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| Datum | [Sommer 1811] |
| Adressat | Marie von Kleist |
| Ort | [Berlin] |
Das Leben, das ich führe, ist seit Ihrer und A. Müllers Abreise gar zu öde und traurig. Auch bin ich mit den zwei oder drei Häusern, die ich hier besuchte, seit der letzten Zeit ein wenig außer Verbindung gekommen, und fast täglich zu Hause, von Morgen bis auf den Abend, ohne auch nur einen Menschen zu sehen, der mir sagte, wie es in der Welt steht. Sie helfen sich mit Ihrer Einbildung und rufen sich aus allen vier Weltgegenden, was Ihnen lieb und wert ist, in Ihr Zimmer herbei. Aber diesen Trost, wissen Sie, muß ich unbegreiflich unseliger Mensch entbehren. Wirklich, in einem so besondern Fall ist noch vielleicht kein Dichter gewesen. So geschäftig dem weißen Papier gegenüber meine Einbildung ist, und so bestimmt in Umriß und Farbe die Gestalten sind, die sie alsdann hervorbringt, so schwer, ja ordentlich schmerzhaft ist es mir, mir das, was wirklich ist, vorzustellen. Es ist, als ob diese in allen Bedingungen angeordnete Bestimmtheit meiner Phantasie, im Augenblick der Tätigkeit selbst, Fesseln anlegte. Ich kann, von zu viel Formen verwirrt, zu keiner Klarheit der innerlichen Anschauung kommen; der Gegenstand, fühle ich unaufhörlich, ist kein Gegenstand der Einbildung: mit meinen Sinnen in der wahrhaftigen lebendigen Gegenwart möchte ich ihn durchdringen und begreifen. Jemand, der anders hierüber denkt, kömmt mir ganz unverständlich vor; er muß Erfahrungen angestellt haben, ganz abweichend von denen, die ich darüber gemacht habe. Das Leben, mit seinen zudringlichen, immer wiederkehrenden Ansprüchen, reißt zwei Gemüter schon in dem Augenblick der Berührung so vielfach aus einander, um wie viel mehr, wenn sie getrennt sind. An ein Näherrücken ist gar nicht zu denken; und alles, was man gewinnen kann, ist, daß man auf dem Punkt bleibt, wo man ist. Und dann der Trost in verstimmten und trübseligen Augenblicken, deren es heutzutage so viel gibt, fällt ganz und gar weg. Kurz, Müller, seitdem er weg ist, kömmt mir wie tot vor, und ich empfinde auch ganz denselben Gram um ihn, und wenn ich nicht wüßte, daß Sie wieder kommen, würde mir es mit Ihnen ebenso gehn.
1 Kleist, Heinrich von: Sämtliche Werke und Briefe. Hrsg. von Helmut Sembdner. Zweibändige Ausg. in 1 Bd. Vollst. Ausg. München: Dt. Taschenbuch Verl. 2001. 967,1119 S. (dtv. 12919) [Band- u. seitenident. mit: 9., verm. u. revid. Aufl. München: Hanser 1993]. - 2 Kleist, Heinrich von: Sämtliche Werke. Brandenburger Ausgabe. Hrsg. von Roland Reuß und Peter Staengle. Bd. IV/1: Briefe 1. März 1793-April 1801. Hrsg. von Peter Staengle in Zsarb. mit Roland Reuß. Basel [u. a.]: Stroemfeld 1996. - Bd. IV/2: Briefe 2. Mai 1793-August 1807. Hrsg. von Peter Staengle in Zsarb. mit Roland Reuß. Basel [u. a.]: Stroemfeld 1999. - 3 Kleist, Heinrich von: Sämtliche Werke und Briefe in vier Bänden. Hrsg. von Ilse-Marie Barth u. a. Bd. 4: Briefe von und an Heinrich von Kleist 1793-1811. Hrsg. von Klaus Müller-Salget u. Stefan Ormanns. Frankfurt a. M.: Dt. Klassiker Verl. 1997. (Bibliothek deutscher Klassiker. 122)
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