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Heilbronn, 1. 11. 2010

Auf der Schwelle zum Gedenkjahr:

Crossover Heinrich von Kleist

Ausgabe 22 der "Heilbronner Kleist-Blätter" erschienen

5. Mai 1960: In einer Blitzaktion wird im Westteil der Frontstadt Berlin von einer Handvoll Wissenschaftler und Honoratioren die Heinrich-von-Kleist-Gesellschaft gegründet - angeblich, um einem reaktionären Vertriebenenverband zuvorzukommen, der Gleiches im Sinn hatte.

Im November 1960 beschließt der kommunistisch dominierte Weltfriedensrat bei seiner Tagung in Bukarest, "das Andenken hervorragender Vertreter der Menschheit" durch Gedenkfeiern zu ehren, vorneweg den "großen deutschen Dichter und Dramatiker Heinrich von Kleist", von dem zu diesem Zeitpunkt in der DDR gerade einmal zwei seiner Werke, "Michael Kohlhaas" und "Der zerbrochne Krug", akzeptiert sind.

Sogleich beginnen im Osten der Frontstadt die Vorbereitungen für ein Gedenkjahr in der DDR, ein Bulletin wird vorbereitet, das der "kritischen Einschätzung und Würdigung" des Dichters dienen soll, ein gemeinsamer Aufruf von (Ost-)Deutschem Friedensrat und dem Ministerium für Kultur wird verfaßt, Feierlichkeiten werden geplant, zu denen man auch Gäste aus West-Deutschland einladen will.

Währenddessen wird am 21. August 1961 in Berlin die Mauer gebaut - Ratlosigkeit bei den Genossen: "Man sollte evt. mal schüchtern im MfK nachfragen, was sich mit Kleist tut", so ein handschriftlicher Vermerk vom 25. September 1961, der sich in den Akten erhalten hat. Nachzulesen in der neuen Ausgabe der "Heilbronner Kleist-Blätter" (Nr. 22, 342 Seiten, Gr.8°, 130, z. T. farb. Abbildungen, 20 Euro).

In zwei weiteren Beiträgen - zu einem Druckgenehmigungsantrag einer Kleist-Auswahlausgabe von 1960 und zu Johannes R. Becher, dem vormaligen Expressionisten und späteren Kulturminister, der es im Kleist-Jahr 1911 seinem Vorbild nachgetan hatte, nur daß er überlebt hat, während seine Freundin tot ist - geht es um Kleist in der DDR.

"Für alle, die etwas (Neues) zu sagen haben", so der Untertitel der Zeitschrift, die sich, wie auch das herausgebende Kleist-Archiv Sembdner in Heilbronn, besonders der Wirkungsgeschichte des Dichters bis in die unmittelbare Gegenwart hinein verschrieben hat.

Neuere Kleist-Inszenierungen wie der "Prinz von Homburg" und "Penthesilea", aufgeführt bei den diesjährigen Ruhrfestspiele in Recklinghausen, werden ausführlich wissenschaftlich gewürdigt, "Das Käthchen von Heilbronn" auf dem Hintergrund von 200 Jahren Familienrecht untersucht, eine Autorin (Tanja Langer) steuert Vorarbeiten zu einer kommenden Kleist-Novelle, eine Komponistin (Charlotte Seither) grundlegende Überlegungen zu einer Auftragskomposition bei, die Ende des Jahres in Heilbronn uraufgeführt wird.

Ein Schwerpunkt bildet wiederum die bildende Kunst: die illustrierenden Darstellungen Luthers im "Michael Kohlhaas"; die Kleist-Buchillustrationen von Karl Storch (1864-1954) und die Darstellung der Prinzessin Marianne von Preußen, der Kleist bekanntlich seinen "Homburg" gewidmet hat. Bibliographische Hinweise auf eine Verwechslung von Kleist und Achim von Arnim sind Anlaß für einen buchgeschichtlichen Exkurs in die Käufergewohnheiten bildungshungriger Kreise um und nach 1900.

Ferner neue Funde und Hinweise, die Kleists Werk erhellen: über die historischen Namensbezüge im "Prinz von Homburg", den geheimnisvollen Herrn C. im "Marionettentheater", Kleist als gestiefelter Kater auf einer Karikatur von 1801/02 mit Hinweisen auf Freimaurerkontakte, eine mögliche Inspirationsquelle für das "Erdbeben in Chili" in einem Zeitschriftenbeitrag zum Erdbeben von Lissabon von 1755, das die europäischen Intellektuellen, von Voltaire bis Kant, umgetrieben hat.

Weiterhin ein Beitrag zur militärischen Situation, wie sie Kleist als Soldat beim sog. Rheinfeldzug 1793 erlebt und wohl auch erlitten hat ("Wunder militairischer Disziplin"), ein weiterer zur Rezeption des jüdischen Schriftstellers und Kritikers Max Ring (1817-1901) in der Familienzeitschrift "Die Gartenlaube", ein kurzer Überblick über Kleists Nachwirken in Italien und ein Aufsatz eines kanadischen Sprachwissenschaftlers, der "Indizien des Asperger-Syndroms" bei Kleist entdeckt haben will.

Mit der Kleist-Bibliographie, die in den HKB seit der ersten Ausgabe (1996) erscheint und jährlich etwa 200 "bibliographische Einheiten" auf Autopsie-Basis verzeichnet (sämtliche nachgewiesenen Arbeiten sind in Heilbronn vorhanden und benutzbar), schließt die Zeitschrift, die sich durch ihr Crossover sowohl an Wissenschaftler aller Disziplinen, vor allem aber an "normal kulturell Interessierte" wendet, eben als "Die Kulturzeitschrift aus Heilbronn".

Heilbronner Kleist-Blätter 22
Herausgegeben von Günther Emig
Kleist-Archiv Sembdner, Heilbronn
Erscheinungsweise: einmal im Jahr
(Ausgabe 23 für Frühsommer 2011 geplant)
Inhalt der bisherigen Ausgaben: http://www.kleist.org/hkb/hkbinhalt.htm
Dort zu finden auch das dreiseitige Editorial und die Umschlagvorderseite (Grafik von Miriam Sachs) zur freien Verwendung.
Bezugsadresse: Kleist-Archiv Sembdner, Berliner Platz 12, 74072 Heilbronn
E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann.
Internetseiten: www.kleist.org und www.kleist2011.de