Deutsches Theater.
Das Käthchen von Heilbronn

Ritterschauspiel in 5 Aufzügen von Heinrich von Kleist

In: Vossische Zeitung. Berlin. 24. 12. 1885

Das Deutsche Theater hat seinem Repertoire jetzt auch das "Käthchen" eingefügt und man darf wohl hoffen, daß im Verlaufe der Zeit die "Hermannsschlacht" noch hinzukommt, die Reihe der bühnengängigen Dramen Kleist´s zu vervollständigen. Wie man es erwarten durfte, ist die Regie mit dem Texte Kleist´s sehr schonend umgegangen: nur wenige Szenen sind weggeblieben und im Dialog nur geringe Striche vorgenommen. Auch jene charakteristischen Stellen, wo Kleist´s träumende Sinnlichkeit prächtig glänzend hervorbricht, sind verständiger Weise erhalten worden. Eine starke Zusammenziehung findet sich nur am Schlusse des vierten und am Beginn des fünften Aktes; die Ereignisse folgen sich dadurch mit fast zu gewaltsamer Schnelle: an die Scene vor der Badegrotte schließt sich das Gottesgericht unvermittelt, ohne Niedergehen des Vorhangs an. Hier ist auch leider Tieck´s fataler Einfall stehen geblieben, der aus dem Theobald den Großvater Käthchen´s macht; eine Aenderung, welche die Peinlichkeit des Verhältnisses um nichts mindert und die Gestalt des Waffenschmieds entstellt, indem er den sehnigen Vierziger zu einem gebückten Greise macht. Kleist gegenüber darf man nicht peinlich sein, denn ganz kommt man über die Seltsamkeiten doch nie hinweg.

Daß die Regie die Handlung in den Anfang des 16. Jahrhunderts verlegt, dagegen möchte man sich anfänglich gerne wehren; die himmelblaue Romantik des Stückes scheint dazu nicht zu passen. Aber die Freude der Augen überwindet rasch die Erinnerung an die Schulbank; die Tracht des späten Mittelalters ist eigentlich gar zu häßlich. Und hier war in Formen und Farben, Stoffen und Waffen ein Reichtum aufgewendet, der eigentlich seinen besonderen Artikel verdiente: der Kostümschneider war so erfinderisch gewesen, als ob es sich um die dümmste Feerie handelte. Dekorationsmaler und Maschinist waren nicht zurückgeblieben; u. A. hatten sie einen wirklichen Bach geschaffen, über den Flüchtende und Verfolger setzten. Besonders schön war die Berglandschaft vor dem Kloster, wie das Bild eines alten Italieners und der Winkel an der Schloßmauer, "wo im Hollunderbaum der Zeisig nistet."

Die Ehren des Abends hatte Frl. [Agnes] Sorma. Die junge Schauspielerin, die man sich fast nicht anders denn als Salonliebhaberin denken kann, überraschte durch die Naturwüchsigkeit die sie dieser Rolle gab. Wenn sie mit blitzenden Zähnen lachte und langsam die erstaunten Augen aufriß, dann erinnerte sie an die prächtigen Bauernmädchen Hans Dahls. Dadurch hatte ihr Käthchen einen ganz eignen Zug, der sie scharf von den landläufigen Naiven unterschied. Neben ihr stand in erster Linie Herr Förster; der Knappe Gottschalk mit seiner onkelhaften Zärtlichkeit liegt der breiten Vortragsweise, die Herr Förster liebt, ungewöhnlich günstig. Nennen wir noch Herrn Höcker als Theobald, so sind die künstlerischen Leistungen des Abends erschöpft. Die übrigen Rollen waren zumeist sogenannte "anständige Leistungen". Herr Sommerstorff als Graf Strahl besaß Lebhaftigkeit und Feuer, aber man vergaß in ihm doch nie den Schauspieler. Belustigend war Herr Schönfeld in der Episode des Rheingrafen, dessen Scenen überhaupt von der Regie mit besonderer Liebe ausgearbeitet worden waren.


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