(c) 2001,2002 by Kleist-Archiv Sembdner, Heilbronn. Alle Rechte vorbehalten. Links auf diese Seite nur nach vorheriger schriftlicher Genehmigung erlaubt! Wir weisen ausdrücklich darauf hin, daß diese Internetdatei keine zitierfähige Quelle ist, und daß für wissenschaftliche Arbeiten eine Überprüfung an einer zuverlässigen Buchausgabe erfolgen sollte! Hinweise auf Druckfehler u. ä. erbeten.
| Datum | 20. 7. 1805 |
| Adressat | Marie von Kleist |
| Ort | K[önigsberg] |
Also Pierre ist, der gute Pierre ist tot? Nun, Friede mit seiner Asche! Nichts Heilsameres für ihn als das Grab, alle Höfe der Welt nicht ausgenommen. – Sie aber hätten mir wohl etwas mehr von ihm sagen können. Ich erfahre nichts über die Art seines Todes, nicht wann, nicht einmal wo er sein Grab gefunden hat. Und doch wissen Sie, daß ich mich mehr vielleicht als irgend einer, seine Verwandten selbst nicht ausgenommen, für ihn interessierte. Der gute Pierre! Der liebe, gute, wunderliche Pierre! – Ich liebte ihn wirklich, obschon er mich, wie alle übrigen, verachtete. Denn ich wußte, er verachtete in mir nichts, als die Menschheit, nichts, was er nicht in sich auch verachtet hätte. Ich weiß, Sie lächeln; ich aber lächle auch. Ich habe diese Erfahrung unter denjenigen Bedingun-gen gemacht, unter denen sie sich wirklich machen ließ, in der vertrauten Einsamkeit eines täglichen und tagelangen Umgangs vieler Monden. Ein Teil seiner war verliebt in den andern, und der verachtete jenen tiefer, als er den Schlechtesten unter uns. Mir war er eine rührende Erscheinung, dieser Mensch. Eine von den vielen Anlagen, die die Natur zertritt, weil sie deren zu viel hat. So viel Stoff zum Glücke, und so wenig Fähigkeit des Genusses! Ich hätte oft weinen mögen auf unsern Spaziergängen. Unser ewiges, und immer wieder durchblättertes Gespräch war, wie in den Young-schen Nachtgedanken, wo er auch auf jeder Seite steht, der Tod. Nun, er ruhe sanft. Er wäre auf jedem Wege in sein Verderben geeilt. Sein Verstand war aller Grundsätze mächtig geworden, er ging, und wußte es, ohne Stab, an dem er sich halten könnte, auf dem schmalen Rücken eines schroffen Felsens, durchs Leben hin. Jedweder Windstoß hätte ihn gestürzt.
– Ich bin auch in diesen Tagen krank gewesen, wiewohl nicht zum Sterben, obschon es mich gezwungen hat, mehrere Wochen das Zimmer zu hüten. Ein häßliches kaltes Fieber, das mich wie der Winter zusammenschüttelte. Fürchten Sie inzwischen nichts, und besonders sein Sie ruhig wegen der Schillerschen Todesart. Es hat damit seine guten Wege. Ich habe nichts mehr von einem so grausamen Anfall der Begeisterung zu besorgen. Wenn er inzwi-schen käme, so sollte es mir ziemlich gleichgültig sein, ob er mir während der Umarmung, die Eingeweide ein wenig zusammen-knäuelte, oder nicht. Jede Arbeit nutzt ihr Werkzeug ab, das Glasschleifen die Augen, die Kohlengräberei die Lungen, usf. Und bei dem Dichten schrumpft das Herz ein. Eins ist des andern wert. Sollen wir unsre Kräfte einbalsamieren, und lebendig mit uns begraben? Keinesweges. Wir sollen sie brauchen. Wenn sie tot sind, so haben sie ihre Schuldigkeit getan.
»Das Leben ist nichts wert, wenn man es achtet.«
Es ist schon tot, wenn wir, es aufzuopfern, nicht stets bereit sind.
– Nun, der Himmel gebe, daß dieser Brief endlich in Ihre Hände komme! Und der Himmel senke seine besten Heilkräfte in das Seebad bei Dobberan!
K[önigsberg] d. 20. Juli 1805.
Ihr treuer Vetter HvK.
----______
(Inliegenden Brief an den bewußten Adressat bitte ich mit einer Adresse von Ihrer Hand zu versehen: [...]; und ihn auf die bewußte Art zu besorgen. Sie sind doch nicht böse über die Wiederholung dieses wunderlichen Auftrags?)
(Das Geld habe ich richtig empfangen, welches auch schon abgeschickt ist, wie ich überhaupt alle Ihre Briefe richtig empfan-gen habe.)
1 Kleist, Heinrich von: Sämtliche Werke und Briefe. Hrsg. von Helmut Sembdner. Zweibändige Ausg. in 1 Bd. Vollst. Ausg. München: Dt. Taschenbuch Verl. 2001. 967,1119 S. (dtv. 12919) [Band- u. seitenident. mit: 9., verm. u. revid. Aufl. München: Hanser 1993]. - 2 Kleist, Heinrich von: Sämtliche Werke. Brandenburger Ausgabe. Hrsg. von Roland Reuß und Peter Staengle. Bd. IV/1: Briefe 1. März 1793-April 1801. Hrsg. von Peter Staengle in Zsarb. mit Roland Reuß. Basel [u. a.]: Stroemfeld 1996. - Bd. IV/2: Briefe 2. Mai 1793-August 1807. Hrsg. von Peter Staengle in Zsarb. mit Roland Reuß. Basel [u. a.]: Stroemfeld 1999. - 3 Kleist, Heinrich von: Sämtliche Werke und Briefe in vier Bänden. Hrsg. von Ilse-Marie Barth u. a. Bd. 4: Briefe von und an Heinrich von Kleist 1793-1811. Hrsg. von Klaus Müller-Salget u. Stefan Ormanns. Frankfurt a. M.: Dt. Klassiker Verl. 1997. (Bibliothek deutscher Klassiker. 122)
* © Kleist-Archiv Sembdner der Stadt Heilbronn, Berliner Platz 12 (im Theaterforum K3, 2. OG), D-74072 Heilbronn. Tel. (07131) 56-2668. Fax (07131) 56-3699. Under permanent construction. Webmaster: Günther Emig