber auch von den Reichtümern; er erzählt von der kuriosen Flucht der Brüder Kina und der jungen Félicité Kina, die eines Tages vor der Festung auftauchte, hochschwanger. Vor allem aber ist es die Figur Emiles selbst, die vom Schicksal der Haitianer zeugt. Kleist ergreift Partei für Émile und bittet den Lagerkommandanten, ihm die Eisenkugel vom Fuß nehmen zu lassen und ihm das Malen zu erlauben. 

Es ließe sich somit eine wunderbare Präsentation von Kleists Verhältnis zu Santo Domingo / Haiti und der Fort de Joux - Welt in folgender Form vorstellen:

Lesung aus der Novelle "Wir sehn uns wieder in der Ewigkeit" mit dem Schwerpunkt auf den entsprechenden Passagen zu Fort de Joux mit folgenden Auszügen aus der Oper mit Klavierbegleitung:

1. "Der See der Stille.." (Kleist)   6 Min.
2. "Das Feuer ist mein Freund....Wir sind zwei dunkle Sterne..." (Penthesilea / Kleist) 6 Min.
3. " Er war der Schönste von allen..." (Penthesilea / Kleist) 4 Min.
4. "Dem Feind im eignen Busen wird sie sinken...Ich habe Heimweh" ( Kleist / Maler / Penthesilea / Käthchen) 2 Min.
5. "Es traf mich wie ein Wetter. Strahl!" (Penthesilea / Käthchen / Kleist) 2 Min.
6. "Ihr habt uns die Freiheit versprochen... Sind Sie vielleicht der Vater meines Kindes?" (Maler / Marquise von O.) 4 Min.
7. "Santo Domingo. Ich liebte den Staub dort..." (Maler aus Santo Domingo) 4 Min
8. "Und jetzt steig ich in meinen Busen nieder...." (Penthesilea) 4 Min.
9. "Ich bin so selig, Schwester..." (Penthesilea / Kleist / Käthchen) 5 Min.

In einer erweiterten Form könnten SchauspielerInnen die entsprechenden Textpassagen aus Heinrich von Kleist Werk lesen; aber auch Dokumente zum Zeitgeschehen, wie sie der deutsche Schriftsteller und Journalist Hans Christoph Buch in seinem Band "Die Scheidung von San Domingo" (1976) zusammengestellt hat.

Im Zusammenhang mit einem "Symposion" (das jedoch immer an ein breites Publikum gerichtet sein sollte und nicht als  literaturwissenschaftliche Tagungen abgehalten werden sollte / bzw. in Einzelfällen als Kombination aus beidem) in einem noch größeren Zusammenhang könnte man Hans Christoph Buch, dessen Großmutter eine Haitianierin war,  und der in mehreren seiner Romane Haiti thematisiert hat, bitten, aus diesen Romanen zu lesen und von seiner Familie und seinen Erlebnissen zu erzählen. ("Haiti Chérie" / 1990 , Die Hochzeit von Port-au-Prince" / 1984 u.v.a.)

Kleist, Haiti und die Folgen // Haiti in der deutschen / europäischen Literatur (ergänzend zu obigem):

In einem noch weiteren Schritt könnte man auch aus der Erzählung Anna Seghers "Die Hochzeit von Haiti" oder "Der Schlüssel" in ihrem Erzählungsband "Drei Frauen aus Haiti" (1980) lesen sowie Schriften von Hubert Fichte und Heiner Müller.
Über den deutschen Horizont hinaus gäbe es natürlich weitere Autoren wie Graham Greene etc.

Es wäre auch interessant, haitianische AutorInnen, die sich mit Kleist beschäftigt haben, hinzuzuziehen.

Die Möglichkeit, Teile der Oper von haitianischen SängerInnen einstudieren zu lassen, wäre auch sehr reizvoll.     

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