Heinrich von Kleist

Sämtliche Briefe

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Datum [27. 6. 1804]
Adressat Ulrike von Kleist
Ort [Berlin]
Sembdner1 Nr. ?S-Nr. (S. ?Seite-Seite )     BKA2 IV/1, Nr. ?BKA-Nr (S. ?Seitenbeginn ff.)     DKV3 Nr. ?DKV-Nummer (S. ?Seite-Seite )    
[Berlin, 27. Juni 1804]

Meine teure Ulrike,

ob ich Dir gleich vor einigen Tagen einen ziemlich hoffnungslosen Brief überschickt habe, so kann ich Dir doch jetzt etwas über eine Art von Aussicht mitteilen, die sich, wunderlich genug für die Zukunft, mir auf einer ganz unerwarteten Seite eröffnet. - Du wirst Dich noch eines Majors Gualtieri erinnern, welchen ich Dir, wenn ich nicht irre, bei Deiner Anwesenheit in Berlin vor drei Jahren im Schauspielhause vorstellte. Dieser, noch ziemlich junge, Mann, ein Bruder der Kleisten von Königs Regiment, geht jetzt in wenig Monden als Gesandter nach Spanien, und will, es ist ganz sein eigner Einfall, mich als seinen Legationsrat, oder vorderhand, als einen vom König angestellten Attaché bei seiner Gesandtschaft mitnehmen. Ihm sei, sagte er, ein Legationsrat aufgedrungen worden, von welchem er sich, wenn es möglich sei, noch hier, auf jeden Fall aber in Madrid losmachen werde. In diesem letztem Falle müßte ich etwa ein Jahr noch aus eignen Kosten bestreiten, ich hätte jedoch Station auf der Reise, Wohnung und Tisch bei ihm in Madrid frei. Er wisse kein besseres Mittel, mich im Dienste des Königs wieder festen Fuß fassen zu machen, und er wolle, wenn ich auch gleich auf meine erste Bitte um Anstellung eine abschlägige Antwort erhielte (welches sich morgen oder übermorgen entscheiden wird), die Ausführung dieses ganzen Projekts bei Hofe übernehmen. Ich erwarte jetzt von Dir, meine teure Schwester, die Bestimmung, ob ich mich in diesen Vorschlag einlassen soll, oder nicht. Zu einem Amte wird er mir verhelfen, zum Glücke aber nicht. Doch davon soll ich Dir nicht sprechen. Adieu. Adieu.

Dein treuer Bruder Heinrich.

N. S. Im Fall Du mich nach Spanien - verbannen willst (wer weiß ob ich Dich jemals wiedersehe!), so muß ich wohl noch enige Zeit hier verweilen, die Sache einzuleiten, und mir zu diesem Aufenthalte, wenn Du es auftreiben kannst, einiges Geld ausbitten.

- Hast Du die Wiese* noch nicht wieder besucht?

Gleißenberg läßt sich empfehlen. - Verzeih diesen liederlichen Brief, er ist in Eile geschrieben, um mit Fritzen zu reden. Ich muß soeben wieder zu Gualtieri kommen, der mich in große Affektion genommen hat. Er hält die ganze Sache schon für ausgemacht, und ich esse schon alle Tage bei ihm in der Stadt Paris.

* die Wiese an der Oder bei Greisers.


1 Kleist, Heinrich von: Sämtliche Werke und Briefe. Hrsg. von Helmut Sembdner. Zweibändige Ausg. in 1 Bd. Vollst. Ausg. München: Dt. Taschenbuch Verl. 2001. 967,1119 S. (dtv. 12919) [Band- u. seitenident. mit: 9., verm. u. revid. Aufl. München: Hanser 1993]. - 2 Kleist, Heinrich von: Sämtliche Werke. Brandenburger Ausgabe. Hrsg. von Roland Reuß und Peter Staengle. Bd. IV/1: Briefe 1. März 1793-April 1801. Hrsg. von Peter Staengle in Zsarb. mit Roland Reuß. Basel [u. a.]: Stroemfeld 1996. - Bd. IV/2: Briefe 2. Mai 1793-August 1807. Hrsg. von Peter Staengle in Zsarb. mit Roland Reuß. Basel [u. a.]: Stroemfeld 1999. - 3 Kleist, Heinrich von: Sämtliche Werke und Briefe in vier Bänden. Hrsg. von Ilse-Marie Barth u. a. Bd. 4: Briefe von und an Heinrich von Kleist 1793-1811. Hrsg. von Klaus Müller-Salget u. Stefan Ormanns. Frankfurt a. M.: Dt. Klassiker Verl. 1997. (Bibliothek deutscher Klassiker. 122)


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