Aus Alt-Heilbronn.

Von F[riedrich]. D[ürr]. (Fortsetzung.)

VII. Das Käthchen und die Käthchensage.

Aus: Offizielle Ausstellungs-Nachrichten. Organ der Industrie- Gewerbe- und Kunstausstellung Heilbronn 1897. Nr. 13. Heilbronn, 4. Juli 1897. S. 247-249
(c) 2000 by Kleist-Archiv Sembdner der Stadt Heilbronn. Mit freundlicher Unterstützung des Stadtarchivs Heilbronn

"Ei, was macht denn das Käthchen", oder: "Wo haben Sie denn Ihr Käthchen?" Diese Fragen hört der, der sich draussen als Heilbronner zu erkennen giebt, regelmässig von Nichtschwaben, besonders von unsern deutschen Brüdern nördlich der Mainlinie, und die jetzigen Heilbronner erinnern sich, eine solche Frage schon aus hohem Mund vernommen zu haben. Der Fragende versteht unter dem Käthchen nicht eine Vertreterin des schönen Geschlechts der jetzigen Generation, sondern das Käthchen von Heilbronn, wie es ihm durch den Dichter Heinrich von Kleist bekannt und zu lebendiger Gestalt geworden ist, und wenn eine Schönheit der jetzigen Generation bei irgend einer Gelegenheit das Käthchen markiert, so erscheint sie regelmässig in der Gestalt und der Kleidung jenes mittelalterlichen Mädchens. Das Käthchen ist jetzt der Typus eines jungen, anmutigen und lieblichen, Wein kredenzenden Mädchens, welches das einemal den Conditoren im Harmoniesaal erscheint, ein andermal dem Kronprinzen des Deutschen Reichs an der Haltestelle Karlsthor Heilbronner Rebensaft zu kosten anbietet. Ihr Kostüm ist ziemlich feststehend: sie ist gekleidet in blau und weiss, woneben man noch in discreter Weise die dritte Heilbronner Stadtfarbe anbringen kann, und sie trägt womöglich stattliche blonde Gretchenzöpfe. Bei der Berühmtheit, welche dieses Wesen nicht nur für sich erlangt hat, sondern welche sie auch der Stadt Heilbronn im ganzen Deutschen Reich verschafft hat, ist es nicht zu verwundern, wenn die moderne Industrie sich dieses Namens zu Reclamezwecken bemächtigt hat. Gewiss hätte das Käthchen selbst eine helle Freude an den hübschen Käthchenlöffelchen und Käthchenmesserchen, auch die feine Käthchenwolle liesse sie sich wohl gefallen, aber wie würde das zarte Wesen wohl erschrecken und schaudern, wenn sie sich plötzlich einem Kübel mit Käthchenschmalz gegenüber sehen würde!

Der bekannte Schriftsteller Hieronymus Lorm (eigentlich heisst er H. Landesmann) sagt einmal in einer seiner Schriften (am Kamin, Geschichte und Träumereien 1879): "Man müsste nicht, wie die meisten Deutschen, mehr literarische, als Lebenserinnerungen haben, um Heilbronn nicht schon zu lieben, bevor man es gesehen hat. Hier gehen Geister am hellen Tag um. Es sind die Dichtergeister von Goethe und Kleist, und jeden lüstets, ein Wort mit diesen Geistern zu sprechen. Was Kleist betrifft, so hat sich hier als einziges Beispiel in moderner Zeit das Verhältnis zwischen Dichtung und Wahrheit umgekehrt: Nicht die Poesie hat der Geschichte nachgearbeitet, sondern nachträglich will Geschichte werden, was nur Poesie war. Die guten Bürger von Heilbronn haben ein altes Haus auf dem Markt ausfindig gemacht, in welchem das Käthchen von Heilbronn das Licht der Welt erblickt haben soll, bevor sie in dem der Romantik erschienen ist." Nachdem nun so allmählich das Käthchen im Glauben der Heilbronner historische Substanz angenommen hat, scheint es fast bedenklich, kritische Untersuchungen über sie anzustellen oder gar ihr geschichtliches Wesen anzuzweifeln, denn wir erinnern uns schon gehört zu haben, dass einer, der in der Nähe des Vierwaldstätter Sees schon Zweifel an dem geschichtlichen Tell geäussert habe, von den biderben Schweizern durch schlagende Gründe von der Irrtümlichkeit seiner Ansicht überzeugt worden sei. Wenn man auch derartiges in dem gebildeten Heilbronn nicht zu befürchten hat, so ist es bei Behandlung einer solchen heiklen Frage gleichwohl gut, wenn man geschützt ist durch den Panzer der Pressfreiheit und gedeckt durch die Tarnkappe der Anonymität. Uebrigens können sich die Heilbronner beruhigen, wenn ihnen auch die bösen Kritiker ihr historisches Käthchen rauben; sie können diesen Herren getrost das Wort entgegenhalten: Das Käthchen seid ihr los, die Käthchen sind geblieben!

Bei der Berühmtheit, deren sich das Käthchen von Heilbronn in ganz Deutschland erfreut, ist der Wunsch begreiflich, über dieselbe alles aufs genaueste, womöglich aus Akten und Urkunden, zu erfahren, und zu wissen, wie hübsch, wie alt, wie gekleidet, welcher Eltern Kind u.s.w. Nun habe ich einen guten Freund, der hat schon das ganze hiesige Archiv durchstöbert von oben bis unten, und an den habe ich mich in meinem Drang, alles über das interessante Käthchen zu erfahren, gewendet und ihn gefragt, was er darüber zu sagen wisse. Der aber sagte mir: Lieber Freund, im Archiv, und wenn Du es umdrehen und auf den First stellen würdest, findest Du nichts über Deine Angebetete. Aber gehe hin und frage den Dichter Heinrich von Kleist, der kann Dir alles bis aufs Würzelchen über das Mädchen angeben. Und so habe ich mich denn an den Kleist gemacht, der in einem grossen historischen Ritterschauspiel, wie er es heisst, betitelt "Das Käthchen v. Heilbronn oder die Feuerprobe", die Darstellung der Schicksale dieses merkwürdigen und berühmten Mädchens gegeben hat. Ob man das Stück ein historisches nennen mag, ist eine andere Frage; die Historiker wenigstens meinen, von Historie sei nichts darin enthalten, vielmehr müsse es als ein romantisches Ritterschauspiel bezeichnet werden.

Um nun aber im besonderen auf besagtes Käthchen zu kommen, dessen eigentlicher Name Katharina Friedeborn lautet, so schildert sie ihr eigener Vater folgendermassen: Sie ist ein Wesen, wie man sich zarter, frommer und lieber kein anderes denken kann, zu vergleichen den lieben kleinen Engeln, die mit hellen Augen aus den Wolken unter Gottes Händen und Füssen hervorgucken. Sie ist wenig über 15 Jahre alt (auch sonst lassen Dichter zuweilen ihre Theaterheldinnen so jugendlich sein, man denke an Julia Capuletti), hat aber trotz ihrer Jugend schon 5 wackeren Bürgersöhnen Körbe gegeben, und Herren vom Adel, die sie sahen, bedauerten nur, dass sie nicht adelig war, um um sie werben zu können, sie ist aber jetzt verlobt, nach guter alter Heilbronner Sitte mit einem Vetter, und zwar mit einem vermöglichen Weingärtner, Gottfried Friedeborn. Im nächsten Jahr, an Ostern, wenn das Käthchen 16 würde, sollte die Hochzeit gefeiert werden. Gekleidet war sie auf bürgerliche Art: ihre Brust umschloss ein schwarzsamtenes Leibchen mit feinen Silberkettlein behängt, und auf dem Kopf (ob Zöpfe oder nicht, wird nicht angegeben) trug sie einen Strohhut von gelbem Lack erglänzend. Wenn sie so geschmückt über die Strasse ging, so lief es flüsternd von allen Fenstern herab: das ist das Käthchen von Heilbronn. - Ihr Vater ist Theobald Friedeborn, ehrsamer Waffenschmied in Heilbronn, wohnhaft auf dem Marktplatz, 53 Jahre alt, gerichtlich noch nicht bestraft. Ueber den Namen Friedeborn bemerken wir, dass dies kein Heilbronner Name ist, und dass sich derselbe in den alten Steuerbüchern und Einwohnerverzeichnissen der Stadt nie findet; er hat überhaupt keine süddeutsche, sondern norddeutsche Klangfarbe. Der Vater ist von seinem Käthchen völlig entzückt, und die Verlobung seiner Tochter mit dem Vetter Gottfried ist ganz in seinem Sinn. Von der Mutter, Frau Gertrud, ist kaum die Rede; es scheint, als ob sie gar nicht mehr am Leben wäre; sie bleibt völlig im Hintergrund, wohl mit Recht, da sie sich nach der Entwicklung, welche die Geschichte nimmst, nicht recht sehen lassen könnte. - In welche Zeit die Erzählung zu versetzen, oder in welchem Jahr das Käthchen geboren ist, lässt sich aus dem Drama nicht mit Genauigkeit angeben. Es ist zwar von einem Kaiser die Rede, aber sein Name ist nicht genannt; alle übrigen Angaben aber passen am besten auf die Ritterzeit unter Kaiser Maximilian I., der allerdings nicht, wie es im Drama heisst, einmal hier ein grosses Turnier zu Ehren seiner Schwester, der Pfalzgräfin, gefeiert hat; vielmehr hat der historische Maximilian bei seinem Aufenthalt in Heilbronn im November 1495 nur die Huldigung von Rat und Bürgerschaft der Stadt entgegengenommen. Wir können dem Dichter auch noch den Gefallen thun und zu 1495 15 Jahr dazuzählen; so kämen wir in das Jahr 1511, als ideales Geburtsjahr des Käthchens, in welches, wie gesagt, die übrigen Angaben im allgemeinen passen.

Wie eine vom Feind geworfene Bombe plötzlich in den stillen Frieden eines Dörfchens hineinfällt und Schrecken und Zerstörung verbreitet, so traf folgendes Ereignis das stille Glück des Hauses Friedeborn am Marktplatz. Am Pfingstsamstag des Jahres, in dem das Käthchen 15 Lenze zählte, Vormittags um 11 Uhr, sprengt ein grosser, schöner, in eherne Rüstung gekleideter Ritter, auf dem Haupt einen Helm mit hohem Reiherfedernbusch, Graf Friedrich Wetter vom Strahl, vor das Haus des Waffenschmieds, steigt ab, tritt in die Werkstatt und verlangt von dem Meister die Ausbesserung einer gesprungenen Brustschiene. Der Meister ruft, während der Ritter warten muss, aus der Thüre nach einem Imbiss, und gleich darauf tritt das Käthchen, ein grosses flaches Silbergeschirr mit dem Imbiss und der Flasche auf dem Kopf tragend, ein. Aber wie sie den Ritter erblickt, lässt sie alles fallen, und totenbleich, mit Händen, wie zur Anbetung verschränkt, stürzt sie vor ihm nieder, als ob sie ein Blitz niedergeschmettert hätte. Der Anfall geht nach einiger Zeit vorüber; nachdem aber dann der Ritter etwas salbungsvoll von dem Mädchen Abschied genommen, stürzt dieses sich ihm ans einem Fenster des oberen Stocks nach auf das Pflaster, gleich einer, die ihrer Sinne beraubt ist; und bricht beide Beine über dem Knie. Aber schon nach Wochen ist sie dergestalt geheilt, dass sie eines Morgens, nur mit einem Bündelchen versehen, sich aufmacht und der Magd, die fragt, wohin? zuruft: zum Grafen Wetter vom Strahl! Seitdem folgte sie unbeirrt durch Fusstritte, unbeirrt durch Drohungen mit der Peitsche, dem Ritter durch Dick und Dünn, durch Regen und Hitze, gezogen vom Strahl seines Angesichts wie von einem um ihre Seele gelegten Tau, so dass der Ritter selbst sagt, wenn ich mich umsehe, erblicke ich zwei Dinge, meinen Schatten und sie.

Inzwischen aber hat Meister Theobald von dem Aufenthalt und dem Treiben seiner Tochter Kenntnis erhalten, und da er sich das absonderliche Benehmen des zuvor körperlich und geistig ganz gesunden Mädchens nicht erklären kann, so vermutet er teuflische Behexung durch den Ritter und verklagt denselben wegen satanischer Bezauberung seiner Tochter bei dem heimlichen Femgericht. Dazu müssen wir bemerken, dass sich Friedeborn mit dieser Klage beim Femgericht einer schweren Gesetzesübertretung und Missachtung seiner Obrigkeit schuldig machte, die ihren Bürgern streng verbot, einen Rechtsfall mit Umgehung des ordnungsmässigen Verfahrens vor das Femgericht zu bringen. - Beiläufig fügen wir an, dass es ein alter und längst beseitigter Köhlerglaube ist, zu meinen, die Femrichter haben vermummt, in einer Höhle und bei Nacht gerichtet; vielmehr geschah dies am hellen Tag und ganz öffentlich. Der Ritter vom Strahl, der sich für durchaus nicht schuldig erklärt, wird vom Femgericht von der schweren Anklage der Zauberei und Behexung mangelnden Beweises halber freigesprochen, das Käthchen folgt, dem Grafen zu lieb, ihrem Vater, der sie mit sich nimmt und vorläufig einem einsamen Klausner in Obhut giebt.

(Fortsetzung folgt.)


Zur übergeordneten Seite E-Mail an Kleist-Archiv Sembdner Zur Begrüßungsseite
* © Kleist-Archiv Sembdner der Stadt Heilbronn, Berliner Platz 12 (im Theaterforum K3, 2. OG), D-74072 Heilbronn. Tel. (07131) 56-2668. Fax (07131) 56-3699. Under permanent construction. Webmaster: Günther Emig