Veranstaltungen
Veranstaltung
- Titel:
- Ich will ein Bauer werden
- Wann:
- 01.06.2011 - 04.06.2011
- Wo:
- Thun (Schweiz) - Thun
- Kategorie:
- Kolloquien
Beschreibung
"Ich will ein Bauer werden"
Kleist in der Schweiz – Kleist und die Schweiz
Wissenschaftliche Tagung aus Anlaß des 200. Todestages Heinrich von Kleists
1.–4. Juni 2011, Chalet des Tertianums in Thun
Wissenschaftliche Leitung:
PD Dr. Anett Lütteken (Universität Bern)
Prof. Dr. Carsten Zelle (Ruhr-Universität Bochum)
Marquard Wocher: Vue de la Bluemlisalp et du Niesen / prise depuis l'Isle superieure pres de Thoune
Kolorierte Graphik, 1804. (Zürich, Kunsthaus, Gr. Slg., Standort C.37.9b)
Die Grafik zeigt den Blick von Kleists Inselchen bei Thun Richtung Oberland.
Konzept:
"Ich will im eigentlichsten Verstande ein Bauer werden, mit einem etwas wohlklingenderen Worte, ein Landmann. –" Mit diesem Satz meldet Kleist seiner Braut Wilhelmine von Zenge den in den "schmutzigen, stinkenden Straßen" von Paris geborenen Enschluß, sich "in der Schweiz einen Bauernhof zu kaufen, der mich ernähren kann, wenn ich selbst arbeite" (10. Okt. 1801). Kleist trifft zum Jahresende 1801 in Bern ein und siedelt sich Ende Januar 1802 zu einem ersten Aufenthalt in Thun an; er plant, sich am Thuner See ein Bauerngut zu kaufen und mietet sich – als das Landwirtschaftsvorhaben aufgrund der fragilen politischen Lage zwischen Drittem und Viertem helvetischen Staatsstreich aufgeschoben wird – ab Anfang April auf der oberen bzw. vorderen Insel im Aare-Fluß ein Haus. Kleist bricht den Aufenthalt dort aber bald ab und verbringt den weiteren Sommer z.T. krank in Bern. Mitte Oktober 1802 verläßt er die Schweiz. Nachdem Kleist die Jahreswende 1802/03 auf Christoph Martin Wielands Gut in Oßmannstedt verbracht hat, kehrt er Ende Juli 1803 erneut in die Schweiz zurück, hält sich, unterbrochen von Ausflügen nach Meiringen und ins Reichenbachtal sowie Abstechern nach Bellinzona und Varese, im August und September erneut in Thun bzw. in Bern auf, und geht Anfang Oktober 1803 – niedergeschlagen vom Mißlingen des Guiskard-Projekts – über Genf nach Paris, um sich nach dem Autodafé seines Werks in "den schönen Tod der Schlachten" (26. Okt. 1803) zu stürzen.
Kleists Anfang 1802 in der Schweiz verfaßtes Erstlingswerk Die Familie Schroffenstein erscheint zu Beginn des Jahres 1803 anonym im Verlag Heinrich Gessners, des Sohnes des Idyllen-Dichters Salomon Gessner, in Bern und Zürich. Den Anstoß zum Lustspiel Der zerbrochne Krug gibt ein literarischer Wettstreit im 'Berner Dichterbund' um Johann Heinrich Daniel Zschokke, Ludwig Wieland und Heinrich Geßner. Die Arbeit am Robert Guiskard beginnt Kleist in der Schweiz, setzt sie nach Wielands Zuspruch in Oßmannstedt 1803 bei seinem erneuten Aufenthalt in Thun fort und verbrennt das Werkmanuskript "ein Halbtausend" (5. Okt. 1803) Tage und Nächte nach Schaffensbeginn im Oktober 1803 im Zuge eines erneuten Aufenthalts in Paris. Noch die erst 1811 fertiggestellte Erzählung Die Verlobung in St. Domingo greift nicht nur den u. a. von Johann Jacob Bodmer und Salomon Gessner gestalteten Inkle-und-Yariko-Stoff auf. Vielmehr zeigt die Tatsache, daß der Bruder des Landvogts Nikolaus Gatschet, von dem Kleist das Haus auf der Thuner Aare-Insel gemietet hatte, bei den französisch-helvetischen Auxiliartruppen gedient und auf Haiti in St. Domingo gefallen war, daß die Thuner Idylle "an den Ufern der Aaar [!]" und die blutige Kolonialpolitik Napoleons engmaschig miteinander verwebt sind: Mit dem Namen Gustav von der Ried – ein "Offizier von der französischen Macht, obschon [...] kein Franzose: mein Vaterland ist die Schweiz" (Heinrich von Kleist: "Die Verlobung". In: Der Freymütige Nr. 60–68, 1811, 237–272, hier: 254 und 242). – z.B. erinnert der Text der Erzählung anagrammatisch den Berner Oberst von Grafenried (1751–1823), der 1798 bei Neuenegg Sieger gegen die Franzosen gewesen war und den Kleist bei Zschokke in Bern kennengelernt hatte.
Ob die Wochen auf der Thuner Aare-Insel der "Lichtpunkt" in Kleists Leben gewesen sind, wie manche Forscher, z. B. Theophil Zolling oder Hermann Reske, urteilen, sei dahingestellt. Die drei Aufenthalte in der Schweiz (1. Dez. 1801 bis Okt. 1802; 2. Ende Juli/Aug. 1803; 3. Ende Aug./Anfang Okt. 1803) markieren jedoch den Auf- und Durchbruch zum Dichter, der darauf hofft, in der Schweiz auf einem Mustergut nach Art des Wermatswilers Jakob Guyer, gen. Kleinjogg, körperlich-praktische und geistig-schöpferische Arbeit im Sinn der Anthropologie des 'ganzen Menschen' in Einklang bringen zu können. Das tragische Scheitern dieser 'klassischen' Utopie eröffnet den Raum von Kleists Werk.
Im Unterschied zu den Kleist-Kongressen im Gedenkjahr 2011, die als Gesamtwürdigungen des Kleistschen Werks Leistungsschauen der Kleist-Forschung erwarten lassen, wird sich die Thuner Tagung "Kleist in der Schweiz – Kleist und die Schweiz" auf einen signifikanten Ausschnitt in Kleists Biographie und Werkentwicklung in der Schweiz konzentrieren. Kleists 'Lebenswelten' seines ein dreiviertel Jahr dauernden Aufenthalts in Thun und Bern sollen im historischen Rahmen der Schweiz um 1800, insbesondere im Kontext des kulturellen, sozialen und politischen Umbruchs der Helvetischen Republik situiert und im interdisziplinären Gespräch der verschiedenen historischen Disziplinen der 18.-Jahrhundert-Forschung ausgeleuchtet werden.
Wenn man methodisch als Literaturwissenschaftler gelernt hat, auch kulturelle 'Kontexte' als Texte zu erschließen, generiert der genannte Fokus zwanglos eine Tagungsstruktur, die vier Schwerpunkte aufweist: (a) den historisch-politischen Kontext der Helvetischen Republik 1798–1803 (Sektion I), (b) den spätestens mit Hallers Alpen ("Ihr Schüler der Natur, ihr kennt noch güldne Zeiten!") kanonisierten 'Mythos Schweiz', in dem sich rurale Naturnähe mit politischer Freiheit, landschaftlicher Erhabenheit und ›rousseauistischer‹ Zivilisationskritik mischen (Sektion II), den kulturhistorischen Kontext der Schweizer Literatur- und Medienlandschaft um 1800, insbes. im Blick auf den sog. Berner Dichterbund (Sektion III), und die schriftstellerischen Anfänge Kleists sowie die schweizerische Spuren in der Transtextualität seines ›Schweizer‹ Werkkomplexes (Sektion IV).
Um den Fokus der Thuner Kleist-Tagung möglichst scharf auf die wissenschaftliche Diskussion des historischen Text-Kontext-Bezugs einstellen (und tagungspragmatisch auf 2 1/2 Tage begrenzen) zu können, soll die produktive Rezeption des Thuner Aufenthalts Kleists in der Schweizerischen Literatur- und Kunstgeschichte des 19. bis 21. Jahrhunderts separat in dem wissenschaftlichen Begleitprogramm der Ausstellung "Kleist und die Schweiz" aufgearbeitet werden, die im thematischen Zusammenhang mit der Tagung stattfindet, aber unabhängig davon organisiert wird (Schlossmuseum Thun, Juni–August 2011; Strauhof Zürich, Sept.–Nov. 2011, Kleist-Museum Frankfurt/Oder, Anfang 2012). Die Aufnahme dieser Beiträge in den Tagungsband ist geplant.
Mit unserer wissenschaftlichen Tagung "'Ich will ein Bauer werden'. Kleist in der Schweiz – Kleist und die Schweiz" wird der "Kleist-Sommer" eröffnet werden – ein Kulturfestival, das anläßlich des 200. Todestages von Heinrich von Kleist 2011 in Thun in Zusammenarbeit mit Dr. Philipp Burkard (Kulturamt der Stadt Thun), Günther Emig (Direktor des Kleist-Archivs Sembdner, Heilbronn) und Dr. Wolfgang de Bruyn (Kleist-Museum Frankfurt/Oder) vorbereitet wird und in dessen Rahmen auch die eben genannte Ausstellung steht.
Format:
Das Tagungsformat orientiert sich am Muster der bewährten "Trogener Bibliotheksgespräche", die die beiden wissenschaftlichen Tagungsveranstalter 2005 begründet und inzwischen dreimal erfolgreich gestaltet haben (2005; 2007; 2009 - Der Kanon im Zeitalter der Aufklärung. Beiträge zur historischen Kanonforschung. Hg. Anett Lütteken, Matthias Weishaupt, Carsten Zelle. Göttingen: Wallstein 2009; Heilkunst und schöne Künste. Medizin – Literatur – Kunst – Wissenschaft. 2. Trogener Bibliotheksgespräch, Trogen, 7.– 9. Juni 2007. Hg. Anett Lütteken, Heidi Eisenhut, Carsten Zelle. Göttingen: Wallstein [in Vorb.]; Europa in der Schweiz – Grenzüberschreitender Kulturaustausch im 18. Jahrhundert. 3. Trogener Bibliotheksgespräch, Trogen, 10.–13. Juni 2009. Hg. Anett Lütteken, Heidi Eisenhut, Carsten Zelle. Göttingen: Wallstein [in Vorb.].). Es sind vier Sektionen bzw. Themenblöcke, ein öffentlicher, eher populärwissenschaftlich angelegter Vortrag zur Eröffnung, eine öffentliche Abendveranstaltung mit Lesung und musikalischer Begleitung sowie eine historische Stadtführung durch das Thun Kleists vorgesehen. Das zu Beginn des 19. Jahrhunderts entstandene, vorzüglich erhaltene Panorama Marquart Wochers wird dabei einzubeziehen sein.
Tagungsablauf:
Mittwoch, 1. Juni 2011
Anreise bis 18.00 Uhr
Kleist und die Schweiz. Öffentlicher Eröffnungsvortrag (abends)
Donnerstag, 2. Juni 2011 (Himmelfahrt)
Sektion I. Die Schweiz um 1800: Geschichte und Politik – die Helvetik in Bern und der ›Kanton Oberland‹ (vormittags)
Sektion II. Mythos Schweiz‹ – das Bild der Schweiz zwischen Landwirtschaft und Landschaft (nachmittags)
Rezitation/Klavier. Öffentliche Abendveranstaltung (abends)
Freitag, 3. Juni 2011
Sektion III. Schweizer Kultur- und Medienlandschaft um 1800 und der ›Berner Dichterkreis‹ (vormittags)
Sektion IV a. Heinrich von Kleists schriftstellerische Anfänge – schweizerische Spuren in seinen Werken: das Werk (nachmittags)
Historische Stadtführung in Thun (im Anschluß an die Sektionsarbeit)
Samstag, 4. Juni 2011:
Sektion IV b. Heinrich von Kleists schriftstellerische Anfänge – schweizerische Spuren in seinen Werken: Übergereifende Themen und Briefe (vormittags)
anschließend: Schlussdiskussion
13 Uhr: gemeinsames Mittagessen, danach: Abreise (oder touristisches Anschlußprogramm für ausländische Tagungsteilnehmer).
Für den Eröffnungsvortrag sind 50–60 Minuten, für die Sektionsvorträge 25–30 Minuten plus 15 Minuten Diskussion eingeplant. Die Drucklegung der Tagungsakten ist vorgesehen.
Weitere Informationen:
PD Dr. Anett Lütteken
Universität Bern
Institut für Germanistik
Unitobler, Länggass-Str. 49
CH-3000 Bern 9
Tel.: 0041/(0)31/631 8354
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Prof. Dr. Carsten Zelle
Ruhr-Universität Bochum
Germanistisches Institut
D-44780 Bochum
Tel.: 0049/(0)234/3225108
Fax: 0049/(0)234/3214254
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Veranstaltungsort
- Ort:
- Thun (Schweiz)
- Stadt:
- Thun
- Land:
-
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