Ein "großes historisches Ritterschauspiel" hat Kleist sein "Käthchen" genannt. Auf dem Zettel des Deutschen Theaters ist davon nur das Schauspiel geblieben. Mit einigem Recht. Historisch war diese Dichtung nie, außer daß die festgefügte Welt des Mittelalters, in der ein Ritter ein Waffenschmiedstöchterchen ehelichen kann, Rahmen und Rückgrat des Geschehens abgibt (Ernst Schütte hat auch den rasch sich wandelnden Bühnenbildern einen stehenbleibenden mittelalterlichen Vordergrundrahmen gegeben). Die Ritter rasseln vom verliebten Grafen Wetter vom Strahl bis zum rasenden Rheingrafen vom Stein zwar richtig und tüchtig mit Rüstung und Schwertern, aber Staub wirbeln sie nicht auf: es sind lauter lebendige Kerle, blutvolle Menschen, Kleistische Menschen eben, mit ihrer ganz aus dem Gefühl geborenen Sprache. Und wenn Heinrich v. Kleist hier einmal, im Gegensatz zur strengen Architektonik seiner anderen Dramen, sich ein wenig gehen läßt, wenn er einem größeren Publikum zuliebe alle möglichen Elemente gemischt hat, ein bißchen von Goethes "Götz" wie von Schillers "Jungfrau" und dazu eine kräftige Portion Wiener Barocktheater und Zaubermärchen, so trägt doch jeder Satz und jeder Vers den unverwechselbaren Stempel dieses Dramatikers ohnegleichen.
Ein Märchen ist dies Schauspiel, und der Regie Bruno Hübners läßt sich nichts Besseres nachrühmen, als daß sie das Stück ganz und rein als Märchen spielen läßt. Auch der geflügelte blondlockige Cherub erscheint, der das bis in den Traum treue, zu jedem Dienst bereite Käthchen aus den Flammen des einstürzenden Schlosses der Giftmischerin Kunigunde unversehrt hinausgeleitet. Wenn da Graf Strahl erschüttert ausruft: "Nun, über Dich schwebt Gott mit seinen Scharen!", so springt der Sinn dieses wundersamen Märchens wieder unmittelbar in die Augen: selig zu preisen die, die reines Herzens sind und fähig der bedingungslosen Hingabe an den einen, dem ihr Herz gehört. Eine kleine Heilige hat man das Käthchen genannt, ja, ein katholischer Kleist-Forscher glaubt in ihr gar das Schwesterchen der himmlischen Madonna sehen zu sollen. Aber diese süße Heilige ist kein himmlischer Engel, ihr reines Herz liebt zugleich mit heißer Erdensinnlichkeit, und wenn sie schließlich am Tage der Hochzeit mit dem Grafen auch noch zur Kaiserstochter und also zur "standesgemäßen" Braut aufsteigt, so stört uns das heute nicht, wie etwa noch den in diesem Punkte allzu "demokratisch" empfindenden Hebbel; wir gönnen diesem Urbild reinster weiblicher Hingebung gerne jede Erhöhung.
Oh, Kleist wußte wohl, es gibt auch andere Frauen, königliche Weiber, die den Mann vielleicht stärker zu reizen vermögen, weniger zur Hingabe, zum Dienen geboren als zum Handeln und Herrschen, und er hat in Penthesilea den herrlichsten Typ dieser Frauen gestaltet, deren Liebe freilich tragisch überschattet bleibt, wenn sie, wie Penthesilea den Achill, einen Mann lieben, der sein Herrscherrecht so wenig aufgeben will wie sie selber. Das Zerrbild diese Typs ist im "Käthchen" die verlogene Weltdame Kunigunde mit ihrer künstlichen Schönheit. In den Gestalten der Penthesilea und des Käthchen aber hat Kleist den ganzen Umkreis des Geschlechterkampfes und der Liebe umrissen und das tiefe Wort dazu gesagt, wer das Käthchen liebe, dem könne die Penthesilea nicht ganz unbegreiflich sein; sie seien ein und dasselbe Wesen, nur unter entgegengesetzten Beziehungen gedacht...
Zwischen dem Himmel Käthchens und der mit falschem Schein lockenden Hölle Kunigundens steht Ewald Balsers Graf Strahl recht als ein Mann, der gehörig mit dem Schwert dreinschlagen kann, der aber gleich sein Selbstgespräch im Gedenken an Käthchen auch mit so echter Inbrunst und Zärtlichkeit zu sprechen vermag, daß man sich sagt: das ist Liebe! Der dabei auch großer Junge genug ist, um zunächst noch auf Schminktopf und Schnürbrust der Kunigunde hineinzufallen - für die Eva Lissa zwar zuviel echte Jugendreize mitbringt, der sie aber eine hitzig irrlichtilierende Verworfenheit gibt. Tiefer als alle Schönheit aber rührt und erschüttert Elfriede Kuzmanys junges Käthchen, weil sie so ganz Kind und von allerletzter Schlichtheit ist, leise wie der Atem des Waldes und immer gleichsam wie in einer fremden Welt erwachend, wenn man sie aufstört aus dem sicheren Traumwandel auf das eine Ziel ihrer Liebe zu. Hanna Ralph mit kluger und schöner Überlegenheit des Grafen Mutter, Robert Taube der gütig-verschmitzte alte Kaiser, Otto Woegerer ein sehr ergötzlich tobender Rheingraf, Hans Jungbauer als der Waffenschmied, ein besorgter Vater und wilder Ankläger zugleich, Friedrich Maurer ein freundlicher alter Gottschalk. Viele vortreffliche Leistungen außerdem. Man ging aus der Vorstellung wie aus einem Jungbrunnen und gelobte sich, Kleists Heilbronner Mädchen die gleiche Treue und Liebe zu bewahren wie seiner Amazonenkönigin Penthesilea.
Carl Weichardt