Das Käthchenbuch

Was Sie schon immer wissen wollten, aber nie zu fragen wagten

(c) 2004 Günther Emig, Kleist-Archiv Sembdner, Heilbronn


Blond oder braun, Häubchen oder Strohhut

Käthchens "äußere Erscheinung"

Nach: Heinrich von Kleist: Das Käthchen von Heilbronn oder die Feuerprobe. Ein großes historisches Ritterschauspiel

Beginnen wir mit der immer wieder diskutierten Frage nach der Haute couture.

Es gibt drei "Kleider-Zustände", "before" und "after" – sprich: bevor Käthchen das erste Mal den Ritter vom Strahl gesehen hat und danach – sowie das Schlußtableau.

Die zentrale Beschreibung "before" findet im ersten Akt, erster und zweiter Auftritt (Unterirdische Höhle, vor dem Vehmgericht) statt (Monolog Theobald):

Alter
15 Jahre (Geburtstag: Ostern)

Sozialstatus
Eigentümerin eines Landguts, das ihr der Großvater [wohl väterlicherseits], unter Umgehung des Sohns Theobald als Nacherbe, vermacht hat.
Ist finanziell unabhängig von Vater Theobald und eine der wohlhabendsten Bürgerinnen der Stadt.

Körpergröße
Das Käthchen ragt Strahl "bis an die Brusthöhe".
(Daher die alles entscheidende Frage: Wie groß war Strahl? Hierzu der Hinweis: Beim Eintritt in Theobalds Werkstatt neigt er "das Haupt tief herab [...], um mit den Reiherbüschen, die ihm vom Helm niederwankten, durch die Tür zu kommen". - Käthchen selbst geht durch die Tür mit einem großen, flachen Silbergeschirr auf dem Kopf, auf dem Flaschen, Gläser und der Imbiß gestellt sind, ohne daß was runterfällt.)

Haarfarbe
Im ganzen Stück gibt es keine einzige Aussage dazu; nichts also mit "blondem Käthchen". – "Blondlockig, Fittiche an den Schultern und einen Palmzweig in der Hand" ist lediglich ein "Cherub in Gestalt eines Jünglings, von Licht umflossen" (III/14).

Familienstand und -perspektive
Käthchen ist verlobt mit Gottfried Friedeborn, "de[m] junge[n] Landmann, dessen Güter das ihrige umgrenzen", kommende Ostern soll geheiratet werden.
("Fünf Söhne wackerer Bürger" haben vorher vergeblich um ihre Hand angehalten. Die Ritter, die durch die Stadt zogen, "weinten, daß sie kein Fräulein" [d. h. nicht standesgemäß adlig] war.) – Nichts also mit Kinderschänderei...

Kleidung bevor sie Stahl trifft
"in ihrem bürgerlichen Schmuck [...], den Strohhut auf, von gelbem Lack erglänzend, das schwarzsamtene Leibchen, das ihre Brust umschloß, mit feinen Silberkettlein behängt"

Kleidung nachdem sie Stahl getroffen hat und ihm bedingungslos folgt
"auf nackten, jedem Kiesel ausgesetzten, Füßen, das kurze Röckchen, das ihre Hüfte deckt, im Winde flatternd, nichts als den Strohhut auf, sie gegen der Sonne Stich, oder den Grimm empörter Witterung zu schützen."
"bindet sich das Hütlein zusammen, das ihr schlafend vom Haupt herabgerutscht war"
In IV/1 wird sie aufgefordert "Schuh und Strümpfe" auszuziehen. "Sie zerrt sich am Strumpf."
Bei der Durchquerung des Baches soll sie sich "ein wenig schürzen" – "bis an den Zwickel nur" – dann, als sie auch das ablehnt: "Bis an den Knöchel nur [...] bis an die äußerste, unterste Kante der Sohle".
In der Szenenanweisung zu IV/2 sind dann "ein Hemdchen und Paar Strümpfe usw." zum Trocknen aufgehängt.
In der gleichen Szene setzt sie sich "den Hut auf, und rückt sich das Tuch zurecht".

Kleidung zur Hochzeit (Schlußtableau)
In V/14 ist nur angegeben "Käthchen in kaiserlichem Brautschmuck", ohne weitere Angaben auf die Schneiderwerkstatt.

Ergänzend die Aussagen über die "inneren Werte"

"Ein Wesen von zarterer, frommerer und lieberer Art müßt ihr euch nicht denken [...]" (Theobald über Käthchen, I/1)

Zur Wirkung auf ihre Heilbronner Umwelt
"[...] so lief es flüsternd von allen Fenstern herab: das ist das Käthchen von Heilbronn; das Käthchen von Heilbronn, ihr Herren, als ob der Himmel von Schwaben sie erzeugt, und von seinem Kuß geschwängert, die Stadt, die unter ihm liegt, sie geboren hätte. Vettern und Basen, mit welchen die Verwandtschaft, seit drei Menschengeschlechtern, vergessen worden war, nannten sie, auf Kindtaufen und Hochzeiten, ihr liebes Mühmchen, ihr liebes Bäschen; der ganze Markt, auf dem wir wohnten, erschien an ihrem Namenstage, und bedrängte sich und wetteiferte sie zu beschenken; wer sie nur einmal, gesehen und einen Gruß im Vorübergehen von ihr empfangen hatte, schloß sie acht folgende Tage lang, als ob sie ihn gebessert hätte, in sein Gebet ein. (ebd.)

Genug erklärt? Zufrieden? Dann ischs rächt.


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