Von F[riedrich]. D[ürr]. (Fortsetzung.)
Wenn nun aber keine Zauberei und Behexung vorlag, was war der Grund des auffallenden Benehmens des Käthchens bei der ersten Erscheinung des fremden Ritters, was der Grund dieser blinden, unbegrenzten, fast hündischen Ergebenheit? Damit verhielt es sich folgendermassen. In der vorvergangenen Silvesternacht, da also das Käthchen erst 13 3/4 Jahre zählte, erschien ihr um Mitternacht im Traum ein hoher, stattlicher, von einem Cherub begleiteter Ritter, der ihr als Bräutigam bestimmt war. Vor diesem warf sie sich zu Füssen und flüsterte: "mein hochverehrter Herr", und der Engel, der bei dem Ritter war, zeigte demselben ein Mal, das das Mädchen im Nacken hatte. Und zu derselbigen Stunde, da der Ritter Friedrich Wetter krank in seiner Burg Strahl lag, und schlief führte ihn im Traum ein Engel in das Schlafkämmerlein des Mädchens, wo er ganz dasselbe erlebte, was wir eben vom Käthchen erzählt haben; auch habe ihm der Engel noch gesagt, dass sie eine Kaiserstocher sei. - Wie geschah nun das? Der Graf giebt selbst die Antwort, indem er sagt: Ein Geist bin ich und wandele zur Nacht, und während ich krank im Schlosse Strahl lag, besuchte sie mein Geist in ihrer Klause zu Heilbronn.
Während das Käthchen vor dem Femgericht auf die Frage des Ritten: Was fesselt dich an meine Schritte? antwortet: ich weiss es nicht, erwiedert sie auf die spätere Frage: Warum erschrackst du so, als du zuerst mich sahst? Ei, gestrenger Herr, Du weisst's ja. Wir haben also hier nichts anderes als einen angewendeten Fall der Theorie des Somnambulismus oder des magnetischen Schlafs, wie derselbe am Ende des vorigen Jahrhunderts von Mesmer, Schubert und Gmelin behandelt und beschrieben worden ist. Das Käthchen beziehungsweise auch der Ritter, müssen pathologisch betrachtet werden, sie stehen und handeln unter dem Einfluss der Krankheit des Somnambulismus, von dem der Naturphilosoph und Mystiker Heinr. Gotthilf Schubert in seiner Schrift "Ansichten über die Nachtseiten der Naturwissenschaften" 1808 folgende Schilderung giebt, welche dem Dichter Kleist den Anlass zur Verwertung des somnambulen oder magnetischen Schlafs in seinem Käthchen gegeben hat. Schubert sagt: Wenn durch Einwirkung des Magnetiseurs der somnambule Schlaf eingetreten ist, so beantworten die Kranken die an sie gerichteten Fragen mit einer Klarheit und Lebhaftigkeit des Geistes, die man sonst nicht an ihnen bemerkte. Die merkwürdigste Erscheinung des magnetischen Schlafs dein aber ist die Sympathie der Somnambule mit dem Magnetiseur oder andern mit ihr in Rapport stehenden Personen, und man nennt diese tiefe Sympathie der zwei Personen Doppelschlaf. Es lässt sich nun genau nachweisen, dass H. v. Kleist im Jahr 1805 in Dresden mit dem erwähnten Gotth. Schubert bekannt geworden ist und dass er bei diesem seine Wissenschaft über den magnetischen Doppelschlaf geholt hat, um sie in seinem Käthchen zu verwerten und zu verwenden, von welchem er in demselben Jahr 1808 2 Bruchstücke in einer literarischen Zeitschrift hat erscheinen lassen.
Es muss nun aber jedermann beim Lesen oder Sehen des Stücks sofort im höchsten Grad auffallen, dass der ganze somnambule Apparat seinen Zweck verfehlt, beziehungsweise nur unvollkommen und einseitig functioniert. Während nämlich das Käthchen von seinem Schlaf her den Ritter so fest und tief in der Erinnerung hat, dass sie bei seinem ersten Anblick wie vom Donner gerührt zusammenbricht und sich später durch keine versuchte Täuschung beirren lässt, hat der Ritter die Person des ihm erschienenen Mädchens dergestalt vergessen, dass er sie weder bei dem ersten Zusammentreffen erkennt, noch durch das auffallende Benehmen des Käthchens aufmerksam gemacht wird, ja dass er nahe daran ist, Kunigunde von Thurneck, eine alte Kokette, die mit allen Künsten ihrer verblichenen und abgeschossenen Schönheit nachhilft, für das ihm im Traum erschienene junge Mädchen zu halten und heiraten zu wollen. Erst später, nachdem sich das Mädchen durch eine eigentümliche Schickung wieder bei ihm eingestellt hat, nachdem dasselbe, ohne dass der Ritter etwas dabei ahnt, unter dem sichtbaren Schutz eines Cherubs die Feuerprobe bestanden hat, kommt der Ritter auf die richtige Spur, dadurch, dass er das unter einem Holunderstrauch im Hof der Strahlburg wieder in einer Art magnetischen Schlafs liegende Käthchen in ihrem Traum belauscht und ausfragt. Bei dieser Gelegenheit erst entdeckt er auch an dem Käthchen das Mal, das ihm der Cherub in jener Nacht gezeigt hat, von dem aber Vater Friedeborn schon vor dem Femgericht gesprochen hatte, ohne dass es dem Ritter im geringsten dämmerte. Nun aber, da er die Ueberzeugung gewonnen hat, dass das Käthchen die ihm vom Himmel bestimmte Braut ist, sorgt er dafür, dass dieselbe ihren Aufenthalt im Stall bei seinen Pferden vertauscht mit dem auf Schloss Strahlburg bei seiner Mutter. Nur ein Zweifel bleibt ihm noch: der Engel hat ihm auch gesagt, dass sie eine Kaiserstochter sei. Wie stimmte das mit Katharina Friedeborn? Allein auch dieses Räthsel löst sich. Meister Theobald fordert den Ritter von neuem unter der Anklage der Verführung zu einem gottesgerichtlichen Zweikampf vor dem Kaiser heraus. Nachdem in diesem Kampf der Ritter leicht und glänzend gesiegt hat, geht der Kaiser in sich und denkt über sich und sein Vorleben nach und erinnert sich, dass er vor 16 Jahren bei seinem oben erwähnten Aufenthalt in Heilbronn Käthchens Mutter Gertrud kennen gelernt und dem Käthchen das Leben geegeben habe: Er erklärt sie öffentlich und feierlich für seine, des Kaisers Tochter, dem sie der Waffenschmied abgetreten, ernennt sie zur kaiserlichen Prinzessin von Schwaben und ihre Hochzeit mit Graf Friedrich Wetter vom Strahl wird mit grossem Pomp gefeiert.
Dass auch hier keine Spur von Geschichte vorhanden ist, liegt auf der Hand: ein Herzogtum Schwaben gab es seit dem Ende der Hohenstaufenzeit nicht mehr; seit dem 14. Jahrhundert war es in eine Anzahl von Territorien, städtischen, herrschaftlichen und geistlichen, zerfallen, von denen die Grafschaft Wirtemberg das bedeutendste war. Ebenso ist weder etwas von einer Strahlburg, noch von einem Geschlecht der Wetter vom Strahl bekannt.
Nachdem wir im obigen gezeigt haben, durch was der Dichtcr zur Verwendung des magnetischen Schlafs veranlasst worden ist, erübrigt uns die Frage: Wie kam Kleist dazu, sein Käthchen nach Heilbronn zu versetzen und von Heilbronn stammen zu lassen? Ausser dem genannten Schubert beschäftigte sich damals auch der schon bekannte Arzt Eberhard Gmelin in Heilbronn (sein Grabstein von Dannecker ist auf dem alten Friedhof) mit der Theorie des animalischen Magnetismus und des magnetischen Schlafs. Schubert nun, der 1808 Vorlesungen darüber in Dresden hielt, wo ihn Kleist hörte, bezog sich mehrfach auf Mitteilungen und Krankengeschichten des Dr. Gmelin, der namentlich auch einen merkwürdigen Fall von einer zwölfjährigen Heilbronner Ratsherrntochter mitteilte, welche häufig in den somnambülen Zustand verfallen sei und in demselben nur noch die Stimme der mit ihr in magnetischem Rapport stehenden Person verstanden habe. Ein Name des kranken Mädchens ward nicht angegeben. Hier haben wir den Schlüssel zu der Frage, warum Kleist sein Käthchen nach Heilbronn versetzt; er versetzt es dahin, von wo ihm der Anstoss zu seinen Ideen kam. Es lässt sich sonst durchaus keine Quelle, weder in Geschichte noch Sage, auffinden, aus welcher der Dichter geschöpft haben könnte. Es ist sogar ungewiss, ja fast unwahrscheinlich, dass Kleist je einmal Heilbronn persönlich kennen gelernt habe. Es ist in den Jahren 1801-1803 einigemale von Norddeutschland in die Schweiz und zurückgereist, aber hat er dabei Heilbronn berührt? Er sucht zwar seinem Stück lokale Färbung zu geben durch Erwähnung eines Bildes über dem Altar in Heilbronn, worauf der Satan mit seinen Scharen abgebildet gewesen, 2) eines kaiserlichen Schlosses mit anstossendem Garten, in welchem der Kaiser die Hochzeit seiner Schwester abgehalten. Allein von einem solchen Bild in irgend einer Kirche ist nichts bekannt, und die alte königliche Pfalz war längst verschwunden oder in den Besitz des Deutschordens übergegangen. Dagegen fehlt in dem Stück gerade alles andere Charakteristische, was lokale Färbung geben würde: Es fehlt, nachdem einmal das Haus am Markt genannt war, das Rathaus mit seiner eigentümlichen Fassade und künstlichen Uhr, es fehlt die Befestigung mit den Thortürmen und dem Götzenturm, es fehlt der Wartberg mit seinem Turm, es fehlt der Fluss mit seinem Thal.
Nachdem im Jahr 1808 Bruchstücke des Käthchens im "Phöbus" erschienen waren, brachte es Kleist im Jahre 1810 in seiner jetzigen Gestalt fertig und das Stück wurde im März 1810 zuerst im Theater an der Wien aufgeführt. Später von Holbein und Laube bearbeitet und bühnengerecht gemacht, hat es sich auf allen deutschen Bühnen eingebürgert und ist trotz seiner Mängel und Schäden populär geworden. Vor der genannten Zeit aber, 1808 bis 1810, hat erwiesenermassen kein Mensch, weder in Heilbronn, noch ausserhalb, auch nur das Geringste von einem Käthchen von Heilbronn geahnt oder gewusst.
Es bleibt uns noch übrig von dem Haus zu sprechen, in dem das Käthchen gelebt und gewohnt haben soll. Wenn man alles aus Kleist nimmt und nehmen muss, muss man auch gelten lassen, dass das Haus der Friedeborn am Markt gestanden sei, obschon wir zugeben, dass auch andere alte Häuser, insbesondere das alte Jmlinsche an der Kirchbrunnenstrasse mit seiner schönen. alten Deckenvertäfelung sich zu einem Käthchenhaus eignen würden. Das hohe, früher etwas dunkel und düster aussehende turmartige Eckhaus am Markt hat im Lauf der Jahre, besonders vor etwa einem Jahrzehnt, vielfache Veränderungen durchgemacht, namentlich im Erdgeschoss, so dass sich sein ursprüngliches Aussehen nicht mehr genau bestimmen lässt. Man kann an ihm in seinen wenigen kleinen, zum Teil gekuppelten Fenstern und den seltsam geschweiften Fenstern seines Giebels die spielende Willkühr der beginnenden Renaissance erkennen. Auf der Ecke ist ganz oben ein diagonal gestellter Erker mit 2 Medaillonbildern auf 2 verschobenen Bögen wunderlich genug herausgebaut. (Lübke). Die an diesem Erker angebrachten Sprüche aus Propheten des Aten Testaments stehen mit der Käthchenlegende in gar keinem Zusammenhang. Im Turm ist aus alter Zeit eine schöne, bis in das zweite Stockwerk reichende steinerne Wendeltreppe erhalten. Das Haus gehörte früher der Familie Hüngerlin und diente eine Zeitlang dem Reichsschultheissen, dann dem städtischen Syndicus zur Wohnung, ehe letzterer im 16. Jahrhundert eine Amtswohnung in dem alten Oberamteigebäude erhielt. Es blieb später im Privatbesitz und war nie städtisch.
Wenn nun freilich das Käthchen selbst den historischen Boden verloren hat, dann fällt auch das Haus ihrer Geburt der Sage anheim. Allein wir bedürfen eines solchen materiellen Substrats für die duftige Poesiegestalt des Käthchens nicht; wir sprechen uns so aus: Nicht in dem altertümlichen Haus am Markt ist das Käthchen von Heilbronn geboren, sondern in dem zeugenden Geist des deutschen Dichters; nicht der ehrsame vielbekannte Waffenschmied, nicht ein deutscher Kaiser ist ihr Vater, ihr Vater ist niemand anders als der Dichter Heinrich von Kleist, und ihre Mutter ist nicht Gertrud, das Weib aus dem Volke, sondern die unendliche freischaffende dichterische Phantasie.