Während meines Studiums an der Universität Berlin wurde ich durch eine am Schwarzen Brett angeschlagene Preisaufgabe veranlaßt, Kleists »Berliner Abendblätter«, ihre Quellen und ihre Redaktion eingehend zu untersuchen, wobei es zu mich selbst überraschenden und zu weiterem Forschen anspornenden Funden und Ergebnissen kam, die bei der Preisverteilung als »umwälzend für den Bestand des Kleistschen Werkes« bezeichnet wurden. Noch während meines Studiums wurde ich von Georg Minde-Pouet mit der Herausgabe von Kleists »Kleinen Schriften« innerhalb seiner auf acht Bände veranschlagten Edition von Kleists Werken beauftragt. Der Ausbruch des Weltkriegs verhinderte das Erscheinen des anschließenden Kommentarbandes. Ich selbst wurde eingezogen, und ein Bombenangriff auf Berlin vernichtete meine Forschungsunterlagen zusammen mit meiner inzwischen angewachsenen Bibliothek.
Nach Kriegsende, nach dem Verlust vieler privater und öffentlicher Bibliotheken bemühten sich die Verlage vielfach um Neuauflagen des verloren gegangenen Literaturguts, aber man hatte wenig Interesse an Kleist, der im »Dritten Reich« zum »Klassiker des nationalsozialistischen Deutschlands« erklärt worden war. Eine kleine dreibändige Auswahl seiner Werke und Briefe, die bis zu Korrekturfahnen gediehen war, scheiterte daran, daß meinem Verleger das Geld ausging und andere Verlage die schon fertiggestellten Druckstöcke nicht übernehmen wollten. Politisch hatte ich mir während der Nazizeit nichts vergeben. Ich war nicht, wie es von Studenten der Berliner Universität verlangt wurde, in der SA oder im NSDStB (Nationalsozialistischem Studentenbund), was dazu führte, daß ich 1938 nicht mehr weiter studieren sollte. Nur der Hinweis, daß mir der Rektor ein Semester zuvor »Dank und Anerkennung« für meine Preisarbeit ausgesprochen hatte, bewahrte mich vor der Relegation.
In einer nach dem Krieg von der Württemberg[ischen]. Bibliotheksgesellschaft herausgegebenen Bibliographie der Bücher von Autoren, die 1935-1945 »mutig ihre Integrität gegenüber den Entstellungen« der Nazizeit bewahrt hätten, wird unter den 90 literaturwissenschaftlichen Titeln auch meine Preisschrift über die »Abendblätter« aufgeführt. Ein Stigma allerdings aus jener bösen Zeit weist mein Buch dennoch auf. Bei drei Verfassernamen im bibliographischen Anhang war ohne mein Wissen in Klammern ein Jd." hinzugesetzt worden, angeblich auf Anordnung der Reichskulturkammer zur Kennzeichnung jüdischer Autoren in wissenschaftlichen Schriften. Da ich aber die drei Zitierten durchaus positiv als meine Gewährsleute in Anspruch genommen hatte, brauchte mich der Zusatz nicht weiter aufzuregen.
Inzwischen war ich in Stuttgart Lehrer an der Freien
Waldorfschule geworden, deren Schüler ich zuvor gewesen war. Durch
Vermittlung von Professor Fritz Martini, dem kürzlich verstorbenen
Stuttgarter Ordinarius, der mich später auch an die Universität holte,
trat der Münchner Carl Hanser Verlag in dieser Zeit an mich heran
mit dem Auftrag, innerhalb seiner Klassiker-Reihe nun auch den
Kleist herauszugeben. Die erste Auflage der »Sämtlichen Werke und
Briefe in zwei Bänden« erschien 1952 und wurde überraschend gut
aufgenommen. Sogar die berühmte Literaturbeilage der
Londoner »Times« brachte auf ihrer ersten Seite eine ganzseitige
Besprechung. Aber diese erste Auflage war noch sehr unvollkommen. Sie war
wohl von bisher nicht erreichter Vollständigkeit, typographisch
vorbildlich gedruckt, daher ohne Kommentar, nur mit einem
Personenregister und mit meinem Nachwert versehen, das ich bis heute,
bis zur achten Auflage so gelassen habe. Orthographie und
Interpunktion hatte ein Korrektor den Verlagsusancen angepaßt, der sich
auch nicht scheute, Kleists Sprachgebrauch zu verbessern. Aus:
»Kohlhaas plackte ein Mandat an« machte er »Kohlhaas brachte ein
Plakat an« usw., und ich hatte die Aufgabe, Kompromisse zu schließen
und dergleichen Ein- und Übergriffe, so gut es ging, auf den
Druckfah
nen zu tilgen. Das wurde bei der zweiten, »vermehrten und
auf Grund der Erstdrucke und Handschriften völlig revidierten
Auflage« von 1961 anders, mit der zum ersten Mal auch Kleists
unverfälschte Interpunktion in Erscheinung trat.
1955 gab der Heidelberger Professor Reinhard Buchwald in einem etwas obskuren Verlag, dem Standard-Verlag in Hamburg, eine sechsbändige Kleist-Ausgabe heraus, für die er mich um Mitarbeit bat. Ich sollte im letzten Band die Biographie verfassen und schlug dazu vor, Kleists Lebensbild allein aus den überlieferten zeitgenössischen Dokumenten ohne Zwischentexte entstehen zu lassen. Als ich ihn damals fragte, ob es sich eigentlich lohne, unsere Arbeit an eine Ausgabe zu wenden, die außerhalb der Buchhandlungen nur im Versandbuchhandel vertrieben wurde und nicht in die Bibliotheken kam, meinte er lächelnd: »Aber das machen wir doch für uns selber!«, ein Motto, an das ich mich oft gehalten habe.
Ein Freund Buchwalds, der Dr. Heinrich Leippe, damals Lektor des Bremer Schünemann-Verlags, war von der Art, eine Biographie nur aus Dokumenten zu gestalten, so angetan, daß er mich in der Sammlung Dieterich einen Band unter dem von ihm ersonnenen vorzüglichen Titel »Heinrich von Kleists Lebensspuren« machen ließ, der es inzwischen in anderen Verlagen auf fünf, immer wieder erweiterte und ergänzte Auflagen gebracht hat. Als Ergänzungen erschienen die Brief-Edition »Geschichte meiner Seele« sowie als zweiter Dokumentarband »Heinrich von Kleists Nachruhm«.
Kleists »Sämtliche Werke und Briefe«, die »Lebensspuren«, der »Nachruhm«-Band, sie alle haben sich aus anfänglichen, oft unvollkommenen Versuchen zur späteren Gestalt entwickelt. Mein Bemühen war, Editionen zu schaffen, die sowohl dem Kleist-Freund wie dem Wissenschaftler von Nutzen sind. Hans Magnus Enzensberger bezeichnete in der »Zeit« meine Ausgabe als das seltene Beispiel einer Klassiker-Ausgabe, wie sie sein solle; nichts suche man darin vergebens, jede nötige Auskunft werde gegeben, aber so diskret, daß der Apparat nicht einschüchtert, nur hilft. Und der Münchner Germanist Walter Müller-Seidel stellte seinerseits fest, daß derzeit kein deutscher Dichter so einheitlich zitiert werden könne wie Kleist, »fraglos ein Verdienst Helmut Sembdners«. Als »derzeit zuverlässigste Darbietung der Kleistschen Texte« bildet sie auch die Textgrundlage für die von H[elmut]. Schanze herausgegebenen »Indices zur deutschen Literatur«, einem wichtigen Hilfsmittel für die Kleistforschung.
Meine Forschungs- und Editions-Arbeit geschah ohne öffentlichen Auftrag, erhielt keinerlei Fördermittel, sondern war meine Privatangelegenheit. Beruf und Forschung waren voneinander getrennt. Nach einer dreizehnjährigen Tätigkeit als Klassenlehrer an der Stuttgarter Waldorfschule holte mich Professor Martini an die Universität, wo ich ein Einführungssemester für ausländische Studenten einzurichten hatte. Im Jahr 1984 wurde mir vom Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg der Professor-Titel verliehen.
Meine Kleist-Sammlung konnte ich anläßlich von Kleists 200. Geburtstag im Jahr 1977 im Rahmen einer Sonderausstellung in Marbach präsentieren, meines Wissens das erstemal, daß ein Nichtangehöriger des Schiller-Nationalmuseums eine Ausstellung einrichten durfte. Danach hielt ich in Heilbronn den Festvortrag, zu mich der inzwischen verstorbene Büchereidirektor Hans Ulrich Eberle eingeladen hatte. Den Mittelpunkt bildete das neuentdeckte »Frisch' Liedlein« vom Schmiedstöchterlein von Heilbronn, das vermutlich die Anregung zu Kleists Schauspiel gegeben hat. Der Vortrag schloß: »Was aber Heilbronn betrifft, so kann die Stadt nunmehr in ruhiger Gewißheit das >Käthchen< ihr eigen nennen: als Gestalt einer volkstümlichen Sage, die durch Kleist zu poetischem Leben erweckt wurde.«
Durch die Festveranstaltung von 1977 wurden die freundschaftlichen Beziehungen eingeleitet, die nun durch die Übergabe des Archivs an die Stadt eine gewisse Krönung erfahren hat.
[Typoskript mit zahlreichen handschriftlichen Korrekturen im Nachlaß Sembdner im Kleist-Archiv Sembdner in Heilbronn]