Christhard Schrenk

Das Käthchen von Heilbronn

Einige Überlegungen zu Kleists Ritterschauspiel

Aus: Jahrbuch für schwäbisch-fränkische Geschichte. Historischer Verein Heilbronn. Heilbronn: Historischer Verein Heilbronn. 33. 1994. S. 5-43.
(c) 2000 by Historischer Verein Heilbronn und Autor. Mit freundlicher Unterstützung des Stadtarchivs Heilbronn

Abschnitt vier dieses Aufsatzes wurde in anderer Form bereits veröffentlicht unter dem Titel "Alte Neuigkeiten über das Käthchen. Charlotte Elisabethe Zobel contra Lisette Kornacher". In: Schwaben und Franken. Heimatgeschichtliche Beilage der Heilbronner Stimme. Oktober 1992. S. I-IV.
Für zahlreiche Anregungen, Diskussionen, Recherchen und Hilfestellungen danke ich herzlich den Kolleginnen und Kollegen vom Stadtarchiv Heilbronn, insbesondere Frau Annette Geisler, Frau Erika Körner, Herrn Werner Föll und Herrn Achim Frey.

1. Vorgedanken 2. Heilbronn und das Käthchen 3. Die Flugblatt-These 3.1 Sembdners Argumentation 3.2 Friedrich Baader 3.2.1 Zu Person und Werk 3.2.2 Zur Frage der Gewissenhaftigkeit 3.3 Frisch' Liedlein 3.4 Karl August Böttiger 3.5 Die Heilbronner Forschung im 19. Jahrhundert 3.6 Die Aussage von Heinrich von Kleist 3.7 Ist die Flugblatt-These zu halten? 4. Gmelin - Schubert - Kleist 4.1 Dürrs These 4.2 Die Vorlesung des Gotthilf Heinrich Schubert 4.3 Lisette Kornacher 4.3.1 Gmelins Krankengeschichte 4.3.2 Vergleich Gmelin - Schubert 4.4 Charlotte Elisabethe Zobel 4.4.1 Gmelins Krankengeschichte 4.4.2 Vergleich Gmelin - Schubert 4.4.3 Zur Person 4.5 Kleist und der Mesmerismus 5. Urbilder und Einflüsse 5.1 Einflußfaktoren 5.2 Zur Chronologie 5.3 Die Ortswahl Heilbronn 6. Zusammenfassung

1. Vorgedanken

Oft und gerne wird in Heilbronn der Beginn des Käthchen-Stoffes erzählt: Eines vormittags erscheint Graf Wetter vom Strahl in der Werkstatt des Heilbronner Waffenschmieds Theobald Friedeborn am Marktplatz, um seine Rüstung reparieren zu lassen. Während der Meister die Arbeit ausführt, beauftragt er seine Tochter, das Käthchen, dem Ritter einen Imbiß zu bringen. Als das Mädchen eintritt und den wartenden Grafen erstmals sieht, wird sie leichenblaß und wirft sich wie vom Blitz getroffen vor dem Gast auf den Boden. Nachdem die Reparatur an der Rüstung beendet ist, verabschiedet sich der Ritter vom Käthchen. Als er das Pferd besteigt, stürzt sie sich aus dem Fenster hinaus 30 Fuß (ca. 10 Meter) in die Tiefe. Dies läßt Heinrich von Kleist den Waffenschmied Theobald bereits im 1. Auftritt des 1. Aktes seines Käthchen-Schauspiels dem Femgericht schildern.

Merkwürdig ist es, daß in der auf Heilbronn bezogenen Literatur noch ein zweites "Käthchen" einen Sturz aus großer Höhe überlebt. Darüber lesen wir z. B. ausführlich in einer "Erzählung aus dem alten Heilbronn" mit dem Titel "Der Steinmetz von St. Kilian" aus der Feder von Philipp Spieß alias Wilhelm Stähle1. In einer kleinen Szene wird dort geschildert, wie sich zwei Weinsberger zu Beginn des 16. Jahrhunderts in Heilbronn treffen: der Baseler Reformator Johannes Ökolampad und Hans Schweiner, der zu dieser Zeit den großartigen Renaissanceturm der Heilbronner Kilianskirche erbaut. Die beiden Männer diskutieren über verschiedene Themen. Dann besteigen sie den noch unvollendeten Turm. Sie bemerken nicht, daß ihnen ein vierjähriges Mädchen - Käthchen Mettelbach - folgt. Während sie sich unterhalten, langt auch das Kind oben auf dem Baugerüst an. Durch eine Unachtsamkeit verliert das Käthchen das Gleichgewicht und stürzt in die Tiefe. Heftig erschrocken und so schnell sie können begeben sich die beiden Männer nach unten. Dort hält die Mutter das Käthchen unversehrt im Arm.

Bei dieser Geschichte über Käthchen Mettelbach, deren Namen - möglicherweise in Anspielung auf Anna Mettelbach - jedoch frei erfunden ist, greift Philipp Spieß auf eine alte Heilbronner Sage zurück, die bis ins 19. Jahrhundert sehr weit verbreitet war2. Auch der Philosoph Friedrich Wilhelm Joseph Schelling greift sie am 3. April 1796 in einem Brief an seine Eltern auf bzw. gibt sie - mit zwei Ausrufungszeichen versehen - kurz wieder3. Im gleichen Brief erwähnt Schelling einen Besuch bei dem Heilbronner Senator, Zeichner und Kupferstecher Carl Lang, welcher diese Geschichte mit Sicherheit auch kennt. Merkwürdigerweise wird sich Lang während Kleists Dresdenaufenthalt ab 1808 ebenfalls dort befinden. Diese mögliche Verbindung wird in den Abschnitten 4.5 und 5.3 nochmals kurz aufzugreifen sein.

2. Heilbronn und das Käthchen

Das Käthchen gehört neben dem Neckar und dem Wein zu den wichtigsten Werbeträgern der Stadt Heilbronn. Auch wenn die Meinungen darüber weit auseinander gehen - auf jeden Fall wird und wurde die namengebende Hauptfigur aus Kleists Ritterschauspiel in sehr vielen Varianten vermarktet: Käthchenpuppen, Käthchentaler, Käthchenlöffel, Käthchen-Strümpfe, Käthchen-Wolle, Kätchenbier (sic!) usw. Zu sehen gibt es in Heilbronn aber auch ein Käthchenhaus mit Käthchenerker und ein Käthchendenkmal. Bei besonderen Anlässen tritt ein Käthchen-Hochzeitszug auf, und regelmäßig wird eine junge Heilbronnerin zum Käthchen gewählt, welche dann Repräsentationsaufgaben für die Stadt übernimmt. Erwähnt werden können auch Käthchenfestspiele 1929 sowie 1952/53 im Innenbereich des Heilbronner Deutschhofs, wenn auch in den fünfziger Jahren nicht - wie es immer wieder zu lesen ist - Ruth Niehaus4_das Käthchen verkörpert hat, sondern Dorothea Mayer. Aus der jüngsten Vergangenheit soll nur auf die 1991 erfolgte Käthchen-Aufführung des Moskauer Mályj-Theaters in Heilbronn in russischer Sprache hingewiesen werden.

Wie ist diese Käthchentradition in Heilbronn entstanden? Am 17. März 1810 wird das Kleistsche Ritterschauspiel in einer festlichen Galavorstellung im Theater an der Wien anläßlich der Vermählungsfeierlichkeiten Napoleons mit der Erzherzogin Marie Louise von Österreich uraufgeführt. Natürlich nimmt man in Heilbronn schnell Kenntnis davon, daß nun neben Goethes Götz eine zweite mit der Stadt verknüpfte Theater-Titelfigur existiert: das Käthchen von Heilbronn. Leider wissen wir aber nicht, wann das Käthchen-Schauspiel erstmals in Heilbronn aufgeführt worden ist. Auf jeden Fall identifizieren die Heilbronner Bürger nach einigen Jahren ein Haus am Marktplatz als Käthchenhaus - natürlich das stattlichste. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, daß 1825 in der einschlägigen Literatur noch nicht vom Käthchenhaus die Rede ist5, wohl aber in einem Reiseführer aus dem Jahre 18436. Es handelt sich um ein mächtiges Patriziergebäude aus dem 14. Jahrhundert, in welchem im 16. Jahrhundert unter anderem der Heilbronner Reformator Dr. Johann Lachmann gewohnt hat. Es verfügt über einen eindrucksvollen Erker, der gut als Ort des Fenstersturzes des Käthchens gedient haben könnte. Hieronymus Lorm formulierte 1857 dazu folgendes: "... nicht die Poesie hat der Geschichte nachgearbeitet, sondern nachträglich will Geschichte werden, was nur Poesie war. Die guten Bürger von Heilbronn haben ein altes Haus auf dem Markte ausfindig gemacht, in welchem das 'Käthchen von Heilbronn' das Licht der Welt erblickt haben soll, bevor sie in dem der Romantik erschienen ist."7

Einige Jahre später tritt ein Käthchen bereits bei wichtigen offiziellen Anlässen auf. So reicht z. B. 1872 ein Käthchen dem deutschen Kronprinzen Friedrich Wilhelm bei dessen Heilbronn-Aufenthalt Erfrischungen8. 1910 tritt beim 29. Allgemeinen Liederfest des Schwäbischen Sängerbundes in Heilbronn u. a. eine Käthchengruppe auf9, während beim Deutschen Turnfest 1846 zwar Festjungfrauen mitwirkten, von einem Käthchen aber nicht die Rede ist10.

Die Beschäftigung mit dem Käthchen-Thema erhält 1897 einen neuen Impuls. Der um die Heilbronner Geschichtsforschung hochverdiente Lehrer, Schulleiter und Archivar Professor Friedrich Dürr deckt in scharfsinniger Weise eine inhaltliche Linie vom Heilbronner Arzt und Magnetiseur Dr. Eberhard Gmelin über den Gelehrten Gotthilf Heinrich Schubert zu Heinrich von Kleist auf11. 1904 veröffentlicht Dürr darüber hinaus seine These, daß Lisette Kornacher als Gmelins in magnetischen Sitzungen behandelte Patientin das Vorbild des Käthchens gewesen sein könnte12. Diese These hat sehr weite Verbreitung gefunden13.

1972 beschäftigt sich Werner von Froreich in einem Vortrag mit dem Thema "Eberhard Gmelin - Zwischen Kerner und Kleist"14. Er zeigt dabei, daß sich Schubert in Dresden nicht auf die Krankengeschichte der Lisette Kornacher, sondern auf diejenige der Charlotte Elisabethe Zobel gestützt hat.

Ebenfalls in einem Vortrag15 vertritt der anerkannte Kleist-Spezialist Helmut Sembdner 1977 die These, daß Kleist seinen Käthchenstoff aus einem Flugblatt oder Jahrmarktsdruck geschöpft habe ("Flugblatt-These") und präsentiert eine entsprechende "Volksballade"16.

3. Die Flugblatt-These

Die Flugblatt-These von Helmut Sembdner hat sich inzwischen weitgehend durchgesetzt, wenn auch die Geschichte von Lisette Kornacher gerne weiterhin erzählt wird. Diese These ist deshalb zunächst einmal genauer darzustellen und anschließend kritisch zu untersuchen.

3.1 Sembdners Argumentation

Der Kleist-Kenner Sembdner verweist in seinem oben erwähnten Vortrag bzw. Aufsatz eingangs auf die Problematik, daß bislang weder befriedigend erklärt werden konnte, wieso Kleist das Käthchen gerade in Heilbronn agieren läßt, noch wo die Quellen des Dichters liegen. Dann greift er die These von Dürr auf, daß Kleist in Dresden durch Schubert etwas über die magnetopathische Behandlung erfahren haben könnte, welche der Heilbronner Arzt Gmelin an der somnambulen Ratsherrentochter Lisette Kornacher durchgeführt hatte. Sembdner hält gewisse Abfärbungen auf die Holunderstrauchszene für möglich, ohne daß er deshalb in Lisette Kornacher "gleich das 'Urkäthchen' zu erblicken"17 vermag. Stattdessen bringt er eine andere These ins Spiel. Sembdner schreibt: "Immerhin hatte ein gut unterrichteter Zeitgenosse, der Archäologe Karl August Böttiger, aus persönlicher Kenntnis behauptet, Kleist habe die Legende vom Käthchen 'bei seinen militärischen Streifzügen durch Schwaben als eine Volkssage' kennengelernt und sei im Besitz eines auf dem Jahrmarkt gekauften Flugblattes gewesen."18 Danach stellt Sembdner fest, daß Kleist tatsächlich niemals militärische Streifzüge durch Schwaben unternommen habe und daß bislang auch ein solches Flugblatt nicht aufgetaucht sei. Nun kann Sembdner jedoch eine "anonyme Volksballade" vorweisen, die verblüffende Parallelen zu Kleists Schauspiel enthält - zumindest zum Anfang der Handlung. Sembdner fährt fort: "Mitte des vorigen Jahrhunderts nämlich veröffentlichte der Heimatforscher und Volksgutsammler Friedrich Baader ein Büchlein mit Sagen des Neckartals, in dem er mancherlei Altes und Neues zusammengetragen hatte, darunter auch eine anonyme Volksballade, ein 'Frisch' Liedlein' von dem 'schön' Töchterlein' des Schmieds zu Heilbronn. Leider gab der Herausgeber die Herkunft dieses Beitrags nicht an; in den Schätzen der von ihm meistbenutzten Heidelberger Bibliothek ist ein solches Einzelblatt vorerst nicht nachweisbar. Trotzdem ist an dem Alter und der Echtheit dieses 'Frisch' Liedlein' bei der Gewissenhaftigkeit seines Herausgebers, wie sie sich in anderen nachprüfbaren Fällen beweist, kaum zu zweifeln. Vielmehr dürfen wir annehmen, daß ihm gerade ein solcher Jahrmarktsdruck, wie ihn Kleist nach der Überlieferung besessen hat, in die Hände gekommen ist (...)."19 Danach zitiert Sembdner mit den einleitenden Worten: "Das 'Frisch' Liedlein' aber lautet"20 die Ballade aus der Baaderschen Sammlung, die auch hier nochmals abgedruckt werden soll21.

Kätchen von Heilbronn

Frisch Liedlein

Ein Ritter vor der Schmiede hielt
Zu Heilbronn in der Stadt:
"He Schmied! he Schmied! flink meinen Schild,
Mein Rösselein beschlag,
Mach blank den Speer
Und meine Wehr,
Daß ich mag fürder traben.

Der Ritter in die Stub' eintrat,
Nicht saß er lang allein;
Des Schmied's schön Töchterlein sich naht
Sie brachte kühlen Wein -
Was wirst Du roth,
Was wirst Du bleich,
Was wirst Du Ros' und Lilien gleich?

Das Mägdlein krank zusammenbrach,
Der Wein er floß zur Erden,
Dem Ritter sie zu Füßen lag,
Als wolle schier sie sterben.
Zu Roß stieg er
Das Herz gar schwer,
Wußt' nicht, wie ihm geschehen.

Das Mägdlein an der Zinnen stand,
Hub kläglich an zu weinen:
"Gedenk an mich Du edler Knab,
"Laß mich nicht lang alleine,
"Kehr wieder bald
"Dein lieb Gestalt
"Lös't mich aus schweren Träumen!"

Der Ritter über die Brücke ritt,
Sein Rößlein warf er umme:
"Ich denke Dein, Schmiedstöchterlein,
"Ich darf nicht wiederkommen,"
Viel Scherz, viel Schmerz
Brach ihr das Herz -
Sie stürzte von der Zinnen.

Sembdner verweist auf die tatsächlich sehr auffälligen Parallelen zwischen der Ballade und dem Kleiststoff und sieht den schnellen, tragischen Schluß als Beleg dafür, "daß es sich nicht um eine erst nachträglich - aufgrund von Kleists Schauspiel - angefertigte Ballade handelt, sondern tatsächlich um jenen ersten Keim, aus dem das reiche Rankenwerk des Kleistschen Schauspiels erwuchs."22

3.2 Friedrich Baader

3.2.1 Zu Person und Werk

Eine zentrale Rolle in Sembdners Argumentation spielt Friedrich Baader bzw. dessen - angeblich in anderen Fällen nachweisbare - Gewissenhaftigkeit als Herausgeber. Leider ist aber über Friedrich Baader in der Literatur kaum etwas zu finden. Aus der Existenz seiner zitierten Sagen-Veröffentlichung läßt sich - mit Helmut Sembdner - schließen, daß er Volksgut bzw. Sagen gesammelt hat. Diese stammen "aus dem Munde des Volkes und der Dichter", wie der Untertitel der Sagen-Sammlung betont. Außerdem dankt Baader im Vorwort dafür, daß er "die Schätze der Heidelberger Bibliothek"23 nutzen konnte. Ob er damit jedoch auf die Heidelberger Sammlung von Einzelblattdrucken abhebt, oder ob er die von ihm benutzte Literatur - insbesondere Sagen- und Volksliedsammlungen bzw. die in Baaders Anmerkungen angeführten Titel - meint, läßt sich nicht mit Sicherheit klären.

Außerdem ist bekannt, daß Friedrich Baader katholisch war24. Dies ist insofern bemerkenswert, als in seiner Sagensammlung Eduard Duller, ein Anhänger des Deutschkatholizismus, als Autor vertreten ist. Auch Baaders eigene Dichtungen lassen verschiedentlich eine inhaltliche Nähe zu diesem Gedankengut erkennen. Als Beispiel sei auf das Gedicht "Karl der Große und der Siebenrohr-Brunnen" verwiesen, das Baader in seine Sagensammlung aufgenommen hat25. Er überschreibt den Text im Untertitel mit "Kein Volkslied" und bringt dadurch zum Ausdruck, daß wohl er selbst dieses Gedicht verfaßt hat. Der Stoff basiert auf der alten Heilbronner Gründungssage, enthält aber klare tagespolitisch-deutschnationale Aussagen, wenn es z. B. in der letzten Strophe heißt:

"Sie [Odin und Thor] schmettern die Tyrannen
Tief in des Abgrund's Schooß,
Und frei wird nochmals Deutschland.
Frei, einig, stark und groß."

Bereits 1842 bringt Friedrich Baader zusammen mit Laurian Moris die Sammlung "Die Sagen der Pfalz" heraus26. Dort lautet der Untertitel "Aus dem Munde des Volkes und deutscher Dichter" - also ähnlich wie bei der für uns einschlägigen Sammlung von 1843. In dem Werk von 1842 sind drei gereimte Sagen enthalten, bei welchen sich Baader ausdrücklich selbst als Dichter nennt27. Damit steht fest, daß Baader lyrisch tätig war und sich nicht nur auf das Sammeln von Sagen beschränkt hat. Baader meint sich also auch selbst, wenn er schreibt "Aus dem Munde (...) deutscher Dichter".

Die erwähnten "Schätze der Heidelberger Bibliothek" bieten einen Ansatzpunkt für weiterführende Nachforschungen über Friedrich Baader. Während eine Person dieses Namens im Heidelberger Adreßbuch in der fraglichen Zeit nicht auftaucht, läßt sich über die Matrikel der Universität Heidelberg nachweisen, daß sich dort am 7. Mai 1842 ein aus Münster stammender, 25jähriger katholischer Student namens Friedrich Baader für Philosophie immatrikuliert28. Nach dem Adressbuch der Ruprecht-Karls-Universität in Heidelberg ist Friedrich Baader vom Sommersemester 1842 bis zum Wintersemester 1845/46 bei der Philosophischen Fakultät eingeschrieben. In dieser Zeit wechselt er viermal seine Wohnung bzw. sein Zimmer. Es ist nicht auszuschließen, daß Baader als Student zum Kreis um Gustav Struve zählt29.

Die Angabe von Alter und Herkunftsort des Studenten enthalten den Schlüssel zu weiteren Recherchen. Die einschlägigen Quellen weisen folgendes nach: Joseph Carl Friedrich Baader wird am 21.06.1817 in Münster als Sohn des Schneiders Joseph Baader und der Magdalena Schlägel (andere Lesart: Schläger) geboren und am 22.06.1817 in St. Aegidius getauft. Die Familie ist wohnhaft Aegidii-Laischaft (Leischaft) Nr. 14. Sein Vater verstirbt 71jährig als Pfründner der "Hülflosenanstalt" St. Ludgeri (-Leischaft) am 25.03.1850 an "Brustkrankheit", die Mutter 65jährig am 12.04.1855 als "Witwe des Controleures Bader" an "Lungen-Lähmung". In den entsprechenden Kirchenbüchern sind beim Tod der beiden Eltern jeweils keine Hinterbliebenen angegeben. Weitere Informationen sind nicht greifbar30. Was aus Baader nach seiner Studentenzeit geworden ist, liegt weitgehend im Dunkeln. Es ist nicht auszuschließen, daß der vormalige Heidelberger Student identisch ist mit jenem "Friedrich Baader, Demokrat. Mitglied des Vereins für Volksrecht, Berlin", der 1848 eine Broschüre verfaßte mit dem Titel "Die Bundes-Verfassung der Vereinigten Staaten von Nord-Amerika. Ein Beitrag zur Lösung der deutschen Verfassungsfrage". Der Stil und die Diktion des Vorworts dieser Veröffentlichung ähneln sehr stark jenen in den (politisch gefärbten) Anmerkungen Baaders in seinen beiden Sagenbüchern. Das Gesamtverzeichnis des deutschsprachigen Schrifttums (GV) enthält dann nur noch eine 1875 erschienene Veröffentlichung eines Friedrich Baader, cand. phil., Privat-Lehrer, Frankfurt a. M., über ein physikalisches Thema. Daraus läßt sich schließen, daß der Heidelberger Student der Jahre 1842 bis 1846, Friedrich Baader, spätestens nach 1848 nicht (mehr) publizistisch in Erscheinung getreten ist. Über seine weiteren Aufenthaltsorte bzw. seinen Tod konnte nichts Weiteres in Erfahrung gebracht werden.

Nicht mit letzter Sicherheit bewiesen ist freilich, daß jener Student Friedrich Baader mit dem gesuchten Herausgeber der Sagen identisch ist, obwohl - trotz intensiver Bemühungen - der Versuch gescheitert ist, einen entsprechenden anderen Träger des gleichen Namens aufzuspüren. Immerhin stimmt die Konfession überein. Auch das jugendliche Alter paßt sehr gut ins Bild, denn im deutschkatholischen Kreis waren bis auf Ausnahmen sehr junge Männer zusammengeschlossen. Laurian Moris, Baaders Mitherausgeber der Sammlung "Die Sagen der Pfalz", ist im Jahre 1824 geboren; er muß im Zusammenhang mit den 1848-Ereignissen emigrieren31. Sollte Friedrich Baader dieses Schicksal geteilt haben?

Kompliziert - oder vielleicht gelöst - wird die Situation dadurch, daß Friedrich Baader im Zusammenhang mit der Käthchendebatte mit dem tatsächlich anerkannten, ebenfalls katholischen, badischen Landeshistoriker, Volkskundler und Sagensammler Bernhard Baader verwechselt wurde32, der z. B. 1851 und 1859 ebenfalls Sagensammlungen veröffentlichte33. "Bernhard Baader hatte es sich (...) zur Aufgabe gemacht, die Volkssagen, wie sie aus dem Munde des Volkes kommen, zu sammeln und ohne weitere Ausschmückung wiederzugeben."34 Der folgende Abschnitt wird zeigen, daß man im Gegensatz dazu diese Aussage über Friedrich Baader nicht machen kann.

3.2.2 Zur Frage der Gewissenhaftigkeit

Um Alter und Echtheit der bei Friedrich Baader wiedergegebenen Kätchenballade zu untermauern, hebt Sembdner - insbesondere mit Blick auf nachprüfbare andere Fälle - die Gewissenhaftigkeit des Sagensammlers hervor. Wenn man jedoch diese Gewissenhaftigkeit auf die Probe stellt, muß man zur gegenteiligen Auffassung gelangen. Hierzu einige Beispiele:

Baader gibt ein "Volkslied" wieder, welches er mit "Der Baum im Odenwald" überschreibt und räumlich nach Groß-Ellenbach verlegt35. In seinem Kommentar nennt er Einzelheiten (mit Quellenangaben), welche diese Zuordnung glaubhaft machen sollen. Baader lenkt damit von der von ihm verschwiegenen Tatsache ab, daß dieses Gedicht fast wörtlich bereits 1806 in der Liedsammlung "Des Knaben Wunderhorn" veröffentlicht wurde36. An anderer Stelle des gleichen Werkes hat Baader aber durchaus auf "Des Knaben Wunderhorn" als Quelle verwiesen37 und damit dokumentiert, daß er diese Sammlung gekannt und benutzt hat. Im Fall "Der Baum im Odenwald" hat er jedoch einen kleinen Kunstgriff angewandt und sowohl die Überschrift als auch die ersten beiden Zeilen der ersten Strophe abgeändert bzw. von einem anderen Gedicht übernommen38. Die folgenden sieben Strophen blieben dagegen praktisch gleich. Die Vorlage von 1806 beginnt folgendermaßen:

Der eifersüchtige Knabe

Es stehen drey Stern' am Himmel,
Die geben der Lieb' ihren Schein:
"Grüß Gott euch, schönes Jungfräulein,
Wo bind' ich mein Rösselein hin?"

Bei Baader lesen wir stattdessen:

Es steht ein Baum im Odenwald,
Ging mir nicht aus dem Sinn.
"Gott grüß dich, schönes Jungfräulein;
Wo bind' ich mein Rößlein hin?"

In der Vorlage ist keinerlei Bezug zum Odenwald zu erkennen. Diesen stellt Baader einfach durch Abänderung der ersten Zeile her. "Glaubwürdig" im wissenschaftlichen Sinne kann man auch dieses Verfahren wohl nicht nennen.

Schon M. Elizabeth Marriage bezeichnet 1902 gerade im Zusammenhang mit dem Gedicht "Es steht ein Baum im Odenwald" Baaders Vorgehensweise als "durchaus nicht wissenschaftlich"39.

Ein zweiter - nun auf Heilbronn bezogener - Fall sei ebenfalls erwähnt. Unmittelbar vor dem "Kätchen von Heilbronn" druckt Baader in seiner 1843 erschienenen Sammlung den Stoff "Der Graf und die Königstochter" ebenfalls als Sage aus Heilbronn ab40. Wörtlich entnommen ist dieses Gedicht aber ebenfalls der bereits erwähnten, 1806 erschienenen Liedsammlung "Des Knaben Wunderhorn"41. Auf diese Quelle weist Baader auch diesmal wieder mit keinem Wort hin, denn dort ist von einer Zuordnung des Inhaltes zu Heilbronn nirgendwo die Rede - in der Tat findet sich auch kein inhaltlicher Bezug zu Heilbronn. Baader jedoch verlegt in seiner Sammlung das Gedicht einfach nach Heilbronn und schafft sich auch eine glaubhaft klingende Begründung. In seinem Kommentar zu dem Gedicht42 hebt er auf den Brunnen ab, der dort eine Rolle spielt. Er identifiziert diesen kurzerhand mit dem Heilbronner "Siebenröhr-Brunnen". Zur Untermauerung erfindet er gleich noch eine "geschriebene Chronik", "die sich früher in Heilbronn befand", und welche "den Stoff zu dieser schönen und rührenden Erzählung erhalten"43 habe. "Glaubwürdig" im wissenschaftlichen Sinne kann man auch dieses Vorgehen nicht nennen.

Derlei Unzulänglichkeiten sind auch schon den Zeitgenossen Baaders aufgefallen, und er wird deshalb angegriffen. Bereits 1843 erscheint in der Wochenschrift "Deutsche Chronik"44 eine Besprechung von Baaders "Sagen des Neckarthales, der Bergstraße und des Odenwaldes". Sie ist im Hinblick auf die Glaubwürdigkeit Baaders vernichtend: "... Die Auswahl der Gedichte ist im Ganzen gut zu nennen (...). Eine nähere Überprüfung zeigt indessen, daß der Sammler nicht überall mit treuer Sorgfalt und Gewissenhaftigkeit seine Aufgabe löste (...). Ein arger Verstoß ist, daß Seite 229 das bekannte Gedicht des vaterländischen Sängers Alois Schreiber: der Mummelsee (...) als ein überliefertes altes Volkslied behandelt wird und nach Wimpfen am Berg verlegt wird (...)."

Nach diesen Beispielen drängt sich sogar der Verdacht auf, daß Baader gerade den Ort der Handlung beinahe nach Belieben dorthin schiebt, wo es ihm besonders passend erscheint. Man darf also den sogenannten Quellenangaben bei Baader kein zu großes Vertrauen schenken. Offenbar legt Baader seine Sammlung auch gar nicht auf Wissenschaftlichkeit und historische Korrektheit hin an. Er betrachtet den Sagenstoff viel mehr durch die poetische Brille und verknüpft - in dichtericher Freiheit - Altes und Neues oder tauscht Versatzstücke aus.

Damit kann man aber die Formulierung Sembdners wohl nicht aufrecht erhalten, daß "an Alter und Echtheit dieses 'Frisch' Liedlein' bei der Gewissenhaftigkeit seines Herausgebers, wie sich an anderen nachprüfbaren Fällen beweist, kaum zu zweifeln"45 ist.

3.3 Frisch' Liedlein

Wenden wir uns nun dem eigentlichen Text "Kätchen von Heilbronn" in Friedrich Baaders Sammlung zu. Es ist zu prüfen, ob dieser die Vorlage für Kleists Schauspiel gewesen sein könnte, oder ob es sich möglicherweise umgekehrt verhält. Sembdner selbst spricht das entscheidende Datierungsproblem an. Baaders Veröffentlichung erscheint im Jahr 1843, Kleists Käthchen wird bereits 1810 uraufgeführt. Allerdings verweist Sembdner auf die Möglichkeit, daß es ein älteres Flugblatt als Vorlage für Baader gegeben haben könne, auch wenn er einräumen muß, daß ein solches "vorerst nicht nachweisbar"46 ist. Sembdner argumentiert nun genau an dieser Stelle mit der aufgrund der Gewissenhaftigkeit des Herausgebers Baader nicht zu bezweifelnden Echtheit des "Frisch' Liedleins". Außerdem hält er fest47, daß zu "einer Fälschung, also der künstlichen Herstellung einer alten Vorlage" durch Baader keinerlei Veranlassung bestanden habe, "zumal Böttigers Angaben über Kleists Quelle [also die Flugblatt-These] erst 1909 ans Licht gezogen wurden, damals also noch gar nicht bekannt waren." Sembdner hat sicher darin recht, daß Baader 1843 keinen Anlaß gesehen haben konnte, zur Stützung der - noch gar nicht bekannten - Flugblatt-These das Kätchen von Heilbronn in seine Sagensammlung aufzunehmen. Alter und Echtheit der bei Baader abgedruckten Ballade bzw. deren Funktion als Vorlage für Kleist läßt sich aber mit Sembdners Argumentation umgekehrt ebenfalls nicht folgern.

Anmerkungsweise48 teilt Sembdner mit, daß er das 'Frisch Liedlein' von einem namhaften Volkskundler und von Fachleuten des Deutschen Volksliedarchivs in Freiburg auf dessen Alter untersuchen ließ. "Zusammenfassend ergab die Beurteilung, daß der Text teilweise nach 19. Jahrhundert ausschaue, andere Stellen indessen durchaus einen älteren Eindruck machten; die Strophenform sei geschickt gewählt; eine Strophe wie die vierte könne genauso in Georg Forsters Sammlung der 'Frisch Liedlein' von 1539 stehen."49

Dieser letzte Satz ist merkwürdig formuliert. Denn tatsächlich findet sich die erwähnte vierte Strophe bei Georg Forster wieder50. Dort heißt es:

"Das meidlein an der zinnen stund
hub' kleglich an zu weinen:
'Gedenck daran du junger knab
laß mich nit lang alleine!
Ker wider bald
mein auffenthalt
loeß mich aus schweren peinen!'"

Auch in der erwähnten Sammlung "Des Knaben Wunderhorn" von Arnim und Brentano (1806)51 findet sich dieser Text. Das Gedicht, um dessen dritte Strophe es sich handelt, ist überschrieben mit "Kurze Weile" und führt als Untertitel die Quellenangabe "Frische Liedlein":

"Das Mägdlein an der Zinnen stand
Hub kläglich an zu weinen:
'Gedenk daran du junger Knab,
Laß mich nicht lang allein,
Kehr wieder bald,
Dein lieb Gestalt,
Löst mich aus schweren Träumen.'"

Zwei weitere Zeilen aus der zweiten Strophe in "Kurze Weile" sollen noch zitiert werden:

"Viel Scherz viel Schmerz,
Brach ihr das Herz,"

Es ist unverkennbar, daß es sich hier zumindest um eine der Wurzeln des "Kätchens von Heilbronn" bei Baader handelt. Die vierte Strophe bei Baader ist nahezu identisch mit der dritten Strophe von 1806, lediglich wird aus dem "jungen Knaben" ein "edler Knabe" - diese Anpassung ist für einen Ritter inhaltlich notwendig. Die beiden zitierten Zeilen aus der zweiten Strophe von 1806 finden sich am Schluß des 1843 bei Baader veröffentlichten Gedichts wieder. Somit scheint klar, daß die Bezeichnung "Frisch Liedlein" bei Baader keine Überschrift52, sondern eine Quellenangabe ist. Dieses Verfahren der Quellenangabe wurde auch schon bei der Heilbronner Gründungssage mit Karl dem Großen deutlich. Baader wendet es bei seiner ganzen Veröffentlichung ziemlich konsequent an. Außerdem handelt es sich um ein "Frisch Liedlein" im inhaltlichen Sinne bei dem tragisch endenden Kätchenstoff in Baaders Sammlung nun wirklich nicht. Es ist also anzunehmen, daß Baader selbst sein Kätchen auf der Grundlage "Frisch Liedlein" und "Kleists Käthchen" gedichtet hat. Der Kleistsche Käthchenstoff ist zu dieser Zeit schon sehr populär und existiert in verschiedensten - auch volkstümlichen - Fassungen. Außerdem wurde bereits in Abschnitt 3.2.1 gezeigt, daß Baader einerseits selbst lyrisch tätig ist und er andererseits seine Werke über den Untertitel als "Aus dem Munde (...) der Dichter" bezeichnet. Folgerichtig ordnen Experten große Teile des bei Baader abgedruckten Kätchen-Gedichts dem 19. Jahrhundert zu, erkennen aber gleichzeitig wesentlich ältere Elemente - entsprechend derjenigen Anteile, die von Baader selbst bzw. die aus dem 16. Jahrhundert stammen.

Es bleibt noch die Tatsache des gegenüber Kleist stark gekürzten und veränderten Endes von Baaders Kätchen zu bedenken. Eine einleuchtende Erklärung hierfür gibt Ulrich Maier53. Er argumentiert, daß das Kleistsche Werk in seiner Komplexität "kaum verkürzt nachzuerzählen ist" und daß deshalb Baader sich auf "den dramatischen Vorgang der ersten Zusammenkunft des Ritters mit dem Mädchen" beschränkt und die Handlung dann zu einem "zwar traurigen aber sinnvollen Abschluß" führt.

Baaders Kätchengedicht ist also wohl kaum das Vorbild für Kleists Ritterschauspiel - sondern umgekehrt. Mit dieser Feststellung ist aber die Flugblatt-These als solche noch nicht widerlegt, denn ein anderes, älteres Flugblatt könnte ja noch an irgendeiner Stelle existieren bzw. existiert haben.

3.4 Karl August Böttiger

Die "Flugblatt-These" basiert auf einer Mitteilung von Karl August Böttiger in der Dresdner Abendzeitung vom 15. Dezember 181954, die folgendermaßen lautet:

"Bei seinen militärischen Streifzügen durch Schwaben fand Kleist die ganze Legende vom Käthchen als eine Volkssage. Er bewahrte selbst das gedruckte Flugblatt noch auf, das er auf einem Jahrmarkt gekauft hatte."

Karl August Böttiger55 (1760-1835) wirkt ab 1784 als Rektor des Lyceums in Guben, ab 1790 als Rector des Gymnasiums in Bautzen und ab 1791 als Direktor des Gymnasiums und "Oberconsistorialrath für Schulangelegenheiten" in Weimar. Dort betätigt er sich nebenbei literarisch und journalistisch und beginnt sich mit Archäologie auseinanderzusetzen. Seine enorme journalistische "Geschäftigkeit und seine Neigung, sich möglichst vielen In- und Ausländern gefällig zu erweisen, brachte ihm neben freundlichen Beziehungen nicht wenige Verdrießlichkeiten."56 Er überwirft sich mit Schiller und Goethe, die ihn häufig als "Magister Ubique" bezeichnen57, "Tieck verspottete seine Sucht zu loben"58, mit Herder kommt es zu Spannungen. 1806 wechselt er nach Dresden, wo er u. a. archäologische Vorlesungen hält.

Die wissenschaftliche Beurteilung des Werks von Böttiger hat "von den unzähligen Aufsätzen (...) so wie von den Berichten über Theater, Kunst und Literatur größtenteils abzusehen. Die Mehrzahl hat nur ephemere Bedeutung gehabt."59 "Die nach seinem Tode erschienenen 'Litterarische Zustände und Zeitgenossen' (zwei Bände 1838) liefern interessante, nicht immer zuverlässige Beiträge zur Kenntnis der Weimarer Litteraturperiode."60_Daß Böttiger auch im 20. Jahrhundert nicht unumstritten ist, zeigt z. B. eine Bemerkung von Harold Jantz im Zusammenhang mit Schillers "Wallenstein"-Brief vom 1. März 1799: "Böttigers Fälschung blieb anscheinend unentdeckt. Sie wäre wohl auch kaum des Aufhebens wert, diente sie nicht als Warnung, daß man auch Böttigers andere Notizen zu Schiller und Goethe weit kritischer und mit größerer Vorsicht als bisher zu betrachten hat."61

Solche Beurteilungen legen es nahe, daß man nicht alle Aussagen Böttigers auf die Goldwaage legen darf. So ist bekannt, daß Kleist niemals "militärische Streifzüge durch Schwaben" unternommen hat - das schreibt Sembdner auch selbst62.

Bei der Beurteilung der Flugblatt-These ist außerdem zu bedenken, daß sie erst acht Jahre nach Kleists Tod aufkommt bzw. es ist zu fragen, warum Böttiger sie nicht schon früher geäußert hat.

Es ist zwar eine Spekulation, aber vor dem geschilderten biographischen Hintergrund wäre es eventuell denkbar, daß es sich bei der Erwähnung des Flugblattes um eine nachträgliche Mystifikation durch Böttiger handeln könnte. Das Käthchen-Schauspiel wurde von vielen - z. B. von Goethe63 für viel zu unrealistisch gehalten. Vielleicht will Böttiger in seiner "Sucht zu Loben" (Tieck) Kleist verteidigen, indem er auf eine Volkssage verweist, auf welche dieses Schauspiel angeblich zurückgeht.

Nicht zu übersehen ist aber auch die merkwürdige bzw. unfreundliche Haltung, die Böttiger gegenüber Kleist bzw. den Phöbus-Herausgebern einnimmt: In einem Brief an Cotta vom 21. Oktober 180864 macht Böttiger diese unter dem Siegel der Verschwiegenheit schlecht.

Wenn man Böttiger jedoch trotz der vorgebrachten Einwände Glauben schenkt, dann müßte das Flugblatt "die ganze Legende vom Käthchen" enthalten und nicht nur den Anfang - wie bei Baaders Variante.

3.5 Die Heilbronner Forschung im 19. Jahrhundert

Die Heilbronner Geschichtsforschung des 19. Jahrhunderts setzt sich zwar nicht mit der Flugblatt-These auseinander, weil diese damals noch überhaupt nicht existiert bzw. bekannt ist. Sie geht aber sehr wohl der Frage nach, ob das Käthchenthema im Kleistschen Sinne in Heilbronn schon vor der Erstveröffentlichung bzw. Uraufführung des Ritterschaupiels bekannt gewesen war. Zu den besonders profunden Kennern der Heilbronner Geschichte gehört der bereits erwähnte Friedrich Dürr, welcher sich über viele Jahre mit der Käthchen-Frage beschäftigt. Er kommt aufgrund intensiver Nachforschungen zu dem Ergebnis, daß "man vor der 1808-1810 erschienenen Dichtung Heinrich von Kleists 'Das Käthchen von Heilbronn' weder im übrigen Deutschland noch auch in Heilbronn irgendeine Kenntnis oder Ahnung von einem Käthchen und von der Käthchensage hatte."65 Diese klare Aussage wiegt besonders schwer, wenn man einerseits bedenkt, von wem sie stammt, und wenn man andererseits beachtet, daß die Forscher des 19. Jahrhunderts zeitlich noch wesentlich näher am Geschehen sind als wir heute und daß sie - wegen der verheerenden Heilbronner Archivverluste im Zweiten Weltkrieg - auch über wesentlich besseres Quellenmaterial verfügen.

Das von Friedrich Baader 1843 veröffentlichte Kätchen-Gedicht war in Heilbronn auch schon vor dem Zweiten Weltkrieg bekannt. Es ist mit Quellenangabe im Programmheft der Heilbronner Käthchenfestspiele von 1929 abgedruckt und dort mit dem Kommentar versehen, "wahrscheinlich nach dem Bekanntwerden von Kleists Drama entstanden"66.

Wenn man die Forschungen von Friedrich Dürr ernst nimmt, dann muß man davon ausgehen, daß der Käthchenstoff vor Kleist in diesem Sinne nicht existiert hat. Dann ist es aber auch weder möglich, daß Kleist die Käthchenlegende als Volkssage gefunden hat, noch daß ein Jahrmarktsdruck davon existiert oder als Vorlage gedient haben könnte. In diesem Licht betrachtet kann die Flugblatt-Behauptung von Böttiger nicht richtig sein.

3.6 Die Aussage von Heinrich von Kleist

Im Zusammenhang mit der Flugblatt-These wäre es von großem Interesse zu erfahren, ob Kleist selbst etwas zu seinen Käthchenquellen aussagt. Eine entsprechende Information findet sich in einem Brief des Dichters aus seinem Todesjahr 1811 an Marie von Kleist. Dort schreibt er, daß das Käthchen "von Anfang herein eine ganz treffliche Erfindung"67 war. Das ist eine klare Aussage des Autors, welche man ernster nehmen sollte als die acht Jahre nach dem Tod von Kleist in einer Theaterkritik aufgetauchte Flugblatt-These. Die Formulierung "eine ganz treffliche Erfindung" (Kleist) steht in diametralem Gegensatz zu der Aussage "Kleist fand die ganze Legende des Käthchens als eine Volkssage" (Böttiger).

3.7 Ist die Flugblatt-These zu halten?

Um die Flugblatt-These zu halten, muß eine entsprechende Käthchen-Überlieferung vorgewiesen werden, die eindeutig älter als Kleists Werk ist und die den gesamten Käthchenstoff umfaßt. Das ist bis jetzt nicht gelungen. Die Kätchen-Ballade in Baaders 1843 erschienener Sagensammlung ist mit ziemlicher Sicherheit jünger als Kleists Schauspiel. Sie stammt höchstwahrscheinlich von Baader selbst, auch wenn der Dichter auf ältere Versatzstücke zurückgreift. Kleist ist also das Vorbild für Baader - und nicht umgekehrt.

Theoretisch könnte es aber auch ein Überlieferungszufall sein, daß bislang kein Flugblatt mit dem Käthchen-Stoff gefunden wurde, welches Kleist als Vorlage hätte gedient haben können. Höchstwahrscheinlich resultiert dieses Schweigen der Quellen aber daraus, daß vor Kleist der Käthchenstoff in dieser Form überhaupt nicht existiert hat. Heinrich von Kleists in Abschnitt 3.6 zitierte Briefaussage von 1811 kann man wohl kaum anders interpretieren, und der Heilbronner Geschichtsforscher Friedrich Dürr äußert sich bereits im 19. Jahrhundert eindeutig in dieser Weise.

Die Flugblatt-Variante selbst taucht erst acht Jahre nach Kleists Tod auf und stammt von einem Mann, der im Hinblick auf die Verläßlichkeit seiner Theater-Aussagen nicht die besten Beurteilungen erhält. Auch in dessen Nachlaß in Nürnberg ist ein entsprechendes Flugblatt bislang nicht bekannt.

Alle diese Überlegungen gehen davon aus, daß der eigentliche Kern des Kleistschen Stückes eine Schmiedstochter aus Heilbronn ist. Zumindest theoretisch denkbar wäre es aber auch, daß für Böttiger - und damit für die Flugblatt-These - die Kernaussage des Stückes z. B. die Feuerprobe ist, welche Kleist in seinem Untertitel hervorhebt. Ebenso könnte man daran denken, daß sich Böttiger auf den in Abschnitt 1 behandelten Sturz eines Mädchens vom Kiliansturm bezieht. Über diesen - noch im 19. Jahrhundert weit verbreiteten - Stoff könnte durchaus ein Flugblatt existiert und Kleist zur Verfügung gestanden haben.

Solche Flugblätter wurden bislang offenbar noch nicht gesucht - über die Möglichkeit ihrer Existenz soll hier auch nicht weiter spekuliert werden.

4. Gmelin - Schubert - Kleist

Bevor die Flugblatt-These vertreten wurde und weite Verbreitung gefunden hatte, standen die Überlegungen von Friedrich Dürr zum Käthchenthema hoch im Kurs. Seine Untersuchungen zum Alter des Käthchenstoffes wurden im Abschnitt 3.5 bereits dargestellt. Seine in Abschnitt 2 kurz angerissenen Überlegungen zu der Verbindung zwischen Heilbronn und Kleist und zu der Frage des Urkäthchens sind an dieser Stelle etwas näher auszuführen.

4.1 Dürrs These

Friedrich Dürr gelingt es als erstem, in faszinierend scharfsinniger Weise eine inhaltliche Verbindung zwischen Kleist und Heilbronn aufzuspüren. Er stellt - mit guten Argumenten und vielen Beispielen untermauert - fest, daß die Käthchengeschichte im Grunde ein Beispiel des magnetischen Schlafs ist und deckt auf, daß im Jahre 1808 Dr. Gotthilf Heinrich Schubert u. a. aufgrund von Krankengeschichten des Heilbronner Arztes Dr. Eberhard Gmelin in Dresden über dieses Thema im Rahmen einer Reihe einen Vortrag hält, dem Heinrich von Kleist beiwohnt. Auf diese Weise sei Kleist mit Heilbronn und jener Materie in Berührung gekommen. Dürr vertritt diese These erstmals schriftlich im Jahre 189768.

Dürr führt seine Argumentation 1904 weiter69. Er analysiert nämlich Schuberts Vortrag und Kleists Schauspiel und findet schließlich auch in Gmelins Schriften eine Krankengeschichte, in welcher viele Elemente von Schuberts Vorlesung und von Kleists Käthchen enthalten sind. Bei der von Dürr zugrunde gelegten Schrift Gmelins handelt es sich um die "Geschichte einer magnetischen Schlafrednerin 1789". Dort steht Lisette Kornacher im Mittelpunkt, und deshalb erhebt Dürr die Lisette zum Käthchenurbild.

Es gibt jedoch einige inhaltliche Unstimmigkeiten zwischen der Vorlesung Schuberts und der Krankengeschichte von Lisette Kornacher. Darauf weist bereits Werner von Froreich 1972/73 in einem Vortrag in Weinsberg bzw. in einer Veröffentlichung70 hin. Froreich kommt zu dem Schluß, daß bei der Vorlesung Schuberts nicht die Geschichte der Lisette Kornacher, sondern diejenige eines anderen Mädchens zugrundeliegt, daß somit Kornacher - abgesehen von anderen Fragen - nicht das Urbild des Käthchens sein könne. Deshalb sind nun die - trotzdem bewundernswert einfallsreichen - Überlegungen Dürrs anhand der Originalquellen nochmals nachzuprüfen.

4.2 Die Vorlesung des Gotthilf Heinrich Schubert

Zunächst ist die Verbindung von Kleist und Schubert in Dresden zu beleuchten und damit die Frage zu stellen, ob Kleist - wie Dürr schreibt - im Rahmen von Vorträgen Schuberts mit dem Käthchenstoff - oder besser gesagt, mit dem Themenbereich des Mesmerismus - in Verbindung gekommen sein könnte.

Im 2. Band seiner Autobiographie "Der Erwerb aus einem vergangenen und die Erwartungen von einem zukünftigen Leben"71 berichtet Schubert für den Winter 1807/08 über die Bekanntschaft mit Heinrich von Kleist72. In dieser Zeit wird Schubert vom dortigen Freundeskreis um Otto August Rühle, Ernst von Pfuel, Adam Müller und Heinrich von Kleist zu einer Vortragsreihe über "Ansichten von der Nachtseite der Naturwissenschaft" aufgefordert73. Der 13. Vortrag in dieser Reihe ist für die weitere Argumentation von entscheidender Bedeutung, weil Schubert darin u. a. über den Heilbronner Arzt Gmelin und dessen Krankengeschichten berichtet. Nun wird jedoch von verschiedener Seite, z. B. von Werner von Froreich, bestritten, daß Kleist diesen letzten Vortrag der Reihe vor dem Schlußkapitel überhaupt gehört hat. Froreich argumentiert dabei mit der engen privaten Freundschaft sowie der geschäftlichen Zusammenarbeit zwischen Adam Müller und Heinrich von Kleist bei der Herausgabe der Zeitschrift "Phöbus" einerseits und einem aus der Autobiographie Schuberts nachweisbaren Zerwürfnis zwischen Müller und Schubert74 andererseits. Froreich: "Gerade Kleist kann danach wohl nicht mehr die Vorträge eines Mannes besucht haben, mit dem sein Kompagnon und Mitherausgeber des 'Phoebus' zerstritten war (...)."75 Tatsächlich berichtet Schubert aber nichts von einem Zerwürfnis zwischen ihm selbst und Kleist. Deshalb scheint die Freund - Feind - Argumentation Froreichs nicht zwingend zu sein. Kleist könnte den einschlägigen Vortrag von Schubert - wie Dürr annimmt - dennoch gehört haben, zumal, wenn man an Ferdinand Hartmann denkt, welcher als Illustrator des Phöbus ebenso wie Kleist geschäftlich mit Adam Müller verbunden war und trotzdem immer ein enger Freund von Schubert sein konnte76. Außerdem finden Schuberts Vorträge im Hause des Herrn von Carlowitz statt77, welcher wiederum gleichzeitig als Geldgeber das Phöbus-Projekt Müller und von Kleist unterstützte78.

Froreich weist aber zurecht auch daraufhin, daß die Frage des Kleistschen Vortragsbesuchs wohl gar nicht so zentral ist. Denn Schubert schreibt in seiner Autobiographie über die Zeit der Vorbereitung seiner Vorträge79: "(...) ich hatte mich aus ganz besonderer Vorliebe mit den Gegenständen, über die ich jetzt öffentlich sprechen sollte, beschäftigt, hatte wohl all' das Wichtigere gelesen, das über den animalischen Magnetismus und die von ihm hervorgerufenen Erscheinungen bis dahin geschrieben und bekannt geworden war, hatte mich auch in alten und neuen Schriften fleißig nach Dem umgesehen, was darin über Vorahndungen wie über magisches Ferngesicht zu finden war. Auch manche mündlich mir mitgetheilten sowie einige eigene Erfahrungen kamen mir dabei zu Statten. Und wenn ich mit Adam Müller und seinen Freunden allein, oder mit ihnen im Kreise einer adelichen Familie aus Polen mich befand, bei welcher Müller wohnte, da konnte ich so ohne Scheu und so fertig über solche Dinge sprechen, daß es mir selber, und nach meinem Bedünken auch den Andern ein Freude war. Denn namentlich für Kleist hatten Mittheilungen dieser Art so viel Anziehendes, daß er gar nicht satt davon werden konnte und immer mehr und mehr derselben aus mir hervorlockte; auch hatten einige seiner Freunde unter meiner Anleitung einen Versuch mit dem Mesmerismus gemacht, wobei sich jedoch keine der gehofften und gewünschten 'wunderbaren' Erscheinungen zeigen wollte.

Die weitere Verabredung über den Plan der Vorträge war nun folgende. Adam Müller und ich sollten unsere Vorlesungen, der Eine an diesem, der Andere an einem anderen Abende der Woche, nicht nur in einem und demselben Hörsaale, sondern auch, was den Inhalt betraf, so in Beziehung des Einen auf den Anderen halten, daß sie ein zusammengehöriges Ganzes miteinander bildeten."

Somit ist klar, daß sich Schubert und Kleist in der Vorbereitungsphase für die Vorträge - ja sogar, bevor die Abhaltung der Vortragsreihe überhaupt beschlossen war - intensiv über das Thema "Mesmerismus - Magnetismus - magnetischer Schlaf" unterhalten. Es handelt sich folglich um eine viel intensivere Beschäftigung Kleists mit dem Thema des Magnetismus als um das - wenn überhaupt - einmalige Hören eines Vortrags80.

Leider verfügen wir über keine näheren Hinweise auf den Inhalt der Gespräche zwischen Schubert und Kleist, deshalb müssen wir uns zunächst damit auseinandersetzen, wie Schuberts Kenntnisstand bezüglich des Heilbronner Arztes Dr. Eberhard Gmelin gewesen sein könnte. Schubert behandelt dieses Thema im Rahmen seiner erwähnten Reihe in einem Vortrag, der folgendermaßen überschrieben ist: "Dreyzehnte Vorlesung. Von dem thierischen Magnetismus und einigen ihm verwandten Erscheinungen."81

Lassen wir den Vortragenden selbst zu Wort kommen. Nach einer einleitenden Bemerkung über den möglichen Mißbrauch des Magnetismus fährt Schubert fort: "Doch lese man nur die Schriften eines der würdigsten Magnetiseurs der damaligen Zeit, des älteren Gmelin, und man wird finden, wie die besseren Anhänger jener neuen Entdeckung schon damals über diesen Misbrauch derselben dachten82 (...). Damit ich bey einer treuen Erzählung der vorzüglichsten Erscheinungen, die man im Zustand des magnetischen Schlafs beobachtet hat, um so sicherer gehe, will ich aus allen Schriften der ältern Magnetiseurs, die noch in die Zeiten des ersten geistigen Aufruhrs, den jene neue Entdeckung machte, hineinreichen, blos die des Heilbronner Gmelin zu Grunde legen, der, obwohl er nicht unter die ausgezeichnetsten Magnetiseurs seiner Zeit gehörte, doch allgemein als einer der wahrhaftigsten und strengsten anerkannt wird83 (...). Ich werde mich auch häufig auf Heineckens (Oeffentlicher Lehrer und Physikus zu Bremen.) vor einigen Jahren erschienene vortrefliche Schrift berufen, da seine Beobachtungen zu den vollständigsten gehören, die in der neuen Zeit angestellt sind"84.

Nach der Angabe seiner Quellen - Gmelin und Heinecken - erklärt Schubert zunächst, was Magnetisieren bedeutet. Durch bestimmte Bewegungen versetzt der Magnetiseur den Kranken - oft weiblichen Geschlechts - in einen scheinbaren Schlafzustand. Die Augen des Patienten sind fest geschlossen, sie können auch mit Gewalt nicht geöffnet werden. In diesem Zustand sind die Kranken in der Lage, alle ihnen gestellten Fragen klar und lebhaft zu beantworten. Sie erinnern sich während des magnetischen Schlafes sehr genau an alle Einzelheiten aus ihrem seitherigen Leben und können sogar Details aus ihrem Verhalten während zukünftiger Magnetisierungen vorhersagen. Außerdem sind sie in der Lage, mit geschlossenen Augen sowohl umherzulaufen, als auch Gegenstände zu beschreiben, Gold zu erkennen und sogar Briefe zu lesen. Sie diagnostizieren selbst, an welchen Krankheiten sie leiden und können dem Magnetiseur mitteilen, wie diese zu behandeln sind. Wenn die Patienten aus dem magnetischen Schlaf erwachen, haben sie keine Erinnerung an ihr Verhalten während des Schlafzustandes. Ihre Körperkräfte nehmen bei längerem Magnetisieren zu.

Schubert interessiert sich allerdings weniger für diese medizinische Seite des Magnetismus, ihn bewegt mehr die Frage, was hinter dem Magnetismus steckt. Der Wissenschaftler fährt fort: "Es bleibt nun vorzüglich nur noch eine Erscheinung des magnetischen Schlafs übrig, die ohnstreitig zu den merkwürdigsten unter allen gehört, jene tiefe Sympathie der Somnambüle [magnetisch Schlafende] mit dem Magnetiseur und andern mit ihr und ihm im Rapport85 stehenden Personen. Die junge 12jährige Rathsherren Tochter, von welcher der Heilbronner Gmelin erzählt, befand sich in jenem Zustand, dessen ich nachher noch mit einigen Worten gedenken werde86, wo sie nur die Stimme der mit ihr in Beziehung gesetzten Personen verstund. Mit ihrer älteren Schwester, einer Wöchnerin, durfte sie jedoch nicht erst in diese Beziehung gesetzt werden, vielmehr befand sie sich schon von selbst darinnen, und zwar in einer eben so innigen, oder fast noch innigeren als mit dem Magnetiseur. Als die neben ihr stehende Schwester ihren kleinen Säugling an die Brust legte, glaubte das junge Mädchen, vermöge dieser wunderbaren Sympathie, die hiermit verbundene Empfindung an ihrer eignen Brust zu fühlen. Als die Schwester unversehens mit einer Nadel am Arm verletzt worden, beklagte sich die magnetisch Schlafende, daß sie jemand an dem entgegengesetzten Arm gestochen habe, und dieser Versuch zeigte, so oft man ihn machte, dieselbe Wirkung."87

Anschließend an diese Fallschilderung des Heilbronner Mädchens befaßt sich Schubert mit dem Phänomen des Doppelschlafes. Dabei können ein oder zwei Personen vom gleichen Magnetiseur zur gleichen Zeit in magnetischen Schlaf versetzt werden. Zwischen allen Beteiligten kann dann ein direkter Austausch stattfinden, während eine Kommunikation mit eventuell anwesenden weiteren Personen im allgemeinen nicht möglich ist - es sei denn, es liegt ein besonderes Sympathieverhältnis vor, wie z. B. zwischen der erwähnten Heilbronnerin und ihrer stillenden Schwester. Auf der anderen Seite kann aber auch Sympathie unter Patientinnen desselben Magnetiseurs wachsen, bis hin zur "Möglichkeit, daß überhaupt zwey getrennte menschliche Wesen in gewisser Hinsicht Eins zu seyn vermögen."88

Fassen wir die Vorlesung Schuberts im Hinblick auf die weitere Argumentation zusammen, so ergeben sich folgende grundlegende Aspekte:

1. Es muß ein positiv-sympathisches Verhältnis zwischen Magnetiseur und magnetisierter Person bestehen. Magnetisierungseffekte können auch zwischen eng befreundeten Personen auftreten. Im Zustand des magnetischen Schlafes beantworten die Kranken alle Fragen lebhaft und klar.

2. Einen zentralen Platz in Schuberts Vorlesung nimmt einer der konkreten Fälle aus der Behandlungspraxis von Dr. Eberhard Gmelin ein. Es geht um denjenigen einer 12jährigen Ratsherrentochter. Das Mädchen unterhält eine besonders innige Beziehung zu ihrer älteren Schwester, einer Wöchnerin. Dieser Beziehung kommt eine wesentliche inhaltliche Bedeutung zu. So empfindet das Mädchen im magnetisierten Zustand die Gefühle einer stillenden Mutter, während ihre Schwester den Säugling an die Brust legt (Stillsituation). Außerdem beklagt sie sich während des magnetischen Schlafs über Nadelstiche, die ihrer Schwester - zunächst zufällig, dann gezielt - zugefügt werden (Nadelexperiment). Ohne das innige Verhältnis der beiden Schwestern wäre diese Übertragung bzw. Verschmelzung der Gefühle nicht möglich.

Leider hat Schubert an keiner Stelle in seiner Veröffentlichung den Namen des von Gmelin magnetisierten Mädchens genannt89. Wir wissen also von diesem häufig als das Urbild von Kleists Käthchen angesehenen Mädchen nur, daß es sich um eine 12jährige Ratsherrentochter handelt, die eine innige Beziehung zu ihrer älteren Schwester unterhält, wobei diese Schwester gerade ein Baby geboren hat.

Wenn man den Namen dieses möglichen Käthchen-Urbildes aufklären will, muß man die gedruckten Schriften von Eberhard Gmelin über seine Magnetisierungsbehandlungen lesen, denn aus diesen hat auch Schubert geschöpft.

4.3 Lisette Kornacher

4.3.1 Gmelins Krankengeschichte

Zunächst ist natürlich der Fall der Lisette Kornacher näher zu beleuchten. Quelle dafür ist eine Veröffentlichung von Eberhard Gmelin aus dem Jahre 1793 mit dem Titel: "Untersuchungen über den Th Magnetismus und über die Einfache Behandlungsart ihn nach gewissen Regeln zu leiten und zu handhaben".

In diesem Buch schildert der Magnetiseur als "Geschichte einer magnetischen Schlafrednerin 1789" auf 365 Seiten die Krankengeschichte der Lisette Kornacher. Er schreibt unter dem Datum 29. August: "Ich faßte mit der linken Hand ihre rechte, und stach mich mit einer Nadel. So wie diese eindrang, und ich eine augenblickliche schmerzhafte Empfindung hatte, riß sie ihre Hand los, und sagte in einem empfindlichen Ton: Herr Jesus, Sie stechen mich ja, was treiben Sie? Ich: Schmerzt es Sie denn? A[ntwort]. Ja, ich dächte, daß es keine angenehme Empfindung ist. Ich: Wo ist der Sitz Ihres Schmerzens? Sie zeigte an denselben Ort ihrer Hand, wo ich in die Meinige gestochen hatte. Ich wiederholte diesen Versuch noch 2mal zur Ueberzeugung des Hr. Sen. Affs, der zugegen war, mit dem nemlichen Erfolg."90

Für den 21. September notiert Gmelin: "Gestern Abend war sie in dem Concert, das der blinde Flötenspieler Dülon gab, hatte nicht viel Fieber, auch war der Husten nicht heftig"91. Gmelin magnetisiert auch an diesem Tag seine Patientin, und die beiden unterhalten sich. Der Arzt fährt in seinem Bericht fort: "Ihre Freundin, Jungfer Zobel, kam; sie hörte ihren Schritt und erkannte sie, als sie sprach; sie kam bey der Annäherung bald in näheren Rapport, und so bald ich sie berührt hatte, konnten sie selbst sich einander berühren.92 (...) Diejenige Menschen, welche mit ihr in Rapport sind, unterscheidet sie nach ihrer Gestalt, Bewegung, Gesichtsbildung, Geberden, Kleidung vollkommen und beschreibt sie, wie mit sehenden Augen: diejenige hingegen, welche mit ihr nicht in Rapport sind, kann sie an keinem Merkmal unterscheiden; ihre Schwester Lotte erkennt sie nur an dem ausgezeichnet widrigen Eindruck, den jene auf sie macht."93

4.3.2 Vergleich Gmelin - Schubert

Vergleicht man nun die Situation der Lisette Kornacher mit der Beschreibung in Schuberts Vorlesung, so fallen einige Unterschiede ins Auge. Keine entscheidende Bedeutung kommt der Tatsache zu, daß Lisette eine Bürgermeisterstochter und keine Ratsherrentochter ist. Als ebenfalls zweitrangig ist die Unstimmigkeit in der Altersangabe anzusehen. Lisette ist während des Behandlungsbeginns etwa 16 Jahre alt, wobei ein Druckfehler in Gmelins Veröffentlichung94 auf ein Alter von etwa 13 Jahren schließen läßt. Von größerer Wichtigkeit sind jedoch die Tatsachen, daß erstens von einer stillenden Schwester bei Lisettes Geschichte außerdem nirgends die Rede ist und daß zweitens das Nadelexperiment bei Lisette ganz anders abläuft, als es Schubert beschreibt. Bei Lisette versetzt sich der Magnetiseur gezielt selbst Nadelstiche, welche die Kranke spürt. Bei Schubert verletzt sich die Schwester, also eine dritte Person, unabsichtlich mit der Nadel.

Entscheidend ist vollends die an vielen Stellen deutlich bezeugte Abneigung der Lisette gegenüber ihrer älteren Schwester Lotte. Während Schubert auf eine starke Sympathie der kleinen zur großen Schwester abhebt, ohne welche die wesentlichen Experimente bzw. Erscheinungen (Stillen, Nadel) überhaupt nicht gelingen könnten, handelt es sich bei Lisette und ihrer älteren Schwester Lotte um eine ganz deutliche Antipathie.

Es sind also Zweifel berechtigt, ob bei Schuberts Vorlesung wirklich auf den Fall der Lisette Kornacher abgehoben wird.

4.4 Charlotte Elisabethe Zobel

4.4.1 Gmelins Krankengeschichte

Wenn man die Schriften Gmelins untersucht, dann findet sich noch eine weitere Behandlungsschilderung eines so jungen Mädchens. Es dreht sich dabei um diejenige "Jungfer Zobel", die auch in Lisettes Krankengeschichte mehrfach auftaucht95. Sie behandelt Gmelin in der "Neunzehnten Geschichte" seiner Schrift "Neue Untersuchungen über den Thierischen Magnetismus"96. Hier schreibt Gmelin, daß Herr Hofrat Zobel, ein Arzt aus Wertheim, seinen Bruder, den Heilbronner Kaufmann Zobel, im Juli 1788 besucht habe und daß dabei Phänomene des Magnetismus diskutiert worden seien. Die beiden Ärzte Gmelin und Zobel treten miteinander in Kontakt und vereinbaren, daß Gmelin die 13jährige Tochter des Kaufmanns Zobel magnetisieren solle. Die "kleine Zobel" ist zu diesem Zeitpunkt augenscheinlich gesund, hat jedoch in jüngeren Jahren oftmals Krämpfe erlitten und "im zehnten Jahr (...) die Kindsblattern überstanden"97. Außerdem "schwitze sie nun auf eine für alle sehr lästige Art in den Füssen."98

Bei der ersten Magnetisierung am 23. Juli führt Gmelin ein Experiment mit einem Goldstück durch. Außerdem stellt sich heraus, daß die kleine Zobel in magnetisiertem Zustand nur ihre "Frau Schwester" in ihrer Nähe ertragen kann. Bei der zweiten Magnetisierung am 24. Juli zeigt sich erneut, daß sie die Nähe ihrer "Frau Schwester" sogar auf die "kleinste Entfernung wohl leiden"99 kann - im Gegensatz zu ihrer ebenfalls älteren "Jungfer Schwester". Ein weiterer Termin folgt am 25. Juli. Darüber berichtet Gmelin u.a.:

"Nun ließ ich von den Anwesenden Mehrere sich ihr nähern. Herr Schleich, der während der Krisis erst ankam, und von dessen Gegenwart die Schlafende nichts wissen konnte, erregte schon, in noch ziemlicher Entfernung, in ihr stark zückende, zurückbebende Empfindungen; ihm folgten gradweis - ihre Jungfer Schwester, Hr. Archivar Reuß, ihr Hr. Vater, Frau Mutter, Hr. Hofr. Zobel. Der Schlafenden Frau Schwester konnte sich ihr, ohne die mindeste unwillkürliche Bewegung oder widrige Empfindung in ihr zu veranlassen, nähern; die Schlafende hörte, und beantwortete, was diese fragte, sie konnte sie so gar berühren, ihre Hände in die Hände ihrer Schwester legen; ja diese Berührung schiene so gar wohlthätig zu seyn, denn die Schlafende küßte die Hände ihrer Frau Schwester. Die Andern, sie mochten auch mit noch so lauter Stimme fragen, hörte sie nicht, und antwortete ihnen daher auch nicht.100(...)

Nun klagte sie über Kopfweh. Ich fragte, wie es vertrieben werden müsse? A[ntwort]. Ihre Stirne müsse ihre Schwester mit der flachen Hand berühren. Sie that es, und nach einer Minute sagte die Schlafende selbst von freien Stücken; nun sey alles Kopfweh weg.101 (...)

Nun sagte ihre Frau Schwester auf einen von mir erhaltenen Wink: Ich will, daß du um 12 Uhr erwachest. Hierauf sagte sie, so werde ich auch um 12 Uhr erwachen. Ich fragte: Ist es Ihnen aber nicht schädlich? A. Nein. Fr[age]. Warum nicht? A. Weil es meine Schwester will, daß ich um 12 Uhr erwache. Kaum vor 12 Uhr streckte sie sich, und gähnte, und Punct 12 Uhr erfolgte das völlige Erwachen mit Aufschliessen der Augen. Ich fragte sie nun, wie viel Uhr es sey? sie sahe nun auf die Uhr, welche ihr gerade gegen über war, und sagte, 12 Uhr. Fr. ob sie den Engel (auf der hiesigen Rathhaus-Uhr läßt sich, ehe die Glocke die Stunde anzeigt, ein Engel mit einer Trompete hören,) habe trompeten hören? A. Ja. Fr. Ob sie ihn auch eine Stunde vorher gehört habe? A. Nein, davon wisse sie nichts."102

Über die Beobachtungen am 26. Juli schreibt Gmelin: "Nun ließ ich meine Schlafende mit ihrer linken Hand die linke Hand ihrer Frau Schwester fest halten, und fragte jene: Fühlen Sie von dieser Berührung nichts? Nach einer Pause antwortete sie: Ja, ich fühle hier (indem sie auf die rechte hypogastrische Gegend hindeutete) einen Schmerz. (Frau Archivarin ist eine Kindbetterin, hat von Zeit zu Zeit Blutflüsse aus der Gebärmutter, und spürt wirklich seit einigen Tagen einen Schmerz in dieser Gegend.) Fr. Haben Sie diesen Schmerz auch vorher gefühlt? A. Nein, nur so lang, als ich meine Schwester berühre. Fr. Verspürt Ihre Frau Schwester auch diesen Schmerz? A. Sie glaub es, doch wisse sie es nicht gewiß. Fr. Was soll sie dagegen gebrauchen? A. Das weiß ich nicht, Sie müssen es wissen. Fr. Soll sie ihre Molken forttrinken? A. Das könne sie thun. Fr. Mit was soll man die Molken zubereiten? A. Das wisse sie nicht, ich müsse es wissen. Der gefühlte Schmerz verschwand wieder einige Minuten nachher, als sie ihrer Frau Schwester Hand nicht mehr mit der ihren fest hielt.103 (...)

Um 12 Uhr traten die Fremden ab. Frau Archivarin stillte nun neben ihr ihr Kind. Während dem Stillen befühlte und bekrabbelte die Schlafrednerin ihre eigne Brust derselben Seite, auf welcher ihre Frau Schwester stillte. Diese fragte: Fühlst Du an deiner Brust einen Schmerzen? Nein, ich habe nur so ein Wuseln, Kitzeln, Kriebeln daran, - ich glaube gar, Du stillest dein Kind."104

Die Behandlung wird noch bis zum 15. Oktober 1788 fortgesetzt. Zum Abschluß hält Gmelin fest, daß die Patientin nun vollkommen gesund und der Fußschweiß gänzlich verschwunden sei105.

4.4.2 Vergleich Gmelin - Schubert

Diese von Gmelin aufgezeichnete Krankengeschichte stimmt wesentlich besser als die Kornacher-Geschichte mit der von Schubert in seiner Vorlesung beschriebene Situation überein, darauf hat bereits Werner von Froreich hingewiesen106. Allerdings passen auch hier nicht alle Details zusammen. So ist die "Jungfer Zobel" 12 und nicht 13 Jahre alt, ihr Vater wird als Kaufmann und nicht als Ratsherr bezeichnet. Vielleicht verwechselt Schubert den Vater mit dem Onkel, einem Hofrat. Entscheidend ist jedoch die Sympathie der "kleinen Zobel" zur älteren "Frau Schwester", die genau der Beschreibung bei Schubert entspricht. Die beiden können direkt in eine magnetische Beziehung zueinander treten, was es mit dritten Personen im Fall Kornacher nicht gibt. Ganz besonders deutlich wird der Bezug zwischen der Schubertschen Vorlesung und der Zobelschen Krankengeschichte bei der Szene der stillenden Schwester. Einziger Schwachpunkt in dieser Argumentation ist das Nadelexperiment, von welchem Schubert spricht. Ein solches Experiment beschreibt Gmelin in keiner seiner Krankengeschichten. Bei der "kleinen Zobel" werden zwar Schmerzen zwischen den Schwestern übertragen, eine Nadel spielt dabei jedoch keine Rolle. Auch wenn es sich bei Lisette Kornacher um ein inhaltlich anderes Nadelexperiment als bei Schubert handelt, so ist dort wenigstens von Nadeln die Rede. Möglicherweise stammt das von Schubert erwähnte Nadelexperiment aus einer ganz anderen Quelle. Das wäre immerhin denkbar, denn er betont in seiner Autobiographie107 ausdrücklich, daß in die Vorlesungen nicht nur schriftliche Quellen wie Gmelin eingeflossen sind, sondern auch mündlich mitgeteilte oder eigene Erfahrungen.

Ob Schubert die Arbeit Gmelins über Lisette Kornacher überhaupt gekannt hat, läßt sich nicht nachweisen. Zwar gibt es durchaus auch direkte Übereinstimmungen zwischen der Schubert-Vorlesung und der Kornacher-Krankengeschichte, z. B. das Goldexperiment. Dabei handelt es sich aber durchweg um Schilderungen, die entsprechend auch in vielen anderen Krankengeschichten auftauchen. Auf diese Weise läßt sich also nicht beweisen, daß Schubert die Kornacher-Geschichte zur Kenntnis genommen hat. Klar ist lediglich, daß er auf jeden Fall die Krankengeschichte der "kleinen Zobel" gekannt und verarbeitet hat. Dafür spricht eindeutig die bereits erwähnte Übereinstimmung insbesondere bezüglich der stillenden und mit Sympathie zur Patientin verbundenen älteren Schwester. Dabei handelt es sich um eine besondere Erscheinungsform enger Sympathie, die Gmelin nur im Zusammenhang mit der "kleinen Zobel" mitteilt und die - folgt man Kluge - von keinem anderen Magnetiseur beobachtet bzw. beschrieben wird108. Diese Form der Sympathie der Schlafenden zum Fragenden spielt übrigens auch bei der berühmten Holunderstrauchszene in Kleists Käthchen eine entscheidende Rolle, als der Graf vom Strahl das schlafende Mädchen in einer Art "magnetischen Sitzung" befragt.

Einige Details kommen noch hinzu. So spricht Schubert in seiner Vorlesung von Gmelins Krankengeschichten in der Mehrzahl109. Ferner teilt er mit, daß Gmelin einen Isolier-Behandlungstisch verwendet110. Dieses Faktum beschreibt der Heilbronner Arzt nicht in der Kornacher-Krankengeschichte, wohl aber in einigen seinen 22 Krankengeschichten111, deren 19. die "kleine Zobel" behandelt.

Ein direkter Vergleich der beiden fraglichen Veröffentlichungen Gmelins liefert ein weiteres Indiz. Das zweibändige Werk mit den 22 Krankengeschichten enthält zusätzlich einen ausführlichen theoretischen Teil mit wissenschaftlichem Anspruch. Hier analysiert Gmelin seine Vorgehensweise und die Ergebnisse. Dabei geht er besonders häufig auf Geschichte Nr. 19 (Zobel) ein112 und betont insbesondere die Wichtigkeit der Stillsituation. Wenn ein Wissenschaftler dieses Buch benützt, muß er also zwangsläufig auf die "kleine Zobel" aus Heilbronn aufmerksam werden. Die Kornacher-Geschichte erhebt dagegen keinerlei wissenschaftlichen Anspruch, sondern ist eher in Form eines Tagebuches - oft sogar recht langatmig - abgefaßt.

Die Kornacher-Veröffentlichung rechtfertigt - im Gegensatz zu den 22 Krankengeschichten und der zugehörigen Analyse - in keinem Fall die von Schubert für Gmelin gebrauchte Bezeichnung als "einer der würdigsten Magnetiseurs" seiner Zeit113. Deshalb liegt es nahe, daß ein Wissenschaftler wie Schubert um 1800 in Dresden eher das ("zweibändige") Werk über die 22 Krankengeschichten, als das Kornacher-Buch zur Verfügung gehabt und für seine Vorlesung benutzt hat. In Heilbronn um 1900 - zur Zeit der Forschungen von Friedrich Dürr - dürfte es wohl umgekehrt gewesen sein. Hier hatte höchstwahrscheinlich das Kornacher-Buch den höheren Bekanntheitsgrad, weil viele Nachfahren der Lisette in der Stadt wohnten. So könnte der "falsche Griff" Dürrs nach Kornacher statt nach Zobel zustande gekommen sein.

Nach Abwägung aller Umstände muß man sagen, daß sich Schubert in seiner Vorlesung über den Magnetismus mit wesentlich höherer Wahrscheinlichkeit auf die Zobel- als auf die Kornacher-Krankengeschichte gestützt hat. Wenn diese Feststellung richtig ist, dann kann Lisette Kornacher nicht mehr als Käthchen-Urbild gelten. Auf der anderen Seite ist damit aber auch nicht zwingend bewiesen, daß ausschließlich der Charlotte Elisabethe Zobel diese Ehre gebührt.

4.4.3 Zur Person

Trotzdem ist die Frage zu stellen, wer denn die "kleine Zobel" war. Gmelin schreibt über sie in der 19. Krankengeschichte, daß sie im Juli 1788 als Kaufmannstochter 13 Jahre alt ist, daß sie (mindestens) zwei ältere Schwestern besitzt - eine davon mit dem Archivar Reuß verheiratet und zu diesem Zeitpunkt eine Wöchnerin - und daß sie zumindest in Hörweite der Heilbronner Rathausuhr wohnt. Ein Onkel von ihr, Hofrat Zobel114, lebt als Arzt in Wertheim.

Die zur Verfügung stehenden Quellen - insbesondere die Heilbronner Kirchenbücher - sagen dazu folgendes: Der Stammvater der Heilbronner Familie Zobel ist der Apotheker Hannß Zobel in Öhringen. Sein Sohn, Hannß Tobias Zobel, ebenfalls Apotheker von Beruf, heiratet am 14. August 1638 in Heilbronn Anna Maria Textor115. Deren Sohn Johann Tobias Zobel ehelicht am 12. September 1665 in Heilbronn Maria Catharina Pfau116. Er wirkt als Pfarrer am Ort. Am 5. Juni 1671 wird ihr Sohn Johann Tobias getauft117. Dieser Heilbronner Handelsmann und Steuerverwalter heiratet am 21. Juli 1696 in Heilbronn Maria Magdalena Aff118. Deren Sohn Johann Adam Zobel (getauft 30. August 1698119, gestorben 11. April 1782120) übernimmt 1722 das Geschäft und heiratet am 14. August 1723 Maria Salome d'Autel aus Straßburg121, die am 20. Januar 1735 stirbt122. Jener ersten Ehe des Handelsmannes, der 1736, 1741 und 1760 drei weitere folgen, entspringen drei Kinder123: der am 22. Juli 1724 geborene Arzt und Hofrat in Wertheim Johann Adam Friedrich124, die am 5. Mai 1726 geborene Sibylla Christiana125 und der am 30. Oktober 1727 geborene Handels- und Kaufmann Heinrich August126 (gestorben am 12. September 1796 in Heilbronn127). Dieser Kaufmann heiratet am 12. Februar 1756 Anna Magdalena Schnizer (Schnizzer) aus Münsingen, die nach dem Tod ihrer Mutter, Maria Catharina geb. Krichlerin, ihrem Vater, dem Bürgermeister Johann Schnizer aus Münsigen, den Haushalt geführt hatte. Nach dessen Tod heiratet sie nach Heilbronn. Sie "erwarb sich durch ihre christliche Aufführung das schönste lob."128 Gleich in den ersten Monaten der Ehe erkrankt Heinrich August Zobel so schwer, daß man seinen Tod befürchtet. Während sich der Mann aber wieder erholt, stirbt die Frau bereits am 6. Oktober 1757 mit 32 Jahren am Kindbettfieber und hinterläßt eine Tochter129. Am 15. März 1759 heiratet Heinrich August Zobel erneut. Seine zweite Gattin, Augusta Maria Volz130, war am 9. Juni 1735 als Tochter des Heilbronner Bürgers und Handelsmanns Johann Albrecht Volz und dessen Gattin Auguste Sibylla Regina geb. Höpfer geboren worden131. Sie stirbt am 2. April 1805 an Gallenverhärtung132. Dieser Ehe entspringen zwischen dem 25. April 1760 und dem 29. September 1774 ziemlich genau im Zweijahresabstand acht Kinder133. Die Reihe beginnt mit Maria Christina Benigna134, die am 11. November 1780 den Archivar Jacob Gottlieb Reuß heiratet. Jener wird am 18. August 1753 in Horrheim geboren und stirbt am 10. August 1839 in Cannstatt. Sein Vater, August Reuß, wirkt als Kaiserlicher Notar und Amtmann in Horrheim. Der juristisch ausgebildete Jacob Gottlieb Reuß beginnt seine Berufslaufbahn 1775 als Herzoglich Württembergischer Canzlei-Advokat, wird dann 1780 Archivar des ritterschaftlichen Kraichgauarchivs in Heilbronn, steigt 1795 am gleichen Ort zum Consulenten auf und wechselt schließlich 1807 als Königlich Württembergischer Ober-Regierungsrath nach Stuttgart, wo er 1822 in Pension geht135. Bei dessen Frau, Maria Christina Benigna, handelt es sich um die von Gmelin als "Frau Schwester" bzw. "Frau Archivar" bezeichnete ältere Schwester, mit welcher die "kleine Zobel" mit so viel Sympathie verbunden ist, daß es zu der entscheidenden Stillsituation kommt. Die "Frau Schwester" und ihr Mann haben zehn Kinder, wovon eines - Karl Christoph - am 8. Juni 1788 auf die Welt kommt136. Karl Christoph ist also das an der Stillszene des 26. Juli 1788 beteiligte - wenige Wochen alte - Baby. Lisette Kornacher hat dagegen zum Zeitpunkt ihrer Behandlung bei Gmelin überhaupt keine verheiratete Schwester137 und somit wohl auch keinen Neffen oder keine Nichte.

Bei der von Gmelin erwähnten "Jungfer Schwester" muß es sich um Johanna Elisabetha Christiana handeln. Sie wird 1764 geboren138 und ist zum Zeitpunkt des Mesmerismusexperiments 24 Jahre alt und ledig. Sie heiratet erst im Jahre 1804 - und zwar ihren Schwager Reuß, nachdem ihre älteste Schwester 1801 verstorben war139.

Das jüngste Kind in dieser Zobelschen Geschwisterreihe heißt Charlotte Elisabethe. Sie wird am 29. September 1774 geboren140 und ist somit im Juli 1788 genau 13 Jahre alt - so wie Gmelin es in seiner zitierten Krankengeschichte schreibt. Charlotte Elisabethe ist folglich das gesuchte Käthchenvorbild.

Bekannt ist, daß die Familie Zobel in Heilbronn im Haus Nr. 352 wohnt141. 1788, als Gmelin seine Experimente an der "kleinen Zobel" durchführt, lebt auch die Familie Reuß dort142. Das Haus trägt später die Adresse "Kaiserstraße 30". Es befindet sich - vom Rathaus aus gesehen - direkt rechts neben der Sicherer'schen Apotheke, und damit in Sicht- und Hörweite der Rathausuhr. Die Familie Kornacher ist zu diesem Zeitpunkt dagegen im Kirchhöfle zuhause, also nicht im Zentrum, sondern am Rande der alten Reichsstadt.

Der Lebensweg von Charlotte Elisabethe ist kurz. Sie stirbt unverheiratet mit 31 Jahren am 15.1.1806 an "Nervenfieber"143. Das Heilbronner Intelligenzblatt vom 24. Januar 1806 berichtet für diese Zeit ausführlich über eine "ansteckende Krankheit, die gegenwärtig hier viele Menschen wegrafft"144. Bei dieser Krankheit handelt es sich um eine Typhus-Epidemie145, die Ende 1805 von durchziehenden französischen Soldaten im Zusammenhang mit dem Dritten Koalitionskrieg nicht nur in Heilbronn, sondern in ganz Süddeutschland und darüber hinaus eingeschleppt und verbreitet worden ist146. Ihr erliegt am 20. Januar u. a. auch der Heilbronner Arzt, Schriftsteller und Komponist Friedrich August Weber147.

4.5 Kleist und der Mesmerismus

Es ist unstrittig, daß sich Kleist in Dresden 1807/08 intensiv mit dem Mesmerismus auseinandergesetzt hat. Ebenso überzeugt die These von Steven R. Huff148, daß Kleist schon vor 1807/08 mit dem thierischen Magnetismus in Berührung gekommen ist. Es ist nicht von der Hand zu weisen, daß bereits in der Höhlenszene (5. Aufzug, 1. Szene) von Kleists 1803 erschienem Drama "Die Familie Schroffenstein" Mesmerismusphänomene vorkommen. Wesentlich schwerer zu führen dürfte der Nachweis sein, auf welche Weise Kleist den Mesmerismus erstmals kennengelernt hat. In diesem Zusammenhang bringt jüngst Huff in einer von ihm selbst als spekulativ bezeichneten Weise Georg Christian Wedekind ins Spiel149, bei welchem sich Kleist 1804 während seines "verlorenen Jahres" aufhält. Allerdings scheint Huff bei seinen diesbezüglichen Überlegungen zwei verschiedene Träger des Namens Hoffmann miteinander zu identifizieren: den frühen Förderer Wedekinds, Christoph Ludwig Hoffmann, und den späteren Freund, Andreas Joseph Hoffmann.

Auf jeden Fall ist der Mesmerismus in den Jahren um 1800 ein hochaktuelles Thema unter allen gebildeten Leuten. So setzt z. B. auch Johann Wolfgang von Goethe den "Th Magnetismus" literarisch um. Diese Erkenntnis arbeitete z. B. jüngst Michael Holtermann in einem Aufsatz150 heraus. Dort betont der Autor, daß Goethe u. a. durch Gotthilf Heinrich Schubert über die Phänomene des Mesmerismus informiert ist151, und er unterstreicht die inhaltliche Nähe von Goethes Ottilie aus den Wahlverwandtschaften und Kleists Käthchen152.

In dieser Situation könnte es durchaus möglich sein, daß auch Kleist die Veröffentlichung Gmelins mit den 22 Krankheitsgeschichten selbst gelesen hat. Die Formulierung Schuberts in seiner Autobiographie, daß Kleist im Zusammenhang mit dem Mesmerismus "gar nicht satt davon werden konnte"153 macht es zumindest denkbar, daß Kleist die Literatur ausgeliehen154 oder anderweitig im Original gelesen und damit direkt zur Kenntnis genommen hat. Es ist aber durchaus auch möglich, daß Kleist die Werke Gmelins auch schon viel früher in die Hand bekommen hat. Denn immerhin ist festzuhalten, daß nach Gmelins Bericht die Heilbronner Familie Zobel am Marktplatz wohnt - was auch auf Kleists Käthchen zutrifft. Diese Tatsache teilt Schubert aber nicht mit. Außerdem spielt bei der Zobel-Krankengeschichte mehrfach das "Engelmotiv" eine Rolle - auch dieses findet sich bei Kleist an zentralen Stellen - z. B. bei der Feuerprobe - wieder, nicht jedoch bei Schubert.

Was die möglichen persönlichen Kontakte und gegenseitigen Beeinflussungen angeht, wäre es insgesamt eine äußerst spannende Aufgabe, den Verflechtungen nachzuspüren, die eventuell z. B. zwischen Eberhard Gmelin, Friedrich Wilhelm Joseph Schelling, Heinrich Friedrich Füger, Friedrich Schiller, Heinrich von Kleist, Christian Ferdinand Hartmann usw. bestehen. Als Anregung sei nur auf den Heilbronner Senator Christoph Ludwig Schreiber (1758-1839) eingegangen, ein Kommilitone von Georg Christian Wedekind155. Bei Wedekind wiederum hält sich Kleist 1804 lange auf. Jener Senator Schreiber fungiert verschiedentlich für Eberhard Gmelin in Heilbronn bei dessen Magnetismusanwendungen als Protokollant156.

Auf der anderen Seite ist Schreiber ab 1792 der Schwager von Carl Lang157, dessen Schwestern von Gmelin magnetisch behandelt werden158 und welcher wiederum in der Zeit, als Kleist in Dresden weilt, sich ebenfalls - als Bekannter Böttigers - dort aufhält. Schreibers jüngerer Bruder, Johann Ludwig, stirbt nur zwei Tage nach Charlotte Elisabethe Zobel ebenfalls an "Nervenfieber"159 (Typhus). Carl Lang seinerseits wird 1796 von Schelling in Heilbronn besucht160, und Lang kennt ziemlich sicher auch die Geschichte vom Mädchen, das unversehrt vom Kiliansturm gefallen war.

5. Urbilder und Einflüsse

5.1 Einflußfaktoren

In der Literatur über Kleists Ritterschauspiel "Das Käthchen von Heilbronn" wird an vielen Stellen die Frage nach den Urbildern und Einflüssen gestellt. Abgesehen von der Flugblatt-These und dem Themenkomplex Lisette Kornacher bzw. Charlotte Elisabethe Zobel werden verschiedene andere Einflüsse für wahrscheinlich gehalten, insbesondere z. B. die Ballade "Graf Walther" von Gottfried August Bürger. Dabei handelt es sich um eine Nachdichtung der englischen Volksballade "Childe Waters". Diese enthält das Motiv eines Mädchens, welches einem Grafen unbeirrbar folgt. Auf der Hand liegt darüber hinaus die Tatsache, daß auch Gedankengut des Mesmerismus bzw. des Magnetismus in Kleists Ritterschauspiel eingeflossen ist. Dies wird besonders in der Holunderstrauchszene (Befragung des fest schlafenden Käthchens durch den Grafen Wetter vom Strahl) und durch den gleichzeitigen Silvestertraum des Käthchens und des Grafen deutlich.

Diese und andere Feststellungen treffen sicher zu, sie sollen hier aber nicht weiter vertieft werden161. Das Knäuel von Einflüssen dürfte wohl auch nicht leicht zu entwirren sein. Zu erwähnen ist jedoch ein junges Mädchen namens Julie Kunze, das Kleist im September 1807 in Dresden kennenlernt. Die beiden kommen sich schnell näher, doch die Beziehung geht sehr bald wieder auseinander, weil Julie sich weigert, mit Kleist Briefe auszutauschen, ohne daß ihr Vormund davon erfahren soll162. Einer Überlieferung aus dem Jahre 1914 zufolge soll "Julie zu ihrem Verdruß selbst im Alter noch von Verwandten und Freunden immer wieder als Urbild des 'Käthchens von Heilbronn' oft geneckt worden"163 sein. Diese Darstellung wird jedoch erst mehr als ein Jahrhundert nach Kleists Tod schriftlich fixiert. Die Bezeichnung "Urbild des Käthchens" ist darüber hinaus deutlich als scherzhaft gekennzeichnet - und so sollte sie auch behandelt werden, obwohl natürlich nicht auszuschließen ist, daß Abfärbungen von Julie auf das Käthchen bestehen.

Alle diese Überlegungen geben aber keine Auskunft auf die Frage, warum Kleist sein Käthchen ausgerechnet aus Heilbronn kommen läßt. Bevor eine Antwort versucht werden soll, ist die Chronologie der Entstehung des Käthchenstoffes bis zur Uraufführung 1810 zu klären.

5.2 Zur Chronologie

Kleist kommt am 31. August 1807 in Dresden an164. Zum Stand der Arbeit am Käthchen in dieser Zeit formuliert z. B. Otto Kienzle165: "Kleist behauptet zwar, als er anfangs September 1807 nach Dresden kam, das 'Käthchen' sei fast zum Druck bereit". Diese von vielen Autoren in ähnlicher Weise getroffene Aussage ist aber so nicht ganz richtig. Kleist schreibt nämlich am 17. September an Ulrike von Kleist lediglich: "Vier neue Werke liegen fast zum Druck bereit"166. Bereits im September lernt er Julie Kunze kennen, und sehr schnell dürfte auch seine durch Schubert angeregte Dresdner Beschäftigung mit dem Somnambulismusthema begonnen haben. Im Spätherbst 1807 spricht Kleist erstmals vom "Käthchen von Heilbronn"167. In dem von ihm zusammen mit Adam Müller herausgegebenen Phöbus vom April/Mai 1808 veröffentlicht der Dichter unter dem Stichwort "Fragment aus dem Schauspiel: Das Käthchen von Heilbronn oder die Feuerprobe" die ersten beiden Auftritte des ersten und den ersten Auftritt des zweiten Aktes. In der Phöbus-Ausgabe des September und Oktober 1808 erscheinen dann der zweite bis 13. Auftritt des zweiten Aktes. Zu weiteren Vorab-Veröffentlichungen kommt es nicht.

Bereits 1954 setzt sich Hans M. Wolff168 intensiv mit der Frage des Urkäthchens auseinander. Ihm geht es dabei aber weniger um die Suche nach einem Vorbild, als vielmehr um das Aufspüren der Urfassung. Er gelangt dabei zu dem Ergebnis, daß das Ritterschauspiel "Das Käthchen von Heilbronn" auf einer um 1800 entstandenen älteren Fassung beruht, deren Titelheldin Kunigunde von Thurneck ist. In dieser frühen Variante dürfte das Käthchen in den ersten Akten überhaupt nicht aufgetaucht, sondern wohl erst als Dienerin von Kunigunde eingeführt worden sein. Der 1. Akt mit dem Femgericht ist also jüngeren Datums. Dabei wird das Käthchen auch den Beinamen "von Heilbronn" nicht geführt haben169. Die Liebe zwischen Graf und Käthchen sei erst im Zusammenhang mit der Rettung aus dem brennenden Schloß erwacht. Folgende Teile sind in der von Wolff rekonstruierten Frühfassung noch nicht enthalten: der gesamte erste Akt z. B. mit dem ersten Zusammentreffen des Käthchens und des Grafen in Heilbronn, der Silvestertraum des Grafen, die Holunderstrauchszene usw.

Als Kleists Quellen für das Kunigunde-Drama spürt Wolff u. a. Lessings "Nathan der Weise" auf. Daraus sei entnommen das "Motiv der Rettung einer Frau aus einem brennenden Hause durch einen Mann, der einer sozial höherstehenden Schicht angehört"170. Man kann also davon ausgehen, daß das Käthchen erst relativ spät zur Titelheldin wurde, nämlich als Kleist den Stoff wesentlich ausbaute.

Dieses frühe Käthchen hat nach Wolff wohl schon um 1800 bestanden, damit scheidet Julie Kunze als ursprüngliches Käthchenurbild aus, denn deren Bekanntschaft mit dem Dichter datiert ins Jahr 1807. Das endgültige Käthchen aus der Fassung von 1810 trägt sehr viele, entscheidend somnambule Züge, so daß sich der Einfluß Gmelins nicht leicht von der Hand weisen, ein direkter Einfluß von Julie Kunze aber nur schwer untermauern läßt.

Für die folgende Argumentation von großer Bedeutung ist ein inhaltlicher Vergleich der Phöbus-Fassung von 1808 mit dem endgültigen Text von 1810. Dabei ist zu beachten, daß der Phöbus nur von Januar 1808 bis Februar 1809 Bestand hatte. Es ist also durchaus möglich, daß eine Veröffentlichung noch anderer als der erwähnten Teile geplant, aber eben aus diesen äußeren Umständen heraus nicht mehr möglich war. Die berühmte Holunderstrauchszene des zweiten Auftritts im vierten Akt läßt sich also im Phöbus schon allein deshalb nicht nachweisen, weil aus dem dritten bis fünften Akt dort nichts veröffentlicht ist. Deshalb muß man das Augenmerk auf den Silvestertraum des Grafen richten, welcher im zweiten Akt (9. Auftritt) von der alten Dienerin Brigitte erzählt wird. Dieser Traum, der sich zusammen mit Käthchens Traum zum berühmten und zentralen Doppeltraummotiv ergänzt, fehlt im zweiten Akt des Phöbus völlig. Es ist leicht festzustellen, daß Kleist nach Erscheinen der Vorabveröffentlichung gerade im neunten und zehnten Auftritt des zweiten Aktes wesentliche Veränderungen vorgenommen hat. Das Fehlen des gräflichen Silvestertraumes im Phöbus ist nun aber tatsächlich sehr erstaunlich und für die weitere Argumentation von ganz wesentlicher Bedeutung, denn ohne diesen Traum, in welchem dem Grafen eine Kaisertochter mit einem Mal am Nacken als Frau verheißen wird, ist die gesamte Handlung des Dramas einigermaßen unlogisch - dies gilt insbesondere auch für die Holunderstrauchszene, welche sich inhaltlich direkt auf den Silvestertraum bezieht. Damit kann also eigentlich auch die Holunderstrauchszene in der Fassung von 1808 noch nicht enthalten gewesen sein.

Die äußeren Umstände des gräflichen Silvestertraums haben direkte Wurzeln in Schuberts 13. Vorlesung. Bei Kleist (2. Akt, 9. Auftritt) wird der Graf als ein an Schwermut erkrankter Mann geschildert, der während seines Traums in einen totähnlichen Zustand verfällt, wie ihn Schubert als typisch für den magnetischen Schlaf beschreibt. Nach dem Aufwachen gewinnt er seine Kräfte wieder. Bei Schubert liest sich das folgendermaßen: "Der Magnetismus, welcher nicht selten ein Erstarren der Glieder wie im Tode, und andre hiermit verwanden Symptome zur ersten Wirkung hat, ist auch hierin das im Kleinen, was der Tod im Großen und auf eine vollkommene Weise ist. Auch Ohnmachten und der noch tiefer mit dem eigentlichen Tod verwandte Scheintod ohne Bewußtseyn, zeigen sich, so wie sie von einem gleichen, oder vielmehr noch viel höheren Wonnegefühl begleitet sind als der Somnambulismus, nicht midner heilsam als der magnetische Schlaf, und die aus ihm Erwachenden sind meist von der vorhergegangenen Krankheit, die sie in diesen Zustand versetzt, vollkommen befreyt, ja auf eine unbegreifliche Weise gestärkt."171

Dieses Mesmerismuselement des gräflichen Silvestertraums hat Kleist aber jedenfalls erst nach der Phöbus-Veröffentlichung eingebaut und damit nachträglich eine plausible Erklärung für die in der Vorabveröffentlichung eher merkwürdig wirkende enge Verbindung zwischen dem Käthchen und dem Grafen geschaffen.

Auf der anderen Seite eröffnen sich mit dem Silvester-Doppeltraum für Kleist ganz neue dramatische Möglichkeiten - bis hin zur Holunderstrauchszene im vierten Akt, die ebenfalls wieder eine Anwendung seiner Kenntnisse über den Magnetismus ist.

Wir können also festhalten, daß Kleist in sein Käthchen-Schauspiel ganz wesentliche dramatische Elemente erst nach dem Oktober 1808 eingefügt hat, also nachdem er sich in Dresden ein Jahr lang mit den Fragen des Somnambulismus beschäftigt hatte. Damit ist klar, daß das Somnambulismus-Thema sehr spät, aber unmittelbar in die Käthchenfassung von 1810 hineingekommen ist. Kleist wird direkt von Schubert beeinflußt und dieser hebt wiederum Gmelins Gedankengut hervor, insbesondere die Geschichte der beiden mit Sympathie verbundenen Schwestern (Zobel).

So betrachtet kann auch die These von Steven R. Huff172 nicht überzeugen, daß Schubert in seiner Vorlesung tatsächlich auf die Kornacher-Krankengeschichte von Gmelin zurückgegriffen habe, daß aber für Kleists Käthchen viel mehr eine andere Krankengeschichte von Gmelin einschlägig sei173, in der die Fallgeschichte einer 21jährigen Stuttgarter Patientin behandelt wird. Es handelt sich dabei um Caroline Joh. Christiane Heigelin, verheiratete Scheffauer. Dieser Stoff hätte dann eigentlich schon bei der Erstveröffentlichung 1808 im Phöbus seinen Niederschlag gefunden haben können, da Kleist nach Huff - wie in Abschnitt 4.5 dargelegt - den Mesmerismus schon vor der Dresdner Zeit intensiv kennengelernt und auch literarisch verarbeitet hat. Die frühe Auseinandersetzung Kleists mit Mesmerismusphänomen hat aber beim Schreiben der Käthchenfassung von (bis) 1808 offenbar nicht sehr stark nachgewirkt. Denn Tatsache ist, daß Kleist in dieser Fassung solche Phänomene nicht verwendet. Er baut diese - und das soll nochmals betont werden - erst nach der Beschäftigung via Schubert ein. Deshalb ist die Schlußfolgerung berechtigt, daß man - wenn überhaupt - in der bei Schubert zugrundegelegten Fallgeschichte ein Käthchenurbild suchen darf und nicht in einer eventuellen früheren Beschäftigung Kleists mit dem Mesmerismus.

Insbesondere sind damit auch alle Einwände entkräftet, die darauf abzielen, daß Schubert seine Vorlesung erst im Januar 1808 gehalten habe, während zu diesem Zeitpunkt das Käthchen schon fast fertiggestellt gewesen sei174. Nochmals sei die Tatsache betont, daß die Mesmerismusphänomene in der Phöbus-Fassung von 1808 eben nicht vorkommen und erst nachträglich eingefügt wurden.

5.3 Die Ortswahl Heilbronn

Mit den wesentlichen Inhaltsänderungen nach dem Oktober 1808 ist jedoch noch nicht erklärt, warum Kleist bereits im Spätherbst 1807 vom "Käthchen von Heilbronn" spricht bzw. warum der Dichter sein Käthchen in Heilbronn ansiedelt.

Zunächst ist festzustellen, daß im Kleistschen Werk kein wirklicher inhaltlicher Lokalbezug zur alten Reichsstadt am Neckar besteht. Zwar erwähnt der Dichter einen Altar in Heilbronn, auf dem ein Satan und seine Scharen mit Hörnern, Schwänzen und Klauen175 abgebildet sind, aber solch einen Altar gab und gibt es in Heilbronn nicht - ebenso wenig das beschriebene kaiserliche Schloß. Die Erwähnung eines Hauses am Marktplatz ist dagegen sehr unspezifisch. Ein Heilbronn-Bezug hätte jedoch leicht durch die Beschreibung des markanten Rathauses oder der gegenüberliegenden Kilianskirche mit dem unverwechselbaren Renaissance-Turm hergestellt werden können, da die Handlung ja am Marktplatz spielt. Der Ortsname Heilbronn scheint also zu einem beliebigen Zeitpunkt schlicht "aufgesetzt" zu sein, wobei man nach den Erkenntnissen aus Abschnitt 5.2 davon ausgehen muß, daß in der um 1800 entstandenen Urfassung das Käthchen den Beinamen "von Heilbronn" noch nicht getragen hat.

In diesem Zusammenhang nicht von der Hand zu weisen ist die zuletzt erneut von Ulrich Maier176 vertretene These, daß bei Kleists Ortswahl Goethes Götz von Berlichingen eine Rolle spielt. Goethes teilweise in Heilbronn angesiedelter Götz genießt schon um 1800 höchsten Ruhm, das Werk steht am Anfang einer Welle von Rittergeschichten aller Art, dazu gehört - in gewisser Weise - auch Kleists Ritterschauspiel "Käthchen". Heilbronn kommt also allein schon wesentlich dadurch ins Spiel, daß Kleist versucht, die Anerkennung Goethes zu erhalten und ein Pendant zu dessen Götz zu schaffen177. Auch K. A. Böttiger spricht in seiner Theaterkritik von 1819, auf welcher die Flugblatt-These178 basiert, vom Käthchen als einem "nach Goethes Götz gebildeten Erzeugnis"179. Alle auf Goethes Götz bezogenen Argumente reichen jedoch nicht aus, denn sie besitzen schon um 1800 Gültigkeit, als Kleist sich erstmals mit diesem Stoff beschäftigt und das Käthchen - wie mehrfach gesagt - noch nicht "von Heilbronn" heißt.

Nachdem auf diese Weise aber gewissermaßen "der Boden bereitet" ist, dringt Kleist der Ortsname Heilbronn ein zweites mal ins Bewußtsein. Nämlich genau dann, als er sich ab September 1807 in Dresden einerseits erneut mit dem Käthchenstoff, andererseits intensiv aber auch mit dem Mesmerismusthema auseinandersetzt. Dr. Gmelin von Heilbronn und seine Krankengeschichten sind damit vielleicht wohl eine Art Auslöser für Kleists Ortswahl. Seine Entscheidung kann sehr schnell und kurzfristig, also durchaus im Spätherbst 1807, gefallen sein, weil ein wirklicher inhaltlicher Bezug zu Heilbronn überhaupt nicht hergestellt wird.

Am Rande bemerkt könnte - wenn auch als sehr schwaches Argument - hinzukommen, daß Kleist in Dresden Personen kennenlernt, die aus Heilbronn stammten. Zu denken ist z. B. an Carl Lang180. Aber das kann kaum als ausschlaggebend für die "Ortswahl Heilbronn" anerkannt werden, denn Kleist dürfte auch Persönlichkeiten aus anderen Städten gekannt haben, ohne deren Herkunftsort in den Titel eines seiner Werke aufzunehmen.

In diesem Zusammenhang ebenfalls von geringerer Bedeutung scheint angesichts der Argumente "Goethes Götz spielt zum Teil in Heilbronn" und "Gmelin wirkte in Heilbronn" die Frage zu sein, ob Kleist jemals Heilbronn besucht hat oder nicht181. Wenn Kleist - z. B. anläßlich von Süddeutschland-Aufenthalten - in Heilbronn gewesen sein sollte, dann handelte es sich wohl höchstens um einen recht kurzen Besuch, der wiederum kaum eine ausreichende Begründung für die Ansiedlung eines Schauspiels bieten dürfte. Immerhin ist Kleist einigermaßen weit herumgekommen und hat viele Städte kürzer oder länger besucht, ohne daß er diese als Schauplatz verwendet hätte. Wenn Kleist Heilbronn gekannt hat, dann hat er von dieser Ortskenntnis im Käthchen-Schauspiel jedenfalls - und das wäre unverständlich - keinen Gebrauch gemacht. Auch die verschiedentlich vertretene Ansicht, Heilbronn sei für Kleist der Inbegriff einer Reichsstadt oder Idealbild einer mittelalterlichen Stadt gewesen, konnte bislang nicht überzeugend bewiesen werden.

6. Zusammenfassung

Heinrich von Kleists "Käthchen von Heilbronn" wird 1808 teilweise veröffentlicht und 1810 uraufgeführt. Vor dieser Zeit läßt sich in Heilbronn der Käthchenstoff nicht nachweisen. Spätestens 1843 wird ein stattliches Gebäude am Heilbronner Marktplatz als Käthchenhaus definiert, einige Jahre später treten Käthchenfiguren zu Repräsentationszwecken auf. Vor 1900 deckt Friedrich Dürr eine inhaltliche Verbindung zwischen dem Heilbronner Arzt Dr. Eberhard Gmelin und Heinrich von Kleist auf, indem er zeigt, daß Kleist in Dresden einen Vortrag von Gotthilf Heinrich Schubert über den Magnetismus und Gmelin gehört hat. Wenige Jahre später fügt Dürr seine These hinzu, daß sich Schubert dabei auf Gmelins Krankengeschichte von Lisette Kornacher bezogen habe, daß folglich diese das Käthchen-Urbild sei. Trotz einer ständigen weiteren Auseinandersetzung mit der Käthchenfrage kommt erst in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts wieder wesentliche Bewegung in die Debatte.

Einerseits zeigt Werner von Froreich - quasi nebenbei und leider fast völlig unbeachtet -, daß Schubert bei seiner Vorlesung nicht auf die Kornacher-Krankengeschichte zurückgreift, sondern auf diejenige der "kleinen Zobel". Helmut Sembdner dagegen vertritt die Auffassung, daß Kleist seinen Käthchenstoff aus einem Flugblatt oder Jahrmarktsdruck geschöpft habe.

Diese Flugblatt-These ist aber zumindest dann nicht haltbar, wenn sie sich inhaltlich auf den gesamten Käthchenstoff oder auf das Motiv einer Heilbronner Schmiedstochter bezieht. Nach einer solchen Überlieferung hat die Heilbronner Lokalforschung bereits im 19. Jahrhundert vergeblich gesucht. Die bei Sembdner als Beweis dienende Ballade "Kätchen von Heilbronn" ist mit hoher Sicherheit nicht das Vorbild für Kleist, sondern eine Nachdichtung, die von Friedrich Baader stammt, welcher im 19. Jahrhundert Sagen gesammelt, gedichtet, verändert und herausgegeben hat. Im übrigen geht die Flugblatt-These auf einen kleinen Passus in einer Theaterkritik über das Käthchenschauspiel zurück, welche erst acht Jahre nach Kleists Tod erschienen ist und zudem mit Karl August Böttiger von einem Mann stammt, dessen Verläßlichkeit insbesondere in Theaterangelegenheiten als sehr gering beurteilt wird. Außerdem spricht Kleist selbst vom Käthchen als einer "trefflichen Erfindung".

Auf sichereren Grund läßt sich dagegen Dürrs These stellen, daß Kleist (spätestens) im Herbst und Winter 1807/08 von den "Experimenten" des Heilbronner Arztes Gmelin erfahren hat. Man kann zwar nicht zwingend beweisen, daß Kleist den entsprechenden Vortrag Schuberts wirklich gehört hat, allerdings gibt es aber auch kein gutes Argument, welches dagegen spricht. Diese Frage tritt jedoch in den Hintergrund angesichts der Tatsache, daß sich Schubert in der Vorbereitungsphase des Vortrags mit dem Mesmerismus und mit Gmelin intensiv auseinandergesetzt und sich Kleist für diesen Stoff sehr interessiert hat. Aus dem Inhalt der Schubertschen Vorlesung läßt sich schließen, daß der Naturphilosoph dabei nicht auf Gmelins Kornacher-Geschichte, sondern auf diejenige von Charlotte Elisabethe Zobel zurückgegriffen hat. Schubert schildert "Experimente" (Stillen, Nadel) mit einem Mädchen und dessen älterer Schwester, einer Wöchnerin, die nur deshalb funktionieren, weil zwischen diesen beiden ein inniges Sympathieverhältnis besteht. Während dies bei der Zobel-Geschichte genau zutrifft, finden wir bei Kornacher das exakte Gegenteil vor. Die Letztgenannte hat zwar eine ältere Schwester, diese jedoch ist zum Zeitpunkt der Behandlung keine Wöchnerin. Außerdem mögen sich die beiden Schwestern so wenig, daß gerade durch diese Abneigung die Experimente nicht funktionieren.

Daß Mesmerismus-Elemente in Kleists Schauspiel einfließen, ist kaum bestreitbar. Von zentraler Bedeutung sind hierbei der Silvester-Doppeltraum des Grafen und des Käthchens sowie die Holunderstrauchszene. Gegner der Gmelin-These machen geltend, daß Kleists Arbeit am Käthchen bereits in wesentlichen Teilen abgeschlossen gewesen sei, als der Autor via Schubert mit Gmelin in Berührung gekommen ist. Dabei wird auf die Teilveröffentlichung des Käthchens im Phöbus Mitte 1808 verwiesen. Dort ist jedoch nur ein kleiner Bruchteil des 1810 uraufgeführten Werkes abgedruckt, und in den dabei veröffentlichten Teilen fehlen genau die Mesmerismuselemente, insbesondere der für den Gang der Handlung ganz zentrale Silvestertraum des Grafen. Gerade die Phöbus-Teilveröffentlichung beweist also, daß Kleist noch nach Mitte 1808 das Schauspiel wesentlich überarbeitet und die Mesmerismusphänomene eingefügt hat. Mögliche bzw. sogar wahrscheinliche frühere Beschäftigungen Kleists mit diesem Gedankengut sind offenbar nicht intensiv genug, um es bereits in den Phöbus-Käthchenstoff einfließen zu lassen.

Abschließend erhebt sich die Frage, warum Kleist sein Käthchen gerade in Heilbronn ansiedelt. Dabei dürften sich zwei Elemente ergänzen. Einerseits sucht Kleist Goethes Anerkennung und schafft das Käthchen als Gegenstück zu dessen Götz, welcher ebenfalls zum Teil in Heilbronn agiert. Andererseits dürfte es eine Rolle gespielt haben, daß Eberhard Gmelin in Heilbronn wohnte und dessen für Kleist so interessante Mesmerismusexperimente in dieser Stadt durchgeführt wurden.

Es ist nicht beweisbar, ob Kleist den Namen Charlotte Elisabethe Zobel jemals gelesen oder anderweitig zur Kenntnis genommen hat. Sicher ist jedoch, daß Kleist über Schubert von Gmelins Mesmerismus-Experimenten erfahren und das entsprechende Wissen noch nach dem Oktober 1808 in sein Käthchenschauspiel eingefügt hat. Da wiederum Schubert sich eindeutig auf die Krankengeschichte der Charlotte Elisabethe Zobel bezieht, kann man wohl tatsächlich - zumindest im übertragenen Sinne - in der "kleinen Zobel" eine Art Urkäthchen erkennen.

1 Philipp SPIESS: Der Steinmetz von St. Kilian. Heilbronn 1894, S. 92-94 bzw. Heilbronn 1991 (7. Auflage), S. 94-96.

2 Dieser Sagenstoff eines vom Kiliansturm gefallenen und dort in Stein verewigten Mädchens ist z. B. in folgenden Publikationen des 19. Jahrhunderts überliefert: Karl JÄGER: Handbuch für Reisende in den Neckargegenden, von Cannstadt bis Heidelberg, und in dem Odenwalde. Heidelberg [1824], S. 70-71; Karl GEIB: Malerisch-historische Schilderung der Neckargegenden von Mannheim bis Heilbronn. Frankfurt am Main 1847, S. 100-101; Gustav KUTTLER: Heilbronn, seine Umgebungen und seine Geschichte für Fremde und Einheimische in kurzen Umrissen. Heilbronn 1859, S. 24-25.

3 "Den 30ten früh suchte ich frische Luft außer der Stadt, und weil ich da nicht weit genug sehen konnte, bestieg ich sogar den Kirchthurm, wo ich viele Inschriften fand, auch das Wunder in Stein gehauen sah, da ein Kind von der Höhe herabfiel, ohne im geringsten verletzt zu werden!!" (Aus Schellings Leben. In Briefen. Bd. 1: 1775-1803. Leipzig 1869, S. 97).

4 Ruth Niehaus mußte 1952 absagen, hat aber 1954 bei den Deutschhofspielen das Gretchen gespielt (Heilbronner Stimme vom 23.4.1954, S. 3).

5 Friedrich DÜRR: Chronik der Stadt Heilbronn Bd. 1, 741-1895. Heilbronn 1986 (unveränderter Nachdruck der 2. Auflage), S. 57.

6 E. F. KAUFMANN: Die Neckarfahrt von Heilbronn bis Heidelberg. Heilbronn 1843, S. 4: "Das angebliche Haus des Käthchens von Heilbronn unweit des in halbdorischem Stil gebauten Schlachthauses, bewohnt jetzt noch ein Schmied von eben soviel Geschicklichkeit als Humor, der schon seiner kräftigen Gestalt nach, aus jener guten Zeit übrig geblieben sein muß." Daß 1842 im "Käthchenhaus" ein Schmied gewohnt haben soll, läßt sich jedoch mit den heute zur Verfügung stehenden Quellen nicht bestätigen. - Die früheren Reiseführer erwähnen z. T. zwar dieses imposante Steinhaus am Marktplatz, stellen aber keine Beziehung zum Käthchen her (z. B. JÄGER, Handbuch für Reisende (wie Anm. 2), S. 66-67 oder der literarisch interessierte Gustav SCHWAB: Wanderungen durch Schwaben. Leipzig [nach 1836], S. 32). Spätere Reiseführer nehmen die Thematik jedoch auf (z. B. KUTTLER, Heilbronn (wie Anm. 2) S. 37).

7 Hieronymus LORM: Am Kamin. Erzählungen. Berlin 1857, S. 298.

8 DÜRR, Chronik Bd. 1 (wie Anm. 5), S. 428. Ausführlicher in: Schwäbische Kronik vom 20. August 1872 (Nr. 197), S. 3249.

9 Festheft für das 29. Allgemeine Liederfest des Schwäbischen Sängerbundes in Heilbronn a. N. am 3. und 4. Juli 1910. Heilbronn 1910, S. 21.

10 Rudolf FLAIGG (Hg.): Fest-Album zur Erinnerung an das Turnfest zu Heilbronn. Heilbronn 1846, S. 15-16.

11 Friedrich DÜRR: Aus Alt-Heilbronn. VII. Das Käthchen und die Käthchensage. In: Offizielle Ausstellungs-Nachrichten. Organ der Industrie-, Gewerbe- und Kunstausstellung. Heilbronn 1897, S. 247-249 und 286-288.

12 Friedrich DÜRR: Neues zum Alten über das Käthchen. In: Neckar-Zeitung vom 16. April 1904, Drittes Blatt.

13 Sie wurde fast durchgängig übernommen, z. B. in jüngerer Zeit bei Eberhard SIEBERT: Heinrich von Kleist. Zum Gedenken an seinen 200. Geburtstag. Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz, Ausstellungskataloge 8. Berlin 1977, S. 60.

14 Werner von FROREICH: Eberhard Gmelin - zwischen Kerner und Kleist. Veröffentlicht in: Nachrichtenblatt für die Stadt Weinsberg 19. Januar 1973, 26. Januar 1973 und 9. Februar 1973.

15 Dieser Vortrag wurde unter folgendem Titel veröffentlicht: Helmut SEMBDNER: Kleist und sein "Käthchen von Heilbronn". In: Jahrbuch für schwäbisch-fränkische Geschichte. Historischer Verein Heilbronn 29 (1979/81), S. 81-93.

16 Den Schwerpunkt dieses Vortrages bildet jedoch die sehr schön zusammengefaßte Wirkungsgeschichte des Käthchen-Schauspiels.

17 SEMBDNER, Käthchen (wie Anm. 15), S. 82.

18 SEMBDNER, Käthchen (wie Anm. 15), S. 82.

19 SEMBDNER, Käthchen (wie

Anm. 15), S. 82.

20 SEMBDNER, Käthchen (wie Anm. 15), S. 83.

21 Friedrich BAADER: Sagen des Neckarthals, der Bergstraße und des Odenwaldes. Aus dem Munde des Volkes und der Dichter gesammelt. Mannheim 1843, S. 270-271.

22 SEMBDNER, Käthchen (wie Anm. 15), S. 84.

23 BAADER, Neckarthal (wie Anm. 21), S. XI.

24 Konrad MENZEL (Hg.): Wolfgang Menzel's Denkwürdigkeiten. Bielefeld/Leipzig 1877, S. 465-466 (Kapitel "Mein Verkehr mit Katholiken").

25 BAADER, Neckarthal (wie Anm. 21), S. 244-249.

26 Friedrich BAADER/Laurian MORIS: Die Sagen der Pfalz. Aus dem Munde des Volkes und deutscher Dichter. Stuttgart 1842.

27 "Richard Löwenherz auf dem Trifels" (S. 172-178), "Der Teufelstisch" (S. 191-196) und "Die Belagerung von Neuwindstein" (S. 215-221). Das letztgenannte Gedicht findet sich bereits bei August STÖBER: Oberrheinisches Sagenbuch, Straßburg/Heidelberg 1842, S. 391-395.

28 Gustav TOEPKE (Bearb.): Die Matrikel der Universität Heidelberg. Teil 5: von 1807 bis 1846. Heidelberg 1904, S. 687.

29 Baader wird genannt im Gesamtverzeichnis des deutschsprachigen Schrifttums 1700-1910 (GV), bearb. unter der Leitung von Hilmar SCHMUCK u. a. München 1979-1987 (160 Bde.); hier: Bd. 7 : B-Bal, 1979, S. 9 (Baader, Friedrich) als (Mit-)Herausgeber der Struve'schen Akademischen Zeitung, Zeitschrift für Deutschlands Hochschulen, die vom 15.02.1844 bis zum 23.08.1845 in Heidelberg in 36 Nummern erschienen ist.

30 Freundliche schriftliche Auskunft des Bischöflichen Generalvikariats (Bistumsarchiv) Münster vom 28.07.1993, Quellen: Münster St. Aegidii, KB 7, fol 17 v, Nr. 35 (Taufe); Münster, St. Ludgeri, KB 21, fol 188, Nr. 34 (Tod Joseph Baader); Münster, St. Ludgeri, KB 22, fol 31, Nr. 51 (Tod Magdalena Schläger). Diese Angaben decken sich mit entsprechenden schriftlichen Informationen aus dem Stadtarchiv Münster vom 13.07.1993.

31 Franz BRÜMMER (Bearb.): Lexikon der deutschen Dichter und Prosaisten des neunzehnten Jahrhunderts. Bd. 3: M-Schn, Leipzig <1895> (4. Auflage), S. 92-93.

32 Z. B. bei Ulrich MAIER: Als Baden noch in Schwaben lag und Stuttgart badisch war. Sagen in Baden-Württemberg und ihre historischen Hintergründe. Stuttgart/Aalen 1993, S. 140; und DERS.: Sagen erzählen Geschichte durch Kultur und Zeit. Entdeckungsreise im Unterland. Weinsberg 1991, S. 63. In dem dort (S. 61-67) enthaltenen, sehr scharfsinnigen Beitrag über "Das Käthchen von Heilbronn" erscheinen viele Argumente, die auch im vorliegenden Text eine wichtige Rolle spielen.

33 Bernhard BAADER: Volkssagen aus dem Lande Baden und den angrenzenden Gegenden. Karlsruhe 1851; DERS.: Neugesammelte Volkssagen aus dem Lande Baden und den angrenzenden Gegenden. Karlsruhe 1859.

34 Friedrich von WEECH: Badische Biographieen. Bd. 3, 1881, S. 7-11, (im Artikel "Amalie Baader"), zitiert nach: Deutsches Biographisches Archiv, Fiche 43, 37-40.

35 BAADER, Neckarthal (wie Anm. 21), S. 347-351; II. Gedicht: S. 349-351.

36 Achim von ARNIM/Clemens BRENTANO: Des Knaben Wunderhorn. Alte deutsche Lieder Bd. 1. Heidelberg/Frankfurt 1806. Zitiert nach der kritischen Ausgabe, Bd. 1, herausgegeben und kommentiert von Heinz RÖLLEKE. Stuttgart 1987, S. 257-258.

37 BAADER, Neckarthal (wie Anm. 21), z. B. bei "Der Pfalzgraf am Rhein" (S. 9-11) oder bei "Der Pfalzgraf" (S. 97-98).

38 Achim von ARNIM/Clemens BRENTANO: Des Knaben Wunderhorn. Alte deutsche Lieder. Bd. 3, Heidelberg 1808. Zitiert nach der kritischen Ausgabe, Bd. 3 herausgegeben und kommentiert von Heinz RÖLLEKE. Stuttgart 1987, S. 113.

39 M. Elizabeth MARRIAGE: Volkslieder aus der Badischen Pfalz. Halle a. d. S. 1902. S. 110-112; hier: S. 112.

40 BAADER, Neckarthal (wie Anm. 21), S. 263-269.

41 ARNIM/BRENTANO, Wunderhorn Bd. 1 (wie Anm. 36), S. 242-246. Dort ist wiederum auf "Meißner's Apollo. Juny 1794, S. 165" verwiesen. Im Kommentar (S. 503) wird dieser Stoff bis Ovid zurückverfolgt - ohne jeden Heilbronn-Bezug.

42 BAADER, Neckarthal (wie Anm. 21), S. 269.

43 BAADER, Neckarthal (wie Anm. 21), S. 269.

44 Deutsche Chronik. Wochenschrift für Belehrung, Unterhaltung und praktisches Leben. Herausgegeben unter Mitwirkung vaterländischer Schriftsteller. Pforzheim; hier: Jg. 2, II. Semester (1843), S. 344-345.

45 SEMBDNER, Käthchen (wie Anm. 15), S. 82.

46 SEMBDNER, Käthchen (wie Anm. 15), S. 82.

47 SEMBDNER, Käthchen (wie Anm. 15), S. 92, Anm. 4.

48 SEMBDNER, Käthchen (wie Anm. 15), S. 92, Anm. 4.

49 SEMBDNER, Käthchen (wie Anm. 15), S. 92, Anm. 4.

50 M. Elizabeth MARRIAGE (Hg.): Georg Forsters Frische Teutsche Liedlein in fünf Teilen. Abdruck nach den ersten Ausgaben 1539, 1540, 1549, 1556 mit den Abweichungen der späteren Drucke. Halle a. d. S. 1903, Nr. XIX, S. 196.

51 ARNIM/BRENTANO, Wunderhorn Bd. 1 (wie Anm. 36), S. 101.

52 Sembdner verwendet diese Bezeichnung "Frisch Liedlein" im Sinne von "ein Frisch' Liedlein" (SEMBDNER, Käthchen (wie Anm. 15), S. 82) oder gar von "das Frisch' Liedlein" (SEMBDNER, Käthchen (wie Anm. 15), S. 83), wobei er noch einen Apostrophen hinzufügt, der sich bei Baader nicht findet.

53 MAIER, Sagen erzählen Geschichte (wie Anm. 32), S. 63-64.

54 Zitiert nach Helmut SEMBDNER (Hg.): Heinrich von Kleists Lebensspuren. Dokumente und Berichte der Zeitgenossen. Erweiterte und revidierte Ausgabe Frankfurt am Main/Leipzig 1992, Nr. 268, S. 223-224.

55 Allgemeine Deutsche Biographie (ADB) Bd. 3. Berlin 1876, S. 205-207.

56 ADB Bd. 3 (wie Anm. 55), S. 206.

57 Ernst Friedrich SONDERMANN: Karl August Böttiger. Literarischer Journalist der Goethezeit in Weimar. Mitteilungen zur Theatergeschichte der Goethezeit. Bd. VII. Bonn 1983, hier: besonders Abschnitt 4.4 ("Böttigers Verhältnis zu Goethe und Schiller - in Hinsicht auf die Zusammenarbeit mit Cotta", z. B. S. 196).

58 ADB Bd. 3 (wie Anm. 55), S. 206.

59 ADB Bd. 3 (wie Anm. 55), S. 206.

60 ADB Bd. 3 (wie Anm. 55), S. 207.

61 Harold JANTZ: Schillers "Wallenstein"-Brief vom 1. März 1799. Seine Beziehungen zu Böttiger. In: Jahrbuch der Deutschen Schillergesellschaft 18 (1974), S. 3-22; hier: S. 17.

62 SEMBDNER, Käthchen (wie Anm. 15), S. 82.

63 Vgl. z. B. SEMBDNER, Lebensspuren (wie Anm. 54), Nr. 385, S. 314. In dieser Veröffentlichung (Nr. 367-395 b, S. 302-321) sind auch zahlreiche weitere Zeugnisse anderer Persönlichkeiten zusammengetragen.

64 SEMBDNER, Lebensspuren (wie Anm. 54), Nr. 291a, S. 242.

65 DÜRR, Chronik Bd. 1 (wie Anm. 5), S. 57, Anm. 24; vgl. dazu auch: DÜRR, Aus Alt-Heilbronn (wie Anm. 11), S. 288.

66 Hans FRANKE: Käthchen-Freilichtspiele im Deutschhof zu Heilbronn. Programm und Festschrift. Heilbronn 1929, S. 24-25.

67 Siegfried STRELLER (Hg.): Heinrich von Kleist. Werke und Briefe in vier Bänden. Bd. 4: Briefe. Berlin/Weimar 1978, Nr. 214, S. 480-481; hier: S. 480. Die Betonung liegt dabei auf "trefflich".

68 DÜRR, Aus Alt-Heilbronn (wie Anm. 11).

69 DÜRR, Neues zum Alten (wie Anm. 12).

70 FROREICH, Gmelin (wie Anm. 14).

71 Gotthilf Heinrich von SCHUBERT: Der Erwerb aus einem vergangenen und die Erwartungen von einem zukünftigen Leben. Bd. 2. Erlangen 1855.

72 SCHUBERT, Erwerb (wie Anm. 71), S. 221.

73 SCHUBERT, Erwerb (wie Anm. 71), S. 228.

74 SCHUBERT, Erwerb (wie Anm. 71), S. 242.

75 FROREICH, Gmelin (wie Anm. 14), 9. Februar 1973.

76 SCHUBERT, Erwerb (wie Anm. 71), S. 229.

77 SCHUBERT, Erwerb (wie Anm. 71), S. 229.

78 SEMBDNER, Lebensspuren (wie Anm. 54), Nr. 202 b, S. 158 und Nr. 276 b, S. 229-230.

79 SCHUBERT, Erwerb (wie Anm. 71), S. 228-229.

80 Auf die Beschäftigung Kleists mit dem Mesmerismus wird in Abschnitt 4.5 nochmals eingegangen, und in Abschnitt 5.2 wird deutlich werden, daß die Frage, wann genau vor 1808 Kleist sich mit dem Mesmerismus bereits auseinandergesetzt hat, eigentlich unwesentlich ist.

81 In: D. Gotthilf Heinrich SCHUBERT: Ansichten von der Nachtseite der Naturwissenschaft. Dresden 1808, S. 326-360. Dieses Buch wurde direkt nach dem Abschluß der Vorlesungsreihe veröffentlicht.

82 SCHUBERT, Nachtseite (wie Anm. 81), S. 327.

83 SCHUBERT, Nachtseite (wie Anm. 81), S. 330-331.

84 SCHUBERT, Nachtseite (wie Anm. 81), S. 331.

85 Rapport bedeutet in magnetischer Verbindung stehend.

86 Gemeint ist das Phänomen des Doppelschlafes.

87 SCHUBERT, Nachtseite (wie Anm. 81), S. 344-345.

88 Schubert, Nachtseite (wie Anm. 81), S. 350. Schubert schreibt zuvor (S. 348): "(...) unverkennbar ist die [Sympathie] der Somnambülen unter einander selber, wenn sie von demselben Magnetiseur behandelt sind. Gmelins Patientinnen wurden durch eine besondre und unwiderstehliche Zuneigung aneinander gefesselt".

89 Sehr häufig wird in der Literatur behauptet, Schubert habe den Namen Lisette Kornacher in seiner Vorlesung erwähnt; z. B. jüngst bei Steven R. HUFF, Heinrich von Kleist und Eberhard Gmelin: Neue Überlegungen. In: Euphorion. Zeitschrift für Literaturgeschichte 86 (1992), S. 221-239; hier: 222.

90 Eberhard GMELIN: Untersuchungen über den Th Magnetismus und über die Einfache Behandlungsart ihn nach gewissen Regeln zu leiten und zu handhaben. Geschichte einer magnetischen Schlafrednerin 1789. Heilbronn 1793, S. 29.

91 GMELIN, magnetische Schlafrednerin (wie Anm. 90), S. 95.

92 GMELIN, magnetische Schlafrednerin (wie Anm. 90), S. 96.

93 GMELIN, magnetische Schlafrednerin (wie Anm. 90), S. 97.

94 GMELIN, magnetische Schlafrednerin (wie Anm. 90), S. 1.

95 GMELIN, magnetische Schlafrednerin (wie Anm. 90), S. 96.

96 Eberhard GMELIN: Neue Untersuchungen über den Th Magnetismus. Tübingen 1789, S. 190-230. Dieser Band ist die Fortsetzung folgender Veröffentlichung: Eberhard GMELIN: Ueber Th Magnetismus. In einem Brief an Herrn Geheimen Rath Hoffmann in Mainz. Tübingen 1787. Diese frühere Veröffentlichung enthält 13 Krankengeschichten, die zwei Jahre später erschienenen Veröffentlichungen von GMELIN "Neue Untersuchungen" führt die 13. Krankengeschichte von 1787 fort und enthält neun weitere (Nr. 14 bis 22).

97 GMELIN, Neue Untersuchungen (wie Anm. 96), S. 192.

98 GMELIN, Neue Untersuchungen (wie Anm. 96), S. 192-193.

99 GMELIN, Neue Untersuchungen (wie Anm. 96), S. 202.

100 GMELIN, Neue Untersuchungen (wie Anm. 96), S. 209-210.

101 GMELIN, Neue Untersuchungen (wie Anm. 96), S. 213-214.

102 GMELIN, Neue Untersuchungen (wie Anm. 96), S. 214-215.

103 GMELIN, Neue Untersuchungen (wie Anm. 96), S. 221-222.

104 GMELIN, Neue Untersuchungen (wie Anm. 96), S. 224.

105 GMELIN, Neue Untersuchungen (wie Anm. 96), S. 230.

106 Vgl. Abschnitt 2.

107 SCHUBERT, Erwerb (wie Anm. 71), S. 228.

108 Carl Alexander Ferdinand Kluge: Versuch einer Darstellung des animalischen Magnetismus als Heilmittel. Berlin 1811, S. 200-203.

109 SCHUBERT, Nachtseite (wie Anm. 81), S. 349.

110 SCHUBERT, Nachtseite (wie Anm. 81), S. 350.

111 GMELIN, Thierischer Magnetismus (wie Anm. 96), 2. Stück, S. 65. Weitere Nennungen finden sich an verschiedener Stelle bei GMELIN, Neue Untersuchungen (wie Anm. 96), S. 18-19.

112 GMELIN, Neue Untersuchungen (wie Anm. 96), S. 326, S. 347, S. 412-414, S. 423-424, S. 626-627 usw.

113 SCHUBERT, Nachtseite (wie Anm. 81), S. 327.

114 Johann Adam Friedrich Zobel, geboren Heilbronn 22. Juli 1724 (Evangelisches Kirchenregisteramt Heilbronn, Evangelisches Taufbuch 5, S. 236), gestorben Wertheim 8. September 1797 (freundliche Auskunft von Herrn Erich Langguth aus dem Wertheimer Familienarchiv).

115 Evangelisches Kirchenregisteramt Heilbronn, Evangelisches Ehebuch 2, S. 473.

116 Evangelisches Kirchenregisteramt Heilbronn, Evangelisches Ehebuch 2, S. 594.

117 Evangelisches Kirchenregisteramt Heilbronn, Evangelisches Taufbuch 4, S. 182.

118 Evangelisches Kirchenregisteramt Heilbronn, Evangelisches Ehebuch 2, S. 739.

119 Evangelisches Kirchenregisteramt Heilbronn, Evangelisches Taufbuch 4, S. 746.

120 Evangelisches Kirchenregisteramt Heilbronn, Evangelisches Totenbuch 4, S. 229.

121 Evangelisches Kirchenregisteramt Heilbronn, Evangelisches Totenbuch, S. 229.

122 Evangelisches Kirchenregisteramt Heilbronn, Evangelisches Totenbuch 3, S. 64.

123 Evangelisches Kirchenregisteramt Heilbronn, Evangelisches Totenbuch S. 229.

124 Evangelisches Kirchenregisteramt Heilbronn, Evangelisches Taufbuch 5, S. 236.

125 Evangelisches Kirchenregisteramt Heilbronn, Evangelisches Taufbuch 5, S. 278.

126 Evangelisches Kirchenregisteramt Heilbronn, Evangelisches Taufbuch 5, S. 318.

127 Evangelisches Kirchenregisteramt Heilbronn, Evangelisches Totenbuch 4, S. 506.

128 Evangelisches Kirchenregisteramt Heilbronn, Evangelisches Totenbuch 3, S. 573 a.

129 Evangelisches Kirchenregisteramt Heilbronn, Evangelisches Totenbuch 3, S. 573 a.

130 Evangelisches Kirchenregisteramt Heilbronn, Evangelisches Ehebuch 3, S. 462.

131 Evangelisches Kirchenregisteramt Heilbronn, Evangelisches Taufbuch 5, S. 535.

132 Evangelisches Kirchenregisteramt Heilbronn, Evangelisches Totenbuch 5, S. 104.

133 Evangelisches Kirchenregisteramt Heilbronn, Evangelisches Taufbuch 6, S. 522, Evangelisches Taufbuch 7, S. 34, 59, 99, 137, 184, 223 und 283.

134 Geboren Heilbronn, 25. April 1760 (Evangelisches Kirchenregisteramt Heilbronn, Evangelisches Taufbuch 6, S. 522).

135 Eberhard E. von GEORGII-GEORGENAU: Biographisch-genealogische Blätter aus und über Schwaben. Stuttgart 1879, S. 725. Walther PFEILSTICKER: Neues württembergisches Dienerbuch. Bd. 1: Hof, Regierung, Verwaltung. Stuttgart 1957, 1353.

136 Ferdinand Friedrich FABER: Die Württembergischen Familienstiftungen nebst genealogischen Nachrichten. Heft 6, Nr. 23. Stuttgart 1853, S. 76.

137 Die 1768 geborene Schwester Margarete Friederike verheiratete sich am 18. März 1790 (Evangelisches Kirchenregisteramt, Evangelisches Ehebuch 4, S. 154), die zwei Jahre später geborene Johanna heiratete am 22. März 1791 (Evangelisches Kirchenregisteramt Heilbronn, Evangelisches Ehebuch 4, S. 160).

138 Evangelisches Kirchenregisteramt Heilbronn, Evangelisches Taufbuch 7, S. 59.

139 FABER, Familien-Stiftungen (wie Anm. 136), S. 75.

140 Evangelisches Kirchenregisteramt Heilbronn, Evangelisches Taufbuch 7, S. 283.

141 Stadtarchiv Heilbronn, Seelenregister 1788 Nro. 352 und Moriz von RAUCH: Geschichte der Familie von Rauch in Heilbronn. Geschrieben für die Familie. Heilbronn 1919, S. 93.

142 Stadtarchiv Heilbronn, Seelenregister 1788 Nro. 352.

143 Evangelisches Kirchenregisteramt Heilbronn, Evangelisches Totenbuch 5, S. 130.

144 Heilbronner Intelligenzblatt vom 24. Januar 1806, S. 27.

145 Wilhelm STEINHILBER: Das Gesundheitswesen im alten Heilbronn. 1281-1871. Veröffentlichungen des Archivs der Stadt Heilbronn Bd. 4. Heilbronn 1956, S. 316 - 317.

146 Heilbronner Intelligenzblatt vom 20. Juni 1806, S. 222.

147 Heilbronner Intelligenzblatt vom 28. Januar 1806, S. 31.

148 HUFF, Kleist (wie Anm. 89), S. 225.

149 HUFF, Kleist (wie Anm. 89), S. 229.

150 Michael HOLTERMANN: "Thierischer Magnetismus" in Goethes Roman "Die Wahlverwandtschaften". In: Jahrbuch der Deutschen Schillergesellschaft 37 (1993), S. 164-197.

151 HOLTERMANN, Wahlverwandtschaften (wie Anm. 150), S. 176 und S. 183-186.

152 HOLTERMANN, Wahlverwandtschaften (wie Anm. 150), S. 165-167.

153 SCHUBERT, Erwerb (wie Anm. 71), S. 228.

154 Ein entsprechender Nachweis über die Ausleihbücher der heutigen Sächsischen Landesbibliothek Dresden des fraglichen Zeitraumes gelang jedoch nicht.

155 Oskar Friedrich TSCHERNING: Tscherningsches Vergißmeinnicht. Altes und Neues über die Familie Tscherning aus Bunzlau in Schlesien. Heilbronn 1905, S. 107-143; Wedekind betreffend S. 119 -120.

156 GMELIN, magnetische Schlafrednerin (wie Anm. 90), S. 4.

157 Schreiber und Lang hatten 1790 bzw. 1792 Töchter des Heilbronner Apothekers Philipp Neubauer geheiratet. TSCHERNING, Vergißmeinnicht (wie Anm. 155), S. 124 (Schreiber). Gustav LANG: Friedrich Carl Lang. Leben und Lebenswerk eines Epigonen der Aufklärungszeit. Darstellungen aus der württembergischen Geschichte Bd. 5. Stuttgart 1911, S. 41 (Lang).

158 Eberhard GMELIN: Beytrag zur Realität des th Magnetismus. In: Archiv für Magnetismus und Somnambulismus. 3. Stück, Straßburg 1787, S. 49-84; hier: S. 51.

159 Heilbronner Intelligenzblatt vom 24. Januar 1806, S. 27.

160 Brief Schellings vom 3. April 1796; vgl. Abschnitt 1, Anm. 3.

161 Vgl. auch die in Abschnitt 4.5 angedeuteten Überlegungen von Steven R. HUFF.

162 SEMBDNER, Lebensspuren (wie Anm. 54), Nr. 269, S. 224-225.

163 SEMBDNER, Lebensspuren (wie Anm. 54), Nr. 270 b, S. 225.

164 Fremdenliste. Dresdner Anzeiger, 4. September 1807; zitiert nach SEMDNER, Lebensspuren (wie Anm. 54), Nr. 187 b, S. 148.

165 Otto KIENZLE: Kleists "Kätchen" und seine Beziehungen zu Heilbronn. Legende und Wirklichkeit. In: Jahrbuch der Kleist-Gesellschaft 1938 (1938), S. 40-52, hier: S. 44-45.

166 STRELLER, Kleist (wie Anm. 67), Nr. 111, S. 378-380; hier: S. 379.

167 Kleist an Marie von Kleist. In: STRELLER, Kleist (wie Anm. 67), Nr. 118, S. 388.

168 Hans M. WOLFF: Heinrich von Kleist. Die Geschichte seines Schaffens. Berkeley/Los Angeles 1954, S. 11-24, S. 54-58, S. 96-107, S. 210-213, S. 251-279 usw.

169 WOLFF, Kleist (wie Anm. 168), S. 14 bzw. S. 18-19.

170 WOLFF, Kleist (wie Anm. 168), S. 23.

171 SCHUBERT, Nachtseite (wie Anm. 81), S. 357.

172 HUFF, Kleist (wie Anm. 89), S. 231-239.

173 Gemeint ist die 1. Krankengeschichte im Werk Eberhard GMELIN: Materialien für die Anthropologie Bd. 1, Tübingen 1791, S. 3-89.

174 Z. B. jüngst HUFF, Kleist (wie Anm. 89), S. 223. Otto KIENZLEs - häufig wiederholte - Ansicht, daß der Stoff des Käthchenschauspiels bereits festgestanden habe, bevor Kleist die "Vorträge Schuberts über die 'Nachtseite der Naturwissenschaft' kennen gelernt hatte", ist also so nicht zu halten. Vgl. KIENZLE, Kleists Kätchen (wie Anm. 165), S. 165.

175 1. Akt, 1. Auftritt.

176 MAIER, Sagen erzählen Geschichte (wie Anm. 32), S. 64. Für die ältere Literatur sei als Beispiel auf KIENZLE, Kleists Kätchen (wie Anm. 165), S. 50 verwiesen.

177 MAIER, Sagen erzählen Geschichte (wie Anm. 32), S. 64.

178 Vgl. Abschnitt 3.

179 SEMDNER, Lebensspuren (wie Anm. 54), S. 224, Nr. 268.

180 Vgl. Abschnitte 1. und 4.5.

181 Zu entsprechenden Überlegungen vgl. z. B. jüngst Rudolf LOCH: Konnte Heinrich von Kleist Heilbronn besucht haben? Hg. im Auftrag der Stadt Heilbronn von Günther Emig. Heilbronn 1993, S. 34-37.


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