Potsdam den 16. Aug. 1791
Wann die zärtliche Nymphe früh erwacht zur
blühenden Rose kommt, die, beträufelt vom Thau der Morgenröthe
lieblicher lacht, so schlägt ihr schneller das freudige Herz;
kehrt sie aber am Abend zurük, und sieht die Rose verwelkt,
ihre Blätter vom Winde verstreut, dann trauert sie und
troknet sich im Auge die Thräne. Schweigend setzt sie den
reinlichen Wasserkrug aus der Hand, läßt sich auf das Gras
nieder, und spielt mit ihren duftenden Locken, indeß ihr
blaues Auge schmachtend zum Himmel aufblickt, und die
Erinnerung herabwinkt. Nun sieht sie die Rose noch
als Knospe, in verhüllter Schönheit, wie sie selbst mit
treuer Hand der Aufkeimenden pflegt, die immer mehr ihr
reizendes Blatt entwickelt; sieht sich mit lüsternem Finger
die halb entfaltete Rose umfassen und näher dem Munde
ziehn; hört ein Flüstern im nahen Gebüsch, läßt die Rose
schießen, und verletzt am Dorn den zärtlichen Finger
flieht aber dennoch. Alles dies sieht sie; und die
Erinnerung
schenkt ihr bey der entblätterten Rose den Wiedergenuß
entflohener Freuden. Die Hofnung mahlt ihr im
kommenden Frühling die wieder Geblühte. Getröstet nimmt die
zärtliche Nymphe den Wasserkrug in die Hand; sieht auf die
Rose blühe blühe bald wieder!
sagt sie, und geht. Lina, süß ist
Erinnerung. Wessen Stirn ihre heilige Binde ziert, ist ein
Beglückter. Ich bin es, o Lina, denn hier auf diesem Zimmer sah
ich dich; zum letztenmal sah ich Dich, und las in deinem
scheidenden Blick selige Gewisheit Liebe.
Doch nicht hier sah ich dich nur. Nein! ich sah Dich unter
dem Schatten duftender Linde, in Gesträuchen des Hains,
im Getümmel der Menschen, im einsamen Garten, im
stilleren Zimmer, am vertraulichen Fenster. Lina, ich sah dich
nur einmal; seit ich zum erstenmal dich sah, seh ich Dich
immer. Dein Bild begleitet mich, wie im Mondesschimmer
der Schatten den Eilenden; unzertrennbar sind beyde.
Lächle Lina, daß mich heißer die Hofnung küsse; ach! sie
flüstert mir himmlische Worte ins Ohr soll ich
verrathen
Lina, was sie mir sagt? Nein! den Trost der
Hofnung wie den Seufzer der Liebe verschweig, o Jüngling: doch
fliehe, so oft du kannst, in den Schoos der Erinnerung. In
Augenblicke der Freude tauchen sich die Jahre des
Kummers; rufe jene zurück, und du wirst diese vergessen.
Rückblicke, die nicht schmerzen, sind Belohnung der Tugend,
sie entzücken.
Wie würde Friedrich staunen, beträt' er jezt die Welt? Wie würd' er sich freuen, die Nation die er zum Schosskinde sich wählte diese Nation zu sehn, wie sie mit himmelanstrebendem Haupte so andern Nationen ein Vorbild wird, als Friedrich ein Vorbild der Könige war? Wenig Könige können Friedrich nachahmen, wenig Völker den Franzosen. Größe nachahmen, ohne geprüfte Kraft, ist gefährlich; unglückliche Nachahmer zerstören mehr durch Tugend, als schlechte Despoten durch Laster; schimmernde Original Schönheiten sind immer Carrika- turen in der Copie; die eigne Bahn ist stets die beste. Unweise handeln daher Fürsten, die Frankreichs Freyheit bekriegen wollen, ihre Throne zu sichern; die den Geist der Völker zu unterdrücken suchen, ihre Allgewalt zu behaupten. Furcht ist die Verkünderin der Gefahr; wer fürchtet hat schon verlohren. Friedrich würde gewis nie seine Waffen zu Frankreichs Unterdrückung gebrauchen. Er liebte, er schätzte die Freyheit, weil sie den Menschen veredelt. Um ihn her konnten alle Könige fallen, alle Throne versinken; ihn erschütterte nichts. Seinen Thron beschützte Gerechtigkeit und Volksliebe; über ihm hielt die Weisheit ihr Schild. Lächelnd hätte er die zertrümmerte Welt gesehn; aus ihren Ruinen wären doch seine Lorbeeren empor geschossen. Er schenkte seinem Volke die Freyheit, die andere sich erkämpften. Er war der größte Despot, und doch war sein Volk das freyste. Täuschung berauscht den Jüngling, begeistert den Mann; entflammt das Volk. Verstehn nur Monarchen die Kunst, Täuschung bey ihren Völkern zu erhalten, so können Sie ruhig schlummern; mehr verlangen die mehrsten Menschen nicht. Aber auch selbst dieses kleine Glück, die Schmeicheley des Irrthums, wollen sie uns nicht lassen; auch nicht einmal frey träumen soll sich der Mensch; auch entschlummert noch soll Er die Fesseln fühlen, die ihn wachend drückten und so wecken Fürsten selbst den Stolz ihrer Völker. Laßt Eure Völker denken und sprechen und schreiben was sie wollen: ihnen sind Worte was dem Leidenden Thränen, sie erleichtern das Herz und machen den Kummer vergessen. So lange ein Volk in Worten Unzufriedenheit äußern darf, so lange wird ihr Unmuth nicht in Thaten ausbrechen. Nur verschwiegener Schmerz preßt die Seele zusammen, erzeugt Verzweiflung, läßt Freundes Vertraulichkeit suchen, und knüpft Verbindungen, die gefährlich werden. Dies wußte Friedrich. Er ließ der Denkkraft den Zügel schießen, und setzte der begeisterten Fantasie so wenig wie der untersuchenden Wahrheit Grenzen fest, die zu überschreiten Verbrechen wäre. Man sprach über keinen Monarchen der Erde in seinem Lande freyer und kühner als über Friedrich; aber es war auch kein Volk stolzer auf seinen Fürsten, als Friedrichs Volk; und kein König ward nach seinem Tode so allgemein vergöttert, als Friedrich.
Da sprengen sie hin die Jäger, immer der Belitzer Haide zu, und sehn auf ihre umliegende Forst herab, wie ein Kriegsgott auf sein Volk, das gerne schreyen möchte, aber nicht darf. Ihr armen Geschöpfe der Erde, die ihr in euern Herren immer eure Mörder findet, seyd ihr nicht Thoren, daß ihr noch Menschen besucht, ihre Wälder bewohnt? Rottet euch zusammen, verwüstet ihre Felder, ihre Aecker, und werdet selbst eure eignen Förster und Forsträthe, und wie sie alle heißen die in euerm Gebiet brandschatzen. So würde ein wildgemachter Löwe sprechen, sich mit seinem Schweif zum Zorn reitzen, und die friedliche Hütte eines Walddespoten anfallen. Das schüchterne Reh aber flieht in die dicken Gesträuche. Der faule Eber, der noch etwas thun könnte, grunzt im Morast und freut sich seines Schlammes. Fett sein ist besser als weise seyn, lehrt die Moral eines Ebers. Der Hirsch spiegelt sich in der Quelle, und belächelt seine Gestalt. Die Wölfe hat man vertrieben, sie heulten zu laut. Die Hasen stehn unter dem unmittelbaren Schutz der Frau vom Hause, und machen sich eine Ehre daraus gebraten zu werden. Und endlich der Fuchs ist ein Witzling, der an der table d'hote über die Sclaverey, in der die Thiere leben müssen, scherzt, mit Sarkasmen die Tafel überschwemmt und äusserst glücklich ist, wenn Er belacht wird. Der Dachs allein kriecht in seine Höle, lebt von seinem eigenen Fette, und wehrt sich, wird er angegriffen, so lang er kann. So sollten es eigentlich die Menschen auch machen; und sie würden viel glücklicher seyn, als jezt, da sie alle gerade in die Sonne sehn, und sich wundern, wenn ihre Augen geblendet werden. Wer Kraft in sich hat, der lebe von seiner Kraft, und lasse die Großen der Erde hausen; er wetze seine Zähne, und fällt man ihn an, so zeig er, daß er gewetzte Zähne habe. Aber es ist ein alter Erfahrungssatz: Löwen scheuen das Feuer, und große Herren die Wahrheit. Ich mögte wohl wissen, woher das kommt? Mit gewetzten Zähnen kann man sehr ruhig leben, es sey in Kamchatka, in Paris, oder in Wien. Die Wahrheit ist ein sonderbares Wesen; wir kleinen Leute sehen sie immer, als eine liebenswürdige Frau, mit umstraltem Haupt, eine Fackel in der Hand, die eine Polyphemshöle erleuchten würde, sollt es zu unsrer Zeit einem einäugigen Cyclopen einfallen, Könige zu verschlingen. So wie sie erscheint, wird uns alles hell, alles klar. Ihren Wohnsitz aufzusuchen, er sey mit Dornen umpflanzt, oder mit Lilien bekränzt, bringen wir oft das ganze Leben zu; Ihr opfern wir unsre Kräfte, und wenn wir sie finden, stürzen wir der Göttin inniger in die Arme, als Abelard seiner Heloise, da Er sie endlich wiederfand. Nicht aber so die Fürsten. Ihnen ist Liebe zur Wahrheit Laster, und wer Wahrheit lehrt, ein Verbrecher; sie können die Wahrheit nicht vertragen, weil jene keinen Fürsten verträgt. Wer aber dies für Schmähung hält, oder es den Fürsten zur Last legt, muß wenig gesehen, und noch weniger gedacht haben. Es ist nur eine sehr kleine Anzahl Menschen, die ganz vorurtheillos die Wahrheit lieben. Sie haschen alle nach Wahrheit, kennen sie aber selten. Haben sie sie nicht ergriffen, so glauben sie dieselbe zu besitzen; und halten sie sie wirklich in ihren Armen, so suchen sie sich eines Irrthums so lange zu überreden, bis sie ihnen wieder entlaufen ist. Der Unterschied bleibt: Selten lieben Menschen die Wahrheit Fürsten fürchten sie immer.
Es giebt Augenblicke, wo ganz gewöhnliche Gegenden und Naturscenen einen unnennbaren Eindruck auf das Herz machen, ohne daß wir bestimmen können, woher dieser selige Rausch, dieses schöne Entsagen alles Prunks der größern Welt entstehe. Wenn die Idee der Alten, die der Schönheit des menschlichen Geschlechts so süß schmeichelt, die Idee, daß jeder Mensch seinen eignen Schutzgeist habe, der ihn überall umschwebe, begleite, ihn vor Gefahren schütze wenn je diese Idee lebhaft in mir geworden ist, so war es in solchen Augenblicken stillen Entzückens. Mir war dann wirklich das Säuseln der Lüfte den Worten eines Freundes gleich, die er, um düstre Bilder zu verscheuchen, uns gütig zuflüstert; Worte, die unsern Fantasien schmeicheln, und unsern Lieblingswünschen Hofnung geben. Woher sonst die dunklen Gefühle der Wehmuth und der Freude, die uns oft so unwillkührlich überraschen? Die Erleichterung des Herzens, die ahnende Freyheit der Seele, wenn wir im Schatten eines Baumes ruhen, auf das Murmeln eines Baches lauschen? Woher diese heitre Wollust, mit der ich diese Milch trinke, dieses Butterbrod esse? Du bist es, mein Schutzgeist, der labenden Nektar in diese Milch träufelt, in Ambrosia dieses Brod verwandelt; der in diesem einzigen Augenblick eine Woche des Kummers vergessen läßt. O! wie thöricht waren die Menschen, da sie sich Palläste bauten, dem Stolz Altäre heiligten, wo unter leuchtendem Purpur Tyranney schlummert! Kehrt zurük, meine Brüder, zur stillen Einfalt der Natur. Werdet aus chamäleonischen Ungeheuern Menschen. Kehrt zurük aus den unzähligen Labyrinthen des Stolzes, baut Eure Felder selbst, pflegt im Schooße der Natur ihre herrlichen Keime, daß sie aussprossen und ihre majestätischen Aeste zu den Wolken erheben. Genießt die Zufriedenheit, die euch die Erde geben kann, wenn ihr dem Ehrgeitz das Schwerdt, dem Wahne die Heiligkeit, entreißt. Stürzt die Trophäen um, die blutiger Siege Denkmaale sind, und baut dem Fleiße, der Kunst, der Empfindung Altäre; baut der Liebe und der Freyheit Tempel! Dann werden nicht wüthende Begierden euch anfallen, der Neid an euerm Busen nagen, die Sorge euer Mark auszehren, die Feindschaft eure Hütten versengen, Despotie eure Kinder erwürgen; freudige Ruhe wird dann auf der Erde wandeln. Dann hüpft ungekünstelt der Knabe zur freundlichen Mutter, und lernt schon früh große Gedanken hohe Gefühle frey seyn und Dankbarkeit kennen! Der Jüngling wird dann nicht die Nacht suchen, das Gift des Lasters und der Wollust verborgen zu trinken. Er athmet dann reinere Liebe; sein Gott ist dann Liebe; seine Religion Liebe; sein Leben Liebe; Veredlung sein Ziel. Der Mann wird dann seine Kraft kennen, nicht mit eigennütziger Heucheley nur für die Gegenwart zu leben. Er wird der Zukunft Blumen pflanzen, ihr Heiligthümer errichten; und der Greis wird mit Entzücken auf seine vollendete Laufbahn zurüksehen. O! Wie glücklich könnten die Menschen seyn, berauschte sie nicht der Stolz, ihre sanfteren Gefühle zu verbergen, und Schwachheiten zu wittern. So lange Menschen noch mit dreister Stirn ihre Brüder verläumten, verborgen herzuschleichen, um mit giftigen Lügen ihr Herz zu durchbohren; indeß sie erröthen, den kleinsten Gebrauch der Convenienz vergessen zu haben: so lange wird die Welt ein Narrenhaus bleiben! Jezt rief man mich zu meinem Wagen; diese Augenblicke waren mir werth gewesen; ich frug wie dieser Platz heiße? Man nannte mir die Kebelshaide, zwey Meilen hinter Wittenberg.
Die Hofnung gleicht einem geschminkten Mädchen, die Rosen ihrer Wangen verwischen sich im Genusse, und getäuscht beweint der Erwachte seine Träume. So gieng es mir mit der Hofnung dich Lina noch hier zu finden, dich noch hier mit meiner Erscheinung zu überraschen! Auf dem ganzen Wege schwebten meiner Fantasie lächelnde Bilder vor. Ich dachte mir eine Reyhe von Begebenheiten, verwickelte löste auf war ein Despot in meiner Schöpfung, und wußte alles so zu lenken, daß immer meine Wünsche erfüllt wurden. O! wenn ich erst in deinen Besitz komme, unsterbliche Lina, dann verschwelgte ich Jahre an deinem Busen, und ein Kuß von dir hauchte von meiner Stirn den Kummer, und lockt die Freude in meinen Schoos.
Vom Himmel steigt in Rosenglanz gekleidet
die Göttliche bey deinem Kuß herab,
forscht kosend nach, was meine Seele leidet,
und bietet mir der Liebe Wanderstab.
Ein süßer Wahn den Plato mir beneidet,
der Fischerhütten Werth vor Königsthronen gab,
führt dann mich in den Hain beseelter Ideale,
und reicht den Nektar mir bey Hymens Freudenmaale.
Diesmal reichte mir aber Täuschung statt Freude einen ausgeleerten Kelch. Ich fand Lina nicht mehr, und suchte vergebens auf ihrem Zimmer, ob sie nicht etwas vergessen hätte, welches mir ihr Andenken zeigte. Umsonst! die nackten Wände schwiegen, und der bewölkte Himmel verkündigte mir ihre Abreise nach Carlsbad; ich entschlief mit dem hei ßen Wunsche, sie im Traum zu erblicken.
Ein heftiges Geräusch weckte mich; es war der Donner von einem fürchterlichen Regenguß begleitet, der die ganze Zeit meines Hierseyns in kurzen Zwischenräumen fortdauerte. Da die Sonne einige Augenblicke den Nachmittag durch die Regenwolken blickte, besuchte ich den schönen Spaziergang um die Stadt und das Rosenthal, welches geschaffen scheint, in seinem schaurigen Dunkel Rosen der Liebe brechen zu sehen. Zu meinem größten Bedauren fand ich bey der Zurückkunft von diesem Spaziergang den Hauptmann von Blankenburg, dessen Bekanntschaft ich zu machen wünschte, nicht zu Haus; man sagte mir, er sey auf dem Lande, und eine der Hauptabsichten meines Hierseyns gieng verlohren. Wie mußt es mich nun erst schmerzen, auch von alle dem was ich erwartete, nichts zu finden, und mich durch einen heftigen Regen auch sogar abgehalten zu sehn, die Stadt und ihre Bewohner kennen zu lernen. Wär ich es nicht in meinem Leben gewohnt worden, immer getäuscht zu werden, so hätt ich mich geärgert; jezt rechnete ich's zu den Uebrigen. Fühlende Herzen, geschmeichelt durch eine flammende Fantasie, stehn immer dem Betrug offen; sie seufzen über andre und erkennen nicht in sich selbst den Betrüger; sie forschen nach Wahrheit und laufen hinter der Lüge her. Und doch ist jede Täuschung so bitter! Wenn der Ehrgeiz blühende Lorbeeren sich um die Stirn windet, im Jubel des Triumphs mit erbeuteten Trophäen einherzieht, schon hört, wie sein Lob aus tausend Stimmen die Luft durchschallt, und ihm nun nahe dem Ziel der Lorbeer verschwindet, Er in den Staub sinkt gefesselt besiegt!
Wenn Hannibal schon hundert Legionen
der stolzen Römer siegreich schlug,
und schon bekränzt mit Lorbeerkronen
nach Rom die kühnen Waffen trug; -
wenn Er schon des Triumphes Freude
im Traum erhabner Hofnung fühlt,
und schön geschmückt im Purpurkleide
den Stolz der Weltbeherrscher fühlt; -
wenn dann ein Fabius mit Weile,
den jungen, kühnen Streiter schlägt,
und siegend die zerbrochnen Pfeile
als Triumphirer vor sich trägt;
dann leert Verzweiflung ihre Köcher,
durchbohrt das Herz, das sich betrügt,
der Held nimmt dann den Schierlingsbecher
und stirbt getäuscht, doch nicht besiegt.
Aber gleich dem betrognen Ehrgeitz, ist die Täuschung der Liebe schrecklich; ihr Gift ist nicht tödtend, aber es verzehrt langsam die Kräfte des Lebens, und der Jüngling von ihr hintergangen, welkt wie im Froste die Blume.
Träume, die auf Balsamschwingen
hohe Götterseligkeit
dem entflammten Jüngling bringen,
ihn mit Rosenkränz umschlingen,
unerreichbar von der Zeit;
die sich schöner stets verjüngen,
deren Blatt kein Sturm zerstreut;
Träume Liebe zu belohnen,
welche beym Erwachen fliehn,
gleichen schlauen Scorpionen
die in Felsenschlüften wohnen,
giftge Dünste an sich ziehn;
keinen wird ihr Stich verschonen,
Geist und Herz ihr Gift durchglühn!
Fliehe drum den Rausch der Träume,
Jüngling, flieh die Schwärmerey,
daß dein Nektar nicht verschäume,
aus dem Glücke Schmerz entkeime,
Ueberdruß dein Leben sey;
Flieh die Liebe, Jüngling, säume
länger nicht noch bist du freiy -
Hält dich erst in Rosenketten
Amors kleine Zauberhand,
ruhst du erst auf seinen Betten,
o so können Amouletten,
wenn sie auch St. Paulus band,
können Kämpfe dich nicht retten,
dich besiegt dein Widerstand.
Aber leider! ist dies besser gesagt als gethan; keiner glaubt daß er sich täusche; die Götter der Liebe sind diejenigen, die ohne Zwangsmittel, ohne Wächter der Orthodoxie, mit blindem Glauben verehrt werden. Keine Religion hat so wahrhaft Gläubige als die Liebe; sie weiß dem Herzen das Glauben so süß, so schön zu machen, sie weiß uns so hinreißende Bilder der Hofnung vorzustellen, daß unser Glück nur dann am schönsten blüht, wenn wir am wenigsten besitzen, und am meisten hoffen. Mit jeder leisen Annäherung zum wirklichen Besitz dieser reitzenden Bilder verschwindet ein Theil ihrer Reitze, und je reicher wir scheinen, je ärmer sind wir. Ob es nicht, wie in der Liebe, so im ganzen menschlichen Leben ist? Der Glanz der Entfernung vergoldet, ihre Spiegel sind rein gewaschen und stralen lachende Bilder; aber die Nähe verwischt, was mit künstlicher Hand die Fantasie schuf ihre Spiegel laufen an, und nur Weisheit giebt ihren Glanz wieder! Mir noch strahlen die Spiegel Erfahrung kröne oder vernichte die Erkenntniß auf! hin zu Ihr, der Geliebten hin wo Ihr Lächeln aus nackten Felsen Blumen hervorruft, und die Luft, wo Sie wandelt, mit Liebesgöttern bevölkert!
den 21ten Aug.
Halt stille Postillion! diese schöne Gegend muß ich näher betrachten! Ich stieg aus meinem Wagen, und stand vor einem Abgrund, ein weites Thal breitete sich in seinem Schoos aus, links strömte aus hohen Gebürgen ein Bach, schlängelte sich um einen düstern Tannenwald das Thal hinab, und bezeichnete die Gränze zwischen Böhmen und Sachsen. An seinen beblümten Ufern weideten Kühe, und patriarchalisch lagen Häuser hin und wieder zerstreut, in denen sich heut zufriedne Landleute des Sonntags freuten. Noch sanken die ersten Strahlen der Sonne auf die Gebürge, und ein düstrer Rauch stieg aus ihren Schlüften, in dem sich wie Riesenbilder die nackten Felsenhäupter, die nächtlichen Wälder enthüllten. Mir zur Rechten stand schon ganz von der Sonne erleuchtet, ein hohes majestätisches Felsgerippe, dessen breiter Rücken von Eichen und Tannen beschattet war; auch hiengen rauschende Birken an den Felswänden herab. Ich frug nach dem Namen dieses Berges, und mein Postillion nannte ihn mir den Bärenstein, weil vorzeiten hier viele Bären gehaust hätten, die man aber schon längst ganz ausgerottet habe. Es war mir unangenehm dies zu hören, mir ist Vernichtung eine unleidliche Idee, da es nicht in unsrer Macht steht, Etwas zu schaffen; selbst das Schädliche ausrotten ist nicht gut. Der Mensch will Beschäftigung, wenn er edel bleiben soll; es müssen sich ihm Hindernisse in den Weg werfen, welche zu besiegen ihm schwer werden. Nur dann fühlt er seine Kraft, nur dann erhebt er sich zu kühnen Entschlüssen, liebt mit Begeistrung die Freyheit dann, und wirft Tirannenketten ab, wenn sie ihn drücken. Was gab unsern Vorfahren so viel Kraft, so viel Standhaftigkeit, so viel Größe? Wodurch erhielten sie ihre Freyheit trotz Tirannenangriffe, schlugen Roms Legionen, und duldeten lieber Armuth eh sie sclavische Wollust genössen? Sie hatten weniger Mittel ausser sich, und mußten die Waffen ihrer Vertheidigung in sich selbst suchen. Daher kommt es auch, daß alle Bewohner der Gebürge edler, freyheitsliebender, als die der Thäler und Ebnen sind; jene haben mit mehr Hindernissen zu kämpfen, ihr Eigenthum mühsam erhalten, ist ihnen werther zu werth, um es der Wollust weichlicher Despoten zu opfern! Schon längst hat es mich gewundert, daß noch keiner der Fürsten auf den Gedanken kam, die Gebürge abzutragen, um so die Freyheit in ihrer Geburt zu ersticken. Von Gebürgen strömte zuerst der Segen der Freyheit auf die Thäler hin, und hätte der Sohn des Gebürges unter den Schatten einer duftenden Linde, auf Blumenschlummer, eingewiegt vom Murmeln des Baches, umschlungen vom weichen Arm eines lächelnden Weibes, um sich die schweigende Ebne, hätte Er im Genuß nicht seine Geburt vergessen, hätte der Jüngling erst die rauhen Gebürge bauen müssen, eh er die sanfte Ebne bewohnte, nie würde es einem Tirannen gelungen seyn, freye Menschen mit Sclavenketten zu fesseln! So aber büßen wir jezt die Sünden der Vorzeit, und erkennen im Menschen kaum mehr die Copie jener schöneren Originale. Doch nicht ewig werden wir schlummern, der Mensch wird zu Thaten erwachen, und die Fahnen der Freyheit werden über alle Gefilde der Erde wehen! Gros und herrlich wird dann die neue Sonne stralen, mit freyerem Blick wird dann der Jüngling die heiligen Hallen, wo seine Väter schlummern, betreten, und sagen: Seht! ich bin Euer Sohn! ich habe sie umgeworfen die Mauern des Stolzes! ich habe sie ausgelöscht die Flamme der Zwietracht. DespotenEhrgeitz wird nicht mehr den Schoos der Menschheit durchwühlen, und mit blutsaugender Wollust sich an den Thränen klagender Mütter weiden; ich habe sie zerstreut die Heere gedungener Sclaven, und aus jedem Bürger einen Helden gemacht, ich habe den Schleyer der Heiligkeit zerrissen, Priesterbosheit entlarvt, und eure Götzen umgestürzt; ich habe der Wahrheit einen Tempel gebaut und der Vernunft Altäre gewidmet; ich habe die Völker zertheilt, die sich um die Throne der Despoten wälzten, und schlummernde Centauren ihnen gezeigt, ich habe die Größe wieder im Menschen geweckt, und bin werth Euer Sohn zu heißen! So wird der begeisterte Jüngling dann sprechen, und aus den Grüften der Väter wird ein heiliges Säuseln hervorsteigen, und ihren Wohlgefallen verkünden! O! ihr glücklichen Gallier, ihr seyd nahe dem Zeitpunkt, wenn euer wüthender Rausch ausgebraust, ihr wieder die Stimme des Gesetzes mit Unterwerfung vernehmt, dann werden Eure Jünglinge mit Stolz zu Ludwigs des 14ten Denkmaal treten, auf die leeren Stellen umgestürzter Sclaven weisen, und sagen: König, wir machten sie frey, sieh in uns deine Brüder!
Mein Wagen hielt vor dem Gasthof still, gerade dem Hause gegenüber, aus welchem die Trommeten erschallten, und wo beym kreischenden Getön einiger Geigen ungezwungene Fröhlichkeit in wilden Tänzen herumschwirrte. Kaum war ich ausgestiegen und hatte erfahren, daß man hier eine Hochzeit feyere, so schwiegen die Trommeten, und nach wenigen Augenblicken trat ein kleiner runder Mann, in braunem Rock mit schwarzen Knöpfen, einer Stutzperücke, verkupfertem Gesicht, glühenden Augen und auf wankenden Füßen zu mir, und bat mit so verlegner Stimme um Etwas, daß ich nur aus seiner Stellung errathen konnte, Er wolle ein Allmosen haben. Gleich beym ersten Anblick hielt ich ihn für eine Amphibie, für ein Mittelding zwischen Geistlichen und Nachtwächter, denn seine kriechende Demuth und seine krummen Beine ließen mir nichts anders in ihm vermuthen. Da ich theils nicht verstand, was er wollte, theils dieser Art Menschen nie Allmosen gebe, so schickt ich ihn unbeschenkt fort, und sein Achselzucken, sein trauriger Blick, eine so schöne Aussicht, das Herz mit einem Trunk zu erfrischen, auf einmal verlohren zu haben, machten, daß ich mich erkundigte, wer Er sey. Es ist der Thurmwächter, Ihr Gnaden, antwortete mir der Wirth, er hat ihnen entgegen geblasen, und hofte, sie würden ihm ein klein Biergeld dafür schenken. Das Vergnügen, den Charakter dieses Bettlers so richtig errathen zu haben, und die Dankbarkeit für die mir erzeugte Ehre, bestimmten natürlich mich ihn zurückzurufen, und seine Wünsche zu erfüllen. Mit tiefen Verbeugungen empfing er die Gabe, und versicherte, er werde mich wieder zum Dorfe herausblasen; welches ich der Unbequemlichkeit wegen verbath, so gern ich mich auch auf den Rücken eines Westwindes gesetzt und nach Carlsbad übergeschifft wäre.
Die Fröhlichkeit der Landleute bey ihrem Feste führte mich zur stilleren Betrachtung, und als ich meine Schreibtafel in die Hand nahm, sah ich mit Vergnügen, wie sich um mich her die Landleute versammelten, und mich als ein fremdes Wesen anstaunten. O! welche süße Vorbedeutung für meine Liebe, so dacht ich kurz vorher, eh du hinkömmst, wo du die Gottheit deiner Gedanken findest, siehst du die Freude im Gewande der Unschuld scherzen, und mit Hymens Kränzen die Liebe krönen. Mag immerhin Rousseau in den reitzenden Träumen seiner Naturwelt sich zu weit von den Gränzen der Möglichkeit verlohren haben, dennoch sind es immer nur die Träume einer schönen Seele, für die der Haß und der Neid keinen Sinn hat, und in denen viel Wahres liegt. Wo ist ein Fest der Großen, bey dem diese ungeschminkte Heiterkeit die Herzen beglückt, und gleichseitige Vertraulichkeit weckt? Hier wacht nicht der Neid mit schielendem Auge, im Ausbruch der Freude seines Bruders Schwäche abzulauern; hier stört nicht der Ehrgeitz das zufriedne Lächeln schwärmender Jünglinge, die Habsucht bewacht hier nicht liebende Herzen, frey und ungehindert folgt jeder seinen Trieben, und überläßt sich dem Rausch seiner Empfindungen. Oft auch wohnen in Hütten die Laster, die man nur in Pallästen sucht, aber wenn sie auch dort wohnen, so wagen sie sich doch selten in die ländlichen Feste der Freude. In der großen Welt aber sind sie die treuen Begleiter der scheinbaren Freude; ein jeder nimmt seine Larve mit, und es ist Klugheit, im höchsten Rausch des Vergnügens sie am festesten anzudrücken, Armseligen Geschöpfe der Con-venienz! die ihr erröthen müßt, euch so zu zeigen, wie ihr seyd wollt ihr ewig in diesem Schlamm euch wälzen? wollt ihr nie in die Rosenarme der Natur zurückkehren? soll ihr balsamischer Odem euch nie anwehen, euch stärken, euch groß, euch unsterblich machen? Ihr Thoren, die ihr nach Genuß, nach Freude lauft, wollt ihr denn nie genießen lernen?
Wie thöricht ist der Mensch, der nach der Freude läuft,
und da sie sucht, wo goldne Becher blinken
und Nektar von besetzten Tafeln träuft;
der Ueberfluß kann nur die Thoren reizend dünken,
mag er auch noch so schön die bleichen Wangen schminken,
den Weisen lockt er nicht; die wahre Freude reift
nur in uns selbst; sie ist ein Erbgut edler Seelen,
wer sie begierig sucht, der wird sie stets verfehlen.
Hört die Stimme der Natur, ihr stolzen Gecken, die ihr den Menschen in seiner schuldlosen Einfalt verachtet, der doch glücklicher ist, als ihr! Liebt die Natur -
Denn ach! wie krank, wie arm sind die,
die nicht das Schöne der Natur empfinden!
Der Stolz berauscht es muß der Throne Reitz
verschwinden,
Wer immer ihn genießt die Fantasie
Kann Flammen wohl in unsrer Brust entzünden,
Die göttlich lodern doch wie bald verlöschen sie?
Des Goldes Glanz der Wollust Lüsternheiten,
sind Tand sie müssen stets mit ihrem Tode streiten.
Doch wer, Natur wer liebte jemals dich
und sagte je, er müsste bey dir darben?
dein Bild erscheint in tausendfachen Farben,
bald sanft und schön bald ernst und fürchterlich!
hier glänzest du gereift in goldnen Garben,
dort auf dem nakten Fels, im kalten Himmelsstrich
stehst du entseelt und mit beschneiter Locke,
hier hauchst du Flammen aus, dort eine Blütenflocke.
Und so schön und herrlich die Natur sich in Thälern, Hain und Bergen mahlt, so schön, und noch schöner zeigt sie sich im Menschen, wenn Er ihre Heiligkeit ehrt, und sie nicht verstümmelt!
Die Nacht rauschte schon im schaurigen Dunkel über die Gebürge, hier und da vereinzelt entdeckte ein sonores Geläut von Schellen weidende Kühe; durch graue Gewölke blickten einsame Sterne über mir und neben mir schwarze Felsen mehr sah ich nicht; ernst und schauerlich war die Stille. Schweigend saß ich in meinem Wagen und dachte des Wiedersehns Lina! da durchzitterte Wonne meine Seele ich fühlte den Hauch der Begeistrung und blickte gen Himmel, der Unsterblichkeit in die Augen. Ja, auch du einsamer Stern bist mir ein Zeuge künftiger Geschlechte! Ist der vervollkomm nete Mensch nicht würdig, den Himmel zu bevölkern? Soll er, ein Geschöpf der Erde, nur mit dem Staub sich vermählen? Nein! Nothwendigkeit zeichnet die Bahnen des Idealismus. Lina! wir werden unsterblich seyn! Ha! sey mir gesegnet, leuchtender Blitz, deine Donner schweigen, aber dein Glanz verkündigt die höhere Wahrheit! Schnell schwinden die Blitze der Wahrheit im Dunkel des Irrthums! Heil dem, der bey ihrem eilenden Lichte die Hieroglyphen der Natur zu enträthseln versteht!
Welcher himmlische Abend! immer nur Blitze und keine Donner; immer Erwartung nie Erfolg! ach! daß es mir nicht auch so gehe, Lina, daß ich nicht auch die Gottheit in einer Wolke umarme, die verschwunden tödtet!
Sanft tönte jezt im Thale die Arie wieder: ich klage dir, dir Echo dir, die Leiden meiner Brust mit den reinsten Tönen und dem wahrsten Ausdruck blies sie mein Postillon, und ich hörte die Töne zuerst im Wieder hall. Diese Ueberraschung machte einen unendlichen Eindruck auf mich und jezt rauschten meine Räder durch die Eger und ich nahte mich dem geliebten Ort, voll Erwartungen, voll Hofnungen, das Herz mit Flammen, die Seele mit Entzücken erfüllt. Gleich der erste Anblick vom Carlsbad war für mich romantisch; ich sah mich in einer finstern Nacht, zwischen Felsen, an denen Häuser hingen, oder vielmehr Irrlichter zu wandeln schienen, so täuschte das schimmernde Licht durch die Fenster; vor mir kreuzende Blitze, die nur die Gegend zu erhellen schienen, um einen Irrthum zu heben und einen andern zu wecken. Hoch über der Stadt mir zur Linken glänzten drey Kreuze aus einer erleuchteten Capelle, und ich bedauerte in diesem Augenblick meinen Unglauben, weil Er mir das Vergnügen entzog, die Heiligkeit dieser Gegenstände zu fühlen. Aber dennoch schön war mir der Anblick, und wäre Erwartung nicht eine so schlechte Beobachterin, ich würde ein Gemählde dieses Abends entwerfen können, eines Rembrands würdig. Doch mein Geist war nicht mit den schönen, er war nur mit dem schönsten Gegenstande beschäftigt, und hätte sich mir jezt der Himmel aufgethan, ich würde die Götter nur gesehn haben, um sie mit der Einzigen zu vergleichen. Wahre Liebe, ist allmächtiger wie die Gottheit; diese schuf nur die Welt, jene den Himmel! O! sey mir gütig, allmächtige Liebe, und kröne meine Hofnung mit der Palme des Sieges!
Es war schon spät, als ich heut Abend von den Linden nach Hause ging, und von einem höchst sonderbaren Anblick überrascht ward. Bey einem Fenster, an einem runden Tisch, auf dem zwey Lichter standen, reitzte meine ganze Aufmerksamkeit ein Gemählde, dessen lebhaftes Colorit, durch den Schein des Lichts erhoben, gewis einem Rubens Ehre gemacht hätte. Auch war der Geist der Handlung ganz im niederländischen Geschmack, und ein Mahler dieser Schule hätte für meinen Platz immer zweyhundert Ducaten bieten können, er hätte sie ihm wieder eingebracht. Ich sah gerade vor mir ein hageres Weibergesicht; ihre Augen waren eingefallen, und schwere Tropfen sammelten sich triefend in den herunterhängenden Augenliedern; auf einer dürren Nase wankte eine grüne Brille, die eine bläuliche halbgestorbene Hand gerade zusammenkniff, als ich hinsah. Ein spitzes Kinn überschattete die bleichen, eingefallenen Lippen, die halb geöfnet durch zwey Ruinen schwarzer Zähne einen Seufzer auszustoßen schienen. Ein schwarzes Mützchen mit Pelz verbrämt umschloß das zitternde Haupt, ein weißes Schleyertuch den Hals und die Brust; die linke Hand ruhte auf dem Tisch und hielt mit Zittern fünf deutsche Karten mit dem Daum eingeklemmt. Ihr gegenüber glänzte die glühende Kugel eines Mönchkopfs, an der ein langer zweyzackiger weißer Bart herabhing; hinter ihr aber thürmte sich eine braune Kapsel dieses ungeheuren Kopfs. Seine kleine Stirn hatte sich in Falten gelegt, und die weißen Augenbraunen schlugen finstre Locken. Das große stiere Auge quoll hinter der Stirn hervor, und überschattete die kleine eingebogene Calmuckennase, an der die aufgeworfene glühende Lippe gränzte. Die beyden Arme dieses geistlichen Ungeheuers lagen auf dem Tisch, er hielt mit beyden Händen die Karten, deren Er sechs hatte, und sann, was er auf die ausgespielte Karte seiner Gegnerin bedienen sollte. Vermuthlich hatte diese mit der Hand, die sie zur Brille führte, die auf dem Tisch liegende Karte ausgespielt. Neben dem Mönch stand ein mächtiger Krug Bier, und ich wartete eine ganze Weile ihn trinken zu sehen; aber leider entging ich diesem Vergnügen. Denn aufrichtig gestanden, so ungern ich sonst Mönche sehe, eben so gern seh ich sie doch mit alten Weibern beten, mit jungen Schwärmern trinken, und bey schönen Mädchen schmunzeln. Daß sie aber auch mit alten Weibern Karten spielten, hab ich nicht vermuthet, und ich würde viel drum geben, wüßte ich, ob er umsonst, oder für Geld diese Buße gethan. Priester bosheiten zu enthüllen ist mir immer ein festliches Werk, da jede solche Entdeckung den Schleyer durchlöchert, der noch so vielen selbst in andern Dingen richtig sehenden Menschen die Augen verblendet; und so viel edle und trefliche Männer ich auch unter dem Priesterstand kenne, ja von Herzen liebe, so hält dies mich doch nicht ab, das Allgemeine zu hassen. Wo ist ein Uebel in der Welt, es habe geraßt wo es wolle, und so fürchterlich es wolle, das mehr Schaden der Menschheit zugefügt, als die Priester? In allen Nationen, in allen Himmelsstrichen, benutzten sie die Wunderbarkeit der Zusammensetzung menschlicher Kräfte und den daraus entstandenen Glauben am Wunderbaren, gründeten darauf Systeme mit fürchterlicher Grausamkeit durchgesetzt und unterhalten, wurden Giftmischer, erfanden Torturen, wurden Mordbrenner, Königsmörder, sahen beym Auto da Fe mit Wollust ihren Mitbruder am langsamen Feuer jämmerlich sterben, wiegelten Völker auf, tödteten Millionen, und nannten sich die Diener eines gütigen Gottes! Tieger würden weinen über die Grau samkeiten, die Priester mit kalter Seele verübten, und der schwächste Wurm würde sein Gift sammeln, um es gegen sie auszuhauchen. Nur der Mensch ehrt in ihnen die Hand eines Allmächtigen, und sinkt immer warf er auch einmal die Ketten der Scheinheiligkeit ab wieder in ihre Hände! O! könnt ich mit der Stimme von Millionen, mit der Weisheit eines Sokrates, mit der donnernden Beredsamkeit eines Cicero und Demosthenes reden, um in allen Seelen Kraft und Größe zu wecken, daß sie auf ewig heiligen Thorheiten entsagten! Allen entsagten, denn wird eine geduldet, so pflanzen tausend sich in dieser einzigen fort! Wie in einem freyen, mächtigen, auf Grundsätze der Vernunft gebauten Staat jeder Bürger Soldat seyn muß, wo er erröthen muß, sich für Geld von fremden Händen gegen Feinde vertheidigt und zum Sclaven gemacht zu sehn: so muß auch in der menschlichen Gesellschaft im Allgemeinen jeder Mensch ein Priester Gottes seyn, denn jedem stehn die Tempel der Natur offen, und es muß jedem erlaubt seyn, so weit hereinzugehen, als er kommen kann. Es muß ihm aber nicht bestimmt werden, so weit nur sollst du kommen und nicht weiter; es müssen ihm nicht betrügerisch Geheimnisse vorgespiegelt werden, deren Auflösung nur dem Priester möglich sey, da dieser doch so viel, und so wenig als ein anderer davon weiß, und im Gegentheil durch seine Afterweisheit die gesunden Begriffe verwirrt, die einzelne Köpfe oft zufällig haben. Die Religion, die weiter kein Geheimniß hat, als das große, ewige Geheimniß des Entstehens von dem was da ist, des Daseyns eines höhern Wesens, eines Schöpfers, ist keine reine Religion mehr; und der Priester, der König, der Mensch, der von diesem Geheimniß nähere Kunde zu haben vorgiebt, ist entweder ein Bösewicht oder ein Narr. Dies waren die beyden Hauptcharaktere aller Priester von allen Nationen in vorigen Zeiten; jezt scheint die Epoche zu nahen, wo auch die Priester den heiligen Schein ablegen und sich zu Menschen bekehren. Lebensphilosophie sey das Studium des öffentlichen Lehrers des Volks; sein höchster Ruhm sey das menschliche Herz und nicht die mystischen Stellen der Bibel zu kennen. Er rühre nicht durch Täuschung, durch betrügerische Schilderungen von Dingen, die er nicht sah und nicht wissen kann, sondern wandele in die labyrinthischen Gänge des Herzens, und stelle das Uebel in seinen gegenwärtigen und nicht in seinen künftigen Folgen dar, lebendig dar, daß Geist und Herz die Wahrheit seiner Worte fühlen, und die Redlichkeit seiner Absicht erkennen. Er mahle das höchste Wesen nicht mir Höllenfarben, fülle die Zukunft nicht mit Hochgerichten, sondern wähle die sanftesten schönsten Bilder, die glühendsten, lieblichsten Farben der Natur, um seine Gottheit als den gütigsten Vater, den gerechtesten Herrscher zu zeichnen heiße Liebe für Ihn im Busen seiner Geschöpfe zu entzünden; er entfalte das schöne Verhältniß, in dem unsre Pflichten mit unsrem Wohle stehn, und wie im Fall der Vergessenheit derselben es das höchste Wesen schmerzen muß, seine Menschen nicht so glücklich zu sehn, als sie seyn könnten; Liebe sey der Sporn unsrer Tugend, nicht Furcht. Der Mensch ist sinnlich, und verlangt sinnliche Bilder; aber man gebe ihm Bilder des Entzückens und nicht Bilder des Schreckens; man werde nicht um Tugend zu lehren ein Betrüger und heuchle zu glauben, wo Glauben unmöglich ist. Unsre Orthodoxen schreyen auf, unsre Betschwestern schlagen die Augen nieder bey den Greueln, welche die Griechen ihrem Zeus, die Römer ihrem Jupiter andichten; aber sie verdrehen andächtig die Augen bey der Familiengeschichte ihres Glaubens, die fast gleichen Unsinn wie jene enthält. Will man nun aber auch an diesem kindischen Gängelbande geführt seyn, so sey man wenigstens billig genug, diejenigen in aller Ruhe aufwärts gehn zu lassen, die keines Gängelbandes bedürfen, sey gerecht genug, diejenigen zu belohnen, die es unternehmen wollen, Andre gleichfalls aufrecht gehen zu lehren. Es braucht keiner Inquisitionen, keiner Bastillen, keiner Bluthochzeit. Fürsten, die nicht tolerant seyn wollen, können unter dem Schein der größten Menschenfreundlichkeit doch Glaubensdespotismus ausüben. Wenn denjenigen, der nicht heuchelt, der frey sieht, der Haß des Fürsten, der unumschränkt in seinem Lande regiert, seine Verachtung trift, wenn man ihn von allen Versorgungen entfernt und Er ohne zu wissen wie? ein Fremdling in seinem Vaterlande geworden; muß er dann nicht ein Heuchler werden? Ist dies nicht ärger als Inquisition? Kommen hierzu aber noch jene Religionsedikte, Kirchenverordnungen, Abendmahlsscheine und wie diese Abscheulichkeiten mehr heißen: dann bleibt warlich dem denkenden Mann kein andrer Weg mehr als heucheln oder betteln; denn alle Kirchenedikte sind Spitzfindigkeiten, die der Schelm gebrauchen kann, den ehrlichen Mann niederzudrücken. Nur der ehrliche Mann sagt was er denkt; Schelme oder Schmeichler machen ihr Glück an allen Höfen; diese haben keine Grundsätze, und formen ihre Seele nach dem Hut ihres Fürsten; seine Gesetze sind ihnen witzige Einfälle, die man vergessen kann, wenn sie alt werden. Aber wehe dem Fürsten, der von diesen Schmeichlern hintergangen, die Heiligkeit seiner Gesetzte verdächtigt macht, und dem Volke seine Fehlbarkeit in Gesetzen zeigt! Ein zurückgenommenes Gesetz ist eine verlorene Schlacht; Feinde benutzen den Sieg nicht immer, das Volk stets. Es war gewiß nie ein Zeitraum in der Geschichte, wo die Könige so mit Ernst daran denken mußten, weise zu regieren; gewis nie ein Zeitraum, wo die Throne der Fürsten auf so schwachen Füßen standen, als jezt! Die triumphirende Menschheit läßt ihre Siegesfahnen über die ganze Erde wehen, und steht von den Ruinen zerfallener Throne auf die Gräber der Könige. Ja! Friedrich, du Einziger! beweine dein Loos, zu früh gestorben zu seyn! Jezt könntest du zeigen, ob du Despot aus Neigung oder aus Grundsatz warst? Jezt, da dem Jüngling stolz der Busen schlägt, wenn er zum Greis heraufblickt, und seiner Jugend denkt und seiner Zeiten! Wenn er denkt, was er war, was er ist, was er seyn wird! Zukunft! nie glänzten deine Locken so herrlich; der Purpur deiner Wangen röthete nie so weit den Horizont voraus, als jezt! Die Ahnung künftiger Siege ist die Stimme halber Gewisheit. Segen und Friede schlummern in deinem Schoos der Krieg wird seine Waffen verlieren, und auf verödeten Fluren wird der Fleiß neue, blühende Welten schaffen.
Auch dein Licht verlöscht, Lina! Hell schimmern die Sterne; still ist alles. Nur vor mir steht über deinem Hause der nächtliche Felsen hinter ihm verbergen sich die Gestirne; das grüne Laub seiner Büsche ist schwarz geworden, es schmeichelt der Empfindung meines Herzens! Ha umsonst rauschest du, Eger, du übertäubst diese Wehmuth nicht! Umsonst sprudelst du Quelle der Gesundheit, ich trinke deine Wasser nicht! ach! mir wohnt Ruhe in fernen Regionen. Ich ersteige den schwarzen Felsen nicht; ich will mich an seinem Fuße hinlegen und sterben. Es wird zwar bald ein andrer kommen, ihn ersteigen, und lächelnd auf meinen vermoderten Körper hinsehen. O! lächle nicht, Thörichter. Menschenglück ist ein Nebel, den jeder Strahl der Wahr heit zertheilt. Hülle deine Tugend in Sterbekleider; werde ein Bösewicht; thürme Verbrechen auf; und du bist doch ruhiger als ich, dem die Natur Gefühle gab, ihn mit steigender Tyranney zu quälen! Abscheuliche Verrätherey! Warum gabst du mir dieses Herz diese Gefühle diese Einbildungskraft, wenn du mir stets den Tropfen Freude vergiften willst, den ich zu genießen träumte?
Dich wählte man zum Ruheplatz der Freundschaft, schauriger Felsen, auf dem die dürre Tanne schwebt, den Umsturz drohend? Wo vor dem Auge eine grünende Wiese sich ausbreitet, und dem Ohr ein murmelnder Bach schmeichelt, der sich hart am Felsen hinschlängelt? Zu dir führte der beschattete Weg, an dessen Seite Felsen sich thürmen, und doch auch goldne Halme reifen? Ja traulicher Sitz, du bist es werth, der Freundschaft geheiligt zu seyn, in deren Schoos der bekümmerte Busen sich erleichert, und das schüchterne Mädchen ruhiger weint. Ach! Lina, bald werd ich dich verlassen und wir waren nicht hier? wir saßen nicht auf diesem Felsstücke, sahen nicht im Bach das Bild hinströmender Stunden, und bekränzten die Gegenwart mit Blüthen der Zukunft! Ha! da stürzt eine Tanne vom Felsen herab; majestätisch stand sie dort oben mit stolzem Wipfel fiel jezt, und wird vermodern. So ist das Leben. Das Kleine steigt das Große fällt!
Endlich stürzt von ihrer stolzen Höhe
Auch die Ceder wenn der Sturm sie bricht.
Stürze nieder! Winde, heult ein Wehe!
Braust es, Ströme! Werde dunkel, Licht!
Stürze nieder, daß von deinem Falle
Erd und Himmel schrecklich wiederhalle.
Seht ihr nicht? Ihr, die mit Natternzungen
An den Blüten schöne Blumen leckt!
Seht Ihr nicht? Jezt ist es euch gelungen,
Ach! da liegt vom Staub und Schutt bedeckt,
Liegt die Ceder, die zum Himmel drückte,
Und so manchen Waller hier entzückte.
Auch ich muß mit dir mein Schicksal theilen,
Arme Ceder! Auch ich sinke bald!
Meinem Kummer kann nur Lina heilen,
Lina, die mit sterblicher Gestalt
Göttertugend, Gotterwitz vereinigt;
Sie die zürnend segnet, lächelnd peinigt.
Doch so viel auch meine Seele duldet,
Wagt, ein Himmelskleinod zu erbeuten
Darf er murren, wenn die Götter streiten?
Wie süß wird das Vertrauen auf Urtheile schöner Seelen belohnt! Schon war ich zweifelhaft, ob ich drey Meilen um fahren, nach Lina's Wünschen den Park in Schönhoff sehen, oder die bestellten Pferde benutzen, und den geraden Weg nach Prag gehen sollte? Ich wählte das erstere, und bin dir neuen Dank schuldig, Lina! Muß sich denn alles vereinen, mich dir zu verpflichten? Schon, als ich in die feyerliche Allee kam, die nach dem Dorfe führt, über tausend Schritt lang ist, und aus gleich hohen, starken schattigten Linden besteht; schon da rauschten ahnende Vorgefühle mir vorüber. Eine gewisse süße Schwermuth, die sich meiner von dem Augenblick an bemächtigte, da ich Carlsbad unter tausendfachem Lebewohl von Lina verließ, ein Kummer, der unschätzbar ist, weil er aus so schönen Quellen entsteht, und den die Seele sorgfältiger pflegt, als das Vergnügen; diese Gefühle, und das mich ewig umgebende Bild Lina's liehen meiner Fantasie Spiegel, in denen Erwartung eine reizende Gruppe zeigte. Als ich kaum in das Wirtshaus abgetreten war, und mein Zimmer besah, erhob sich ein fürchterlicher Sturm. Er raßte mit meinem Fensterladen, und dicke Regentropfen rieselten an den Schei ben herab. Meine Aussichten für den künftigen Morgen waren schlecht; und dennoch lief ich voll wilder Freude in meiner Stube auf und nieder, küßte mein Heiligthum, Lina's Geschenk, warf mich auf meine Knie, glich einem Berauschten! Deiner dacht ich, Unsterbliche, wie du im weißen Gewande, ähnlich der reinen, schuldlosen, himmlischen Liebe, da standst, mir die bebende Hand reichtest, mir Lebewohl sagtest. Dann sah ich dich am Fenster wie dein schönes Gefühl in ungekünstelter Anmuth mir deutete deine Liebe. Mußte ich da nicht, wenn ich nicht Kies, nicht kalter Marmor war, mußt ich nicht auf meine Knie fallen, und der Natur danken? Mußt ich dich nicht im Geist küssen und segnen? Mußt ich nicht zu dem überall waltenden, überall sichtbaren Wesen der Natur beten um dein Glück, deine Freude, deine Ruhe? Um euer Glück, die ich bey der Einzigen zurückließ? Selig waren nach diesem Abend die Träume der Nacht; und obgleich beym Erwachen der Himmel noch mit Wolken bedeckt war, so kehrte doch wieder mehr Ruhe in mein Herz mit dem erwachenden Tage. Heute sollt ich den gepriesenen Park dieses Orts, der dem Grafen Tschernin gehört, sehen, und nach Lina's Ausspruch bewundern. Bedurft' es mehr, meine Neugier zu wecken? da ich überdem Dessau's Elysium, Wörlitz, und die schönen ausländischen Holzpflanzungen in Harbke gesehen hatte, wo, wie in Wörlitz, Kunst und Geschmack ihrem Besitzer, dem Herrn von Veltheim, eine gleich große Lobrede halten, wie der Geist, der in seinen Unterhaltungen lebt. Nur Vergleichung kann Begriffe der Schönheit geben, und den Werth des Schönen bestimmen; Schönhoffs Park mußte schon ungleich schöner seyn, wenn er meine Aufmerksamkeit wecken sollte; da mich theils solche Ansichten nicht mehr überraschten; theils die gütige Herablassung eines Fürsten, wo Geist und Herz wahrhaft fürstlich sind, wie in Wörlitz, und die geistreiche Unterhaltung eines Veltheim wie in Harbke, hier fehlten. Mit gemäßigter Erwartung betrat ich den Park, zu dem ein Haupteingang und verschiedene Nebengänge führten. Durch einen der letzten sah ich mich plötzlich auf einem runden Rasenplatz, in dessen Mitte eine ehrwürdige Pappel stand, um deren dicken Stamm eine Bank sich rundete. An einer Tafel stand höher dem Baume folgende Inschrift:
Le repos est un bien, lorsque
notre ame est pure.
et lorsqu'elle est sensible, un champ
peut l'attendrir;
d'un oeil indifférent qui peut voir la verdure,
n'étoit pas né pour le plaisir.
Ein düstrer von ausländischen Baumarten beschatteter Gang führte weiter, wo an der einen Seite in gleicher Entfernung von einander mich vorzüglich drey alte Eichen entzückten, die ich fast noch nie größer und mahlerischer gesehen habe. An ihrer majestätischen Höhe, an ihren schauerlich weit ausgebreiteten Aesten, erkannte man die Züge eines vergangenen Jahrhunderts, dachte der Vorzeit, und sah im Geist Druiden unter ihren heiligen Schatten beten. Da ich noch meinen Führer nicht gefunden, so folgte ich dem Lauf der Gänge, und übersah beynahe ein niedliches kleines Vogelhaus, von französischen Pappeln umgeben, und von zwitschernden Finken, Stieglitzen und Zeisigen belebt, welches einen sehr lachenden Anblick gewährte. Ueber murmelnde Bäche, deren Fall durch künstliche kleine Steinmassen vermehrt ist, nahte ich mich dem großen oder dem Pans-Tempel, der im einfachen erhabenen Stil gebaut und überaus schön im morgendländischen Geschmack möblirt ist. Die Vorhalle ruht auf vier Säulen, und über der innern Thüre und den beyden vordersten Fenstern sind drey ganz ausgearbeitete Basreliefs, die, wenn ich nicht irre, Opfer des Pans vorstellen, da der Tempel auch den Namen dieses Gottes führt. Vor dem Tempel ist ein geräumiger Rasenplatz, und gerade dem Eingang gegenüber ein künstlicher Kataract, der wegen seines beträchtlich hohen Falls, zumal wenn das Wasser groß ist, täuschend genug die Fantasie auf die beschneiten Gebürge der Schweitz versetzen kann. Ein reineres Vergnügen als dies, gewährten mir hinter diesem Tem pel die Hütten des Palämon, die in einer Vertiefung liegen, und durch ihre einfache Schönheit außerordentlich überraschen. Ohne die mindeste Ahnung, hier Bilder der uns so schön gemahlten Schäferzeit zu finden, stößt man auf einen hohen Schilfzaun. Man öfnet die Pforte, und sieht einen runden Rasenplatz; in der Mitte einen Brunnen, ähnlich dem, wozu einst Königstöchter kamen, Wasser zu schöpfen. Im Hintergrunde erhebt sich eine bejahrte Mauer, wo zur Rechten und Linken kleine Schilfhütten stehen, deren Dächer, statt auf Säulen, auf Baumstämmen ruhen. Diese beyden Hütten scheinen einem größern, mittlern Häuschen zur Bedeckung zu dienen, welches, von Stein erbaut, einer Ruine ähnlich sieht, aus deren beschilftem Dache ein grüner Baum seine Aeste hervorstreckt. Eine zerfallene Oefnung winkte mich zu diesen Resten des Alterthums, und ich las über derselben:
Froh ist mein Abend, froh mein Morgen,
Der Fürsten schwere Sorgen
und Tyranney
Die Hoffarth mit dem dürren Neide
Des Lasters wilde Freude
Gehn fern vor mir vorbey.
So wenig vorzügliches auch diese Verse haben, so ist doch ihre Simplicität zu diesem Orte passend, und ich war würklich entzückt, da ich in diese Hütte trat, und mich ein reizender Blumengarten empfing, der ganz das Werk einer ungelehrten Schäferhand schien. Die Bänke an den beyden Nebenhütten waren sehr geschmackvoll mit Reisern durchflochten, und alles athmete hier Geist der Unschuld. Nun stiegen wir unter Säuseln des Laubes, gekühlt vom Schatten der Bäume, zu einer erst im vorigen Jahre angelegten Fischerhütte, die dem Geschmack ihres Erfinders so viel Ehre, als dem dort ruhenden Vorgänger macht. Die Wände des Gebäudes sind auswärts mit geflochtnen Wiedenmatten, innwendig mit Fischernetzen überzogen, hinter denen bemooste Muscheln durchblicken. Ein großer Teich, in wel chem sich über Kiesel ein Bach herabwälzt, und auf dem sich türkische Enten und zwey Fahrzeuge wiegen, bespült mit seinen silbernen Wellen die äusseren Geländer dieses Platzes. Mit Hülfe einer kleinen zum Selbstfahren eingerichteten Gondel kommt man über den Teich zum Fuße fortlaufender Berge, auf deren Gipfel links ein Pfad läuft, welcher mich nach dem kleinen Tempel brachte. Eine Kuppel, die auf acht Säulen ruht, bedeckt einen Altar, auf welchem die Büste der Gräfin Tschernin, einer gebohrnen Gräfin Schönburg, gestellt werden soll. Von diesem kleinen Tempel übersieht man den größten Theil der Gegend; besonders gewährt das Dorf Borlitz einen romantischen Anblick. Wie sehr ward ich aber erst von dem Fleiß und Erfindungsgeist des Besitzers gerührt, als ich durch den Rehgarten, eine gehegte Wildniß, in der Rehe gehalten werden, zu einer Allee kam, die, obgleich noch im Entstehen, und noch nicht hinreichend beschattet, mit Recht die Bewunderung jedes Naturfreundes fordert. Sie ist 600 Klaftern lang, sehr breit, und über zwanzig Fuß tief durch Berge gegraben. Ihre Mitte wird von einer Vogelstange bezeichnet, und an das eine Ende, nach dem Felde zu, soll ein hoher Obelisk kommen, auf dessen Spitze eine vergoldete Sonne strahlt. Ich kann den Wunsch nicht unterdrücken, nach zehn Jahren diese Allee wieder zu sehen. Sie trägt jezt schon das Gepräge des Erhabenen, wie viel mehr nicht dann? Ein sich herabneigender schattenreicher Gang führt zu einem chinesischen Haus, das in der Ferne aus weiß mit blau gemahlten Porcellaintafeln erbaut schien, gleich den Kaffeetischen unserer Großmütter. Von hier übersieht man aus dem Fenster die ganze Gebürgskette an der sächsischen Grenze, worunter sich die Bergspitzen bey Töplitz vorzüglich schön ausnehmen. Näher im Thal wechseln die glänzenden Schindeldächer mit grünen Wiesen, schlängelnden Bächen und goldnen Feldern ab, und zeigen dem erstaunten Auge die Früchte des Fleißes und der Cultur. Unter diesem Gebäude ist eine Grotte, aus der das Wasser sich sammelt, welches alle kleine Wasserfälle im Park bildet. Das hier aufgefangene Wasser fällt durch eine unterirdische Röhre in einen Teich, der vor diesem Gebäude gegraben ist, und wird dann weiter vertheilt. Mein Führer, ein ehemaliger Einsiedler, der jezt Oberaufseher des Gartens ist, und neben dem großen Tempel eine einsiedlerische anziehende Wohnung hat, brachte mich in ein tiefes Thal herab, welches die Kachel heißt, und zwischen zwey wildbemoosten Felswänden fortläuft. Der Bach war jezt vertrocknet, und sein Gemurmel mehrte nicht die Schauer dieses dunkeln Thals. Als wir hier weiter fortgingen, hört' ich auf einmal das Girren zärtlicher Turteltauben. O Lina! da dacht ich deiner Liebe, und folgte dem Laut. Ich stieg eine kleine Höhe herauf, und sah in einem runden beschatteten Platz drey Paar Turteltauben, in Käfige gesperrt. Ach! dacht ich, ihr Armen entbehret die Freyheit, und doch seyd ihr um eure Sclaverey zu beneiden. Ihr theilt euer Schicksal; Mich aber drückt die Freyheit schwerer, als euch die Gefangenschaft, denn ich muß getrennt von der Gottheit, der Schöpferin meiner Gedanken, hier diese Schönheiten sehen, und kann die süßen Gefühle der Wonne nicht mit Lina theilen! Schwermüthig kehrt ich zurük, und folgte meinem Führer. Jezt wurden die Sträuche immer dichter, die Schatten dunkler, die Berge höher. Der Bach bewässerte sich wieder, und rauschte die Turteltauben girrten in der Ferne, und das Laub der Bäume säuselte schauerlicher. Da stand vor mir eine bemooste Grotte, wie die Trümmern eines zerfallenen Raubschlosses, heilig in einsamer Stille, wie die Klause eines Gerechten. Ich trat herein. Eine feingeflochtene Schilfmatte diente den Wänden zur Tapete; die Stühle, der Tisch waren aus Holz geschnitten, nur leider, etwas zu modern, um sie für die Arbeit eines Siedlers zu halten. Ernst schlich ich mich nach dem Fenster linker Hand, und o Götter! Hinter finstern Gesträuchen, fern auf grauen Felsen, zeigte sich mir eine einsame Kapelle, aus Holz errichtet, mit Schilf gedeckt. Ein schwarzes Creuz auf dem Thurm mahnte den hinblickenden Siedler hier zum Gebet. Ich habe nie die Kunst verstanden, Worte zu plaudern, und dies Gebet zu nennen; ich war kein Siedler, und liebe die Zeichen des Creuzes nicht. Aber in diesem Augenblicke hatte der Aber glaube würklich so viel Reitzendes, daß ich beynah in Versuchung gerieth, meiner Wirthin ihr Cruzifix zu beneiden. Hier, in einer solchen stillen, friedlichen Hütte dacht' ich mir den Weiseren, der die schimmernde Welt floh, im Schoos seiner Seele ungestört nach Gedanken zu forschen, die der Unsterblichkeit ihre Hülle entreissen. Ich sah einen Weisen, wie ihn Wieland schildert:
In seinem Ansehn war die angebohrne Würde,
Die, unverhüllbar, auch durch eine Kutte scheint;
Sein ofner Blick war aller Wesen Freund,
Und schien gewohnt wiewol der Jahre Bürde
Den Nacken sanft gekrümmt, stets himmelwärts zu schauen;
Der innre Friede ruht auf seinen Augenbraunen
Und wie ein Fels, zu dem sich Wolken nie erheben,
Scheint überm Erdentand die reine Stirn zu schweben.
Den Rest der Welt, der Leidenschaften Spur,
hat längst der Fluß der Zeit von ihr hinweggewaschen,
Fiel eine Cron ihm zu, und es bedurfte nur
Sie mit der Hand im Fallen aufzuhaschen,
Er streckte nicht die Hand. Verschlossen der Begier
Von seiner Furcht, von keinem Schmerz betroffen,
Ist nur dem Wahren noch die heitre Seele offen,
Nur offen der Natur, und rein gestimmt zu ihr.
Aehnliche Bilder umschwebten mich in dieser Hütte, und ich konnte mich ohnmöglich von ihr entfernen, ohne ihrem Erbauer für die seligen Augenblicke zu danken, die seine mit Gefühl und Geschmack erbaute Siedeley mir schenkte. Auf einem Stück Pergament, welches ich mit einer Nadel am Tisch anheftete, schrieb ich folgende Stanze:
Wer die Natur mit schöpferischen Händen,
Durch weise Kunst, gleich dir, verschönt,
Indessen Stolz und Neid ihr schimmernd Licht verschwenden,
Damit ihr falscher Ruhm von Pol zu Pole tönt
Der ist es werth, die Schöpfung zu vollenden,
Die er gedacht! Dies sagt die Dankbarkeit,
Die deiner sich, o Graf, in dieser Grotte freut.
Mögt' er doch, wenn er diese Zeilen findet, sie als Aeusserungen ungeschminkter Empfindungen annehmen, und bey dem Gedanken Belohnung finden, daß ihm hier gewiß schon manches Herz dankbar entgegen schlug!
Jezt verließ ich die Hütte, und unter Felsenwänden, über mir eine fliegende Brücke, vor mir nächtliche Schatten, kam ich zu einer finsteren Höle, wo mir das Rauschen eines Quells entgegen schallte.
Ernst trat ich in die Oefnung der Höle. Alles war dunkel; nur eine dämmernde Lampe warf ein magisches Licht auf ihr Inneres. Was ist das? frug ich meinen Führer. Ein Grabmal, war seine Antwort. Ich trat näher. Ein aus Quaderstein erbautes vierecktes Monument stand hier, unter ihm eine Quelle, links zur Seite in der Wand eine viereckte steinerne Tafel, wo die Worte eingegraben waren:
Wann ich einst liege und schlafe in
Frieden, so laß mein Andencken einem
Stillen, redlichen Herzen werth seyn,
Kein Fluch und keine Laesterung beschwere meine Grube.
Es bedarf keiner Schilderung, welche Empfindungen hier geweckt werden, und es ist ein recht treflicher Gedanke, im Schooße des Vergnügens auch dem Tode eine Stätte zu heiligen. Die höchste Freude schuldloser Seelen schließt sich immer an diesen Gedanken. Wessen Wonne der Gedanke des Todes stört, der ist ein Bösewicht, oder seine Freude war unedel.
Mit diesem Grabmahl fing die schwermüthige Gegend an, sich wieder zu erheitern. Wir erstiegen die Berge, gingen über die dreiyßig Schritt lange fliegende Brücke, von der wir in den tiefen Abgrund hinabsahen, in welchem wir vorher gegangen waren. Ich kam nun zu der Capelle, die mich von der Einsiedeley so sehr entzückte. Wie erstaunt' ich, als sie geöffnet ward, und sich mir ein äusserst geschmackvoll eingerichtetes Zimmer zeigte, wo ich sehr schön gearbeites Wiener Prozellain sah. Die Aussicht von hier aus über das Thal war bezaubernd, und die Inschrift dieser Kirche bey dem Anblick von so vielem Schönen natürlich und gut:
Gütiger! Gutes gieb mir, und wenn ich
auch nicht darum bäte
Böses wende von mir, fleht
ich auch sehnlich darum!
Jezt brachte mich mein Führer die Berge wieder herab, dem großen Ausgange zu, wo ich vorher noch ein rundes steinernes Gebäude vom Wald umgeben fand, welches dem Apollo geweiht war, und wo der Besitzer während seines Aufenthalts zu musicieren pflegte. Es war durch nächtli chen Einbruch beschädigt worden, doch bis auf wenige Kleinigkeiten wieder ausgebessert. Mir ist es immer schrecklich, ähnliche Diebstähle hören zu müssen, da doch hier offenbar (man hatte Gardinen gestohlen) der Nutzen des Entwendeten dem Schaden bey weitem nicht gleich kommt, welchen ich dem Vergnügen des andern zufüge. Mir scheint der Mensch boshafter, der mir von meinem Violoncello muthwillig eine Saite abschneidet, als der mir einen Beutel mit hundert Friedrichsd'ors stiehlt; und ich würde lezterm eher vergeben, als dem erstern. Meine Wandrung im Park war nunmehro beendiget, und ich fühlte mich vollkommen mit der Anwendung dieses Morgens zufrieden. Schöne Gegenden sind wie das Auge Lina's; man muß es sehen, um seine Allmacht zu empfinden. So gewis daher auch meine Schildrung dem Original weit nachsteht; so wird man es doch wohl immer meiner Empfindung und meinem Urtheil glauben müssen, wenn ich diesen Park dem Wörlitzer und Harbker vorziehe. Die Kunst hat gewis unendlich mehr in Wörlitz geleistet, als hier; aber die Natur war stiefmütter lich gegen jenes, und verschwenderisch mit Schönheiten hier, die der Besitzer so richtig und geschmackvoll seinen Ideen anzuschmiegen verstand. Wie zwey Liebende, in göttlicher Eintracht Arm in Arm verschlungen, so wandelt hier Kunst und Natur, und läßt kein Gefühl der Seele unberührt. Wer die Natur liebt, und wessen Herz Schönheiten zu empfinden im Stande ist, der wird gewis befriedigt diese Fluren verlassen, die, jezt ein Eden, noch vor sieben Jahren wüster Wald waren. Ihr, die ihr an Zauberer und Geister glaubt, seht hier den einzigen Zauberer der Erde, den Einzigen, der Wunder erzeugen, Berge von ihren Stellen heben, und Schlösser entstehen heissen kann rastlosen, zweckmäßigen Fleis.
Es ist geendigt das große Schauspiel des Einzugs. Die Stadt ist um einen König reicher, und ihre Einwohner um eine Million Thaler ärmer! Mehr will ich über diesen Königseinzug nicht sagen, wo die Sclaverey in ihrem prächtigsten Kleide einherging, und sie der Pöbel mit geblende tem Auge anstarrte, ohne zu fühlen, daß ein vergoldetes Joch so gut drücke, wie ein andres, und daß diese schimmernden Livereyen, diese goldbelegten Geschirre, mit ihren Schweistropfen erkauft sind. Mir sagte ein hiesiger Bürger: „Joseph wollte diesen Einzug nicht halten, uns unser Geld zu ersparen, und wir murrten; Leopold zieht als ein König ein; wir verschwenden Tausende, die wir nicht entbehren können; opfern die letzten Kräfte, die uns Kriegssteuern übrig ließen, einem schimmernden Schauspiel auf und wir scheinen zufrieden? Der Mann hatte warlich Recht! Mit kindischer Blindheit laufen die Menschen dem Scheine nach, welcher glänzend täuscht, und sehen nicht, daß hinter ihnen die weinende Wirklichkeit nachhinkt, und nach dem Nothwendigen seufzt. Und dennoch wäre diese Pracht zu verzeihen, hätten die Großen des Landes die Werkzeuge der Pracht in ihrem Vaterlande erkauft: so aber schickten sie Hunderttausende in das Ausland, und was der Fleis ihrer Unterthanen aufbrachte, verzehrt die Industrie eines Britten oder Franzosen. Jeder den kende Zuschauer mußte dies fühlen; und gewis ließ dies Schauspiel nur bey wenigen frohe Empfindungen zurük. Doch was würde erst ein freyer Franzose gefühlt haben, wenn er junge, unreife Menschen, sitzend in schimmernden Wägen, gesehn hätte, von zwanzig zu Fuß gehenden älteren Menschen begleitet, die, von Gold bedeckt, ihre Erniedrigung nicht zu fühlen schienen? Daß Menschen Menschen dienen müssen, ist in unsrer jetzigen Welt nothwendig; daß aber dieselben Menschen, die zum Dienen bestimmt sind, zu einem Schauspiel sich drängen können, wo sich der Stolz mit ihrer Erniedrigung brüstet dies bleibt mir unbegreiflich! Ich will den stolzesten Aristokraten auffordern, er soll entscheiden, welches Fest schöner ist; das der Römer, wo Diener und Herren gleich gemacht wurden, und in zwangsloser Fröhlichkeit ihre Saturnalien feyerten; wo der weltbeherrschende Consul sich freundlich zu seinem Sclaven herabließ, ihm den weinangefüllten Becher reichte, damit er die Erinnerung seiner eignen Sclaverey verscheuchte, und in dem Oberherrn zugleich einen Vater lie ben lernte? Oder der Einzug eines Monarchen, vor dem die Wächter der Despotie bewafnet einherziehn, und tausend Sclaven mit und ohne Würde sich krümmen, und den Staub von seinen Sohlen küssen? Beym Himmel! wer hier noch wählen kann, verdient die Gärten von Tunis zu pflügen! Gehorchen muß der Mensch; er muß Gesetzen gehorchen, damit die Plane, die die Weisheit des Mannes, die Erfahrung des Greises ordnete, damit diese des Jünglings Leidenschaft nicht vernichte. Aber der Willkühr einzelner müssen nie Tausende folgen; wir müssen alle nur Menschen gebohren werden; die Natur giebt durch das Geschenk einer schönen Seele allein Adel; wer einen andern erkennt, nach einem andern sich sehnt, einen andern rechtfertigt, den bestach Eigennutz und thörichte Hoffarth. Empört hat es mich, als ich heut Abend im Schauspiel nach einem Lustspiel, Er mischt sich in Alles welches von der Sekondaschen Gesellschaft treflich gegeben ward, das elende Stück, der weibliche JakobinerClub, aufführen sah. Wie konnte ein Mann, der in mancher Absicht einige Verdienste, aber lan ge nicht so viel, als er glaubt um die deutsche Bühne hat, wie konnte der so ganz seine Absicht verfehlen? Er wollte die französische Revolution lächerlich, die Demokratie verächtlich machen, und er machte sich selbst lächerlich; er zeigte durch die äusserst geschmacklose platte Erfindung seines Stücks, durch den unbehülflich hölzern gezeichneten Aristokraten, daß die Anhänger dieses Systems entweder nie Geist besaßen, oder ihn durch zu vielen Gebrauch schon abgenutzt hatten, da sie in diese Gesellschaft traten, wo man auch ohne Geist glänzt. Es ist traurig, daß so viele Schriftsteller und Dichter so ganz vergessen, daß es eine Zeit giebt, wo man zu schreiben aufhören muß; und warlich! diese Zeit ist beym Verfasser des weiblichen Jacobiner Clubs schon ein ganz Weilchen vorübergegangen, ohne von ihm bemerkt zu werden. Es geht seinen Lesern wie einst Voltairen bey dem Buch eines jungen Autors, wo Voltaire öfters die Mütze abnahm; der junge Schriftsteller, überrascht, frug, was das bedeute? Je salue les vieilles connoissances, antwortete Voltaire.
Im heutigen Schauspiel ward Bruder Moritz, oder: der Sonderling, vom Verfasser des weiblichen JacobinerClubs, gegeben, und man wird hier einigermaßen mit ihm ausgesöhnt. Die Sekondasche Gesellschaft ist im Allgemeinen gut, besonders gefällt eine Madam Zucker durch das ungezwungene, leichte, reizende ihres Anstandes. Dagegen ist Herr Opitz, den mit aller Gewalt das hiesige Publikum sowohl wie das Dresdner bewundert, lange der Schauspieler nicht, zu dem man ihn macht. Einst mag er gut gewesen seyn, den zärtlichen Liebhaber bey unzärtlichen Mädchen zu machen, aber jezt ist er wirklich für die Charaktere, die er zu spielen unternimmt, viel zu alt. Um so mehr wundert es mich, daß er auch nicht einmal die Regeln des Costum's beobachtet, da ihn doch dies die Erfahrung lehren müßte. Als Bruder Moritz trug er zwey fürchterliche Modelocken an der Seite, und glich eher einem verjagten Kammerherrn, deren es hier eine ungeheure Menge giebt als einem Manne, der die Thorheiten der Welt entfaltet, sie für Thorheiten hält, und den schöneren Eingebungen seines Herzens, ohne Rücksichten, ohne Gepränge, mit duldender Schonung folgt. Des Herrn Opitz Sprache hat nichts weiches, herzeinnehmendes. Er hat meist eine rauhe Stimme, und so sehr er sich auch den Conversationston eigen gemacht hat, so glaub ich doch, daß er sich in Heldenrollen, als z.B. im Otto von Wittelsbach, weit besser ausnehmen mag, als in zärtlichen, hinschmachtenden Liebhabern, oder in einem Moritz. Darauf nimmt aber weder das Publikum, noch der SchauspielDirecteur, noch Herr Opitz selbst Rücksicht. Weil er eine Rolle vorzüglich gut spielt, so, denkt man, muß er auch alle gleich gut ausführen. Er kommt man lobt, man bewundert ihn, und er geht schlechter vom Theater, als er kam. Dies ist der Fall auf allen Theatern Deutschlands, und eben deshalb werden wir ewig schlechte Theater haben, und unsre Schau spieler ewig Stümper in ihrer Kunst bleiben. Und doch sollte man nicht so leicht über diese Kunst denken. Sie ist der Menschheit, sie ist der Religion wichtig, und ein guter Schauspieler wirkt mehr auf das Herz, als der beste Priester. Man versuch es nur einmal, und setze von den Priestern die Hälfte ab; und gebe den dadurch ersparten Gehalt Schauspielern; man gebe dem Stand der Schauspieler nur halb so viel äussere Würde, als dem Stand der Geistlichen; man mache den Eingang in ein Schauspiel dem Volke so leicht, als den in die Kirche; und wir wollen sehen, ob nicht alle Kirchen leer bleiben. Mehr bedarf es dann nicht! die Menschen werden gebesserter aus einem Schauspiel, als aus der Kirche gehn. Zu jenem zieht sie Drang des Herzens, zu dieser Heucheley, der Wunsch zu scheinen, was kein Mensch seyn kann, der die gesunde Vernunft noch nicht verlohren hat. In jenem sehn sie die Moral in Ursach und Wirkung, und je größerer Künstler der Schauspieler ist, desto mehr fangen sie an, ganz unwillkührlich aus wahrer Rührung die Tugend in ihren Reitzen zu lieben, und das Laster in seinen Folgen zu hassen. Der Priester muß schon sehr gut seyn, muß schon die Beredsamkeit eines Cicero haben, der nur seiner Zuhörer Aufmerksamkeit fesseln und erhalten will; rühren wird er kein Herz, und nur die Thränensäcke alter Weiber werden sich ihm öfnen, an denen nichts mehr zu bessern und nichts mehr zu verschlimmern ist. Welcher allmächtige Unterschied! Hier opfert ein Odoardo der Tugend sein heiligstes Kleinod, seine einzige Tochter, seine Emilie; er zuckt den Dolch, und tausend Herzen beben; die leidende Unschuld sinkt zur Erde und fleht um Erhaltung, um Gnade und in tausend Augen glänzt die fürchtende Hofnung; Odoardo spricht das schreckliche doch, meine Tochter, doch und über tausend Seelen schauert Entsetzen, Thränen rollen von allen Wangen; das blühende Mädchen beschließt, die Tugend zu lieben, der kraftvolle Jüngling, die Unschuld zu ehren, der Mann, der Vater, groß wie Odoardo zu denken; der Fürst kehrt sich weg, und fängt an, seine Marinelli's zu prüfen! Von tausend Menschen kehrt keiner zurük, ohne den Vorsatz, besser zu werden.
Wie ganz anders aber da, wo ein verschrumpftes Jesuitengesicht, unter dem Drucke einer Haarwolke, mit Augen, aus denen Geitz, Neid und Herschsucht hervorblicken, auf einer Canzel steht, und von Tugenden spricht, die er nicht kennt; Dinge erklärt, die er nicht versteht; Menschen vergöttert, die er nicht gesehn hat. Wo die Hälfte seiner Zuhörer schläft, ein Viertel plaudert, und nur ein Viertel ihm zuhört, von denen sich wenige an seiner Rede erbauen, die meisten nur hören, um nicht zu schlafen, oder mit dem gehörten Unsinn ihre Tischgesellschaft zu unterhalten. Wenn es je einem Fürsten einfiel, Weiber und Männer aus den Kir chen zu trennen, und für jedes Geschlecht eine besondere Kirche anzulegen; die Zahl der Kirchengeher würde sich schrecklich vermindern. Thöricht handelt der, der die Moral in blosen Worten mit Nutzen zu lehren denkt. Nur Beyspiele, nur wirkliche Handlungen geben dem sinnlichen Menschen lebhafte Bilder, denen er anhängt. Wer seine Moral auf Abstraktionen, auf übernatürliche Dinge gründet, wird selten moralisch handeln. Wenn nun aber erst ein Priester Mäßigkeit lehrt, der selbst unmäßig ist; Menschenfreundlichkeit preist, und selbst ein Barbar für seine Untergebenen ist; kann da Liebe zur Tugend in Menschenherzen geweckt werden? Nein, man hängt dem Laster einen Mantel um, und wird, wie der Lehrer, ein Heuchler!
Nie bin ich so belohnt aus einem Opernhause gegangen, als heut, wo ich in einem Saal so viel merkwürdige Menschen, in so verschiedener Lage sah. Der Kaiser nebst seiner Familie sollte heut in die Oper kommen, und der ganze Weg vom Schlosse bis zum Opernhause wimmelte von Menschen, die neugierig waren, einen Kaiser zu sehn, wie er nach einem Schauspiel fährt. Im Hause waren alle Logen, und das Parterre mit Menschen angefüllt; und als endlich der Kaiser kam, empfing man ihn mit einem dreymaligen Händeklatschen, und einem Vivat! wo man die Stimmen, ohne das Gehör eines Indiers zu haben, zählen und unterscheiden konnte. Einige wollen sogar behaupten, die Polizeybedienten hätten zum Vivat aufgemuntert.
Der Kaiser schien mit seiner Bewillkommung zufrieden, und verneigte sich einigemal gegen die Zuschauer; doch muß ich aufrichtig gestehn, trotz dem Klatschen, trotz dem Gerassel der Pauken und Trommeten, hatte dieser Auftritt auch nicht das geringste Feyerliche, weil ihm ganz die Begeistrung fehlte, die eine Volksversammlung beleben muß, wenn die Aeußerung ihrer Freude erhaben und schön seyn soll. Hier schwieg ganz die hochaufwallende Empfindung einer begeisterten Seele; man fühlte, diese Freude sey ein Kind der Convenienz, und man fürchtete immer beym Anfang, die Fortsetzung würde fehlen, so langsam ging die Freude der Prager Bürger. Warlich, die Einrichtung der Indischen Fürsten, sich ihrem Volke nur verhüllt zu zeigen, hat sehr viel Gutes. Die meisten Menschen denken sich ihren Beherrscher, ihren gebohrnen Monarchen, als ein höheres Wesen, oder wenigstens als einen sehr schönen, weisen, vollkommnen Menschen. Ist er verhüllt, so prägt sich dies Bild ein, und die Neugier mahlt es noch schöner aus; tritt er aber hervor, so sieht man leider nur zu oft eine unvollkommne Gestalt, in der sich nichts Großes, nichts Erhabnes mahlt. Eine solche Täuschung ist widrig, und läßt Vorurtheile gegen den Geist eines solchen Mannes zurük, die zu überwinden es beweisender Handlungen bedarf. Der Erzherzog Franz hat viel Aehnliches vom Kaiser Joseph, und man verspricht sich hier große Dinge von ihm. Sein Gesicht, wenn auch nicht geistvoll, zeigt doch jezt schon etwas Edles, Vestes, Bestimmtes, das seiner Art zu handeln nicht widerspricht. Gleich nach seiner Ankunft war es sein erstes Geschäft, nach der Hofbuchhandlung zu schicken, und sich alles Neue der Litteratur, und alle neue Landcharten holen zu lassen. Auch erzählte man mir eine Anekdote von der Liebe zu seiner verstorbenen Gattin, deren Bild über seinem Schreibtische hing, indessen das Gemählde seiner künftigen gerade gegenüber gestellt war. Die Kaiserin, der diese Anordnung nicht gefällt, läßt während der Abwesenheit des Erzherzogs die Gemählde umhängen. Der Erzherzog erblickt bey seiner Rückkehr die Verändrung, und schweigt. Nach einigen Tagen aber befiehlt er dem Cammerdiener, den Schreibtisch unter das Bild der Verstorbenen zu setzen, und so erreicht er seine Absicht, ohne die von der Kaiserin getroffene Anordnung der Bilder zu verändern. Mir scheint dieser kleine Zug merkwürdig, da sich darinnen der Grundsatz äußert, bestimmte Absichten zu erreichen, ohne die einmal eingeführte Ordnung zu stören. Die Brüder des Erzherzogs Franz gleichen sich fast alle; der schönste und bestgewachsenste ist der Palatin von Ungarn. Mehr weiß ich eigentlich nicht von ihnen zu sagen, wenn sich auch mehr sagen ließe, so wie ich ebenfalls in der Kaiserin nichts weiter als die Frau eines Kaisers entdeckte. Merkwürdiger waren mir die Personen vom zweyten Range, die den Kaiser nicht umgaben, und in deren Gesichtszügen ihre Lebensgeschichte stand. Rührend war unten im Parterre der Anblick des General Bouillé; und so verdient er sein jetziges Schicksal trägt, so konnt' ich doch nicht alle Gefühle des Mitleids gegen ihn unterdrücken. Mit leserlichen Chiffern steht auf seiner Stirn sein Unglück geschrieben, und der Kummer scheint das Feuer seines Auges allmählich zu vermindern. Aber doch spricht noch Klugheit und Muth aus seinen Blicken, und jeder erkennt, daß ihn das Schicksal zu mehr, als einem verwaisten Flüchtling bestimmte. Noch nie sah ich ein Gesicht, auf dem der Gram so abgedrückt war, wie auf dem seinigen; und ich kann mir vorstellen, welche schreckliche Gefühle sein Herz durchbohren. Einem leidenschaftlichen Augenblick zu gefallen, geblendet von den süßen Schmeicheleyen der Zukunft, geläng es ihm, die Tempel der Freyheit umzustürzen, und die Despotie wieder einzusetzen, mißbraucht er das Vertrauen der Nationalversammlung, wird ein Verräther seines Vaterlandes und seines Volks; wird von einem angesehenen französischen Büger, ein vornehmer Bettler im Ausland; und sieht sich nun von niemanden gefürchtet, von wenigen geschätzt, von den meisten verachtet. Wie muß ihn die Reue peinigen, wie der Gedanke ihn erschüttern, daß er vielleicht an dem Blutvergießen vieler Tausend Schuld seyn kann, einen Irrthum zu vertheidigen! Wie ganz arm an großen, schönen Gefühlen muß seine Seele seyn, da ihr der Stolz der Selbstständigkeit mangelt; da sie schlaff genug war, dem Eigennutz zu fröhnen, seinen Winken zu folgen, und auf die seligen Früchte der Freyheit Verzicht zu thun! Wie verwaist muß er sich fühlen, da ihm seine Nation flucht, sein Vaterland als ein Ungeheuer ausspeyt, und kein Herz ihm sich naht, harmonisch gestimmt, aufwallend für die großen Tugenden des Menschen geschlechts, für Freyheit und Liebe! Einsam steht er da, wie eine giftige Pflanze, die kein freundliches Thier besucht, vor der der Wanderer, ohne sie anzublicken, vorübergeht, und um die sich nur Scorpionen sammeln! Wie lächerlich nehmen sich aber dennoch neben diesem bethörten, unglücklichen Mann die übrigen Französischen Flüchtlinge aus! Besonders der nicht schöne Fersen, der seine Amanda überall zu suchen schien, und umsonst mit seiner weißen Cocarde am Huth spielte, und umsonst von einer Bande zur andern lief! Er findet sie nicht, und seufzt der Hofnung entgegen, daß doch einer der Zuschauer bemerken würde, was er suche. Der Sohn des Bouillé und der Herzog von Polignac sind so unbedeutend, daß man mit ihren Namen das Register ihrer Verdienste schließen kann. Fort! mit diesen Menschen; mir winkt zu schöneren Bemerkungen dort ein kleiner Mann, in grünem Rocke, dessen Auge verräth, was sein bescheidner Anstand verschweigt. Es ist Mozart, dessen Oper, Don Juan, heut gegeben wird, der die Freude hat, selbst das Entzücken zu sehen, in welches seine schöne Harmonie die Herzen aller Zuschauer versetzt. Wer im ganzen Hause kann stolzer und froher seyn, als er? Wem gewährt sein eignes Selbst mehr Befriedigungen, als ihm? Umsonst würden Monarchen Schätze verschwenden, umsonst der Ahnenstolz seine Reichthümer; er kann auch nicht ein Fünkchen dieses Gefühls erkaufen, mit welchem die Kunst ihren Geliebten belohnt! Freuden mit Gold erkauft, sind die leidlichen Minuten eines Kranken; der Schmerz stellt sich bald nur desto heftiger wieder ein. Wie anders des Künstlers Entzücken beym unsterblichen Werk? Auch seine Freude gleicht einem Rausch; aber sie ist dennoch ewig; Sie steigt immer in neuer Schönheit hervor, und beseligt mit Schöpfergefühlen den sterblichen Menschen. Alles muß den Tod fürchten; der Künstler fürchtet ihn nicht. Seine Unsterblichkeit ist nicht Hofnung, sie ist Gewisheit! den schöneren Theil seiner Selbst, Denkmähler seliger Stunden, läßt er der Nachwelt zurük. Er würkt noch auf künftige Geschlechter, wenn längst die Gebeine der Könige vermodert sind. Und mit allen diesen Ueberzeugungen konnte Mozart da stehen, als tausend Ohren auf jedes Beben der Saite, auf jeden Lispel der Flöte lauschten, und hochwallende Busen, schnell schlagende Herzen die heiligen Empfindungen verriethen, die seine Harmonien weckten. Dieses Wecken dunkler Gefühle hat die Musik vor allen schönen Künsten eigen. Durch das Unbestimmte ihres Ausdrucks schmeichelt sie den eigenthümlichen Empfindungen jedes Herzens, folgt im stillen Einverständniß dem verschwiegenen Gang unsrer Fantasien, und wiegt den Bekümmerten in Schmerz, den Frohen in Freude! Sey es Schwärmerey oder richtiges Menschengefühl, genug, ich wünschte in diesen Augenblicken lieber Mozart als Leopold zu seyn; und wenn auch unsern deutschen Zuhören die hohe Empfänglichkeit für Begeistrung fehlt, mit der der Britte einen Hendel, der Franzose einen Gluck bewundert; so muß doch auch schon die unwillkührliche Aeußerung weniger Fühlenden ein schöner, himmlischer Lohn dem Künstler seyn, der den Sphären ihre Harmonien ablauschte, und durch Töne Seelen zu entzücken versteht!
Volksfeste fangen an, allen Monarchen wichtig zu werden. Die Fürsten lernen einsehen, daß das Volk leichter Fürsten, als Fürsten das Volk entbehren können, und sie müssen diesem fürchterlichen Löwen schmeicheln, um nicht von ihm verschlungen zu werden. Pracht blendet, Schein täuscht; ein glänzendes Volksfest ist daher eigentlich gemacht, den Geist der Menschen mit Spiegeln, Kronleuchtern, Tänzen, Juwelen, köstlichen Speisen und schäumenden Getränken zu beschäftigen, und in eine so süße Trunkenheit zu wiegen, daß nie die Gefühle der Freyheit und des Stoltzes in ihnen erwachen! Diese Ideen weckte in mir das heutige Fest, welches der Kaiser dieser Stadt auf seinem Schlosse gab, wo jeder anständig gekleidete Mann freyen Zutritt hatte, und welches an Pracht und Ueberfluß eines so mächtigen Monarchen würdig war. Der Eintritt in den großen Saal, von 50 Kronleuchtern erhellt, gewährte einen überraschenden Anblick, und die Fantasie eines Ariosts hätte sich hier gewis in einem Zauberschlosse geglaubt. Man fand auch alles hier, was die Pracht und der Reichthum zaubern können, und ein stark besetztes, gut eingespieltes Orchester vollendete den Eindruck der ersten Ueberraschung. Gütig und herablassend war der Kaiser gegen die, mit denen er sprach: doch dies waren nur wenige des vornehmsten böhmischen Adels, und ich hörte zu meinem Erstaunen mehrere Personen, die Josephs Leutseligkeit weit der des jetzigen Monarchen vorzogen. Mit Vergnügen hört ich eine Dame versichern, daß der Kaiser Joseph ein so angenehmer Gesellschafter gewesen sey, daß man ihn zu lieben sich nicht hätte enthalten können; und einen solchen Gatten zu haben, müsse Seligkeit seyn. So spricht man jezt von einem Fürsten, gegen den man sich bey seinem Leben empörte; den man einen Tyrannen schalt, und der im Begriff stand, die große Oestreichische Monarchie zersplittert zu sehen. Er ist todt und nun erhebt man seine Eigenschaften. Nun bewundert man ihn, und vergißt die Gegenwart über die Vergangenheit. Sind drum die Menschen nicht thöricht, die da ängstlich auf jede Stimme horchen, und nach jeder ihre Handlungen einrichten wollen? Volksurtheil muß kein Fürst und überhaupt kein Mensch ganz verachten; aber auch nie nach jedes Fantasie seine Grundsätze formen, und allen gefallen wollen. Schön ist der Stolz, anerkanntes Gute fest zu halten, will es auch die ganze Welt uns entreißen; schön der Stolz, gleich wahr gegen König und Bettler seyn. Es ist besser, den Kopf durch das Schwerdt verlieren, als durch eigennützige Schmeicheley ihn verleugnen! Aber wie wenige denken so! Wie viele schätzen das Lächeln eines Monarchen höher, als die Ueberzeugung, groß und edel gehandelt zu haben. Und wäre das nicht, wie könnten oft Fürsten, was ihr ganzes Volk als Thorheit anerkennt, allein für schätzenswerth und weise halten? Fürsten können keine größeren Fehler begehen, als den Geist des Volks für schwächer, als den ihrigen, zu halten. Was mühsame Politik erfindet, schlaue Hofkunst verschweigt, entdeckt gewöhnlich das Volk am ersten; und es ist leichter, einen Sokrates zu täuschen, als den sogenannten Pöbel. In nichts können daher Fürsten behutsamer seyn, als in Volkstäuschungen oder Volksfesten. Der Schleyer, mit dem sie das Auge des Volks bedecken wollen, ist oft der Talismann, durch den es richtig sehen lernt, und, statt Liebe, erzeugen diese Kunstgriffe politischer Weisheit dann eine Mittelempfindung von Furcht und Haß Verachtung.
Heute Morgen ward dem Kaiser gehuldigt, und heute Abend die Stadt erleuchtet; eine Feyerlichkeit, die ich allen andern vorziehe, theils, weil mit dem Begriffe Licht sich so vieles Erhabnes verbinden läßt, theils, weil hier der Geist mit der Pracht in vereinigter Schönheit glänzen kann. Diese Hofnung täuschte mich aber jezt, und ich fand nur hie und da Pracht, noch seltner Geschmack, und in ganz Prag nicht eine schöne Idee, oder einen schönen Gedanken. Hätte man nicht so viel Pracht an verschiedene Privathäuser, öffentliche Gebäude und Klöster verschwendet, so würd' ich glauben, man habe nichts Schönes zeigen wollen; so aber muß ich wirklich die Ursache im Können suchen, und hier fand ich die Religion als eine treue Gehülfin. Den katholischen Priestern lehrt Selbsterhaltung die Pflicht, das Volk so unwissend als möglich zu erhalten, und ihnen die Religion als eine Ceremonie vorzustellen, in der sie den Vorsitz haben. Keine Religion, die in Ceremonien besteht, ist gut; keine Religion der neuern Zeit ist Religion; aber doch gewis die am wenigsten, deren Hauptstützen Unwissenheit und Intoleranz sind. Mich hat geschaudert, als ich hörte, daß man den Juden heute auszugehen verboten, und daß man es ruhig ansah, als Jung und Alt einen doch ausgegangenen Juden steinigten, und da er floh, ihn verfolgten. Ist es nicht fürchterlich, in unserm Jahrhundert, wo man in Paris die Siegestrophäen der Freyheit und des gesunden Menschenverstandes in Tempeln aufbewahrt, daß man noch so etwas bei deutschen Fürsten duldet? Warum wendet ihr eure Blicke, Sprecher der Deutschen, nach Frankreichs Thälern, und klagt und flucht, wenn der höchsten Seligkeit des Menschengeschlechts, der Freyheit, einzelne Opfer fallen, indeß die Fürsten eures Vaterlandes noch ruhig solche Greuel mit ansehen? Warum zieht ihr die Schwerdter eures Geistes nicht gegen diese? Weil ihr Menschen seyd, die von dem Lächeln der Fürsten ihren Unterhalt erwarten müssen, und die um eines ärmlichen Selbstvortheils willen, den Vortheil des Menschengeschlechts vergessen. Aber wenn ihr dies müßt, so entehrt euren Geist nicht mit Vertheidigung abscheulicher Gebräuche, und flucht nicht der Hand, die es wagen will, das Gebäude des Despotismus zu stürzen. Götter! welch ein Unterschied zwischen Deutschland, sonst die Veste der Freyheit gegen Frankreich sonst das Land der Despotie! Dort verbrennt man das Bild des Papstes! hier stürzt man noch vor Erzbischöffen nieder, wenn sie zum Schmause fahren, ihr bischen Vernunft in Tokayer zu ertränken; dort holt man die Leiche ei nes verwiesenen Weisen, und stellt sie in die heiligsten Gewölbe der Kirche; hier steinigt man Juden, von der Regierung beschützt, setzt vertriebene Mönche wieder ein, und schärft die Censuren. Die Toleranz der Prager geht so weit, daß man bei der hiesigen Universität für die Professoren ein Gesetz hat, daß der Professor, dem man den Atheismus beweisen kann, 25 Streiche auf den Hintern bekommt; der einen andern aber fälschlich so gescholten, die Hälfte der Streiche; und es ist noch nicht lange, als man dieses Gesetz in Ausübung bringen wollte. Wie ungleich sind die Gefühle bey diesen Beweisen schändlicher Mönchstiranney gegen die Empfindungen, welche Schwerins Denksäule auf dem Schlachtfelde, wo er für sein Vaterland kämpfte, siegte und starb in dem Herzen eines Nichtglaubenden weckte? O Tugend, wie groß ist dein Sieg! Auf dem Grabe deiner Geliebten giebst du dem Steine Beredsamkeit, dem Marmor Seele: ungeschminkt stehst du da, und tausend feurige Herzen stürzen dir in die Arme; indeß den Altar des Glaubens die Furcht, der Betrug und die Sünde bewacht! Ich war heut Morgen auf dem Schlachtfelde, wo sich die kämpfenden Heere vom weissen Berge aus herumtummelten; wo Friedrich siegte ach! aber Schwerin unter der Last seiner Thaten fiel, und von der Seite seines großen, königlichen Freundes gerissen ward. Ihm weinte Friedrich Thränen; Joseph ehrte sein Andenken öffentlich; was soll der Patriot, der von hohen Entschlüssen glühende Preuße, thun? Nicht Thränen ihm weinen nicht schweigend ihn ehren? an seinem Grabstein muß er schwören, ihm gleichen zu wollen; muß schwören, mit gleichem Muth nie Gefahr zu fürchten, so weise, so kühn, so groß wie er zu seyn, und die Pflichten für das Vaterland höher als die gegen sich und den König, zu schätzen; muß schwören, die Rechte, die uns Friedrich der Einzige kennen lehrte, den Ruhm, den er uns erwab, die Freyheit des Geistes, die wir bey ihm genossen, zu erhalten, und jede Schmeicheley des Glücks und der Ehre zu verachten, entfernte sie ihn von der Pflicht dieses Schwures. O meine Landsleute! Warum kann ich euch nicht zu dieser Begeisterung besee len, warum nicht in eurem Herzen den römischen Patriotismus wecken? Euren Ruhm zu erhalten, bedarfs nur der Kenntniß eurer Kraft. Ein Volk, wie wir, braucht keine Welt zu fürchten, wenn sie es wagt, sich gegen uns zu stellen; und wer sie fürchtet, den stoßt aus eurer Mitte, und brandmarkt seine Stirn! Kein Gedanke in der Welt ist mir fürchterlicher, als der, daß je Preußens Ruhm nur sinken könnte; dieser Ruhm, durch Götterthaten erkämpft, welche die Welt in Jahrhunderten mehr anstaunen wird, als die Thaten Alexanders des Großen; ein Ruhm, nicht, wie Klopstock sagt, zu theuer durch das Blut blühender Jünglinge, und der Mutter und Braut nächtliche Thrän' erkauft; ein Ruhm, der Friedrichs Volk vor ganz Europa beneidenswerth machte, weil jeder denkende eingestand, daß nur dies Volk im Stande gewesen sey, Friedrichs Willen zu folgen, und die kühnen Plane seines Geistes auszuführen. Umsonst erhebt der Stolz der Britten sein Haupt; umsonst wehen die Fahnen der Freiheit in Frankreich; umsonst wirfst du, Sarmatien, das Kleid der Barbarey ab; umsonst zeigt Schweden auf sei nen Orlando, und Rußland auf den Stolz Europa's, auf seine Kaiserin. Ihr alle waret nicht fähig, mit Friedrich zu leiden, mit Friedrich zu kämpfen, mit Friedrich zu siegen! Dies konnten wir nur, die weder Brittenstolz, noch Schwedendemuth, weder Galliens Cultur, noch Rußlands Wildheit besaßen; wir, die wir nicht nach dem Triumph der Freyheit ringen, aber gewiß auch schändende Sclaverey nicht trügen; die wir Bequemlichkeiten kennen, aber Mühe nicht scheuen; die wir, mit Armuth belohnt, dem Traumbild der Ehre mit Wollust unser Leben und unsre Kräfte opfern! Wir, die unüberwindbar im Kampf, ein Muster der Völker, zur unumschränktesten Monarchie gebohren schienen, ohne doch je Sclaven zu werden! Nur mit einem solchen Volke konnte Friedrich der Welt Trotz bieten, mit ganz Europa kämpfen, und doch siegen!
Sey mir gegrüßt, heilige Stille der Nacht! Sey mir gegrüßt! In deinem Schoos kann die Seele zur ruhigen Betrachtung sich sammlen, und in der Erinnerung die entflohenen Stunden noch einmal erblicken. Es war ein schöner Tag, den ich heut lebte; ich genoß ein Vergnügen, das der Stolz nicht erzwingen, die Verschwendung nicht kaufen kann; das Vergnügen, in schönen Seelen den Abdruck der göttlichen Natur zu entdecken; Gedanken gegen Gedanken zu tauschen, und vervollkommet einen Tag zu beschließen. Auf einer Insel in der Moldau, KleinVenedig, welches der hiesigen Schützengesellschaft gehört, hatte der Professor Meißner einen kleinen Zirkel seiner Bekannten versammlet, wozu er auch Alxingern aus Wien, seinen Schwager Rupert Becker, und mich eingeladen hatte. Wer schon einmal das Vergnügen genoß, unter denkenden Männern und fühlenden Weibern mit freyer Seele die heitre Luft des Himmels bey sokratischen Gesprächen einzusaugen; wer schon einmal einen Meißner in der schweigenden Dämmerung des Abends, unter dem säuselnden Obdach einer Linde, Bürgers Lied an die Hofnung declamiren hörte: Der wird es mir verzeihen, wenn ich auf Augenblicke von diesem Wohlgefühl überrascht, dich, Lina, und meinen Kummer um dich vergaß! Den Verfasser des Alcibiades hab ich mir richtig gedacht; denn gewöhnlich pfleg ich mir ein Bild des Mannes zu entwerfen, dessen Bekanntschaft ich entgegen gehe, und gewöhnlich pfleg ich getäuscht zu werden; hier aber nicht. Meißners Auge drückt ganz die schöne Schwärmerey aus, die in seinen Skizzen herrscht, die eine Bianka beseelt, und eine Bianka aus den Gefilden der Seligen herabruft; es glüht ganz von dem Feuer, mit dem Alcibiades Glycerion umarmt, und er, irre ich nicht löschte auch einst eben so gern auf schönen Lippen dies Feuer. Wenig Schriftsteller gleichen so ihren Büchern, wie Meißner den seinigen; es ist ganz der liebe, tieffühlende Mann, den man sich in ihm dachte. Er scheint gar nicht Egoist ein so höchst seltner Fall! Er sagt seine Meinung, und hört auch die des andern; er duldet Irrthum, und glaubt, daß er irren kann; er ist nicht heftig im Streit, aber auch nicht kalt für die gute Sache; sein Geist äußert sich nicht in blendender Beredsamkeit, sondern mehr in einzeln hingeworfenen Ideen, die durch ihre Schönheit wirklich überraschen, und ihren Erfinder verrathen. Er ist verheurathet, und seine recht sehr liebenswürdige Frau scheint ganz den Werth ihres Mannes zu fühlen, dessen Bild auf dem Gesicht ihres einzigen Sohnes, eines schönen Jungen von sieben Jahren, abgedrückt ist. Von einer ganz andern, obgleich nicht schlechtern Art, ist Alxinger, der Verfasser des Doolin von Mainz und des Bliomberis. Er ist mit lauter Beredsamkeit der heftigste Streiter, den ich kenne, ohne unangenehm zu seyn; denn er weiß mit vielem Witz seinen Satz zu unterstützen, wenn er auch auf noch so schwachen Füßen steht. Seine Grundsätze, mit Prüfung gewählt, sind eisern, daher er denn auch die einmal gefaßte Meinung selten fahren läßt, bewiese man ihm auch mit Wolfischer Weitläuftigkeit und Kantischer Gründlichkeit das Unächte derselben. Er hält ganz ausserordentlich viel auf Autorität; das Alterthum hat bey ihm ein großes Gewicht; sein größtes, einziges Studium sind die Geisteswerke der Griechen und Römer, die er ganz kennt, ja sie beinahe völlig im Gedächtniß hat, und für die er denn auch so eingenommen ist, daß er behauptet, es könne nichts Schönes und wahrhaft Unsterbliches geschrieben werden, was nicht aus diesen Quellen hergeleitet sey. Er verwirft daher auch ganz die morgenländische Dichtkunst, und nimmt ge