"Käthchen von Heilbronn" im Deutschen Theater

In: Berliner Tageblatt. Berlin. 20. 10. 1905

L. S. Für die Aufführung des Kleistschen Schauspiels war auch die Tonkunst zur Mitwirkung herangezogen: Hans Pfitzner hat außer dem Hochzeitsmarsch, den die Handlung verlangt, ein Intermezzo zur Verbindung der beiden letzten Szenen und eine Ouvertüre geschrieben. Die drei Stücke schienen mir in der Empfindung nicht sonderlich glücklich und recht unpraktisch angelegt. Der Zweck solcher Schauspielmusiken verlangt einheitlichere Stimmungen, wenige, aber deutliche und charakteristische Linien. Immerhin, wenn man sich für diese Musik entschied, hätte man sie auch mit entsprechenden Mitteln aufführen müssen. Eine Schauspielbühne kann sich kein Symphonieorchester halten, aber die Instrumente können wenigstens richtig eingestimmt sein. Was man zu hören bekam, war die reine Jahrmarktsmusik und stand zu den künstlerischen Traditionen des Hauses in schreiendem Widerspruch. Unter diesen Umständen läßt sich ein eingehendes Urteil über die Arbeit Pfitzners vorläufig nicht fällen. Für ganz und gar verfehlt halte ich den neugeschaffenen verdeckten Orchesterraum. Ganz abgesehen von dem schwachen Streicherchor, mit dem nan doch immer rechnen muß, wird sich selbst in melodramatischen Szenen der abgedämpfte Klang meist als vom Übel erweisen und die beabsichtigten Wirkungen für musikalische Ohren nur schädigen. Aber die Mode muß nun einmal mitgemacht werden, gleichviel, ob sie am Platze ist oder nicht. Und das ist doppelt schade, weil das Haus in der Schumannstraße noch zu den alten, intimen Räumen gehört, die eine wirklich gute Akustik haben.


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