Wer als Besucher Heilbronns auf den Spuren des "Käthchens von Heilbronn" gehen will, der muß sich in den wunderschönen, parkartigen alten Friedhof, zwischen der Schiller- und der Weinsberger Straße gelegen, begeben. Längst dient der alte Friedhof nicht mehr ausschließlich der Ruhe der Toten, als vielmehr der Erholung der Lebenden. Und im nordwestlichen Teil dieses ehemaligen Friedhofs findet der Sucher nach den Spuren des "Käthchens" in der Familiengrabstätte derer von Klett hinter niederen Tannen und schlanken Birken ein Grab, dessen Plattenstein verkündet, daß hier Elisabeth Klett, geborene Kornacher, geb. 1773, gest. 1858, ihre letzte Ruhestätte gefunden habe.
Welche Bewandtnis hat es nun mit dieser Elisabeth Klett, geborene Kornacher? Nun, - infolge einer eigenartigen Verkettung von Umständen löste sie, ohne je von dem Dichter gesehen worden und ohne je mit ihm bekannt geworden zu sein, in Kleist die Inspiration zu dessen Schauspiel "Das Käthchen von Heilbronn" aus. Sie ist also, wenn man das so nennen will, das Urbild von Kleists "Käthchen". Ein geschichtliches Käthchen von Heilbronn, auf dessen Lebensschicksale der Dichter hätte zurückgreifen können, hat es nie gegeben. Welcher Art war nun die Inspiration, der wir eine der lieblichsten Gestalten deutscher Dichtung verdanken?
Kleist hat in den Jahren 1807/08 in Dresden gearbeitet. Damals kam er zu dem Entschluß, den Anschluß namentlich an die Bühnendichtung seiner Zeit zu suchen, der er mit der wilden und jähen Dichtung "Penthesilia" sehr gerne gewesen war. Die Dichtung der Zeit aber war damals die Romantik, wie sie sich in den Werken Tiecks, Jung-Stillings, Wielands, Bürgers, Zacharias Werners u.a. auslebte. Hier nun fortzufahren - auf dem Wege besonders, den Goethes "Götz von Berlichingen" beschritten hatte - war Kleists Ziel. Mit dem "Götz" mag sich in Kleists Gedächtnis der Name Heilbronns festgesetzt haben, ein Name, der dem Dichter bald darauf in einer anderen eigenartigen Weise wieder begegnen sollte. Durch einen Freund aus Schwaben, den Historien- und Porträtmaler Christian Ferdinand Hartmann (1774 bis 1842), wurde Kleist in Dresden auf die Vorlesungen des Arztes, Naturphilosophen und Mystikers Gotthilf Heinrich v. Schubert (1780 bis 1860) aufmerksam, die dieser in einem Zirkel über das Thema "Die Nachtseiten der Naturwissenschaften" hielt. Kleist interessierte sich für diese Vorträge so lebhaft, daß er keinen von ihnen versäumte.
In der dreizehnten Vorlesung berichtet nun Schubert über eine seltsame Krankengeschichte, die sich in Heilbronn zugetragen habe. Der Heilbronner Stadtphysikus Dr. Gmelin, ein außerordentlich geachteter Mann und tüchtiger Arzt, der sich als einer der ersten Ärzte Deutschlands eingehend mit dem von dem Schweizer Arzt Dr. Mesmer in Wien entdeckten Heilmagnetismus beschäftigte und schon 1787 magnetopathische Kuren als Heilmittel anwandte, hatte unter seinen Patienten auch die Tochter des nachmaligen Heilbronner Bürgermeisters Kornacher, die sich dem damaligen Brauche entsprechend Lisette nannte. Diese war 1789, 16 Jahre alt, an einer Krankheit erkrankt, die wir heute als hysterische Erscheinungen bezeichnen würden. Den Verlauf und die Ergebnisse seiner magnetopathischen Behandlung der erkrankten Lisette Kornacher legte Dr. Gmelin 1793 in einem Buche nieder, dem er den Titel "Untersuchungen über den tierischen Magnetismus" und den Untertitel "Geschichte einer magnetischen Schlafrednerin 1789" gab. Auf diese Schrift griff Schubert in seiner dreizehnten Vorlesung über die Nachtseiten der Naturwissenschaften zurück. Darnach gelang es Dr. Gmelin nach 191 magnetischen Sitzungen, die Lisette Kornacher wieder gesund zu machen. Sie erreichte übrigens dann ein Alter von 85 Jahren, hat ihrem Gatten, Dr. med. Christian Klett, neun Kinder geschenkt und ihn um 35 Jahre überlebt. Aus den Äußerungen Schuberts und dem genannten Buche Gmelins erfuhr Kleist, daß "die junge Ratsherrentochter sich in jenem Zustande befunden habe, wo sie nur die Stimme der mit ihr in Beziehung gesetzten Person verstand. Zuweilen habe sich während dieses Zustandes der eigene Wille mit dem des Magnetiseurs zu einen geschienen, und unter anderem scheine jene unschuldige Zuneigung zu kommen, welche die Somnambulen an den Magnetiseur und alles, was sein ist, fessele."
Solche Sätze fanden nun in Kleist in zweierlei Hinsicht eine vorbereitete Seele: in dichterischer und in persönlicher Hinsicht. Er wollte in seinem dichterische Schaffen der in jäher und selbstischer Liebe sich zerfleischenden Amazone Penthesilea eine Gestalt gegenübersetzen, die sich in rastloser Hingabe ihres Herzens an den geliebten Mann bindet, die nicht nach dem Warum und dem Wozu fragt, die sich unterordnet, ohne diese Unterordnung auch nur im Entferntesten als eine Last zu empfinden. Diese suggestive Wirkung, die hier einem Manne zugedacht war, fand Kleist in der Krankengeschichte über die Lisette Kornacher vorgebildet. Was aber in diesem Falle die Wirkung des heilenden Arztes war, wollte Kleist in die dichterliche Sphäre einer erwachenden und unbedingten Liebe emporheben.
Mithin ist Lisette Kornacher, spätere Klett, zwar nicht das Urbild des Käthchens von Heilbronn in dem Sinne, wie etwa der geschichtliche Götz von Berlichingen für Goethes "Götz"; aber erhielt durch ihre Krankengeschichte die Inspiration zur Vision jener traumhaften Märchengestalt des mystisch ganz im Weiblich-Dienenden verharrenden Käthchens von Heilbronn. Bliebe dabei noch die Frage, weshalb Kleist nicht den Namen des Mädchens dessen Krankengeschichte er die Inspiration verdankt, beibehielt. Hier mag eine vielleicht instinktive Ablehnung des orientalischen Namens Elisabeth für eine rein deutsch gedachte Mädchengestalt eine Rolle gespielt, vielleicht aber auch der Einfluß englischer Balladen mitgewirkt haben.
Daß nun Kleist gerade in den Tagen, da ihn die Krankengeschichte der Lisette Kornacher beschäftigte, reif für die Inspiration zum Käthchen von Heilbronn war, hatte aber auch gewiß, wie schon angedeutet, einen persönlichen Grund; des Dichters Seele war vorbereitet durch seine große, aber durch sein Verschulden aussichtslose Liebe zu der reichen, geist- und gemütvollen Emma Juliane Kunzer [!]. Sie trug er zu tiefst im Herzen, sie galt ihm als das Ideal der weiblichen Tugenden und der liebenden Hingabe bis zur äußersten Selbstverleugnung.
Daher ist die Frage auch müßig, ob Kleist in seinem Schauspiel "Das Käthchen von Heilbronn" etwa eine Krankengeschichte, vielleicht gar die Krankengeschichte einer Somnambulen, habe geben wollen. Er wollte dies so wenig, wie er auch kein historisches Drama schaffen wollte, wenn er es auch als "Großes Historisches Ritterschauspiel" bezeichnete. Das historische Gewand, in das das Schauspiel gehüllt ist, dient lediglich der Stimmung, ist lediglich atmosphärischer Rahmen für die romantischen und märchenhaften Geschehnisse. Sie sprengen die Tore auf zu jener Welt, in der wir nicht mehr nach dem realen Sinne fragen. Ein hohes Lied der Liebe, die wir mit den Erfahrungen des Verstandes allein nicht zu begreifen vermögen, ist dieses Märchen vom Käthchen von Heilbronn, durchschauert vom Murmeln der Feme, durchlärmt vom Getöse der Ritter, durchweht von der Naivität kindlicher Einfalt, durchglüht vom sieghaften Glauben alle Fährnisse überwindender Liebe, überwölbt vom sternenstrahlenden Nachthimmel des schwäbisch-fränkischen Landes.