Ein Süddeutscher ist vom Norden nach Schwaben gekommen, um sich mit Ihnen an einer der schönsten Dichtungen für unser Volk zu erfreuen. Das hat wohl gewisse Bedeutung; auch dann, wenn gesagt werden sollte, daß das zu erwartendes Handeln sei - dann liegt in dieser Behauptung die Bedeutung.
Was wollen wir hier? Was erwarten wir? Ist uns die Gegenwart Antrieb zu Festen? Unsere sehr ernste Zeit, die noch anhaltende sehr ernste nächste Vergangenheit, unsere drückende Zukunft, deren Richtung wir nicht kennen, soviel auch darüber gesprochen wird - sie verlangen Zusammenschluß, Gemeinschaft! Gemeinschaft gibt Freudigkeit!
Freude ist nicht lautschallendes Gelächter, wenn solches dem wohl Tätigen auch gut ansteht, Erfreuen ist Kraftsammlung, Bestätigung von warm Ersehntem, ist Aussprechen und Bekennen zu oft Verstummenden, ist dadurch Befreiung von den Ketten der Sorge, denen Dichtung die Schwere zu nehmen vermag. Ist Erkenntnis und Gelöbnis zu unserer Zukunft, die unzerbrochen sein wird, wenn wir Richtiges dafür tun.
Das "Käthchen von Heilbronn" ist, wie Sie durch Ihre Feier erweisen, keine Angelegenheit abgesonderter wissenschaftlicher Forschung, es ist zum großen Teile auch, leider, nicht mehr Sache unseres heutigen Theaters, das kaum mehr eine Spur von dem zeigt, was einst unsere Bühnen hoch und heilig hob. Das "Käthchen von Heilbronn" ist auch nicht Lokalangelegenheit, der wir ausschließende Bedeutung geben dürfen, das "Käthchen von Heilbronn" ist nicht nur des Preußen Heinrich von Kleist Dichtung. Das dichterische Werk vom Volke, also der ganzen Nation empfangen, wächst zur Selbständigkeit, zu eigenem, herrlichem Dasein, denn es ist Schöpfung, die aus sich heraus ihr Leben wirkt. Davon will ich reden. Und von anderem!
Das künstlerische Dichtwerk verweigert keiner Gruppe Dienstbarkeit, aber es verweigert jeder Gruppe Ausschließlichkeit, denn wahre Dichtung gehört allen, allen Menschen!
Unter "Mensch" verstehe ich nicht das Halbtier, das auf zwei Beinen aufgerichtet geht und zu denken behauptet, wenn es Wirrwarr und Zertrennung anrichtet. Allen "Menschen", das heißt allen, die an Reinheit, Gerechtigkeit, Schönheit und Verbesserung glauben wollen, die Zeit und Sammlung dazu, trotz der Not des Tages, suchen! Das sind vor allem die, welchen gebildete Jugend zufiel, das sollen alle werden, denen Befreiung von härtester Not geschaffen werden muß - damit sie verstehen lernen können, was Schönheit, was Geist ist. Die Bereitschaft zur Dichtung darf kein Problem des geldlichen Einkommens mehr sein. Es ist noch arg so, darum wirkt die Dichtung viel in leerem Raum.
Das "Käthchen von Heilbronn" eignet allen Ständen und Klassen und allen Gruppen und Parteiungen, Nord und Süd und Ost und West und Arm und Reich und Alt und Jung; es gehört allen rein Sinnenden in unserem Volke.
Wenn das Wort Volk in heutigen Tagen gesprochen wird, so erhebt sich leicht Gezeter, denn jede Gruppe meint, sie sei das Volk, oder sie besäße es in Erbpacht, das Volk müsse darum so sein, wie sie Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in Einseitigkeit sieht.
Das ist nicht der richtige Schritt, um Volksbewußtsein oder ein Kunstwerk zu ergehen.
Ein Volk ist wie der Stoff zu einem Kunstwerk, der beseelt, geordnet, gestaltet werden und gesund sein muß. Gewalt hilft hier nicht, nur Liebe und dafür sorgen und Tat, die dann erst endet, wenn jeder Deutsche solche Möglichkeit hat, daß er kein Lasttier und kein Sklave mehr sein muß. Dann erst rauscht der Regen allen fruchtbringend, dann ist die Zeit erfüllt, die von Mächten bestimmt wird, in deren Gewalt jeder, auch der schaffende Dichter, hängt, denen darum jeder tätig gehorchen muß. Noch verschließen sich viele.
Es war harter Lärm, und der Nachhall füllt noch unsere Ohren, aber sie vernehmen aus reinerer Höhe, aus tieferer Tiefe, aus umfassenderer Weite nun doch wieder dazwischen die große Ruhe, die Leben und Sterben umrahmt, in der all das so schmerzliche Leid nur ein Mißton ist, wenn der Mensch nicht dauernd den Nächsten beschuldigt, sondern mit ihm, kameradschaftlich an ihn gelehnt, zu den Ursachen hinsinnt, die nicht plötzlich zu leben beginnen, die niemals enden und deshalb im Augenblicke klar sind, da er sie als die Erde und den Himmel unseres Seiens erkennt. Der Mensch soll nicht bessern, was über seiner Gewalt ist, er hat zu wirken im zugebilligten Bereiche mit aller Kraft und Hingabe. Um diese Zubilligung und deren Ausmaß geht der egoistische Kampf in Deutschland, der endlich beendet werden muß.
So reift der Dichter, so wird sein Werk, so kommt ein Volk hoch.
Das Lebende in allem heißen wir Geist. Edles liebt nicht Betrügerstücke. Unser Volk und unsere Kunst haben sie überreichlich satt. Es beginnt, nach den Gesetzen der kosmischen Vernunft, die Selbstverständlichkeit wieder zu schimmern, daß der Begriff Volk nur Sinn erwirbt und bewährt, wenn er lückenlose Gesamtheit meint, die alles umschließt, in der sich alles im Gleichgewichte hält, die alle Spannungen und Lösungen in sich birgt und zum Ausgleiche bringt, gleichgültig ob der oder jener Volksteil auf Hochschulen oder in Volksschulen die Vorbereitung für das Leben erfuhr, ob einer Arbeiter oder Soldat, Ingenieur oder Kaufmann, Handwerker, Beamter oder Künstler ist, ob der andere die oder jene Farbe liebt. Volk ist die Gesamtheit aller Wahren, von denen jeder bereit ist, verantwortungsbewußt für unsere Zukunft zu sein. Dieser Einigkeit, die allein Zukunft bringen wird, dient Dichtung, dient das Käthchen von Heilbronn.
Der Dichter kann und soll nicht Politik machen, sonst steigt er herab; aber der, welcher Politik zu machen sich rufen läßt, muß vom Dichter lernen, sonst ist er nicht auserwählt und daher fälschlich gerufen.
Der Dichter zeigt im Werk, wie das Schicksal den Menschen, wie der Mensch sein Schicksal macht.
Es sind das Andeutungen von Gedanken, die einer alten Reichsstadt wie Heilbronn nicht neue Art sind, wenn sie auch in ihrer Eindringlichkeit im Wechsel der Zeiten zu großer Veränderung gelangen. Das sind Gedanken, die uns Süddeutschen, wie wir meinen, im Blute leben, die den Preußen Heinrich von Kleist aber, wie sein Werk zeigt, ebenso erfüllten, die wir, wenn wir durch Deutschland fahren und nicht nur Papier und Tribünenreden ablesen, sondern aus dem Geiste der Lebenssäfte in Gerechtigkeit zu leben versuchen, in allen Stämmen und Ständen und Klassen finden - denn die Gemeinsamkeit des oft so leichtfertig getrennten Süden und Norden ist viel mächtiger, als gar viele gemeinhin zu überlegen gewillt sind.
Heinrich von Kleist war Preuße, ein "Junker", und er schrieb sein, unseres ganzen Volkes, Ihr "Käthchen von Heilbronn". Er dichtete es in einer der vielen Krisen seines harten, allzulange verkannten und noch immer nicht zum Genügen erkannten Dichterdaseins. Er war ein Mann. Solcher ist nicht der, der stolz sichtbar seine Hosen trägt und dauernd lärmt oder Knecht des Weibchens ist - Mann ist der ewige Knabe, der kühn gegen die Enge, für sein Recht - und verzagt vor der unendlichen Ewigkeit steht. Kleist fand seine Frau, ein echtes Dichterlos, unerhört schön - in seiner Phantasie. So entstand, wie jede große Dichtung wird, aus persönlichem Leid, zur Freude derer, die den Dichter enttäuschten, das "Käthchen von Heilbronn". Aus deutschem Wunsch-Willen. Darum leben aller Glanz unserer Nation und all unsere Sehnsüchte und Erfüllungen in Innigkeit vermählt in dieser Dichtung.
Des Dichters Werk ist Verschönerung, Verbesserung der Unzulänglichkeit der Zeit, die der Dichter höher zieht, der er ihre Möglichkeiten zeigt; so "erzieht" das Dichtwerk - darum brauchen wir Dichtkunst in der Stille der Familie, wie im Leben der Öffentlichkeit und im Brotkampf des Tages. Wer das "Käthchen von Heilbronn" liebt, ist Mensch.
Unverloren das Land, das Männer von Kleists Art gebiert, dessen Männer Frauen achten wollen, wie eine Ihr Käthchen war. Auch wenn die Helden unserer heutigen Schauspiele keine Ritter mehr, sondern vielleicht Ingenieure oder Handwerker sind, oder Dichter - wenn die Käthchen von Heute am Ende Proletarierkinder sind. Wir feiern mit dem Käthchen von Heilbronn den menschlichen und dichterischen Prüfstein unseres Wesens, wir weisen bewußt darauf hin. Wer das Käthchen von Heilbronn nicht liebt, der ist verdorben, der ist Spreu der Gegenwart, mag er sich auch noch so hochherrlich in seiner Öde blähen, mit Worten, die keine Seele zum Tönen bringen. Kleist ist unsere größte künstlerische Kraft, sein Werk prüft unser Gewissen. Dem Gewissen dient die Dichtung.
Es ist das Wesen der Dichtung, und anders vermag ich ihrer nicht gewahr zu werden, daß sie aus persönlichem Schicksal, aus Stammesart und Zeit heraus anhebt, also aus Beschränkung, aus der Stammeszugehörigkeit des Schöpfers sein allgemeines Volkstum als den wirksamen Trieb seiner Stammessonderart entdeckt und davon sich zum allgemeinen zeitlosen Menschentum ausdehnt. Was erweist, daß Treue zum Stamm, Liebe zum Volkstum und Dienst am Menschentum Dienst an der menschlichen Seele sind. - Das ist, oft unsinnig verkannt, unsere vornehmliche Art, wenn wir uns besinnen.
Der Dichter ist gesandt zu binden, indem er zur Besinnung treibt.
Das Dichtwerk, vom Blute der Landschaft abhängig, die den Schöpfer und die Gestalten seiner Dichtung trägt und ihn zu seiner Sprache begabt, erweist die seelische Gemeinschaft, die innere Einigkeit aller Landschaften, erfüllt weit voraneilend die sonst noch in sehr großer Ferne blaß schwebende Einigkeit aller Menschen auf Erden. Darum grenzt sich das über alle Mauern hinweg glühende Kunstwerk weisheitsvoll in seiner Form ein. So wird das Dichtwerk und ein starkes, darum verehrungswürdiges Volk.
In jeder großen Dichtung, wie in jedem gewaltigen Streit, der zur Entscheidung gebracht wird, werden die Trennungen am Ende so trennend, daß sie abstumpfen und im Auseinandergleiten bis zur Unendlichkeit sich dort wieder treffen und als das Gleiche erkennen, als Teile der Einheit, die nur durch Trennung Leben und Berechtigung hat; aber Einheit ist.
Wie die Dialekte der Münder und Herzen in unserer Sprache zusammentönen, so verstreicht das Kunstwerk alle Scheidungen der Bildungsstufen, der wirtschaftlichen und sozialen Trennungen. Das große Kunstwerk ist groß, weil es nicht anderes Wissen im Aufnehmenden voraussetzt als die freudige Gewißheit, die demutsvolle Gläubigkeit: hier kann mir geholfen werden, hier wird mir geholfen.
Das künstlerische Dichtwerk schafft Gemeinsamkeit. Dieses Ziel können wir an Festtagen zeigen. Hinleiten kann nur Fürsorge im Alltag. Die Sehnsucht zum Kunstwerk läßt ahnen, welch geistiges Leben über uns glänzte, würde die Pflicht, für Brot und Heim und Recht der Ärmsten zu sorgen, besser erfüllt.
Solche breitstehenden Worte um ein Theaterstück? Meine Frauen und Männer, solche Worte waren einst unser Recht, unser Stolz, als wir noch eine deutsche Schaubühne und weniger Not hatten. Unsere Schaubühne ist verkommen, gestorben, nur hier und da flackert noch in der Dunkelheit des Landes ein Lichtlein der Erinnerung an schön Gewesenes, auf dessen Mordstätte Geld und viel Unfähigkeit und große Anmaßung irrsinnig mit schrillen Rasseln lärmen - wohl weil sie sich zu fürchten beginnen. Ich will es hoffen.
Die Dichter stehen dem heutigen Theater, mit wenigen Ausnahmen, fremd und feindselig gegenüber. Es hat in Überwiegung ein niederes, wenn überhaupt noch ein Wollen. Was ist die Leistung vieler heutigen Theater? Wertlose Ausländerei, Sensationsstecherei, Lärm, Verhetzung, Tendenz ohne künstlerische Kraft, Befriedigung unreiner Schaugier, leere Unterhaltung. So nenne ich das Unterfangen, das nicht die Seele kräftigt, sondern sie entehrt.
Unser Theater meint in erschreckendem Maße, die Schaubühne sei der Ort, auf dem unsere parteipolitischen und sozialen Kämpfe einseitig ausgetragen werden sollen. Ja, sie sollen auch dort ausgetragen werden, das muß sein, sie sind Stoff, aber in der Art, daß der Lärm, durch einen Künstler geordnet, am Ende der Aufführung verschwände, weil jede Einseitigkeit wohl berechtigt, aber doch keine allein berechtigt ist.
Viele Schriftsteller sind nicht verantwortungsbewußt, sie wurden gebrochen, sie arbeiten, wie es gewünscht wird, sie amüsieren Satte oder hetzen Hungrige auf. Nicht gegen Tendenz auf der Bühne spreche ich, ich spreche gegen die Unfähigen, die Tendenz Wert heißen, wenn sie ihnen paßt, ohne sich um das Maß der künstlerischen Kraft zu bekümmern, die dahinter steht - oder nicht dahinter steht. Tendenz kann nur durch Kunst überzeugen. Schriftsteller ohne künstlerisches Vermögen sind die Lieblinge der Bühnen, die ich anklage.
Die deutsche dramatische Dichtung hat kein festes Heim mehr auf unseren Bühnen, höchstens noch schäbige Notwohnungen, in denen sie in großer Unsicherheit herabsetzend geduldet wird. Das klingt hart. Sie müssen die deutschen Spielpläne durchsehen, dann werden Sie anklagen, daß wir zu lange schwiegen. Unsere Bühne hat sich von Dichtung getrennt, weil sie den edlen Schein vernichtete, der Dichtung ist. Sie nennt das stolz "Desillusionierung". Sie dachte, das Unwahre naher Zeit zu treffen, das war rechtes Wollen, aber sie nahm auch die Ewigkeit als vergänglich, daran stirbt unsere Bühne. Unsere Bühne verwechselte Schein mit Sein, das wir scheinen sehen wollen.
Gewiß kann, soll und muß das Theater auch unserer lebhaften Gegenwart dienstbar sein, die mit Recht vieles abtat, aber das Theater soll nicht den Schein des ewigen Lichtes verdunkeln, das aus des Dichters Werk in unseren Herzen erscheinen kann. Nur das Werk gehört auf die Bühne, das jede Gegenwart, auch die unsere, untergeordnet den unveränderbaren Gesetzen im Kosmos zeigt, welche auch die Gesetze der Bühne sind. Nur die dramatische Dichtung gibt Lebensertrag, aus der die Überlegenheit des Weltalls quillt. Nur wenn man lügt, kann man sagen, daß solche Überzeugung die Bemühung unserer heutigen Bühnen in der Mehrzahl sei. Es ist das aus vielen Gründen begreiflich, aber alles, was zu begreifen ist, ist deswegen noch lange nicht gut und nicht recht geschaffen.
Man beschuldige nicht das Publikum! Es ist Beweis für dessen guten Sinn, daß es dem heutigen Theater entfremdet fern zu bleiben beginnt - es ist nicht der Mangel des Geldes allein der Grund, die Enttäuschung der Herzen ist der tiefere Grund unserer Theaternot.
Ich wollte, es sperrten alle Bühnen in Deutschland zu, die von Unfähigen geleitet werden, möglichst bald, dann sperrten viele!
So kämen die Begabungen und nicht die Frechen, die ästhetisch Erziehenden statt der Beziehungen endlich, endlich wieder voll und nicht nur vereinzelt zu Wort, die, welche wirken müssen aus innerem Trieb, statt aus Erwerbstrieb. Statt aus Eitelkeit, die nur "Uraufführungen" und "Neuheiten" sucht, um fördernde Notizen in den Zeitungen zu erhalten, die zu besseren Pöstchen mit langjährigen Verträgen oder in Rangklassen mit Pensionsberechtigung helfen. Statt der Spielleiter, die den Dichter als Vorwand nehmen, sein Werk zu entstellen, damit anderssein als wertvoll gilt.
Das Theater ist nicht für seine Beamten, die Karriere machen wollen, es ist für das Publikum da.
Unsere unselige Zersplitterung, die in gleicher Art Erbsünde unserer Nation ist, wie vorübergehende Folge geschehener Entwicklungen, drang in das Theater ein, das, unfaßbar mißbraucht, unser Volk auf Selbsthilfe sinnen läßt. Es darf weiter nicht so bleiben, daß Geld und dessen Verzinsung oder parteipolitische Macht die deutsche Schaubühne als unlauteren Börsenraum benützen. Das deutsche Theater ist kein Kaufhaus und, Gott sei Dank, auch kein Parlament. Ich frage mich, wenn ich die Subventionierung vieler Bühnen überlege, ob diese öffentlichen Gelder, es sind ja Steuergelder des gesamten Volkes, nicht besser der dramatischen Kunst dienten und der Dichtung und unserem Volke - wenn sie manchen Bühnen nicht gezahlt würden. Den verantwortungsbewußten Bühnen alles - den charakterlosen nichts als Verachtung!
Die öffentlichen Gelder, die den Bühnen gegeben werden, sollen doch für Kulturdinge verwendet werden? Leeres Amüsement und Verhetzung sind nicht Kultur.
Unser Theater ist todkrank. Die dramatischen Dichter sind gezwungen, durch das Buch zu wirken, sie haben den Machern und Spekulanten freie Bahn für ihre raffiniert berechnende Tüchtigkeit geben müssen. Wie soll man schaffen, wenn man davon nicht einmal das Brot zum täglichen Leid gewinnt, wenn jeder im Auslande erfolgreiche Reißer seinem Fabrikanten das deutsche Geld ins Ausland holt, das so unseren dramatischen Dichtern gestohlen wird? Man hält oft vor, es gäbe zu wenige dramatische Dichter in Deutschland - es gibt sie aus den Gründen nicht, die ich zeige. Was zerstört wird, kann nicht leben.
Man verteidigt sich auch oft damit, daß man sagt, der deutsche dramatische Dichter beherrsche sein Handwerkszeug nicht. Er beherrscht es wohl, aber man muß ihm sein Recht, das seine zu beherrschen, lassen. Jedes Volk hat seine Form - von den deutschen dramatischen Dichtern wird verlangt, daß sie fremde Form verwenden. Diese fremde Form beherrschen sie nicht, wohl aber die eigene, die man aber nicht gelten läßt. Ich bezweifle, daß Kleists "Käthchen" oder Goethes "Faust" besser wären, wenn deren Dichtern ein routinierter Techniker aus Paris, Budapest oder Amerika dabei geholfen hätte.
Ich klage die unfähigen Bühnenleiter an, und da es solche nicht gibt, klage ich keinen Einzigen an, denn die ich meine, sind wahrhaft nicht einzigartig. Was soll so ein armer Intendant tun, an dem die politischen Parteien und deren Schützlinge dauernd herummäkeln, wenn seine Existenz, die Existenz der ihm anvertrauten Künstler, sein Spielplan von unentwegt wechselnden politischen Mehrheitsverhältnissen abhängig ist? Der Intendant heißt zwar nach außen verantwortlich, er trägt vor der Öffentlichkeit auch brav die Verantwortung, er wird dafür bezahlt, aber es gibt die unsichtbaren, anonymen Theaterleiter hinter den Kulissen. Das sind die Theaterkommissionen, die Stadtväter, zusammengesetzt aus Vertretern der politischen Parteien, das sind die Geldgeber, die privaten und öffentlichen, die bestimmen die Richtung der Theater. So verderben viele Intendanten oder verlassen die Bühnen, die unabhängige Lenker brauchten, die führen, statt daß sie gestoßen oder geschoben werden wollen. Kunst verträgt keine Kompromisse gegen das schlagende Menschenherz!
Die Parteipolitik hat noch mehr als die Not unser Theater gebeugt, statt daß sie von der dramatischen Kunst lernte: man darf nur einseitig sein im Geringen, wenn man einig ist im Großen. Die Tatsache, daß sich einseitige Politik als "Kulturpolitik" im Theater überhob, ist nicht zu leugnen, aber sie ist zu ändern.
Unser Volk, unsere Jugend tragen große und ehrliche Sehnsucht, es ist gleich einem Verbrechen, diese Sehnsucht von Theaterabend zu Theaterabend zu betrügen, zu enttäuschen, zu verführen. Kleist fand in seiner Zeit keine Anerkennung, denn da wurde erst wieder mal deutsche Einigung, dann wurde unsere Bühne, heute ist sie gewesen, wie die Einigkeit in allzuvielen zerstörungslüsternen Köpfchen; ich sagte nicht "Köpfen".
Unser Theater muß wieder eine Angelegenheit der Nation werden, nicht der Unfähigkeit, des flachen Erwerbstriebes, nicht der Spekulation, des Abreagierens von Unfähigkeiten ethischer Art, auf Kosten der Gesamtheit.
Unsere Bühne muß wieder zur Weihe erhoben werden, zum Gottesdienst, der stärkt, welcher das Volk gegen die aufruft, die ihre Pflicht gegen das Gemeinsame vergessen. Theater ist, wie jede Kunst, Weihe, ist Dienst am Göttlichen. Der große Dichter ist stets religiös, die Schaubühne hat eine Art weltlicher Kirche zu sein. In wahrer Kirche wird der Streit des Tages gebeugt. In der Kirche geziemt Demut unter die Weltenlenkung, nicht Rechthaberei von kindischen Justamentern, die selbst, wenn sie Richtiges vorhaben, es falsch wie dumme Auguste vollziehen. Das Ziel, dem der Dichter dient, ist Gott, ist die kosmische, harte und daher segensreiche Gesetzmäßigkeit, ist das uns unerbittlich Gemeinsame auf unserem Wege, den wir nur schöpferisch zu schreiten vermögen, wenn wir uns alle, ohne Ausnahme, als Lebenskameraden empfinden, die durch Verstehen die Ruhe der Herzen gewinnen.
Diese heroische Ruhe suchte Heinrich von Kleist, darum verkannte ihn seine Zeit, darum lächeln sicherlich viele überlegen über unser heutiges hochgestimmtes Zusammensein. Wir wollen sie grinsen lassen, es sind armselige Brüder, welche die Zukunft gewaltig und recht verdient, hoffentlich bald, zertreten wird. Dann werden wir endlich eine Nationalbühne haben und eine zeitgenössische dramatische Dichtung - statt Schneiderei G.m.b.H.'s für genehmer tantiemeversprechende Theaterstückelei, die Tageserfolge gibt und die Seelen zerstört.
Heute werden Sie hohe dramatische Kunst erleben, eines unserer besten Volksstücke, durch Volk für Volk dargestellt, ein Märchen. Das Märchen ist die Realität des Geistes.
Das "Käthchen von Heilbronn" ist ein großes Kunstwerk, und doch, darum versteht es jeder. Denn das große Kunstwerk ist eben nicht Angelegenheit einer Sippe, einer Clique, es ist Angelegenheit des gesamten Volkes, von ihm empfangen, für es geworden, es trifft, spannt und entspannt unsere Herzen.
Und wenn Sie hier in Schwaben das Werk des großen Preußen aufführen als allgemein gültiges uns verbindend des Dichtwerk, so seien Sie sich mit aller Inbrunst darüber klar, daß es noch immer eine deutsche Nation gibt, die weiterlebt.
Es wird soviel davon geredet, wie es besser mit uns werden soll, wie wir der eigenen und fremden Fesseln ledig werden können. Treten Sie das deutsche Gefühl nicht mit Füßen - dann ist das neue Reich da! Es hebt nicht mit äußeren Gebärden an, es wird nur durch uns selbst - in uns!
(Abgedruckt in: Walter von Molo: Zwischen Tag und Traum. Gesammelte Reden und Aufsätze. Berlin, Wien, Leipzig: Zsolnay 1930. S. 35-48)