Waltraud Plieninger

Als Kohlhaas Käthchens Krug zerbrach

Wie jeden September begleitete Käthchen seinen Vater zum Mittelalter-Markt in die turmbekrönte alte Reichsstadt Wimpfen. Der Heilbronner Hobby-Waffenschmied fand dort immer guten Absatz für seine vortrefflichen Waren. Käthchens Schönheit lockte neugierige Kunden an, deren Interesse das junge Mädchen geschickt auf die Messer, Säbel, Degen, Armbrüste und Morgensterne umzulenken wußte. So verschaffte sie ihrem Vater oft gute Geschäfte. Die erlösten Euro und Cent verwahrte das gewissenhafte Mädchen sorgsam in einem alten irdenen Krug.

Wie überrascht war Käthchen, als die ersten Kunden an diesem klaren Morgen zwei junge Frauen waren. Das blonde Evchen mit seinem allerliebsten Lockenkopf und den himmelblauen Augen suchte ein handliches Taschenmesser für ihren Liebsten, denn Ruprecht sollte in den Krieg nach Afghanistan ziehen. Für den Nahkampf und zur Abwehr von Taschendieben aus den eigenen Reihen schien ihr eine solche Waffe von Vorteil. Auch sollte man damit Melonen und Mangos handlich teilen können. Allerdings wollte sie ihren Namen in den Schaft eingraviert haben, damit ihr Liebster bei jedem Griff zum Messer an sie erinnert würde.

Die geheimnisvolle dunkelhaarige Dame, die schon während der Verhandlungen mit Evchen ungeduldig geworden war und dem unschuldigen Ding verächtliche Seitenblicke zugeworfen hatte, war von völlig anderer Art. Sie erwies sich in Waffendingen als äußerst sachkundig, denn sie verlangte nach ganz besonderen Pfeilspitzen aus dreifach gehärtetem Edelstahl. Meister Veit sollte ein Dutzend Stück nach ihren Anweisungen anfertigen, bei Vollmond geschmiedet und mit je drei Widerhaken. Welche Absichten sie damit verfolgte, verriet sie nicht, aber sie war bereit, jeden Preis zu zahlen und hinterlegte bereitwillig 100 Euro als Anzahlung. Die Bestellung lautete auf einen Namen, den Käthchen noch nie gehört hatte und mit ihrem dürftigen Hauptschulabschluß kaum buchstabieren konnte: "Pesilea" schrieb sie in ihr Notizbuch.

Kaum war die seltsame Dame verschwunden, als ein stolzer Reiter sich dem Waffenstand näherte. Der Blick aus seinen stahlblauen Augen traf Käthchen wie ein Blitzstrahl. Von derselben Sekunde an konnte sie ihre Augen nicht mehr von ihm wenden. Gebannt flüsterte sie: "Womit kann ich dienen?"

Der strahlende Reiter schwang sich vom Pferd und warf die Zügel achtlos einer hinter ihm stehenden schwarzen Gestalt zu, die bereits einen zweiten Rappen - zweifellos als Ersatz für den ersten gedacht - am Zügel hielt. "Da, Kohlhaas, halt die Pferde. Ich will dieser Maid tiefer in die Augen sehen." Damit trat er dem Stand näher. Die schwarze gebückte Gestalt stand nun zwischen zwei prächtigen Rappen, die nervös mit den Hufen scharrten und schnaubten.

Während nun Käthchen aufsah und der Graf und sie einander lange in die Augen blickten, entwickelten ihre Blicke eine so gewaltige Energie, daß die Pferde von dem Leuchten scheu wurden und der mit "Kohlhaas" angeredete sie auch bei Aufbietung seiner ganzen, nicht unbeträchtlichen Kraft nicht mehr halten konnte. Sie sprengten auf Meister Veits Stand zu, drängten das Mädchen zur Seite und stießen den Tisch um. Dabei zerbrach der irdene Krug und das darin befindliche Geld fiel auf den Boden. Sogleich stürzten sich sämtliche Bettelkinder des Markts darauf, und als sich das Getümmel legte, war kein einziger Cent mehr zu sehen. Ob dieser Bescherung brach Käthchen in bittere Tränen aus und es wandte sein Gesicht anklagend dem stolzen Reiter zu. Dieser tröstet sie und erstattet ihr den verlorenen Betrag auf Heller und Pfennig und versprach obendrein, sie zur Frau zu nehmen.

Da klärte sich Käthchens Miene schlagartig auf, sie strahlte wieder wie zuvor, der Ritter strahlte zurück und ein Sonnenstrahl kitzelte sie in der Nase. Da schlug sie die Augen auf und erwachte. Es war heller Tag, sie lag im Garten unter einem Holunderstrauch und neben ihr die alte Kleist-Ausgabe aus der Heilbronner Stadtbücherei.


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