Am Sonntag, den 30. Juni, wurden die Aufführungen von Kleists "Käthchen von Heilbronn" festlich eröffnet. Eine Feier, die vormittags im Stadttheater einleitete, sah - von würdiger gesanglicher Darbietung umrahmt - als Redner den um die kulturellen Belange der Stadt Heilbronn hochverdienten Geheimrat Dr. Bruckmann der dem Gedanken und der Pflege von Laienspiel und Heimatliebe warme Worte zu geben wußte, und Walter von Molo, den Präsidenten der Dichterakademie, dessen "Weiherede der deutschen Dichtkunst" sich - mit Recht - weil über die lokalen Grenzen der Veranstaltung hinaushob. Es wurde eine bittere Anklage gegen die Schaubühne der Gegenwart, die alles Einende, Gemeinschaftsbildende nicht mehr in ihren Bannkreis ethischer und ästhetischer Kultur zu führen imstande ist. Ein Übergang der Würde theatralischer Sendung, so könnte man sagen, an die aufstrebende Laienspielpflege, wurde deutlich; eine tiefe, geistvolle - und schließlich auch soziologisch bedeutsame Rede, die den Anspruch erheben darf, im richtigen Augenblick, da die Herzen allzu leicht geöffnet sind, sich der Gefahr der bei solchen Gelegenheiten leicht eingehenden Phrase mutig entgegengestellt zu haben: mit einem offenen, deutlichen, ungeschminkten Wort.
Ein Festmahl im Rathaussaal, ein Ausflug auf den Wartberg ließ die Stadt den liebenswürdigen Wirt machen. Unter den Gästen u.a. der Staatspräsident Bolz, Abgeordnete des Landtags, der Gemeinden, des geistigen und kulturellen Lebens.
Abends fand das Spiel im "Deutschhof" statt; die Mitwirkenden sämtlich aus der Heilbronner Bürgerschaft, aus allen Berufs- und Bildungsschichten.
Wir müßten auf den Anspruch der Kleistschen Sprache und Sendung dieses Spieles verzichten, über die im tieferen Sinne immer nur zufällige lokale Bedeutsamkeit des Wortkunstwerkes dürfen wir hier nicht hinausgehen; auch auf die Frage des eigentlichen Laienspiels wollen wir nicht eingehen und auf den Sinn eines Theaters unter freiem Himmel. Bleibt: der tiefe Eindruck einer spielfreudigen und an ihre eher ethische und nur vermeintlich künstlerisch-ästhetische Aufgabe begeistert sich hingebende Spielschar, die - so recht im Sinne des von Walter v. Molo am Vormittag gegebenen Bekenntnisses des "bei sich selbst Anfangens und Tuns" - in sich wertvolle Kräfte zu einer Bereitschaft aufrufe, einer Bereitschaft für kulturelle Werte, die das ganze Volk angehen.
Stellt man sich auf diese Ebene um, so läßt man sich gern gefangennehmen von der "Realität" einer der schönsten Schauplätze, der vielgeteilten "Bühne" dieses wundervollen Hofes, auf dem die Ritter ihre Pferde tummeln, den die Lichter des Scheinwerfers zauberhaft loben lassen, über den die dialektgefärbten Worte gehen und wo so manche Figur als köstliche Type dieser geliebten Landschaft entzückt.
So dürfen - vorweg der um das Unternehmen sehr bemühte Dr. Goldammer und der die Inszenierung in monatelanger Probenarbeit leistende Oberspielleiter Schmid mit allen Darstellern einen ehrlich verdienten Erfolg buchen. Nur eins: Architektur des Hofes und die Lichter teilen die Szenen so organisch, daß die Tänze zwischen den Szenen nicht nur überflüssig, sondern auch sinnwidrig sind, zumal die Musik schon Cäsuren setzt.
F.K. Roedemeyer