Heinrich von Kleists Ritterschauspiel "Das Kätchen von Heilbronn" hat bekanntlich erheblich sich widersprechende Meinungen über die vom Dichter darin z um Ausdruck gebrachte Idee hervorgerufen, und um seine Entstehungsgeschichte rankte sich lange ein üppiges Gestrüpp von wahren und falschen Behauptungen. Die Kleistforschung hat hier zwar im wesentlichen Ordnung geschaffen, in der Namenspatenstadt Heilbronn lebt aber noch immer eine Legende, die im Gegensatz zur Wirklichkeit steht.
Diese Heilbronner Ortslegende erzählt, in Kürze gefaßt, folgendes: Kleist hörte im Jahre 1808 in Dresden in den Vorträgen des Naturphilosophen Gotthilf Heinrich von Schubert die Krankheitsgeschichte der Bürgermeisterstochter Lisette Kornacher, die der Heilbronner Arzt Dr. Eberhard Gmelin in seiner Schrift "Geschichte einer magnetischen Schlafrednerin" beschrieben hatte. Kleist, der dem Somnambulismus großes Interesse entgegenbrachte, habe nun, von dem Gehörten angeregt, diese Lisette Kornacher als "Kätchen" in seinem Ritterschauspiel wieder erstehen lassen und in ihrer hingebenden, werbenden Liebe die seelischen Vorgänge einer Somnambulen gegenüber dem Grafen, der auf sie unbewußt magnetisch einwirkte, schildern wollen. Die Handlungsweise des Kätchen sei also durch Somnambulismus zu erklären. Die Lisette Kornacher sei somit das Urbild des Kätchen, und Kleist habe bei der Abfassung seines Werkes unter dem Einfluß der Vorträge Schuberts gestanden. Des weiteren behauptete die Heilbronner Überlieferung über die Entstehung des Schauspiels, es sein, nachdem im Jahr 1808 Bruchstücke im "Phöbus" veröffentlicht waren, im Jahr 1810 erst in seiner jetzigen Gestalt fertig geworden. Die Frage, warum Kleist das "Kätchen" nach Heilbronn versetzte, sei so zu beantworten: "er versetzt es dahin, von wo ihm der Anstoß zu seiner Idee kam".
Wenn es sich nur um den Irrtum über die Entstehungszeit des Werkes handeln würde, so könnte man die Ortslegende auf sich beruhen lassen; denn aus jeder Kleistbiographie ist die wirkliche Zeit der Abfassung zu erfahren. Was jedoch eine Richtigstellung fordert, ist die bedenkliche Tatsache, daß durch die Bezeichnung des somnambulen Bürgermeistertöcherleins in einem falschen Sinne als Urbild des Kleistschen Kätchen die von der Kleistforschung längst als unhaltbar erwiesene Annahme eines somnambulen Kätchen immer wieder Nahrung erhält und dem wahren Verständnis der Dichtung hindernd im Wege steht. Die Heilbronner Legende erweckt außerdem bei fremden Besuchern der Stadt Erwartungen auf "Kätchen"-Spuren und -Erinnerungen, die mit den Tatsachen nicht in Einklang stehen und daher auch nicht erfüllt werden können.Wie entstand die Heilbronner Legende? Sie wurzelt in einem Aufsatz, den der Heilbronner Historiker und Archivar der Stadt Professor Dr. Friedrich Dürr, zuletzt Direktor des humanistischen Gymnasiums, in den "Offiziellen Ausstellungsnachrichten der Gewerbeausstellung Heilbronn 1897" u. d. T. "Aus Alt-Heilbronn: Das Kätchen [!] und die Kätchensage [!]" veröffentlichte und in dem er den Heilbronnern und darüber hinaus den Tausenden von Besuchern der Ausstellung, die in großem Ausmaß aufgezogen war, nicht nur den Inhalt des Schauspiels erzählte, sondern auch auf seine Tendenz und Entstehung näher einging. Er sagt darin u. a.: "Das Kätchen bezw. auch der Ritter müssen pathologisch betrachtet werden, sie stehen und handeln unter dem Einfluß der Krankheitsform des Somnambulismus, von dem der Naturphilosoph und Mystiker Gotthilf Heinrich Schubert in seiner Schrift "Ansichten von der Nachtseite der Naturwissenschaft" folgende Schilderung gibt, welche dem Dichter Kleist Anlaß zur Verwendung des somnambulen und magnetischen Schlafes in seinem Kätchen-Drama gegeben hat. Schubert sagt: Wenn durch Einwirkung des Magnetiseurs der somambule Schlaf eingetreten ist, so beantworten die Kranken die an sie gerichteten Fragen mit einer Klarheit und Lebhaftigkeit des Geistes, die man sonst nicht an ihnen bemerkt. Die merkwürdigste Erscheinung des magnetischen Schlafenden aber ist die Sympathie der Somnambule mit dem Magnetiseur oder andern mit ihr im Rapport stehenden Personen, und man nennt diese tiefe Sympathie der zwei Personen Doppelschaf. Es läßt sich nun nachweisen, daß H. v. Kleist im Jahr 1808 in Dresden mit dem erwähnten Gotth. Schubert bekannt geworden ist und daß er bei diesem seine Wissenschaft über den magnetischen Doppelschlaf geholt hat, um sie in seinem "Kätchen" zu verwerten und zu verwenden, von welchem er in demselben Jahr 1808 zwei Bruchstücke in einer literarischen Zeitschrift hat erscheinen lassen". Und weiter heißt es in dem Aufsatz Dürrs: "Nachdem wir in obigem gezeigt haben, durch was der Dichter zur Verwendung des magnetischen Schlafs veranlaßt worden ist, erübrigt sich uns die Frage: Wie kam Kleist dazu, sein Kätchen nach Heilbronn zu versetzen und von Heilbronn stammen zu lassen? Außer dem genannte Schubert beschäftigte sich damals auch der uns schon bekannte Arzt Eberhard Gmelin in Heilbronn mit der Theorie des animalischen Magnetismus und des magnetischen Schlafes. Schubert nun, der 1808 Vorlesungen darüber in Dresden hielt, wo ihn Kleist hörte, bezog sich mehrfach auf Mitteilungen und Krankengeschichten des Dr. Gmelin, der namentlich auch einen merkwürdigen Fall einer zwölfjährigen Heilbronner Ratsherrentochter mitteilte, welche häufig in den somnambulen Zustand verfallen sei und in demselben nur noch die Stimme der mit ihr in magnetischem Rapport stehenden Person verstanden habe. Ein Name des kranken Mädchens wird nicht angegeben Hier haben wir den Schlüssel zu der Frage, warum Kleist sein Kätchen nach Heilbronn versetzt hat; er versetzt es dahin, von wo ihm der Anstoß zu seiner Idee kam." Schließlich sagt Dürr dann noch: "Nachdem im Jahr 1808 Bruchstücke des Kätchen im "Phöbus" erschienen waren, brachte es Kleist im Jahr 1810 in seiner jetzigen Gestalt fertig, und das Stück wurde im März 1810 zuerst im Theater an der Wien aufgeführt."
Dürr veröffentlichte sodann am 16. April 1904 in der "Neckar-Zeitung" noch einmal einen längeren Aufsatz: "Neues zum Alten über das Kätchen von Heilbronn", in dem er nun den Namen der von Dr. Gmelin behandelten Heilbronner Bürgermeisterstochter (nicht Ratsherrentochter) Lisette Kornacher feststellt und sie als Vorbild des Kleistschen Kätchen bezeichnet. An Hand der Schrift des Dr. Gmelin "Geschichte einer magnetischen Schlafrednerin" (1789) schildert Dürr auch ausführlich die Krankheit des Mädchens, die Behandlungsmethode durch Dr. Gmelin, die Heilung (im 18. Lebensjahr war das Mädchen gesund und eine blühende Jungfrau) und ihr späteres Leben als Gattin des Nachfolgers von Dr. Gemelin, seines Neffen Hofrats Klett. In diesem Aufsatz wiederholt Dürr dann nochmals seine Auffassung, daß Kleists Phantasie durch die Krankheitsgeschichte der Heilbronner Bürgermeisterstochter angeregt worden sei und die tiefe Sympathie zweier Personen im Doppelschlaf ganz nach der vorgetragenen Theorie angewendet und verwertet habe. Diesmal sagt Dürr allerdings, der Dichter habe sich dabei eine Neugestaltung und Einschränkung insofern erlaubt, daß die Schlafpersonen nicht pathologisch zu betrachten und sozusagen sebsttätige Medien seien, die von sich aus die Gabe des Hellsehens besitzen und vermöge ihres eigenen Wesens in einem inneren seelischen Verhältnis zu einander stehen, ohne durch einen Dritten in magnetischen Kontakt miteinander gesetzt zu werden". Die in diesen Aufsätzen ausgesprochenen Ansichten über die Entstehung des "Kätchen" eigneten sich andere, die über das Thema schrieben, an, und Dürr selbst faßte sie dann in der von ihm zusammengestellten "Heilbronner Chronik" (2. Aufl. 1926) in bestimmter Form zusammen und gab ihnen damit den Schein einer geschichtlichen Tatsache!
Der Heilbronner Historiker hat sicher in gutem Glauben seine Aufsätze geschrieben und sich hinsichtlich der Annahme eines somnambulen Kätchen wohl auf den Aufsatz von Carl du Prel "Kätchen von Heilbronn als Somnambule" in der "Allgemeinen Zeitung" 18. Nov. 1890 gestützt, vielleicht auch auf Spiridion Wukadinovics von du Prel abhängige Ausführungen "Über Kleists Kätchen von Heilbronn" in Euphorion Bd 2, Ergänzgsheft, 1895. In der Zwischenzeit haben wir aber Kleist und sein Kätchen besser verstehen gelernt, und auf Grund dieser Erkenntnis ist die Lisette Kornacher in dem von Dürr gemeinten Sinn nicht als Urbild des Kleistchen Kätchen und die Krankheitsgeschichte der Heilbronner Bürgermeisterstochter nicht als Stoffquelle für das Schauspiel zu bezeichnen.
Wann, wie und wo ist das Kätchen-Drama entstanden? Kleist war im Januar 1807 in Berlin in französische Gefangenschaft gebracht worden. In Chalons hat er, literarisch tätig, an der in Königsberg im Sommer 1806 begonnenen "Penthesilea" gearbeitet. Ebenso ist die letzte Redaktion der Novelle "Das Erdbeben in Chili" in die Gefangenschaftszeit zu setzen. In Chalons hat er sich aber auch bereits mit dem "Kätchen von Heilbronn" ernstlich befaßt. Dafür zeugt ein Satz am Schluß der Novelle: "Mit jedem Hiebe wetterstrahlte" er einen zu Boden; ein Löwe wehrt sich nicht besser". Der Graf Wetter vom Strahl drängt sich hier in Kleists Feder, weil Kleist in jenen Tagen, als er die letzte Hand an die Novelle legte, schon im Banne des Kätchen und ihres Ritters Wetter vom Strahl war. Diese schon in der Novelle auftretende verbale Metapher darf als ziemlich schlüssiger Beweis gelten, daß Kleist schon in Chalons Plan und Ausarbeitung des "Kätchen" gestaltete. Vollendet wurde das "Kätchen" allerdings erst in der ersten Hälfte des Dresdener Aufenthaltes, also in der Zeit zwischen September 1807 und Februar 1808. Kleist behauptet zwar, als er anfangs September 1807 nach Dresden kam, das "Kätchen" sei fast zum Druck bereit; bei der Arbeitsweise Kleists muß man annehmen, daß das Drama wohl in Gedanken vor ihm stand, nicht aber niedergeschrieben war. Im Spätherbst 1807 hören wir jedenfalls schon den Namen des Stückes; in dem Brief an Marie v. Kleist aus Dresden, Spätherbst 1807 schreibt der Dichter: "Jetzt bin ich nur neugierig, was Sie zu dem Kätchen von Heilbronn sagen werden". Und im Brief an seine Schwester Ulrike vom 25. Oktober 1807 spricht er auch von einem Stück, das er zur Aufführung verkauft habe; er meinte damit das Kätchen und nimmt den Verkauf an eine Wiener Bühne, der erst später Wirklichkeit wurde, erfolgssicher vorweg.Die Vorträge Schuberts über die Nachtseite der Naturwissenschaft fand im Winter 1807/08 statt, und die Krankheitsgeschichte der Lisette Kornacher soll in der 13. Vorlesung vorgetragen worden sein. Es ist also schon zeitlich sehr unwahrscheintlich, daß Kleist zu seinem Kätchen und zu seiner Lokalisierung nach Heiulbronn durch diese Vorträge Schuberts angeregt wurde. Stoff und Titel lagen bei Kleist schon fest, noch ehe er die Schubert-Gmelinschen Ansichten über tierischen Magnetismus, Somnambulismus, Hellsehen und Traumwelt gehört hatte. Wie weit Schuberts Einfluß durch mündliche Gespräche auf Kleists Schaffen gegangen sein mag, können wir nicht mit Sicherheit sagen. Als Zeugnis haben wir hier Schuberts Selbstbiographie, in der er sagt: "Kleist habe von seinen Mitteilungen (im Kreis der Familie von Haza) gar nicht satt werden können und immer mehr aus ihm herausgelockt". Nach dieser Selbstbiographie haben Kleist, Rühle und Pfuel Schubert überhaupt erst zu den Vorlesungen über Natur- und Seelenkunde angeregt. Nach der Zeit der Erwähnung dieser Anregung zu Vorlesungen und der Mitarbeit Schuberts am "Phöbus" könnte man der Ansicht sein, daß Schubert die Vorlesungen erst hielt, nachdem der Plan zum "Phöbus" schon feststand, also in den letzten Monaten des Jahres 1807. Wir können somit feststellen: Kleist hat sein "Kätchen von Heilbronn" nicht erst im Anschluß an das in den Schubertschen Vorlesungen Aufgenommene verfaßt, und die Krankheitsgeschichte der Lisette Kornacher hat den Dichter nicht zu seinem Schauspiel angeregt. Ein Zusammentreffen gewisser Ähnlichkeiten in der Charakterschilderung des Kätchen mag vorhanden sein, sie beruhen aber auf völlig verschiedener psychologischer Grundlage.
Da offenbar Dürr den Somnambulismus als Kerngedanken der Kätchen-Dichtung und ihre Stoffquelle angesehen hat, so muß auch mit einigen Worten auf den "Somnambulismus" Kätchens eingegangen und von da aus zur wahren Quelle vorgestoßen werden. Daß das Kätchen nicht unter dem Zwang eines posthypnotischen Befehls oder unter dem Einfluß eines Hypnotiseurs handelt, dürfte als erwiesen gelten; die du Prelsche Hypothese vom Somnabulismus Kätchens ist längst erledigt und lebt nur noch in Heilbronn, weil in dem Somnabulismus die Überlieferung von dem Urbild des Kätchen, das Lisette Kornacher heißt, ihre stärkste Stütze findet. Selbst Wukadinovic sagt: "Gmelins Schriften, die er durch Schubert kennenlernte, bieten keine Anhaltspunkte für das Kleistsche Drama. Es scheint vielmehr, der Einfluß Schuberts auf Kleist sei dahin zu präzisieren, daß Kleist von dem phantasievollen Naturphilosophen Deutungen seiner eigenen Dichtungen erfuhr, die ihm selbst als geniale Gesichte zugeströmt waren". Dann ist aber auch die Lisette Kornacher nur ein höchst schemenhaftes "Urbild" zum Kätchen, das aus dem Kleistschen Gedankenspiegel zurückgeworfene Bild einer aus verschiedenen Farben und Strichen gezeichneten Gestalt seiner Phantasie.
Wenn wir die Kornachergeschichte nicht als Quelle für das "Kätchen" ansehen, aus der dem Dichter der poetische Anstoß zu seinem Schaffen floß, so fragen wir uns, welcher andere "Stoff" hat ihm die Anregung gegeben. Der Archäologe Böttiger, dem Kleist in Dresden nahestand (er hat ihn ja im Kätchen, 3. Akt, 13. Auftritt durch Namensaufruf verewigt), und der in der "Dresdener Abendzeitung" die Erstaufführung des Schauspiels in Dresden besprochen hat, erzählt: Kleist habe ihm gesagt, bei seinen militärischen Streifzügen [!] in Schwaben habe er die ganze Legende vom Kätchen als Volkssage gefunden, er bewahre das Flugblatt, das er auf einem Jahrmarkt gekauft habe, noch auf. Ein solches "Flugblatt" ist nicht gefunden worden, aber auch von einer Volkssage über ein Kätchen weiß man in Schwaben nichts. Wahrscheinlich hatte Kleist die englische Ballade von "Lord Heinrich und Kätchen" im Auge, die schon in seinem Geburtsjahr in der Eschenburgschen Übersetzung in Deutschland gedruckt und verbreitet war. Damit hätten wir dann die englische "Volkssage" als eine Quelle für das Kätchen: die Ähnlichkeiten des Themas sind unverkennbar. Viele literarische Vorbilder sind von der Forschung für Kleists Kätchen aufgezeigt worden, treffende und unzutreffende, deren Wert als "Quellen" Friedrich Röbbeling in seiner ausgezeichneten und noch heute nicht zu übersehenden Untersuchung über das "Kätchen" (Halle 1913) kritisch gemustert hat. Ihm verdanken wir auch den ausschlaggebenden Hinweis auf Wieland: "Der für das Verständnis Kätchens so wichtige Begriff der "Sympathie" entstammt den Schriften Wielands, besonders denen der ersten Periode". Die platonischen Jugendschriften Wielands mit ihrer ideellen Sympathie geben uns den Schlüssel zum Verständnis für das Wesen Kätchens und ihre hingebende, gläubig-vertrauende Liebe zu dem ihr von der Vorsehung bestimmten Geliebten. Damit entfällt der vermeintliche somnambule Zwang, und wir gewinnen Raum, das Handeln des Mädchens in einer höheren Sphäre zu betrachten. Röbbeling hat auch erwiesen, wie stark Zacharias Werners "Martin Luther" auf Kleist eingewirkt, wenn nicht gar die Veranlassung zu seinem "Kätchen" gegeben hat. Auf Wieland hat dann noch einmal Friedrich Braig in seiner Kleistbiographie (München 1925) hingewiesen. Er vertritt die Ansicht, der ich beipflichten möchte, daß Wielands Märchen "Die Entzauberung" (im Taschenbuch für das Jahr 1804) die Hauptquelle zum "Kätchen" ist.
Die Quellenforschung, die hier nur kurz berührt wurde, da ihre Ergebnisse dem Kundigen vertraut sind, hat jedenfalls bewiesen, daß eine Beziehung des Schauspiels zur Schubert-Gmelinschen Krankheitsgeschichte nicht besteht, daß also Lisette Kornacher nicht als das Urbild Kätchens - wenigstens nicht in dem von Dürr angenommenen Sinne - gelten kann, und daß auch von einer Übernahme des Somnambulismus in die Dichtung nicht die Rede sein kann. Die Farben, die Kleist den Schubertschen Vorträgen über Somnambulismus, Hellsehen und Doppelschlaf vielleicht entnommen und seinem "Kätchen" hier und da aufgetragen hat, sind für das Ganze des Stückes, seine Handlung und Gefühlswelt völlig bedeutungslos, sind höchstens Zutat - und nur in diesem Sinne könnte man von der Lisette Kornacher als dem Urbilde Kätchens sprechen. "Trägt man den Somnambulismus künstlich an die Dichtung heran, verleitet durch gewisse Ähnlichkeiten, die aber auf völlig verschiedener psychologischer Grundlage ruhen, so verfehlt man notwendig das spezifisch Kleistische im Kätchen. Und das ist doch vornehmlich dasjenige, was wir zu fassen suchen, und was uns die Dichtung wertvoll macht" (Röbbeling, S. 81).
Keine der Quellen führt nach Heilbronn. Warum hat Kleist nun doch sein Schauspiel mit dieser Stadt verknüpft? Kleists angebliche Erzählung, er habe auf seinen "militärischen Streifzügen" [!] in Süddeutschland ein Flugblatt mit der ganzen Volkssage auf einem Jahrmarkt gekauft, erscheint unglaubwürdig. Es kann nur angenommen werden, daß Kleist in Süddeutschland, Heidelberg oder Würzburg, Eindrücke lebhaftester Art für die Ritterromantik empfangen und innerlich verarbeitet hat. Er kann z. B. auch, als er mit seiner Schwester Ulrike in Heidelberg war, die in der Nähe bei Schriesheim gelegene "Strahlenburg" gesehen haben. Damit wäre die Namensgebung des Grafen Wetter vom Strahl erklärt und die Gegend, in der sich die Dichtung abspielt, einigermaßen geographisch bestimmt. Nach den Andeutungen im Schauspiel kann man sich als Schauplatz der Handlung etwa die Gegend zwischen Worms, Straßburg, Heidelberg und Heilbronn denken, wobei die Waldpartien in den Odenwald zu verlegen sind. Die Strahlenburg liegt am Fuß des Odenwalds, die Burg "zum Stein" am "weinumblühten Neckar". Der Dichter kann diese Landschaft auf seiner Reise nach der Schweiz berührt haben.
In den Wochen, die der Dichter in Würzburg mit seinem Freund Brockes zubrachte, hat er nach seinen brieflichen Äußerungen offenbar viel gelesen; er war bei einer "Lesegesellschaft" und Leihbücherei abonniert. Sollte er da nicht, durch die Rittergeschichten und vor allem durch Goethes "Götz" angeregt, der Stadt Heilbronn seine Aufmerksamkeit zugewandt haben? Aus den Briefen kann man nicht beweisen, daß er jemals Heilbronn gesehen hat. Es läßt sich aber auch kein Zeugnis für das Gegenteil erbringen. Der Heilbronner Historiker Dürr hat als Beweis dafür, daß Kleist Heilbronn nicht gekannt habe, in dem Artikel in den "Ausstellungsnachrichten" betont, der Dichter habe dem Schauspiel kein Lokalkolorit zu geben vermocht, aus dem man auf seine eigene Anschauung der Stätten der Dichtung schließen könnte, und zählt eine Reihe von Dingen auf, die Erwähnung verdient hätten, aber nicht erwähnt werden. Demgegenüber ist aus unserer Kenntnis der Arbeitsweise des Dichters geltend zu machen, daß ihm derartige Äußerlichkeiten und insbesondere sorgsames Lokalstudium als Vorarbeit für ein Schauspiel gern lagen. Beweise hierfür erübrigen sich. Unwichtig waren Kleist ja auch die historischen Gegebenheiten in seinem "historischen" Ritterschauspiel; die Historie war ihm nur das äußere Gewand für seine Märchendichtung. Es ist deshalb ebenso verfehlt, wenn Dürr für die Zeit, in der das Stück spielt, die Zeit Kaiser Maximilians I., des "letzten Kaisers", errechnen will. Nach des Grafen von Freiburg Worten, sie seien Kriegsmänner, die aus Jerusalem kommen und in die Heimat ziehen, ließe sich auch auf die Zeit der Kreuzzüge schließen. Verstöße gegen geschichtliche Genauigkeit muß man bekanntlich bei Kleist ebenso hinnehmen wie seine Widersprüche und Anachronismen. Mit solchen Betrachtungen ist nichts anderes zu beweisen, als daß sie für Kleist unwichtig waren.
Wahrscheinlich hat Kleist sein "Ritter"schauspiel im wesentlichen in Anlehnung an Goethes "Götz von Berlichingen" mit der Stadt Heilbronn in Verbindung gebracht. Er hat ja auch verschiedene Einzelzüge dem "Götz" entnommen. Wenn dann noch die Krankheitsgeschichte der Lisette Kornacher die intuitiv schon vohrher getroffene Wahl Heilbronns gewissermaßen befürwortete und die schwäbisch-fränkische Landschaft, in der zur Staufen-Kaiserzeit das ritterliche Leben seine eigentümliche Blüte entfaltete, als besonders geeigneter Schauplatz für das "Kätchen" erschien, so könnten das die inneren Beweggründe für die Lokalisierung in Heilbronn gewesen sein. Nur nebenbei sei hier in diesem Zusammenhange erwähnt, daß am Marktplatz von Heilbronn ein Haus (das von Rauchsche) steht, das eine auffallende Ähnlichkeit mit Kleists Vaterhaus in Frankfurt a. d. O. aufweist. Der gegenwärtige Bau stammt allerdings erst aus dem Jahr 1804, kann also von Kleist kaum gesehen worden sein; aber der alte Bau zeigte, nach vorhandenen Ansichten, eine ganz ähnliche Fassade und Fronteinteilung wie der heutige, so daß man vielleicht mit einiger Kühnheit sagen darf, Kleist habe in Erinnerung an dieses Ebenbild seines Vaterhauses das Stück in Heilbronn spielen lassen.
Die Ergebnisse der Darlegungen lassen sich kurz folgendermaßen zusammenfassen:
1. Die Ansicht Dürrs, daß Kleist erst durch die Vorträge Schuberts und die Krankheitsgeschichte der Lisette Kornacher zur Abfassung des "Kätchen" angeregt worden sei, ist nicht haltbar. Stoff und Titel standen bei Kleist fest, bevor er überhaupt die Vorträge Schuberts über die "Nachtseite der Naturwissenschaft" kennen gelernt hat.
2. Für die Verknüpfung des Schauspiels mit der alten Reichsstadt Heilbronn mögen rein äußerliche Gründe bestimmend gewesen sein; mit Sicherheit läßt sich der ausschlaggebene Grund heute nicht mehr ermitteln. Ob, wie Robert Kohlrausch ("Klassische Dramen und ihre Stätten", Stuttgart 1903) meint, die Geschichte von dem kranken Bürgermeisterstöchterlein ein "Samenkorn" für die Lokalisierung der Dichtung in Heilbronn gewesen sei, erscheint, wegen des zeitlichen Widerspruches, ebenfalls unsicher. Die Krankheitsgeschichte der Lisette Kornacher kann nur als eine Zutat, ein Nebenmotiv gelten.
Die Heilbronner Ortslegende hat auch in der Familie Kornacher-Klett eine Überlieferung entstehen lassen, die mit den tatsächlichen Verhältnissen in Widerspruch steht. So wurde z. B. ein Altersbild der Lisette Kornacher als Hofrätin Klett von einem ihrer Nachkommen dem stadtgeschichtlichen Museum gestiftet. Auf diesem Bild befindet sich auf der Rückseite die handschriftliche Notiz: es sei festgestellt, daß Kleist in der Familie Klett verkehrt und für sein Kätchen die Lisette Kornacher als Vorbild genommen habe; es käme also die Familie Klett für Kleists Kätchen einzig und allein in Frage, wie Prof. Dr. Dürr-Heilbronn s. Zt. in seinem bekannten Artikel über das Kätchen in der Neckar-Zeitung dargelegt habe. Die Briefe von Kleist habe s. Zt. Frau Rechtsanwalt Klett dem Germanischen Museum in Nürnberg geschenkt, wie auch dieses Museum die meisten Klettschen Bilder habe; für das heutige Kätchenbild, das einzig existierende, soll das Germanische Museum 50 000 RM s. Zt. geboten haben. Obwohl ich das Unhaltbarer dieser Familien-Überlieferung sofort erkannte, habe ich doch beim Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg angefragt und darauf die Antwort erhalten: "Sie vermuten in Ihrem Schreiben ganz richtig, daß die auf die Klettschen Bilder und Briefe bezügliche Überlieferung eine Legende ist. Das Germanische Nationalmuseum besitzt weder die Briefe noch irgendwelche Bilder". Man sieht, wie notwendig es ist, das Gestrüpp der Heilbronner Kätchenlegende gründlich zu durchforsten und die allzu üppigen Ranken der Volksphantasie, die das Dichtwerk selbst zu ersticken drohen, zurückzuschneiden. Von der Lisette Kornacher gibt es noch ein Jugendbild in Gestalt eines farbigen Wachsmedaillons, heute im Besitz von Dr. med. Max Pregizer, prakt. Arzt in Künzelsau (Württemberg). Photographien dieser Wachsplastik dienten als Vorlage für die Bilder des "Urkätchen", die in einigen Publikationen, zuletzt in der neuen Kleist-Ausgabe von Minde-Pouet, Bd 5 zwischen Seite 64 und 65 veröffentlicht wurden.
Der Zauber des Märchens und der Hauch der Poesie, die über dem Werk des Dichters liegen, und die man, wie den Blumenduft, nicht beschreiben, sondern nur empfinden kann, haben dem "Kätchen" die Gunst von Hunderttausenden erworben und auch bis heute noch die Mauern der alten Reichsstadt mit einem unvergänglichen Schimmer poetischer Verklärung erfüllt. Der Dichter hat der Stadt Heilbronn ein kostbares Vermächtnis hinterlassen, durch das sie in die deutsche Dichtung eingegangen ist. Ein solches Geschenk verpflichtet die Stadt, eine Heinrich v. Kleist zu ehren und die Liebe für ihn in immer weiteren Kreisen gerade ihrer Bevölkerung zu wecken - auch dadurch, daß sie dazu beiträgt, alles Gestrüpp auszurotten, das den Weg zum wahren Verständnis dieses Märchen- und Ritterstückes versperrt.