Aus: Theaterblatt Nr. 51, März/April 1991. Herausgeber: Theater Heilbronn
"Das Käthchen von Heilbronn", das "unmögliche" Stück von Heinrich von Kleist, das von Engeln, Hexen und Besessenen handelt, von Menschen, verkleidet als Ritter, Fürsten, Burggrafen, von Bürgern einer mittelalterlichen Stadt, von den Umwegen und von der schließlichen Möglichkeit einer erfüllten absoluten Liebe, einer Liebe, der man nicht entgeht, wird im Moskauer Winter 1991 zum ersten Mal in der Sowjetunion vorgeführt. Und begriffen. - Weil so viel Unbegreifliches geschieht im Stück? In der Stadt? Im Land? Wie dem auch sei, das Stück gibt ein Bild, - von dem verqueren Dichter Kleist vor hundertachtzig Jahren geschrieben , das die Lebenserfahrung und Wirklichkeit von heute aufzeigt. Es beschreibt, es macht auf dem Theater in Moskau offensichtlich erlebbar, was in der Wirklichkeit unverständlich, schmerzlich und so unsinnig an diesem Moskauer Winter ist.
Klaus Wagner"Das Käthchen von Heilbronn" - Eine deutsche Komödie?
Wenn heutzutage ein Autor -Tankred Dorst etwa - einigen Theaterleuten den Kleistschen Text des "Käthchen von Heilbronn" als seinen eigenen zu lesen gäbe, sie würden die Vorlage sicher alle für eine Komödie halten: für einen bitteren Spiegel unseres Lebensgefühls in mittelalterlichem Gewand - wie etwa "Merlin" oder wie der im letzten Jahr erschienene "Karlos". Es ist wahr, das Stück handelt vom Stoff, aus dem Komödien sind, und es bedient sich ihrer Mittel. Der unbedingten Liebe zum Sieg zu verhelfen, wird da erzählt - dazu bedarf es einer fast unüberschaubaren Häufung von abstrusen Zufällen. Eigentlich kann nur ein Märchen eine solche Fülle von Unwahrscheinlichkeiten bereithalten. Und die Menschen in diesem Stück müssen das Unerwartbare denken, fühlen und tun, damit zuletzt - gerade noch - das gute Ende erreicht wird. Auf dem Weg zu diesem Ende bleiben Zerstörung, Enttäuschung und Verzweiflung zurück, und der endliche Schluß ist eine etwas platte Pointe. So liest sich heute das "Käthchen von Heilbronn".
Keine Übereinkunft erfüllt sich, kein Gefühl erfüllt seine Bestimmung, alles ist verdreht - auf den Kopf gestellt , mehr noch: dem Auslachen preisgegeben. Wetter vom Strahl treibt das Käthchen mit der Peitsche aus seinem Leben hinaus, obwohl er eine Frau sucht wie sie. An seinen Schicksalstraum, der ihm die Braut gezeigt hat, erinnert er sich erst falsch, dann zu spät und immer mit äußerstem Mißbehagen. Seine schlimmste Feindin ist er zu heiraten bereit. Das Käthchen läßt er noch im Glauben, sie sei eine Brautjungfer für seine Hochzeit, nachdem er ihr schon seine ewige Liebe erklärt hat. Dieselbe ewige Liebe bringt den Burggrafen von Freiburg dazu, das Objekt seiner Liebe, die Gräfin Kunigunde, zu fesseln, zu knebeln und in der Ecke einer Hütte bewachen zu lassen. Der Kaiser schließlich erinnert sich seiner Liebesstunde mit Käthchens Mutter nicht einmal, als alle Welt schon von seiner Vaterschaft spricht, und er nur nachzurechnen bräuchte.
Alle Figuren machen sich lächerlich mit ihrer Ernsthaftigkeit; und sie wissen es und finden Vergleiche und Schlagfertigkeiten dafür. Strahl fühlt sich von Käthchens Liebe benutzt "wie der Affe die Pfoten der Katze benutzt“, Freiburg macht sich lustig über "die vier Zähne", die im Mund seiner Geliebten noch echt sind, der Kaiser will dem Engel zuliebe, der doch lieber im Himmel bleiben soll, seine Bänkeltochter anerkennen. Alle treiben am Schluß mit der Teufelin ein teuflisches Versteckspiel und paradieren vor der ohnmächtigen Wut der "Giftmischerin". Was für ein Schluß ist das - der die Publikumsvorliebe für Happy-Ends und Schadenfreude wider alle Erwartbarkeit als Tableau zitiert?
Das Stück ist bevölkert mit Leuten, die ständig gegen ihre Vorbestimmung handeln, gegen alle logischen Gesetze. Immer wieder geschieht das Unerwartete, und daß es geschieht, ist logisch, einfach weil in diesem Stück keine anderen Gesetze gelten, als die es selbst sich schafft: Der Rheingraf vom Stein z. B. legt Feuer an die Burg der Gräfin Kunigunde, für die er gerade noch in den Krieg ziehen wollte und die man ihm weggeschnappt hat - weil die das Kriegsziel nun auf andere, buhlerische Weise zu erreichen sich anschickt. Mit blutigem Schädel zieht er heim. Aber sein Überfall hat erreicht, daß dem Grafen vom Strahl die Bosheit seiner Braut vor Augen geführt wurde. Dieses Muster kehrt in der Handlung immer wieder. Die Logik kehrt sich um und kommt zum Ausgangspunkt zurück.
Dieses zu Beginn des 19. Jahrhunderts geschriebene Stück handelt von Verdrängungen, von Gedächtnislücken, führt einen Jähzornigen vor, der zehn Sätze später nicht mehr weiß, was er in seinem Anfall getan hat, spielt in einer Szene mit dem Phänomen der traumwandlerischen Wachheit im Schlaf, alles, als wäre Sigmund Freud hundert Jahre früher geboren. Nichts beschreibt den Zustand der Verdrängung, auf den er seine Neurosen zurückverfolgt, besser, als der Traum vom Cherubim, der die beiden Hauptrollen schicksalhaft aneinanderkettet. Sogar die Irrtümer seiner Theorie hätte Freud schon bei Kleist nachlesen können. Kleists Lebensgefühl scheint sich mit unserem heutigen zu mischen und beide tauchen in der Historie auf. Nichts, was wir zuzuordnen gewohnt sind, paßt. Was bezweifelt wird, ist, scheint es, unsere Zuordnung.
Keine Figur in diesem Stück glaubt an den Teufel und Teufelszauber, aber mit Teufelszauber erklären die Figuren sich, was sie nicht akzeptieren wollen. Keiner glaubt an die Kirche oder an religiöse Normen, aber ihre Reflexe sind edel und keusch bis zur Marotte. Keine Macht kann sie fesseln, außer das eigene Gutdünken, aber ihre Gedanken treiben immer wieder zu dem Punkt, wo man sich selber mißtrauen muß. Ihre Gefühle sind voller Verachtung, Verzweiflung und Gottlosigkeit. Sie haben keine Heimat, sie streifen umher. Nicht einmal in ihren Funktionen sind sie zuhause: Als Ritter ist Strahl nicht zu verstehen, als Bürgerkind nicht das Käthchen, und Kunigunde gar muß der Hölle oder den Vampiren zugeordnet werden, damit die weibliche Besitzgier und Herrschsucht dieser Figur zu verstehen sind.
Alles vermischt sich. Im Märchen steckt das ironische Menschenbild, im Drama lugt die Komik durch die pathetischen Ritzen, in der Psychologie hat die Fragwürdigkeit ein breites Feld, im Absurden steckt die Logik.
Eigentlich nur eine Figur ist unbeschädigt, und es ist gerade die, die am altertümlichsten erscheint: Theobald Friedeborn, der um seine Liebe doppelt betrogene Vater, benimmt sich in allem wie die Väter heute, denen die Töchter in Abenteuer und ins gesellschaftliche Aus davonlaufen. Daß er das - absolut unpassend - auch noch im Harnisch verkörpern muß, wenn er vor dem Kaiser den Verführer seiner Tochter zum Gottesurteil herausfordert, ist wiederum nur eine ironische Sottise.
Überhaupt werden die Konstruktionen des Stückes bis ins Grelle verfolgt. Kunigunde wird im Bad von Käthchen überrascht, und in Käthchens Entsetzen spiegelt sich, wie Kunigunde wohl ungeschminkt aussehen muß - und damit nicht genug: die Überraschte erscheint ohne Korsett und sucht nach Gift im Namen der Pest und der Verwesung. Die brennende Burg derer von Thurneck stürzt auf offener Szene zusammen, und damit nicht genug: zwischen den Trümmern erscheint unversehrt das Käthchen, beschützt von einem leibhaftigen Cherubim. Briefe müssen gewechselt werden, damit die Handlung weitergeht, und damit nicht genug: wir sehen der Verwechslung zu, und der Rheingraf fragt ausdrücklich, ob die Briefe nicht verwechselt seien. Kidnapping wird vorgeführt, und die Entführte kommt vom Regen in die Traufe, als Strahl sie befreit - damit nicht genug, ist Strahls erster Satz: "Da kommt Ihr vom Regen in die Traute". Und gar das unselige Futteral, in dem die staufersche Schenkung verborgen ist und das das Käthchen dem Feuer überlassen hat! Es muß in der Asche wiedergefunden werden, damit Kunigundes Bosheit noch einmal offenkundig wird.
Wahrhaftig, es geht komisch zu in diesem innigen, ernsten Stück. Ich wollte, man könnte das dem Publikum zeigen. Das eine und das andere.