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| Datum | 5. 10. 1803 |
| Adressat | Ulrike von Kleist |
| Ort | Genf |
Und so soll ich denn niemals zu Euch, meine teuersten Menschen, zurückkehren? O niemals! Rede mir nicht zu. Wenn Du es tust, so kennst Du das gefährliche Ding nicht, das man Ehrgeiz nennt. Ich kann jetzt darüber lachen, wenn ich mir einen Prätendenten mit Ansprüchen unter einem Haufen von Menschen denke, die sein Geburtsrecht zur Krone nicht anerkennen; aber die Folgen für ein empfindliches Gemüt, sie sind, ich schwöre es Dir, nicht zu berechnen. Mich entsetzt die Vorstellung.
Ist es aber nicht unwürdig, wenn sich das Schicksal herabläßt, ein so hülfloses Ding, wie der Mensch ist, bei der Nase herum zu führen? Und sollte man es nicht fast so nennen, wenn es uns gleichsam Kuxe auf Goldminen gibt, die, wenn wir nachgraben, überall kein echtes Metall enthalten? Die Hölle gab mir meine halben Talente, der Himmel schenkt dem Menschen ein ganzes, oder gar keins.
Ich kann Dir nicht sagen, wie groß mein Schmerz ist. Ich würde vom Herzen gern hingehen, wo ewig kein Mensch hinkommt. Es hat sich eine gewisse ungerechte Erbitterung meiner gegen sie bemeistert, ich komme mir fast vor wie Minette, wenn sie in einem Streite recht hat, und sich nicht aussprechen kann.
Ich bin jetzt auf dem Wege nach Paris sehr entschlossen, ohne große Wahl zuzugreifen, wo sich etwas finden wird. Geßner hat mich nicht bezahlt, meine unselige Stimmung hat mir viel Geld gekostet, und wenn Du mich noch einmal unterstützen willst, so kann es mir nur helfen, wenn es bald geschieht. Kann sein, auch, wenn es gar nicht geschieht.
Lebe wohl, grüße alles - ich kann nicht mehr.
Genf, den 5. Oktober 1803
Heinrich.
N. S. Schicke mir doch Wielands Brief. Du mußt poste restante nach Paris schreiben.
1 Kleist, Heinrich von: Sämtliche Werke und Briefe. Hrsg. von Helmut Sembdner. Zweibändige Ausg. in 1 Bd. Vollst. Ausg. München: Dt. Taschenbuch Verl. 2001. 967,1119 S. (dtv. 12919) [Band- u. seitenident. mit: 9., verm. u. revid. Aufl. München: Hanser 1993]. - 2 Kleist, Heinrich von: Sämtliche Werke. Brandenburger Ausgabe. Hrsg. von Roland Reuß und Peter Staengle. Bd. IV/1: Briefe 1. März 1793-April 1801. Hrsg. von Peter Staengle in Zsarb. mit Roland Reuß. Basel [u. a.]: Stroemfeld 1996. - Bd. IV/2: Briefe 2. Mai 1793-August 1807. Hrsg. von Peter Staengle in Zsarb. mit Roland Reuß. Basel [u. a.]: Stroemfeld 1999. - 3 Kleist, Heinrich von: Sämtliche Werke und Briefe in vier Bänden. Hrsg. von Ilse-Marie Barth u. a. Bd. 4: Briefe von und an Heinrich von Kleist 1793-1811. Hrsg. von Klaus Müller-Salget u. Stefan Ormanns. Frankfurt a. M.: Dt. Klassiker Verl. 1997. (Bibliothek deutscher Klassiker. 122)
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