Im wiedereröffneten Deutschen Theater treffen alte, nun schon theatergeschichtlich geweihte Räume einen neuen milden Glanz empfangen haben, der den ernsten Eindruck nicht beinträchtigt, war gestern ein großer Teil des geistigen Berlin versammelt, um der ersten Darbietung der neuen, aber nicht unbewährten Direktion Reinhardt teilnehmend und prüfend zu folgen. Man gab Kleists "Käthchen von Heilbronn" in einer von der neuen Pfitznerschen Musik umrahmten und mit malerischen Effekten ausgestatteten Aufführung, die manches Schöne und Duftige bot, wenn auch nicht alle "Blütenträume" der Dichtung in ihr "reiften". Die szenische Bilderfolge war ungleichmäßig, bald eigentümlich und fein gestimmt, bald, wie in der Szene des Brandes, skizzenhaft und unvollkommen. Die Bearbeitung brachte etwas Neues, die Szene vor der Badegrotte, schnitt aber an anderen Stellen in das Fleisch der Dichtung. In den beiden Hauptrollen hatten Hr. Kayßler und Frl. Höflich glückliche Momente; aber beiden fehlte Wesentliches, um allen "ersten Regungen", der ganzen Fülle von Naivität, die in den Charaktern geborgen liegt, gerecht zu werden. Immerhin ging Frische der Auffassung durch das Ganze, das zwar keinen hinreißenden Eindruck machte, aber die Stimmung nicht sinken ließ. Nach der Szene am Hollunderbusch wurde Reinhardt mit den Darstellern gerufen.
A. K.