Von F[riedrich]. D[ürr].
Aus: Neckar-Zeitung. Heilbronn. Nr. 88. 16. 4. 1904. 3. Blatt. © 2001 by Kleist-Archiv Sembdner, HeilbronnHeilbronn, 16. April [1904]
In einem in den 1880er Jahren vor der Harmoniegesellschaft gehaltenen Vortrag und dann wieder in einem Aufsatz der Ausstellungsnachrichten von 1897 habe ich, zwar zu einigem Schmerz der verehrlichen Heilbronnerinnen, aber zur Steuer der geschichtlichen Wahrheit den Satz aufstellen müssen, daß dem Käthchen von Heilbronn, wie es in dem "Historischen Ritterschauspiel" von Heinrich v. Kleist erscheint, kein geschichtliches Wesen aus dem Mittelalter zu Grund liegt, daß man von dem Käthchen von Heilbronn gar nichts weiter weiß und wissen kann, als was in Kleist steht, und daß vor dem Jahr 1808, in welchem Kleists Drama entstanden ist, kein Mensch weder im übrigen Deutschland, noch in Heilbronn irgend etwas von einem Käthchen gewußt oder geahnt hat. Ich habe deshalb mit den Worten geschlossen: Nicht in dem altertümlichen Haus am Markt ist das Käthchen von Heilbronn geboren, sondern in dem zeugenden Geist des deutschen Dichters, nicht der ehrsame, biedere Waffenschmied oder gar ein deutscher Kaiser ist ihr Vater, sondern der Dichter Heinrich von Kleist, und ihre Mutter ist nicht Gertrud, das Weib aus dem Volke, sondern die freischaffende, dichterische Phantasie.
So viel vom Alten. Ueber den Anstoß aber, der dem Dichter zu seiner Phantasiegestalt gegeben wurde, kann ich heute noch einiges Neue beibringen. Zunächst steht so viel fest, daß Kleist im Jahr 1808 Vorlesungen des Arztes, Naturphilosophen und Mystikers Heinrich Gotthilf Schubert in Dresden über Somnambulismus gehört und hierdurch die Anregung zu seinen schlafwandelnden und schlafredenden Personen bekommen hat. Der Name der Stadt Heilbronn, die er selbst wahrscheinlich nie gesehen oder betreten hat, war ihm schon durch Goethes Götz v. Berlichingen bekannt geworden. Ein weiteres Band aber knüpfte ihn dadurch an Heilbronn, daß Schubert sich mehrfach auf Mitteilungen und Krankengeschichten des Arztes Eberhard Gmelin in Heilbronn bezog, der sich ebenfalls eifrig mit der Theorie des animalischen Magnetismus und des magnetischen Schlafs beschäftigte, und von dem Schubert auch Mitteilungen über den merkwürdigen Fall einer somnambulen Ratsherrntochter in Heilbronn erhielt. Der Name des kranken Mädchens konnte früher von mir noch nicht angegeben werden, auch vermutete ich nur eine gelegentliche und briefliche Mitteilung Gmelins an Schubert. Nun ist mir aber von befreundeter Seite ein von Gmelin verfaßtes Buch in die Hände gekommen, in welchem er eine ausführliche Darstellung der Krankheitsgeschichte der Bürgermeisterstochter gibt, deren Personalien und Namen wir nun auch genau kennen lernen und angeben können. Der allgemeine Titel des Buchs ist: Untersuchungen über den tierischen Magnetismus u.s.w., 1793; der besondere Titel nach der Vorrede lautet: Geschichte einer magnetischen Schlafrednerin, 1789. (Das damalige Jahrhundert begnügte sich noch mit Schlafrednerinnen oder höchstens Schlafwandlerinnen; dem unserigen war der Fortschritt zur Schlafsängerin und Schlaftänzerin vorbehalten.) Diese Schlafrednerin nun, der Prototyp oder auf deutsch das Vorbild des Kleist´schen Käthchens, war Demoiselle Elisabeth (Lisette) Kornacher, geboren den 4. November 1773, dritte Tochter des damaligen Bürgermeisters (1783 bis 1803) Georg Christoph Kornacher, geboren 1725, gestorben als einer der 3 letzten Bürgermeister der Reichsstadt und Mitglied des herzoglich württembergischen Munizipalrats am 18. März 1803, und seiner Gattin Margareta Katharina Uhl, geboren 1746, gestorben 1811, Tochter des Rosenwirts Joh. G. Uhl hier.*)[Fußnote: Diese und die späteren genealogischen Angaben verdanke ich der gütigen Mitteilung des Herrn Professors Cramer-Heilbronn.] Die Wohnung der Bürgermeisterfamilie war das Haus Nr. 957 des Unteren Stadtviertels, heutzutage Kirchhöfle Nr. 9-11.**)[Fußnote: Die Stadt war damals, wie das "Seelenregister von 1788" ausweist, in 4 Viertel geteilt mit fortlaufenden Hausnummern ohne Straßenbezeichnung. Als Schlüssel zur Umwandlung der alten in die neue Straßennummerbezeichnung dient ein Adreßbuch von 1843, das die alten Nummern mit den Straßen angibt.]
Im August 1789 erkrankte das 16jährige Mädchen an Brustschmerzen mit Husten, wozu infolge einer Wagenfahrt auf holprigem Boden Unterleibsstörungen, große Mattigkeit und Schlafneigungen traten, ein Krankheitsbild, das nach dem Urteil eines modernen Arztes "unter den allgemeinen Charakter der Hysterie einbegriffen werden kann." Der gerufene Hausarzt Dr. Gmelin wandte zunächst Aderlaß, gewisse Pillen und Gurkensaft an; als aber die Mutter selbst das Magnetisieren vorschlug, dessen Ausübung durch Gmelin ihr bekannt war, begann der Arzt sofort am 11. August 1789 mit dem Magnetisieren des Mädchens, und diese magnetische Kur, zum Teil verbunden mit den obengenannten und anderen Mitteln, dauerte nach einem genau geführten Tagebuch in 191 Sitzungen bis zum 20. April 1791. Gleich zu Anfang der Behandlung besorgte während einer längeren Abweseheit Gmelins der durch ihn mit der Patientin in Rapport gesetzte Senator Schreiber die Magnetisierkur gerade so wie Gmelin selbst. Die Behandlung besteht darin, daß der Magnetiseur die auf einem Stuhl sitzende Kranke durch Berühren und Bestreichen in einen hypnotischen Schlaf versetzt, in welchem sie gleich beim ersten Mal alles bemerkte, was im Zimmer vorging, ohne im wiederhergestellten wachen Zustand eine Erinnerung an das im Schlaf Vorgegangene zu haben. (Im späteren Verlauf der Behandlung hatte sie auch teilweise Rückerinnerung.)
Als das Bedenkliche, um nicht zu sagen Verwerfliche an der Sache muß aber dem aufmerksamen und dem denkenden Leser dieser Protokolle der Umstand erscheinen, daß, während doch der Zweck des Magnetisierens die Heilung der Kranken sein soll, dieser Zweck immer mehr beiseite gesetzt wird; daß dagegen die Hypnose und die Erscheinungen der Hypnose als Selbstzweck und Hauptsache erscheinen; daß aus der Patientin ein Medium wird, das durch die Einwirkung des Magnetiseurs allerlei merkwürdige und zauberhafte Künststücke vor einem kleineren oder größeren Zuschauerkreis auszuüben im stande ist.
So vermag die Schlafrednerin - für einen diagnoseunsicheren Arzt höchst angenehm - die Ursache und den Sitz ihrer Krankheit genau anzugeben, ebenso welche Arzneimittel für sie gut sind und welche nicht; wenn der Arzt sich mit einer Nadel in die Hand sticht, empfindet sie den Schmerz an derselben Stelle; sie kann angeben, wo die Zeiger auf der Taschenuhr des Magnetiseurs stehen; sie hört diese Uhr ticken, die jener weit von ihr entfernt an sein Ohr hält; sie kann Briefe lesen, und Spielkarten angeben, die sie mit den Fingern befühlt oder die ihr auf den Magen gelegt werden; kann die Farben von Gegenständen angeben, ohne aber sagen zu können, mit welchem Sinneswerkzeug; sie kann sogar in diesem Schlafzustand auf dem Klavier spielen; teils gibt sie genau auf die Minute an, wenn sie aus ihrem Schlaf erwachen werde; kann die Farben von Gegenständen angeben, ohne aber sagen zu können, mit welchem Sinneswerkzeug; Sie kann sogar in diesem Schlafzustand auf dem Klavier spielen; teils gibt sie genau auf die Minute an, wenn sie zu ihrem Wohlbefinden geweckt werden solle. Die verschiedenen Metalle in ihrer Hand machen ihr ein verschiedenes, teils angenehmes, teils unangenehmes Gefühl; dieselben Empfindungen hat sie bei der Anwesenheit verschiedener Personen, deren Zahl (und später auch Persönlichkeiten) sie angeben kann, insbesondere macht ihre Schwester Lotte immer einen äußerst widrigen Eindruck; durch andere wird sie ängstlich, durch andere freudig gestimmt. Im Schlafzustand hat sie immer ein ohne Gêne geäußertes Betragen, ist munter und zutraulich, während sie wachend geniert, überbescheiden und zurückhaltend ist. Gegen den Vorschlag des Magnetiseurs, mit ihr die Welt zu durchziehen und durch ihre seltenen Künste ihnen Brot zu verschaffen, bezeugte sie unverkennbaren Widerwillen.
Um den Leser nicht zu ermüden, wollen wir die Aufzählung dieser "seltenen Künste" schließen.
Nach beinahe einjähriger Magnetisierkur, am 22. Juli 1790, gibt der Arzt Verschlimmerung der Brustzufälle, anhaltenden trockenen Husten, Stechen auf der Brust, Engbrüstigkeit und Hitze an, ein Krankheitsbild, das fast noch schlimmer aussieht, als am ersten Tag der Behandlung. Da aber die Kranke in der Hypnose selbst angibt, "er dörfte sie jetzt nicht mehr magnetisieren, außer wenn große Verschlimmerung eintrete, denn sie fühle, daß es ihr nicht mehr dienlich sein dörfte," so wird mit dem Magnetisieren aufgehört, aber am 14. November wieder damit begonnen, jedoch nicht mehr so häufig wie früher, etwa alle 8 bis 14 Tage. Erst seit März 1791 wird angegeben, daß sich die Kranke nunmehr wohl befinde; am 20. April (191. Sitzung) gelingt dem Arzt die Einschläferung erst nach 4 vollständigen Manipulationen, und er beschließt, nunmehr von dem Magnetisieren abzustehen, zumal da er die Kranke in höchstem Grad von Wohlbehaglichkeit fand.
Damit wird etwas plötzlich und unvermittelt abgebrochen: die Kranke ist gesund.
Am 7. November 1791 versucht Gmelin zur Vorführung vor einem fremden Professor eine Magnetisierung, er findet aber, daß die Kraft seiner magnetischen Einwirkung auf dieses "Subjekt" aufgehört hat.
"Von dieser Zeit an," so schließt Gmelin seinen Bericht, "hat ihre Gesundheit nicht den geringsten Anstoß gelitten; ihr Aeußeres schon stellt das Bild vollkommener Gesundheit vor und ihr Sinn ist immer fröhlich. Auch zeigt sich an ihr nicht eine einzige Spur kränklicher Beweglichkeit der Nerven, welche als gewisse Folge dem Magnetisieren so oft zur Last gelegt wurde; es aber nach meinen sehr zahlreichen Erfahrungen niemals bei dem vernunftmäßigen Gebrauch (?) dieser Heilart, sondern nur eine unausbleibliche Folge vernunftwidriger Behandlung und des Mißbrauchs ist, welche auch bei diesem Subjekt gewiß eingetroffen wäre, hätte ich diese Behandlung nach dessen Wiederherstellung noch Monate lang öfters in jeder Woche angewandt."
So ist also Demoiselle Lisette Kornacher seit Herbst 1791 vollständig wiederhergestellt gewesen, zu dem Bild einer blühenden 18jährigen Jungfrau, ob durch den Magnetismus oder trotz demselben, das Urteil darüber geben wir dem geneigten Leser anheim.
Am 1. Mai 1796 reichte sie ihre Hand zur Ehe dem Dr. med. Christian Klett, gräflichem Erbachschem Leibarzt und Hofrat zu Erbach, der sich hier im Jahre 1801 als praktischer Arzt setzte. Er folgte, als sein Oheim, Dr. Gmelin, im September 1803 das Physikat niederlegte diesem als Physikus und Landvogteiarzt, später mit dem Titel Oberamtsarzt; doch behielt das Publikum für ihn zur Auszeichnung den nobleren Titel Hofrat bei. Er erwarb sich besonderes Verdienst durch energische Durchführung der von der Regierung angeordneten Blattern-Impfung.
Als Neffe des Dr. Gmelin hatte er schon als Studierender der Medizin seine nachmalige Braut und Gattin bei einigen der magnetischen Sitzungen im Kornacherschen Haus kennen gelernt, zu denen ihn sein Oheim mitnahm. Er ist im Jahr 1823 hier gestorben.
Der Ehe des Hofrats Klett und seiner Gattin Elisabeth entsproßten 9 Kinder, von denen die Mutter 5 überlebt hat; die Söhne Georg, Oberamtsarzt hier, August, Stadtschultheiß hier und Friedrich, Dekan in Blaufelden und deren Nachkommen sind den Heilbronnern wohl bekannt.
Fünfunddreißig Jahre hat die Hofrätin ihren Gatten überlebt, bis sie am 13. Mai 1858 in ihrem von den Eltern überkommenen Haus Kirchhöfle Nr. 11 (neben dem Robert Mayerschen), gestorben ist. Sie wurde in dem Grab ihres Mannes bestattet; das Grab, im nordwestlichen Teil des alten Friedhofs, trägt auf einfachem Stein die Namen von ihr und ihrem Gatten.
Mehrere Bilder von ihr sind in der Familie erhalten.
Die Leserinnen mag es wohl auch interessieren, was aus den 4 Schwestern der Demoiselle Lisette in der mit Töchtern gesegneten Bürgermeisterfamilie Kornacher geworden ist. Die älteste, Friederike, heiratete den preußischen Major Wilhelm von Rosenberg; die zweite, Charlotte, den Apotheker Gottfried Chr. Fr. Sicherer hier; die vierte, Auguste, den Stadtschreiber und Rechtskonsulenten Friedrich Klett in Oberndorf, Bruder des Hofrats; die fünfte, Wilhelmine, den mit Schiller befreundeten württembergischen Offizier, späteren württtembergischen Generalleutnant Georg von Scharffenstein. Friederike und Wilhelmine sind ebenfalls hier in einem Grab begraben.
Im Anschluß hieran habe ich über die beiden Ärzte, Dr. Gmelin und Professor Schubert, noch einiges zu sagen, da ja sie unbewußt den Anlaß dazu gegeben haben, daß auf dem realen Bodes des von ihnen gelieferten Stoffs die duftige Blüte der Idealgestalt des Dichters ans Licht getrieben worden ist. Zu dieser Mitteilung scheint um so mehr Anlaß zu sein, als über den Dr. Gmelin in einem kürzlich erschienenen Aufsatz in dem Medizinischen Korrespondenzblatt des württembergischen ärztlichen Landesvereins vom 20. Februar 1904 von dem Schriftsteller Theodor Schön in Stuttgart Neues beigebracht worden ist, während Schubert und sein Wirken überhaupt dem größeren Publikum weniger bekannt sein dürfte.
Nach Schöns Angaben ist der herzoglich württembergische Physikus zu Freudenstadt, Dr. Eberhard Gmelin (geboren am 2. Mai 1751 zu Tübingen), nicht, wie man bisher annahm, erst im Jahr 1783, sondern schon im Juni 1778 nach Heilbronn gekommen und hier als Physikus vom Rat angestellt worden *)[Fußnote: Dies wird durch das Ratsprotokoll vom 15. Juni 1778 bestätigt, wornach G. zunächst zum physicus extraordinarius mit jährlich 100 fl. angestellt wurde. Am 10. Oktober desselben Jahres erhielt er die Bestallung als ordentlicher Physikus.] und zwar auf ein empfehlendes Antwortschreiben des württembergischen Leibmedicus; Dr. Hopfengärtner, bei dem der Heilbronner Rat über ihn angefragt hatte. Nach Titot (alte Oberamtsbeschreibung S. 241) hätte er gerade vom Jahr 1778 an "als der erste unter den Aerzten" (unter welchen?) den tierischen Magnetismus als Heilmittel anzuwenden begonnen. Er folgte hierin der von dem Schweizer Franz Anton Mesmer seit den 1770er Jahren aufgestellten Theorie, die zuvor in Frankreich, besonders durch die Brüder de Puiségur, bald aber auch in Deutschland Anhänger fand. Diese Theorie, der sogenannte Mesmerismus, geht davon aus, daß durch gewisse Manipulationen, Bestreichen oder Berühren mit der Hand, von einem einwirkenden Subjekt ein magnetisches Fluidum auf ein Objekt ausgeübt wird und auf dieses übergeht, wodurch dieses in magnetischen Rapport mit jenem gesetzt wird. Hiebei ist das Objekt in einem schlafartigen Zustand, in welchem aber sein inneres erhöhtes und bis zur Hellseherei gesteigertes Seelenleben mit dem behandelnden Subjekt in innerlicher Verbindung bleibt. Wie schon oben angegeben wurde, sollte diese Theorie zunächst als Mittel zur Heilung von Krankheiten dienen, aber bald wurde die dadurch hervorgerufene Hellseherei Selbstzweck und gab Anlaß zu all dem Unfug, der mit dem Magnetismus, Somnambulismus und Hypnotismus in Zusammenhang steht.
Gmelin versuchte nun auch eine wissenschaftliche Behandlung und Erklärung des von ihm als Heilmittel angewendeten Magnetismus und trat mit der Feder vielfach und nachdrücklich für diese Theorie ein, neben der er aber auch "auf die ordinäre Weise" kurierte. "Indessen bewahrte den Dr. Gmelin sein scharfer Verstand, sein logisches Denken vor dem Abweg, sich durch den Magnetismus in Geistersehereien zu verwickeln, auf welchen Kerner geraten ist." Ob er den Magnetismus immer nur auf Wunsch des Kranken oder dessen Angehörigen angewendet hat, wie in unserem Fall, läßt sich nicht bestimmt angeben. Seine Schriften über den tierischen Magnetismus (von Schön werden 10 angegeben) fallen in die Zeit von 1787 bis 1793. Außer dem schon oben angegebenen Werk aus dem Jahr 1793 erwähne ich noch die Schrift: Kann die praktische Arzeneykunst durch Versuche mit dem Magnetismus oder mit der animalisierten Elektricität veredelt und vervollkommnet werden? 1788.
Nicht unerwähnt wollen wir auch lassen, daß Schiller während seines Aufenthalts in Heilbronn im August und September 1793 mit Gmelin in freundlichen Verkehr trat, den er als "fidelen Paten" bezeichnete. Nach Schön hätte Schiller auch halb und halb beabsichtigt, für sein Übel (Unterleibsleiden und Hypochondrie?) die Heilkraft des Magnetismus zu versuchen, er habe es aber unterlassen, weil er dem "Wunderbaren" in der Sache nicht getraut habe. (Nach Joh. Scherr, Schiller und seine Zeit.) Die Begegnung Gmelins mit dem 11jährigen Justinus Kerner im Sommer 1797 auf dem Wartberg erzählt letzterer auf köstliche Weise im "Bilderbuch aus meiner Knabenzeit".
Im September 1803 legte Gmelin schon unter der neuen Regierung, das Pysikat nieder und starb hier am 3. März 1809. Er war verheiratet mit Sophie Henriette Harttmann, Tochter des Amtspflegers und Bürgermeisters in Marbach, und dadurch ein Oheim des Hofrats Klett, und wohnte in dem Haus Sülmerstraße Nr. 5. Diese Wohnung hatten nach seinem Tod Hofrat Kletts inne. Der Grabstein von seinem Grab (wo?) ist jetzt in der Halle des Leichenhauses auf dem alten Friedhof aufgestellt, und dürfte künftig seinen Platz in dem zum Lapidarium eingerichteten Erdgeschoß des Historischen Museums hier bekommen; er zeigt eine Hygieia (Göttin der Gesundheit) in flacher Arbeit, welche nach der alten Oberamtsbeschreibung (wo aber irrtümlich Christian statt Eberhard Gmelin steht), von Danneckers Hand herrührt.
Die zweite Persönlichkeit, welche in den uns angehenden Gedankenkreis hereinspielt, ist der Professor Gotthilf Heinrich v. Schubert, ein Mann von ungemein vielseitiger Begabung. (Vgl. Allgemeine Deutsche Biographie XXXII.) Geboren im Jahr 1780 zu Hohenstein im sächsischen Erzgebirge, studierte er, bei einem von Haus aus mitgebrachten Interesse für Naturwissenschaft, zuerst Theologie, dann Medizin und wurde in Altenburg praktischer Arzt. Nachdem er diese Stellung 1805 aufgegeben hatte, um in Freiburg weiter seiner Neigung folgend Geognosie und Mineralogie zu studieren, gab er unter dem Einfluß der damals [unleserliches Wort] Naturphilosophie ein größeres Werk "Ahndungen einer allgemeinen Geschichte des Lebens" heraus. Im Jahr 1807 siedelte er nach Dresden über, wo er sich auf ergangene Aufforderung an einer Reihe von öffentlichen Vorträgen für die gebildeten Stände beteiligte; er wählte ein Thema, dem sich damals das allgemeine Interesse im höchsten Grad zuwandte, den tierischen Magnetismus, den Somnambulismus, das Hellsehen, die Traumwelt u.s.w. Unter den Zuhörern bei diesen Vorträgen befand sich auch der Dichter Heinrich v. Kleist. Als Niederschlag dieser Vorlesungen erschien im Jahr 1808 Schuberts Werk: "Ansichten von der Nachtseite der Naturwissenschaften", das von dem deutschen Publikum mit vielem Interesse aufgenommen wurde und mehrere Auflagen erlebte. Hierin spricht sich Schubert über den magnetischen Schlaf folgendermaßen aus: "Wenn durch Einwirkung des Magnetiseurs der somnambule Schlaf eingetreten ist, so beantworten die Kranken die an sie gerichteten Fragen mit einer Klarheit und Lebhaftigkeit des Geistes, die man sonst nicht an ihnen bemerkte. Die merkwürdigste Erscheinung des magnetischen Schlafs aber ist die Sympathie der Somnambule mit dem Magnetiseur oder andern mit ihr in Rapport stehenden Personen, und man nennt diese tiefe Sympathie der zwei Personen Doppelschlaf."
Bei diesen Vorträgen nun also erwähnte Schubert auch aus dem genannten Gmelinschen Buch die Krankheitsgeschichte der Heilbronner Bürgermeisterstochter, die entschieden Eindruck auf Kleist gemacht und seine Phantasie angeregt haben muß. Daß er für seine Heldin nicht an dem damals modernen französischen Namen Lisette haften blieb, wenn er ihn überhaupt hörte und beachtete, sondern einen Namen mit deutscher und mittelalterlicher Klangfarbe wählte, ist begreiflich. Aber die tiefe Sympathie zweier Personen im Doppelschlaf finden wir in dem merkwürdigen Traumleben des Ritters Friedrich von Strahl und des Käthchens im Drama ganz nach der vorgetragenen Theorie angewendet und verwertet. Eine Umgestaltung und Einschränkung derselben erlaubt sich der Dichter in zwei Beziehungen: 1. darin, daß seine Schlafpersonen nicht pathologisch zu betrachten, d. h. nicht als Kranke anzusehen sind; 2. darin, daß diese Personen sozusagen selbsttätige Medien sind, von sich aus die Gabe des Hellsehens besitzen und vermöge ihres eigenen Wesens in einem inneren seelischen Verhältnis zu einander stehen, ohne durch einen Dritten in magnetischen Kontakt mit einander gesetzt zu werden.
Schubert widmete sich in der Folge dem Lehramt: 1809 wurde er Direktor der Realschule in Nürnberg, 1816 Hofmeister des Erbgroßherzogs von Mecklenburg-Schwerin in Ludwigslust, bald darauf Professor der Naturgeschichte in Erlangen, seit 1827 Professor und Lehrer derselben Wissenschaft an der Universität München bis zu seinem Tod im Jahr 1860. Er war ein ungeheuer fruchtbarer und vielseitiger Schriftsteller und er hat zahlreiche Werke über Philosophie und Psychologie, Naturgeschichte, Mineralogie, Geognosie und Bergbau, Kosmologie und Astronomie, ferner interessante Reisebeschreibungen verfaßt und herausgegeben.
Ueber die Herausgabe und Veröffentlichung des Kleistschen Dramas selbst habe ich zum Schluß noch einiges nachzutragen. Offenbar im unmittelbaren Anschluß an das in den genannten Vorlesungen Aufgenommene gab Kleist im Jahr 1808 Scenen und Bruchstücke des Käthchens in der literarischen Zeitschrift "Phöbus" heraus, im Jahr 1810 brachte er es als ganzes Drama in seiner jetzigen Gestalt fertig. Im März 1810 wurde dann das Stück zum ersten Mal in Wien im Theater an der Wien aufgeführt. Später ist es von Holbein und Laube zum Zweck der Aufführung bearbeitet und bühnengerecht gemacht worden.
Daß das durch die Ausdehnung des modernen Verkehrs neuerdings gefährdete Grab des unglücklichen Dichters (+ 21. November 1811) am Wannsee bei Berlin patriotischen Schutz finden und auch fernerhin unangetastet erhalten bleiben soll, haben gewiß alle Deutschen, die ihren Dichter schätzen und ehren, nicht am wenigsten wir Heilbronner, aus den Tagesblättern mit Befriedigung vernommen.