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| Datum | 19. 2. 1802 |
| Adressat | Ulrike von Kleist |
| Ort | Thun |
Meine liebe Freundin meine einzige - Ich bin fast gewiß, daß Du mir meine Bitte um den Vorschuß zum Ankauf nicht abgeschlagen hast, so groß das Opfer bei Deiner Kenntnis meines Charakters auch war. - Wenn Du es noch nicht abgeschickt hast, so schicke es nicht ab. Wundere Dich nicht, diesmal ist das Schicksal wankelmütig, nicht ich. Es hatte allen Anschein, daß die Schweiz sowie Zisalpinien, französisch werden wird, und mich ekelt vor dem bloßen Gedanken. - So leicht indessen wird es dem Allerwelts-Konsul mit der Schweiz nicht gelingen. Zwar tut er sein Mögliches, dieses arme Land durch innere Unruhen immer schwach zu erhalten, und jetzt in diesem Augenblicke noch ist Zürich im Aufstande; indessen gewiß, wenn er sich deutlich erklärt, vereinigt sich alles gegen den allgemeinen Wolf. - Jetzt also, wie Du siehst, und wie alle Männer meiner Bekanntschaft mir raten, ist es höchst gewagt, sich in der Schweiz anzukaufen, obschon die Güter sehr wohlfeil sind. Besonders möchte ich Dein Eigentum nicht so aufs Spiel setzen - kurz, vorderhand tu ich es nicht. - Ich weiß, in welche unangenehme Lage Dich diese neue Zumutung setzen kann, doch trage ich jeden Schaden, der Dir dadurch zufließen könnte. - Sollte uns der Himmel einmal wieder zusammen führen, auf Händen will ich Dich Mädchen, tragen, im physischen und moralischen Sinne - Ich bin jetzt bei weitem heitrer, und kann zuweilen wie ein Dritter über mich urteilen. Hab ich jemals Gewissensbisse gefühlt, so ist es bei der Erinnerung an mein Betragen gegen Dich auf unsrer Reise. Ich werde nicht aufhören Dich um Verzeihung zu bitten, und wenn Du in der Sterbestunde bei mir bist, so will ich es noch tun. - Ich gebe indessen den Plan nicht auf, und werde das nächste Jahr in der Schweiz bleiben. Ich wohne in diesem Örtchen, so wohlfeil, als Du es nur erdenken könntest. - Wenn ich Dir nur Deine Sorge für mich nehmen könnte, so hätte ich manchen frohen Augenblick mehr. In Hinsicht des Geldes, kann ich Dir versichern, ist in der Zukunft für mich, zur Notdurft gesorgt. Du kannst es erraten, ich mag darüber nichts sagen. - Nur vorderhand brauche ich noch von meinem eigenen Gelde. Darum will ich doch, daß Du mir nun, oder vielmehr Pannwitz, alles schickest, was an barem Gelde noch mein ist. Mit dem Hause mag es vorderhand dahin gestellt bleiben. Das mußt Du mir aber gleich schicken, und wäre nichts da, so bitte ich Dich um 50 Louisdor, wofür Du meinen Anteil an Interessen des Hauses nehmen könntest, nach Maßgabe.
Lebe wohl, und grüße die Unsrigen von Herzen. Schreib mir doch recht viel von neuen Verhältnissen im Hause durch Gustels Heirat.
- Den Brief adressiere künftig immer nach Thun.
Heinrich Kleist.
1 Kleist, Heinrich von: Sämtliche Werke und Briefe. Hrsg. von Helmut Sembdner. Zweibändige Ausg. in 1 Bd. Vollst. Ausg. München: Dt. Taschenbuch Verl. 2001. 967,1119 S. (dtv. 12919) [Band- u. seitenident. mit: 9., verm. u. revid. Aufl. München: Hanser 1993]. - 2 Kleist, Heinrich von: Sämtliche Werke. Brandenburger Ausgabe. Hrsg. von Roland Reuß und Peter Staengle. Bd. IV/1: Briefe 1. März 1793-April 1801. Hrsg. von Peter Staengle in Zsarb. mit Roland Reuß. Basel [u. a.]: Stroemfeld 1996. - Bd. IV/2: Briefe 2. Mai 1793-August 1807. Hrsg. von Peter Staengle in Zsarb. mit Roland Reuß. Basel [u. a.]: Stroemfeld 1999. - 3 Kleist, Heinrich von: Sämtliche Werke und Briefe in vier Bänden. Hrsg. von Ilse-Marie Barth u. a. Bd. 4: Briefe von und an Heinrich von Kleist 1793-1811. Hrsg. von Klaus Müller-Salget u. Stefan Ormanns. Frankfurt a. M.: Dt. Klassiker Verl. 1997. (Bibliothek deutscher Klassiker. 122)
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