Was für Berlin der Bär, für München sein Kindl, für Ulm der Spatz ist für die einstmals Freie Reichsstadt Heilbronn das Käthchen. Bühnen halten die Erinnerung an diese Kleist'sche Figur aufrecht, wenn sie das Stück um das "Käthchen von Heilbronn" in ihren Spielplan aufnehmen. In Heilbronn selbst wird sein Name durch das historische Käthchenhaus am Marktplatz wachgehalten, das als einziges der Kaiserstraße wenigstens in der Fassade erhalten blieb. Zum guten Ton gehört es, von Heilbronn aus Ansichtspostkarten nach Hause zu schicken, die der Kopf des Käthchens schmückt. Von diesen Abbildungen her weiß man allgemein, daß zum mittelalterlichen Kostüm die dicken, blonden Zöpfe gehören. Wenn deshalb vor dem Krieg unter den Töchtern der Stadt Umschau gehalten wurde, welche sich am besten für das "Amt" des Käthchens eigne, spielte die blonde Pracht des Haares keine geringe Rolle.
Erst vor dem Staatsbesuch des Bundespräsidenten Heuss schien die Erkenntnis Platz zu greifen, daß es sinniger und besser sei, dem hohen Gast keine Ehrengarde von beleibten Stadträten, sondern eine von rankgewachsenen Mädchen zu stellen. Der ehemalige Theaterschneider wußte nicht, wie ihm geschah, als er zum erstenmal seit langen Jahren wieder einen Auftrag buchen durfte, der in seinem alten Metier lag: mit höchster Beschleunigung fünf- Kleider jener Art anzufertigen, wie sie einst die ehr- und tugendsame Reichsstädterin getragen hat. Und tatsächlich - am Tag des Präsidentenbesuches standen ein Käthchen und vier Ehrendamen, von der Haube bis zum verschnürten Schuhwerk nach historischem Vorbild, zum Empfang bereit.
Ob man es erst da bemerkte, oder ob inzwischen Figaro am Werk gewesen war? Keine der fünf Maiden wies mehr als einen bescheidenen Zopfansatz auf. Der weiteste Kompromiß, zu dem sie sich bereit gefunden hatten, waren Schillerlocken, die aber zentimeterhoch über dem Medaillonband endeten. Lockwell, Windstoß und Dauerwellen haben so sichtbar über die geschichtliche Treue gesiegt. Und Hand aufs Herz: Ist das Gespann der fünf Mädchen nicht auch ohne Zöpfe ganz reizend? Bundespräsident Heuss fand das jedenfalls, denn in seinem Dankschreiben an die Heilbronner erwähnte er speziell die Käthchengruppe, die auch künftig Ehrengästen der Stadt den Gruß entbieten wird. (hm)
(Stuttgarter Nachrichten, 11. 10. 1950)