Kann man "Vision pur" spielen, ohne als weltfremd zu gelten? "Man muß", sagt Carsten Bodinus.
Der Regisseur, Kleist-Fan, Verfechter der Notwendigkeit von Utopie und klassischer Texte, ist Sprachpurist und inszeniert mit "Prinz Friedrich von Homburg" Kleists letztes Drama am Stadttheater Heilbronn. Wenige Wochen später gab sich der Dichter die Kugel: Morgen, Samstag, 19.30 Uhr, ist im Großen Haus Premiere des Stückes, das Heinrich von Kleist zwischen 1809 und 1811 geschrieben und der Prinzessin Amalie von Preußen gewidmet hat, einer Nachfahrin des Prinzen von Homburg.
Der Hof allerdings wollte von dem Theater nichts wissen, untragbar für Preu?ens Gloria eine Szene, in der der Prinz und Soldat weint vor Angst. Erst 1821 und im fernen Wien am Burgtheater kommt es zur Uraufführung des Fünfakters, der auf der historischen Schlacht bei Fehrbellin basiert.
Der schlafwandelnde Prinz und General der Reiterei träumt von Macht, Ruhm und Natalie, der Tochter des Kurfürsten. In die nackte Wirklichkeit zurückgeworfen, bleibt ihm nur der Handschuh der Angebeten, den er ihr entreißen konnte. Nichts mehr ist wie vorher, steht Prinz Friedrich von Homburg nun somnambul zwischen Wunsch und Wirklichkeit: Mit einem Fuß im realen Leben, mit dem anderen in einem Traum vom Leben.
In der entscheidenden Schlacht gegen die Schweden stürzt sich der ungestüme Prinz eigenmächtig ins Kriegsgeschehen und mißachtet so den Befehl seines Fürsten. Trotz des Sieges über die Schweden läßt ihn Friedrich Wilhelm wegen Ungehorsam verhaften und vor ein Kriegsgericht stellen.
Als das Todesurteil gefällt ist, fleht Homburg die Kurfürstin an, sein Leben zu retten, und verzichtet auf Natalie, mit der er sich nach der schicksalhaften Schlacht verlobt hat.
Zwischen Gesetz, Gesetzesübertretung, Gewissenspein und Traum, individuellen Wünschen, Staatsraison, Freiheit des Einzelnen und Selbstbestimmung liegen die menschlichen Tragödien. Bei Heinrich von Kleist wird früher oder später immer irgendjemandem der Prozeß gemacht. Diesmal zerreißt der Kurfürst schlußendlich das Todesurteil. In einem Spiel im Spiel, der an den Anfangstraum anknüpft, bekommt der Prinz seine Prinzessin, erhält Lorbeerkranz und Ehrenkette und will Kleist den Konflikt lösen.
Carsten Bodinus, der in Heilbronn bereits "Kabale und Liebe" und "Zurück zum Happy End" inszeniert hat, will nicht die Brüchigkeit von Visionen problematisieren, er will Homburgs Vision als positives Schockerlebnis vorführen: Kleists Drama als Versuchsanordnung schwieriger Charaktere, da verortet Bodinus Qualität und Gültigkeit des Stücks.
Es spielen: Oliver Meskendahl (Prinz Friedrich von Homburg), Johannes Bahr (Friedrich Wilhelm, Kurfürst von Brandenburg), Eva Meier (Prinzessin Natalie von Oranien, seine Nichte), Ralph Hönicke (Graf Hohenzollern), Thomas Braus (Obrist Kottwitz), Sigrid Ganz (Kurfürstin). In weiteren Rollen: Dominique Bals, Wolfram Ehrenfried, Günther Gross, Odo Jergitsch und Rolf Rudolf Lütgens. Ausstattung: Thomas Richter-Forgách.
Heilbronner Stimme, 5. Dezember 1998