Das Käthchenbuch

Was Sie schon immer wissen wollten, aber nie zu fragen wagten

(c) 2004 Günther Emig, Kleist-Archiv Sembdner, Heilbronn


Kinderschänder

Es war einmal ein Künstler. Der kam von ganz weit her. Und weil er von ganz weit her kam, wollte er es auch genau wissen. Also beschäftigte er sich ganz intensiv mit einem Kollegen. Weil nämlich dieser Kollege etwas geschrieben hatte, was den Leuten hier - also ganz weit weg, von sich aus gesehen - wichtig war. Ein Theaterstück. - Ein Theaterstück? Nein, nur die Titelfigur des Theaterstücks. Die kriegte man nämlich oft zu sehen, die Titelfigur, hier - also ganz weit weg, von dort aus gesehen. Nein, das Stück selbstverständlich nicht. Was aber auch nichts machte, denn man kann auch stolz sein, ohne das Theaterstück zu kennen.

Also, wie gesagt, da kam dieser Künstler. Und sagte, in dem Stück (das glücklicherweise keiner kannte) gehe es am Anfang um einen Kinderschänderprozeß. Da waren einige Leute richtig böse. Nein, nicht weil das gar nicht wahr war, daß es um einen Kinderschänderprozeß geht, sondern aus anderen Gründen.

Und dann sagte der Künstler noch: Kinderschänderprozeß, die Parallele zu de Sades "Justine" ist augenfällig. Hui, lief es uns da gruslig den Rücken herunter. Was, so perverses Zeug, unsere Titelfigur? Nein. Oder doch? Darf man vielleicht doch so etwas gut finden, weil: wenn zwei was miteinander machen und beide sind einverstanden, dann geht doch das einen Dritten nichts an. Siehe unseren Menschenfresser. Da war sein Nahrungslieferant doch auch einverstanden.

Nee nee, das muß ein Irrtum sein, was ich da gehört habe. Daß Käthchen eine junge Frau im heiratsfähigen Alter gewesen sein soll und schon mindestens fünf stamme Kerle hat abblitzen lassen. Nee nee, ist ganz bestimmt ein Irrtum. Von dem - wie hieß er doch gleich? Heinrich. Und erschossen haben soll er sich auch noch. Nee nee. Ist schon wahr. Ein Kinderschänderprozeß. Und sowas in einem Theaterstück. Nee, da bleib ich doch lieber bei der Titelfigur. Die ist gemütlicher.


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