Die Heilbronner Laien-Spielschar


Aus dem Programmheft zur Aufführung des "Käthchen von Heilbronn", 1929

Als das 400jährige Jubiläum der Einführung der Reformation in Heilbronn mit dem Jahr 1928 näherrückte, faßte der Heilbronner Stadtpfarrer Hans Völter den Plan, das würdig zu begehende Fest durch die Aufführung eines Festspiels zu bereichern, welches die Geschehnisse vor 400 Jahren in möglichster geschichtlicher Treue und doch künstlerischer, bühnenwirksamer Form darstellen sollte. Er gewann dazu den Münchener Dichter Tim Klein, den Sohn des Verfassers der "Fröschweiler Chronik". Dieser löste die schwierige Aufgabe mit seinem Stück "Dennoch bleib ich", das im September 1928 dreizehnmal, im April 1929 noch viermal über die Bühne des Heilbronner Stadttheaters ging.

Die Aufführenden sollten jedoch nicht Berufsschauspieler, sondern Menschen sein, die aus innerem Erleben heraus die Fähigkeit aufbrachten, die Gestalten und Schicksale der heimatlichen Vergangenheit darzustellen. Im Mai 1928 bildete sich, zusammengesetzt aus Leuten der Jugendbewegung, ferner der Heilbronner Handwerkerkreise, weiter aus jungen Kaufleuten, Lehrlingen, Schülern, Akademikern und Angehörigen führender Berufe und Kreise, eine Spielschar.

Zu ihrem künstlerischen Erzieher wurde der Oberspielleiter am Heilbronner Stadttheater, Paul Schmid, bestellt, dessen Energie und pädagogische Geschicklichkeit der große Erfolg, den schließlich die Aufführungen fanden, in erster Linie zu verdanken ist. Ferner erkannten eine Anzahl einflußreicher, heimatbewußter Frauen und Männer die Bedeutung der Sache und verhalfen ihr organisatorisch und materiell zum Gelingen.

Endlich und nicht zuletzt aber hat die Spielschar selber eine rein arbeitsmäßige Leistung vollbracht, von der der Außenstehende sich kaum ein Bild machen kann. Fünf Monate lang wurde von etwa 70 Menschen wöchentlich mehrmals halbe Nächte hindurch gelernt und geprobt. Dazu kamen später noch etwa 30 Träger stummer Rollen.

Jene etwa 100 Menschen haben während der ganzen Zeit ohne jeden Mißton einträchtig zusammengearbeitet und so das Erlebnis einer wunderbaren Gemeinschaft gewonnen.

Diese durfte und sollte dann auch nicht wieder auseinandergehen. Zunächst traf man sich einmal im Monat zu Vorträgen und geselligem Beisammensein. Da saßen sie nebeneinander, Arbeiter und Akademiker, Lehrlinge und Kaufleute, Handwerker und Gymnasiasten, Männlein und Weiblein - längst war man einander auch äußerlich zum "Du" geworden - und breiteten vor sich die innersten Fragen ihres jungen Lebens aus. Die "Gemeinschaft derer, die einander nichts als Mensch sein wolle", war keine Phrase.

Aber diese Keimzelle neuer sozialer und künstlerischer Form drängte wieder zu aktivem Heraustreten als Spielschar, die ihren Geist der Gemeinschaft und der Überwindung äußerlicher Unterschiede in den einmütigen Dienst an der Kultur vor aller Augen bewähren wollte.

Man entschloß sich, im Jahre 1929 das "Käthchen" zu spielen. Ein großes Wagnis! Man sah ein, daß die Spielschar dazu erweitert werden mußte, um Charakterträger, die im ersten Festspiel nicht vorkamen. So wandte man sich an alle Kreise der Bevölkerung ohne Ansehen der Konfession (die ursprüngliche Spielschar war rein evangelisch) und des Standes (wie bisher auch). Der Ruf fand ein fast durchweg erfreuliches, aktives Echo. Aber auch die Kostenfrage war jetzt weit schwieriger, doch inzwischen hatte die Spielschar sich ja bewährt und ihre Idee in Heilbronn Wurzeln geschlagen.

Die Spielschar will ihrer Heimatstadt und der deutschen Bühnenvolkskultur einen Dienst leisten, sie will zeigen, daß selbst in unserer schweren, konfliktreichen Zeit die Zusammenarbeit aller Kreise an einer Sache möglich ist, die wirklich Allgemeingut bedeutet und alle Unterschiede überbrückt. "Dennoch bleib ich" und "Käthchen" sollen nur ein Anfang sein.


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