Im Deutschen Theater

"Das Käthchen von Heilbronn"

In: Völkischer Beobachter, Nr. 40, 9. 2. 1942, S. ?

Es gibt bestimmt eine Menge Leute, die vor diesem Kleist Platzangst haben. Ein Ritterschauspiel! Ein problematisches Werk! Ein Original-Feuerzauber! Wohl gar ein Stück der romantischen Ironie!

Es ist aber ausgemacht, daß das Schadhafte an dieser Dichtung vom falschen Rat guter Freunde herstammt, die Kleist empfahlen, auf die Zeitforderungen der damaligen Bühne Rücksicht zu nehmen. Heute ist, wie die Dinge liegen, nur eine Inszenierung möglich, die in Kauf nimmt, was am "Käthchen von Heilbronn" ritterliches Zauberstück ist, ohne es zu ironisieren, um dafür um so mehr den natürlichen Humor bloßzulegen, der diesen klirrenden Zeughaushelden mitgegeben ist. (Denn es ist eine alte Sache: Ironie und Humor sind zweierlei.) Um so schöner wird dann das Traumspiel hervortreten, das diese Dichtung mit märchenhafter Kindlichkeit durchzieht. Je naiver eine solche Inszenierung ist, desto besser wird sie sein.

Dies gerade ist der Ruhm der gestrigen Aufführung am Deutschen Theater, die Bruno Hübner zustande brachte - rührend ohne Rührseligkeit, naiv ohne Einfalt, humoristisch ohne Ironie. Kleist liebte die Traumszenen, nicht weil er Vorlesungen über nachtwandlerische Hellseherei gehört hatte oder Psychoanalyse trieb, sondern weil er das Zeitalter der kritischen Vernunft durch eine zauberhaft und wunderbar einfache Wahrheit beschämte: Daß das Herz sagt, was der Kopf nicht wissen will.

Dies ist das Geheimnis seiner unvergänglichen Wirkung: Es ist aber auch das Geheimnis dieser Aufführung.

Das Bühnenbild (von Ernst Schütte) ist denkbar einfach: Ein Rahmen für das Proszenium, die Guckkastenbühne dahinter, von Fall zu Fall einige Versatzstücke und schließlich ein Prospekt für Wald oder Kemenate, für Heilbronn oder Worms. Angestrebt ist die Einfachheit der romantischen Maler, angestrebt ist die herzhaft Idylle von Karl Phillip Fohr oder Moritz v. Schwind. Der Schloßbrand vollzieht sich ohne große Knalleffekte. Die Szene am Holunderbusch hat die zärtliche Bescheidenheit einer Kinderzeichnung. Dies, scheint mir, ist genau das Richtige für das Wesen dieser Dichtung, die weniger aus dem Feuerzauber opernhafter Wirkungen lebt als aus der Leuchtkraft des Wortes. "Still, aber prächtig", heißt es vom Käthchen von Heilbronn. Es ist auch der Tonfall der Inszenierung.

Bruno Hübner als Spielleiter präsentiert nicht seine Einfälle, sondern das lautere, unverstellte Werk in makelloser Weise. Es wird durch den Verzicht auf augenfällige Illusion nur reicher in seinem Wortschatz, nur leuchtender in seinem Wortsinn. Gleich zu Beginn vor dem Femegericht, diesem Meisterstück eines dialektischen Kreuzverhörs, klingt das Wort spürbar auf, das dann bis zum Schluß vor Augen steht: "Zuvörderst müßt ihr wissen, ihr Herren, daß mein Käthchen Ostern, die nun verflossen, fünfzehn Jahre alt war, gesund an Leib und Seele wie die ersten Menschen...ein Kind recht nach der Lust Gottes, das heraufging, am stillen Feierabend meines Lebens wie ein gerader Rauch von Myrrhen und Wacholdern." In Berlin war lange Zeit keine Aufführung des Stückes so allein dem Worte des Dichters anvertraut wie diese.

Elfriede Kuzmany ist das Käthchen, Ewald Balser der Graf von Strahl, jene der "holde Gast" nach dem kleistischen Wunschbild, ein Landkind, das in seiner Scheu und Scham mit unbeirrbarer Zutraulichkeit am Traumbild seines "hohen Herrn" hängt; dieser der beste Sprecher, den man sich heute denken kann, wenn es darauf ankommt, die Rolle mit Takt, Herz und Schalk darzubieten. Eva Lissa macht die am meisten zur Märchenschablone gewordene Hexe Kunigunde wieder glaubhaft durch die kaltherzige Schönheit einer bösen Fee. Prächtig geraten in seiner Verlegenheit und in seinem Schalk ist der noble Kaiser Robert Taubes; mit schöner Leidenschaft und Wärme gibt Hans Jungbauer (der Empedokles des Deutschen Theaters) nun auch den Vater Theobald. Otto Woegerer und Peter Mosbacher (Rheingraf und Freiburg), verhelfen dem Humor zur Geltung. Friedrich Maurer ist der redliche Gottschalk.

Den vielen, vielen anderen ein Gesamtlob. Es ist eine Wohltat, wie scheinbar ganz unbemüht und natürlich von allen Prosa und Vers gesprochen wird.

Wolfgang Zeller schrieb eine sanfte Zwischenaktmusik im Volksliedton.

Dies ist einmal die Gelegenheit, zu sagen, daß es in Berlin unter vielen gleich strebenden Theatern zwei ebenbürtige gibt, die einen Kontrapunkt bilden. Ist es die Art des Staatstheaters, mit dem Scheidewasser des Verstandes alle falsche Romantik auszutreiben, so bewährt sich das Deutsche Theater durch die spürbare Herzlichkeit, die seine schönsten Aufführungen von Kleist bis Raimund begleitet.

Der Beifall nahm alle Grade des Jubels an. Vorhänge über Vorhänge für eine prächtige gemeinsame Leistung.

Dr. Richard Biedrzynski
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