Vision in Preußen: Carsten Bodinus inszeniert Kleists "Prinz Friedrich von Homburg" im Theater Heilbronn

Ein Fall von Wunsch und Wirklichkeit

Von Claudia Ihlefeld

Weil niemand kriegt, was er sich wünscht, braucht jeder seine höchstpersönlichen Roman darüber, wie das Leben auszusehen hätte. Da man begehrt, weil man nicht hat, schreiben wir unser Drehbuch für den Alltag selbst. Geschichten von modernen Helden, die wir gerne wären, um die schäbige Wirklichkeit zu ummänteln. Doch Hand auf s Herz: Wenn man bekäme, was man sich wirklich wünscht, man würde auf der Stelle mit dem Leben aufhören.

Heinrich von Kleist hat vor bald 190 Jahren das Drama "Prinz Friedrich von Homburg" geschrieben und den Konflikt zwischen Wunsch und Wirklichkeit als Spiel auf die Bühne gebracht. Als sein Homburg am Ende die Frau, die er begehrt, bekommt, samt Lorbeerkranz und Fürstenkette, kann er's nicht glauben. "Ist es ein Traum?" "Ein Traum, was sonst", so die Antwort. Dünnes Eis über dem Abgrund der Welt: Wenige Zeit später scheidet Heinrich von Kleist freiwillig aus dem Leben.

Carsten Bodinus hat das Schauspiel über den Prinzen von Homburg für das Stadttheater Heilbronn inszeniert. Am Samstag war im Großen Haus Premiere der Beinah-Tragödie über den preußischen Sproß, der, aus seinem Traum von Macht, Ruhm und Liebe herausgerissen, seine Vision vom Glück ins Leben rüberrettet, was zwangsläufig zum Konflikt führt: mit der Realität, dem Gesetz, mit der Staatsraison.

Der Fünfakter fußt auf der historischen Schlacht von Fehrbellin 1675, die Preußens Vormachtstellung stärkt. Grundstein für die spätere Großmacht. Voreilig hatte sich Homburg, General der Reiterei, in den Kampf gegen die Schweden gestürzt. Zwar siegen die Preußen, doch der Prinz hat gegen den Befehl seines Fürsten gehandelt. Kleists Quelle: Die "Mémoires pour servir à histoire de la Maison de Brandebourg" von Friedrich II, die den Fall Homburg zum staatspolitischen Exempel statuieren. Es geht um Disziplin und Gehorsam, Läuterung und Gnade. Der Dichter aber geht weiter: Um das politische Drama gruppiert er die Tragödie seines Helden, die somnambule Welt des Prinzen, aus der dieser den Antrieb für sein Handeln in der Wirklichkeit erhält. Gefühle und Visionen als Motor unserer Existenz? Wie unschuldig kann man den Prinzen von Homburg heute auf die Bühne bringen?

Carsten Bodinus hat sich für eine traditionelle Inszenierung entschieden. Seine Lesart ist die von der reinen Vision des Prinzen: der Traum von der erträumten Wahrheit. Und das klappt bis zur Pause. Ein spannungsreiches, fast heiteres Spiel in historischen Kostümen auf der Bühne, die Thomas Richter-Forgàch als Freitreppe eingerichtet hat, die, mal ansteigend, mal aufsteigend, den Weg in den Olymp oder ins Grab weist. Je nach Standpunkt. Oliver Meskendahl als Homburg wirkt wie eine Lichtgestalt im weißen Taucheranzug. Ein bißchen Messias, ein bißchen Michael Jackson, gibt er den Prinzen als selbstbewußten Stürmer und Dränger, der weiß, aus welch edlem Stall er kommt. Eva Meiers Natalie, eine zarte Prinzessin, zeigt durchaus Durchsetzungsvermögen. Und der Kurfürst Friedrich Wilhelm von Johannes Bahr trägt noch in seiner Empörung über Homburgs Mißachtung des Befehls sympathische Züge. Obwohl er den Prinzen vor ein Militärgericht stellen wird, das ihn zum Tode verurteilt.

Bodinus Regie ist leicht, das Ensemblespiel läuft Hand in Hand, es gelingen stimmige Bilder und kurze, witzige Momentaufnahmen. Etwa als der Feldmarschall (Odo Jergitsch) wie in der Grundschule den Offizieren den Schlachtplan in den diensteifrig gezückten Block diktiert, während Pennäler Homburg nicht aufpaßt. Trotzig-rotzig erklärt er später Graf Hohenzollern, den Ralph Hönicke herrlich pragmatisch gibt, warum ihn der Kurfürst begnadigen muß. Ganz einfach: "Ich denk's mir so". Soldatenspiele als Bubenstück: Obrist Kottwitz (Thomas Braus) und die Grafen, Rittmeister und Offiziere verhelfen dem Kind im Manne zu starken Aufritten an diesem Abend. Während die Kurfürstin (Sigrid Ganz) der Hofetikette genügt

Fad wird es erst nach der Pause, wenn die Regie treu am Kleistschen Zeitgeist kleben bleibt. Wie die eigentliche Tragödie transportieren, den Gewissenskonflikt zwischen individueller Selbstbestimmung und Staatsraison? Bei Kleist wird der angeklagte Homburg sein eigener Richter, erkennt, bereut und wird begnadigt.

Mit "Heil, Heil dem Sieger von Fehrbellin"-Geschrei kippt Preußens Elite in Heilbronn einen gehörigen Kübel an schwülem Pathos über die politische Legende.

Heilbronner Stimme, 7. Dezember 1998
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