Das Hohelied der Menschlichkeit

Carsten Bodinus inszenierte "Prinz Friedrich von Homburg"

Ds [Dieter Schnabel]

HEILBRONN. Einfach machte es sich das Theater Heilbronn bei seiner jüngsten Premiere gewiß nicht. Denn mit Heinrich von Kleists "Prinz Friedrich von Homburg" präsentierte man ein nicht einfach zu realisierendes, viele Deutungen zulassendes und in seiner Aussage umstrittenes Drama der deutschen Klassik. Carsten Bodinus setzte das Schauspiel in der Ausstattung von Thomas Richter-Forgách als Schicksalstragödie zwischen Traum und Wirklichkeit in Szene.

Manche machen es sich einfach: Sie zitieren den bekannten, letzten Satz des fünfaaktigen Schauspiels: "In Staub mit allen Feinden Brandenburgs", und folgern daraus, "Prinz Friedrich von Homburg" sei selbstverständlich ein Stück der Verherrlichung Preußens.

Und wenn sie dann noch die Rufe davor hinzunehmen: "Ins Feld! Ins Feld! Zur Schlacht! Zum Sieg! Zum Sieg!", so ist es natürlich auch noch ein Loblied des Militarismus.

Andere wiederum machen es sich auf eine andere Art einfach. Sie streichen kurzerhand den nicht in ihr Konzept passenden Schlußsatz, erinnern sich des kurfürstlichen Ausspruchs zu Beginn: "Fürwahr! Ein Märchen glaubt' ich's!", messen der Antwort des alten Kottwitz: "Ein Traum, was sonst?", auf des Prinzen Frage: "Ist es ein Traum?", eine das ganze Drama bestimmende Bedeutung zu und folgern daraus, "Prinz Friedrich von Homburg" sei lediglich ein märchenhafter Traum oder ein traumhaftes Märchen. Doch so einfach liegen die Dinge nicht.

Was das Schauspiel "Prinz Friedrich von Homburg" in Wirklichkeit ist, von dem Heinrich Heine sagte, es sei "gleichsam vom Genius der Poesie selbst" geschrieben, drückte vielmehr Wilhelm Grimm mit den Worten aus, die er über die Grundidee dieses Dramas schrieb: "Ich habe nirgends schöner die Macht des Gesetzes und die Anerkennung des Höheren, vor dem auch das Gesetz zerfällt, dargestellt gefunden".

Und eben weil dieses erst zehn Jahre nach des Dichters Tod, 1821 im Wiener Burgtheater uraufgeführte Schauspiel weder Preußens Gloria verherrlicht noch ein Loblied des Militarismus ist, sondern ein Hohelied der Menschlichkeit, hat es durchaus auch heute noch zu Recht einen Platz in den Spielplänen unserer Theater, nicht aber als historisierende Märchenerzählung eines träumenden Prinzen, der uns heute nichts mehr zu sagen hat.

Das zeitlose Moment des Dramas zeigte schon Thomas Richter-Forgách mit seinem Bühnenbild, einer aus grauen, von unten angeschwärzten Tüchern gebildeten Guckkastenbühne, mit einem Rundbogen im Hintergrund und einer Freitreppe davor. Trommler, aber ebenso Gesänge und die Musik von Nicolas Kemmer illustrierten das militärische Umfeld.

Am Ende waren es aber nicht alle, sondern nur der Kurfürst, der, während er das Todesurteil zerriß, den Satz "In Staub mit allen Feinden Brandenburgs!" sprach. Und das hatte durchaus seinen besonderen Sinn, gewann dieser Satz doch, nur von ihm gesprochen und in diesem Kontext, eine andere Bedeutung. Am Ende siegte die Menschlichkeit in der Wirklichkeit -Traum hin oder her.

Und so kam denn auch dem Kurfürst Friedrich Wilhelm eine Schlüsselstellung in dieser Schicksalstragödie zu. Folgerichtig spielte ihn Johannes Bahr nicht als sturen Befehlshaber, sondern als eine eher zweifelende, intellektuelle Majestät, der das Denken, aber auch Gefühle, nicht fremd waren.

In seinem Schatten stand Sigrid Ganz als etwas blasse Kurfürstin. Dagegen glaubte man der mädchenhaft-attraktiven Eva Meier die nicht nur passive, sondern auch aktive, mitfühlende und -denkende, tatkräftig-energische Prinzessin von Oranien.

Weshalb ihre Liebe allerdings dem Titelhelden gehörte, das war nicht für jedermann ohne weiteres zu begreifen. Denn Oliver Meskendahl als Prinz Friedrich Arthur von Homburg mangelte es nicht nur an Ausstrahlung, ihm gelang es auch nicht, das Zwiespältige im Charakter dieses Mannes transparent zu machen, der, wenn zuweilen auch nur passiv, jugendlicher Held und Liebhaber in einer Person, eigensinnig einerseits und in sein Schicksal ergeben andererseits, sein sollte.

Als "alter Krieger", als aufrechter Obrist Kottwitz, gewann Thomas Braus ebenso Profil wie Odo Jergitsch als martialisch-impulsiver Feldmarschall Dörfling, nicht zu vergessen, die charaktervollen Offiziere, Johannes Pfeifer als Graf Reuss, Wolfram Ehrenfried als Graf Truchss, Ralph Hönicke als Graf Hohenzollern, Rolf Rudolf Lütgens als Rittmeister von der Golz und Dominique Bals als junger Offizier. Sie alle trugen zum Erfolg der sehenswerten Aufführung bei.

Marbacher Zeitung, Marbach, 28. 12. 1998
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