Gust[av] Herwig

Heinrich v. Kleist und die Stadt Heilbronn

Aus:Deutsche Heimat. Berlin. 6. 1903. Nr. 28 vom 12. April, S. 876-879. © 2001 by Kleist-Archiv Sembdner, Heilbronn

Otto Brahm schreibt, die Namen zweier Kätchenhäuser in Heilbronn sollen Kleist veranlaßt haben, den Schauplatz nach Heilbronn zu verlegen. Das ist unrichtig. Die Stadt Heilbronn soll ihren Namen von dem Salzbronnen, der sich nachher verloren, bekommen haben, wie Dr. Jac. Schopper in seiner deutschen Topographie und und Martinus Crusius in seinen Annales suevicae bemerken. 1085 ist Heilbronn von einem Dorf zu einer Stadt erhoben worden (unter Heinrich IV.). Friedrich II. hat der Stadt ihr Wappen gegeben, es besteht in einem schwarzen Adler in gelbem Felde, ist dreifarbig: rot-weiß-blau. Das älteste Siegel ist aus der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts. Die älteste und früheste Jahreszahl befindet sich Klostergasse 4. Das Kätchenhaus am Markt kann eben so alt sein. Es wird vielfach angenommen, dieses Haus sei die königliche Pfalz gewesen. Kübel schreibt 1825 sein Buch über Heilbronn und erwähnt nichts von einem Kätchenhaus. Der Gymnasialrektor Dürr stellt fest, daß man vor dem Erscheinen der Kleistschen Dichtung von keinem Kätchenhause sprach. Dieses Haus war früher der Sitz des städtischen Syndikats, kam Ende des 16. Jahrhunderts in den Besitz der Familie Hüngerlin. Hinter der Kilianskirche ist auch ein sogenanntes Kätchenhaus. Herr Hofrat Kerner in Weinsberg sagt mir, weil diese beiden Häuser sehr alt waren und weil sie die in Kleists Stück erforderlichen Sachen nachweisen, haben die Heilbronner sie zu Kätchenhäusern gemacht. Der heutige Heilbronner glaubt fest an sie.

In Heilbronn war die Spitalkirche der hl. Katharina geweiht. Dieser Name kommt häufig vor.

Maximilian II. machte am 15. Juni und am 20. Dezember 1570 Heilbronn einen Besuch. Von einer nahen Verwandtschaft mit der Pfalzgräfin oder von einem Tournier ist nichts bekannt.

Herr Hofrat Kerner machte mich darauf aufmerksam, daß in und bei Heilbronn kein Femgericht stattfand. Nach Hempels "Goethe, Schweizerreise", S. 59 trug Heilbronn zu Kleists Zeit mittelalterliches Gepräge.

Herr Stadtpfarrer Frasch in Heilbronn hatte die Güte, sich der großen Mühe zu unterziehen, den Namen Friedeborn zu suchen. Dieser Name ist unbekannt. Dieselbe Mitteilung verdanke ich Herrn Vikar Carl Simon.

Und wie stand es mit dem Magnetismus?

1783 kam nach Heilbronn Dr. Eberhard Gmelin, er war Anhänger des Mesmerianismus. Mesmer hatte ein Buch über tierischen Magnetismus geschrieben. Seine Lehre entwickelte Puységur weiter. Sie empfahl Hufeland im Deutschen Merkur von 1780 (zur Beförderung der Gesundheit). Lavater brachte die Lehre nach Karlsruhe und Bremen. In Karlsruhe gab J.L. Böckmann ein Archiv für Magnetismus und Somnambulismus heraus. (1787/88). In Bremen erschien von Wienholt "Heilkraft des tierischen Magnetismus", 3 Teile (1802 bis 1806); Heineken: "Ideen und Beobachtungen des tierischen Magnetismus" (1800).

Mesmers und Gmelins Bild in Öl besitzt Herr Hofrat Kerner. In Heilbronn wirken außerdem ein Dr. Weber [Friedrich August Weber] und ein Chirurgien major".

Später bildete Justinus Kerner in Weinsberg die Lehre aus. Vorher hielt Gotth. Heinr. Schubert (ein Freund meiner Großmutter) Vorlesungen über die Ansichten von der Nachtseite der Naturwissenschaft und verwertete die Gmelinschen Untersuchungen. 1808 erschienen sie in Buchform. Wahrscheinlich hat Kleist diese Vorlesungen in Dresden besucht, wo er sich damals aufhielt. Zschokke, Kleists Freund, soll nach Du Prel somnambul gewesen sein. Jedenfalls aber war Zschokke ein gründlicher Kenner des Somnambulismus. Ferner ist sicher, daß Gmelin an Schubert von einem Heilbronner somnambulen Mädchen berichtet. In seinem "Bilderbuch" beschreibt J. Kerner seine Magnetisierung durch Gmelin. J. Kerner hatte bekanntlich die Seherin von Prevorst in Behandlung (Reklam, 3316/20), die magnetisch veranlagt war. Herr Hofrat Kerner erzählte mir über sie noch näheres und versicherte mir, daß dies eine Tatsache sei. Damals hielten die Leute es für Schwindel, sagte Theobald Kerner, daß eine hysterische, magnetische Person "durchs Fleisch sehen" könne. Er hielt dies Sehen aber für sehr natürlich. Ist jemand augenleidend, zum Beispiel, so kann er das Tageslicht nicht ertragen und er will das Licht von sich abschließen. Der Leidende hat noch eine Zeit lang den Schein des Lichts vor sich, wenngleich es längst verschwunden ist, er sieht die äußere Umgebung noch vor sich in dem hellen Lichte, in dem er sie zuvor gesehen. Der Leidende muß sich an das Dunkel erst gewöhnen. So ist es mit den magnetisch veranlagten Personen. Die Seherin teilte Kerner Vorgänge des Geistes mit und sah z.B. einen Apparat, der nach ihren Angaben angefertigt wurde. Er befindet sich noch im Kernerhaus. Ebenso, sagt Kerner, war es mit den Röntgenstrahlen. Wie es möglich ist, durch sie in die geheimsten Kammern des menschlichen Körpers zu dringen, so ist es auch dem Auge des Magnetischen möglich, in den Geist der Menschen zu sehen.

Zu den früher unmöglichen Dingen gehörte, sagte er weiter, das Telephon; wenn man in jener Zeit gesagt hätte, man könne von Zürich nach Genf sprechen, so würde man diesen Menschen für verrückt gehalten haben, so ist es mit dem Magnetismus.

Kerner glaubt, Kleist habe verschiedene Bücher über den Magnetismus gelesen, weil er ihn so gut traf.

Nach ihm ist der im Käthchen beschriebene Vorgang wissenschaftlich richtig.


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